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Wirtschaft und Verkehr XVI

Im Deutschen Kolonial-Lexikon erfahren wir über Bukoba:

Bukoba, Ort und Residentur in Deutsch-Ostafrika an der Westküste des Victoriasees. 1. Der Ort Bukoba war früher Militärstation, jetzt Sitz der gleichnamigen Resi-dentur, Haltestelle der den See befahrenden Dampfer, mit kleinem Bootshafen. Die Dampfer liegen auf der durch ein paar kleine, östlich vorgelagerte Inseln nur schlecht geschützten Reede. Das ist deshalb bedauer-lich, weil Bukoba die Pforte für das dicht bevölkerte, freilich vorläufig noch für den Handel verschlossene Zwischenseengebiet ist (Zwischenseengebiet wird der Nordwesten von Deutsch-Ostafrika, das Gebiet zwischen Victoriasee, Kiwusee und Tanganjikasee genannt). Das Fort des Residenten liegt hübsch auf kleiner Anhöhe, weitläufig zerstreut sind die Niederlassungen einiger europäischen und indischen Firmen sowie die von Bananen umgebenen Hütten der Eingeborenen. Die Regenmenge beträgt 2009 mm im 12jährigen Mittel. Bukoba ist Standort der 7. Kompagnie der Schutztruppe, hat Post, Funkentelegraphenverbindung mit Muansa. Der Handel, der sich seit Eröffnung der Ugandabahn im Jahre 1903 entwickelt hat, ist recht bedeutend; Bukoba hat 1912 hierin erstmals Muansa übertroffen, dem durch die Zentralbahn ein Teil des Hinterlandes abgezogen worden ist. Die Werte betrugen in Mill. M 1912: Einfuhr 2,596, Ausfuhr 2,828, insgesamt 5,424 Millionen Mark. Unter anderem wurden eingeführt Textilwaren und Bekleidungsgegenstände im Werte von 1,849, Metallwa-ren im Werte von 0,287, ausgeführt Kaffee, der meist in Eingeborenenkulturen gewonnen wurde (1912: 382.330 Bäume im Bezirk Bukoba), 672½ t im Werte von 0,749, tierische Rohstoffe (meist Häute, auch Wachs) im Werte von 1,882 Mill. M. 1912 war der Gesamthandel auf 5,42 Mill. M gestiegen, wovon auf die Einfuhr 2,59 Mill., auf die Ausfuhr 2,82 Mill. entfielen. In Bukoba sind etwa 30 Handelsfirmen vertreten, darunter 8 europäische, 15 indische.

2. Die Residentur Bukoba umfaßt mit ihrer Fläche von rund 32.200 qkm die großen Landschaften Karagwe, Ussuwi, die Nordwesthälfte von Usindscha sowie eine Reihe kleinerer, von Häuptlingen (Sultanen), meist vom Stamme der Wahuma, unter Aufsicht des Residenten regierter Landschaften, die unter dem Namen Kisiba oder Uheia zusammengefaßt werden. Am Kagera liegt der Posten Kifumbiro, in Ussuwi ein zweiter. Die Zahl der Eingeborenen im Bezirk wird Anfang 1913 auf 270.500 geschätzt, die der nichteinheimischen Farbigen betrug 229, die der Europäer 109. In Bukoba gab es 1913: 6 Missionsstationen (Weiße Väter), etwa 50 Handels-firmen, 7 Farmer, die sich fast nur mit Kaffeebau (1912: 179 ha unter Kultur) beschäftigen. 1908 waren 38 qkm Landes an Europäer verpachtet oder verkauft; 1909/12 wurden vom Gouvernement 4 qkm verkauft, 13 ver-pachtet. Die Europäer besaßen 1913: 4151 Rinder, die Eingeborenen 66.590 Rinder, 55.700 Stück Kleinvieh.

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Ereignisse in Deutschland

Die Kolonial-Literatur blüht auch in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in einer Fülle von Sachbüchern, aber auch als Romanschriften teilweise in hohen Auflagen wie die Bücher von Hans Grimm. Trotz der Beendigung der amtlichen Kolonialpropaganda durch das Kolonial-politische Amt und seiner Tätigkeit überhaupt wegen der Kriegslage im März 1943 läuft die Veröffentlichung von Kolonialbüchern weiter. So erscheint 1944 das Buch Maschine Achtung! Leinen los! – Zehn Jahre Führer des Reichspostdampfers „Manila“ von Kapitän Hans Minssen und 1945 erscheint vom weitgereisten Walter von Rummel der Kolonialroman Der Jäger von Tinian, der in der deutschen Südsee spielt. Gedruckt ist Der Jäger von Tinian in Teschen, das bis 1919 zu Österreich gehörte und seit September 1939 zum Großdeutschen Reich.

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Post und Zeitungen

Die Post ist eine äußerst bedeutende Einrichtung für die Deutschen in Südwestafrika. Es findet ein gewaltiger Postverkehr für die weiße Bevölkerung der Kolonie statt. 1913 werden sechs Millionen Briefsendungen von der Post befördert, 156.000 Pakete und 380.000 Tele-gramme. Im Schnitt empfängt jeder Weiße im Jahr 400 Briefe, über 100 Zeitungen, 20 Telegramme und 10 Pakete. Der Deutsche Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1914 veröffentlicht folgende Zahlen über Deutsch Südwestafrika:

Post- und Telegraphie: Ende 1913: 110 Anstalten, darun-ter 88 mit Telegraphenbetrieb und 29 mit Ortsfern-sprecheinrichtungen; 2480 km Landtelegraphenlinien und 6662 km Telegraphenleitungen. Verkehr 1912: 5.472.600 Briefsendungen, 248.516 Postanweisungen mit 35.093.948 Mark, 143.381 Pakete, 1.684.000 Zeitungs-nummern, 393.835 Telegramme, 2.419.940 Gespräche. Postverbindungen: fünfmal monatlich. Beförderungs-dauer [Deutschland-Südwestafrika] 20-26 Tage. Tele-grammgebühr für das Wort 2,75 Mark. Außerdem 3 Funkentelegraphenstationen in Swakopmund, Wind-huk und Lüderitzbucht.

Das Deutsche Kolonial-Lexikon: So vergingen fast 1½ Jahrzehnte, bis als erste deutsche Schutzgebietszeitung der Windhuker-Anzeiger in Deutsch-Südwestafrika er-schien (1898 von Rechtsanwalt Wasserfall gegründet). Um sie als Organ der ganzen Kolonie zu kennzeichnen, erhielt sie 1901, nachdem ihr Sitz nach Swakopmund verlegt war, den Titel Deutsch-Südwestafrikanische Zeitung, den sie noch heute führt, jedoch seit 1. Oktober 1912 mit dem Zusatz vereinigt mit Swakopmunder Zeitung. Andere politische Zeitungen sind ihr später zur Seite getreten: 1903 die Nachrichten des Bezirksvereins Windhuk, deren Name 1904 in Windhuker Nachrichten und 1911 in Der Südwestbote geändert wurde; 1909 die Lüderitzbuchter Zeitung zur Wahrnehmung der Inte-ressen der Diamantengesellschaften und Schürfer; Ende 1910 der Südwest und seit Januar 1912 die Swakop-munder Zeitung. Letztere hat sich am 1. Oktober 1912 mit der Deutsch-Südwestafrikanischen Zeitung verschmol-zen. Ferner erscheint seit April 1913 auch in Keetmans-hoop noch ein gedrucktes Blatt, die Keetmanshooper Zeitung; sie wurde bisher etwa zwei Jahre lang in Schreibmaschinenschrift hektographisch vervielfältigt. Von diesen Zeitungen erscheinen 2 in Windhuk, 1 in Swakopmund, 1 in Lüderitzbucht und 1 in Keetmans-hoop, davon werden 1 dreimal, 2 zweimal und 2 einmal wöchentlich herausgegeben. Ein Amtsblatt für das Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika erscheint erst seit 1910, vorher benutzte das Gouvernement im wesent-lichen die Deutsch-Südwestafrikanische Zeitung als Publikationsorgan.

Das Kolonial-Lexikon schreibt auch: Amtsblatt für das Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika, wird seit 1910 vom Kaiserlichen Gouvernement in Windhuk heraus-gegeben. Ausgabe in der Regel am 1. und 15. jeden Monats. Druck und Expedition: Windhuker Druckerei-Ges.m.b.H. (vom 1. April 1912 ab). Christliches Familien-blatt, Monatsschrift für das katholische Volk, wird seit Januar 1913 von der Katholischen Mission in Windhuk herausgegeben. – Der Farmer, Mitteilungen über Farm-, Garten-, Forstwirtschaft und Bergbau. Erschien von 1908-10 in Windhuk als Gratisbeilage der Wind-huker Nachrichten in zwanglosen Nummern durch-schnittlich einmal im Monat. Seit Anfang 1911 mit dem Hauptblatt des Südwestboten vereinigt. – Der Südwest-bote, bis Ende 1910 Windhuker Nachrichten, gegründet 1904, erscheint dreimal wöchentlich in Windhuk im Verlage der Windhuker Nachrichten, G.m.b.H., mit einer Unterhaltungsbeilage. Organ des Farmerbundes. – Deutsch-Südwestafrikanische Zeitung vereinigt mit Swakopmunder Zeitung, früher Windhuker Anzeiger, gegründet 1898 durch Rechtsanwalt Wasserfall, älteste Zeitung Deutsch-Südwestafrikas und der deutschen Schutzgebiete überhaupt. Erscheint zweimal wöchent-lich in Swakopmund im Zeitungs-Verlag, Ges.m.b.H. – Evangelisches Gemeindeblatt für Deutsch-Südwest-afrika, wird seit 1911 in Swakopmund von der Konferenz der evangelischen Pfarrer Deutsch-Südwestafrikas herausgegeben, erscheint monatlich bei der Swakop-munder Buchhandlung Ges.m.b.H., Swakopmund. – Keetmanshoper Zeitung, erschien zwei Jahre lang in hektographierter Schreibmaschinenschrift, wird seit dem 24. April 1913 wöchentlich einmal im Verlage der Swakopmunder Buchhandlung G.m.b.H., Zweignieder-lassung Keetmanshoop herausgegeben. – Lüderitz-buchter Zeitung, erscheint seit 1909 jeden Freitag in Lüderitzbucht im Verlage der Lüderitzbuchter Zeitung, G.m.b.H. – Südwest, gegründet 1910, erscheint zweimal wöchentlich in Windhuk bei der Swakopmunder Buch-handlung, G.m.b.H., Zweigniederlassung Windhuk, als unabhängige Zeitung für die Interessen des gesamten Schutzgebietes. – Swakopmunder Zeitung, erschien seit Januar 1912 zweimal wöchentlich in Swakopmund im Verlage der Druckereigesellschaft Peter & Stolze als parteilose Nachrichten aus und für Deutsch-Südwest-afrika, ist seit 1. Oktober 1912 mit der Deutsch-Südwest-afrikanischen Zeitung vereinigt. – In Eingeborenen-sprachen: ǁ Gau-Sari Aob (Der Säemann) [Das Zeichen ǁ ist der hottentottische Schnalzlaut]. Herausgeber: Missionar Olopp, Karibib, (Rheinische Missionsgesell-schaft Barmen), erscheint seit 1909 wöchentlich in Tsumeb in Namasprache. – Omahungi (Erzählungen, Berichte). Herausgeber: Missionar F. Lang, Tsumeb (Rheinische Missionsgesellschaft Barmen), erscheint seit 1908 wöchentlich in Hererosprache.

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Polizeitruppe

Haben die anderen deutschen Afrikakolonien militä-rische Schutztruppen, hat das kleine Togo nur eine Polizeitruppe, die aber auch die Aufgabe einer Schutz-truppe erfüllt. Der Truppe steht ein deutscher Offizier mit einem Stellvertreter und deutschen Unteroffizieren als Polizeimeister vor. Die Mannschaften der Polizei-truppe werden als Söldner per Handschlag auf fünf Jahre verpflichtet. Besondere Funktionäre wie Hornis-ten und Handwerker dienen ein Jahr länger. Viele ver-längern ihre Dienstzeit und so gibt es auch nicht wenige Polizeisoldaten in Togo mit zehn-, fünfzehn- oder zwan-zigjähriger Dienstzeit.

Die Truppe ist zug- oder kompanieweise auf die Bezirke und Stationen verteilt. In der Hauptstadt Lome liegt der Stammverband der togolesischen Truppe in Kompanie-stärke garnisoniert. Die Truppe exerziert nach dem Dienstreglement der preußischen Armee. Die Uniform besteht im zivilen Einsatz aus einem braunem Khaki-anzug mit versilberten Knöpfen. Eine breite rote Tuch-schärpe verleiht dem Soldaten ein malerisch-schnittiges Aussehen, welches durch einen mit dem silbernen Reichsadler verzierten Tarbusch (türkischer Filzhut) eine gefällige Erhöhung erfährt. Für den Einsatz im Feld besteht die Ausrüstung des Mannes aus Leibriemen mit Brotbeutel und Feldflasche, Buschmesser, Spaten, Hak-ke oder Beilpicke. Der Tornisterbeutel, hergestellt aus braunem, ledergesäumtem Segeltuch, trägt Decke, Zelt-bahn mit Zeltschnur und Heringen. Im Busch legt der Soldat Beinwickel und Ledersandalen an, wodurch ein erhöhter Beinschutz und daraus folgernd eine bessere Marschfähigkeit der Truppe erreicht wird. Als Waffe trägt der Soldat ein Gewehr von Mauser Modell 71/84 mit Hirschfänger, also Seitengewehr.

Den letzten Einsatz der Truppe zur Sicherung der deut-schen Herrschaft führt sie im April 1900 in einem drei-tägigen Gefecht gegen den Stamm der Dagomba im Raum Jendi im Norden Togos. Das letzte Gefecht davor hatte die Truppe im Dezember 1896 ebenfalls gegen die Dagomba. Seit dem 10. April 1900 herrscht endgültig Landfrieden in Togo.

Die Verwaltung der Polizeitruppe sitzt in Lome, wo auch die Stammkompanie liegt, Die Stammkompanie in Lome steht dem Gouverneur unmittelbar zur Verfügung. Die Stammkompanie ist auch für Grundausbildung aller Rekruten der Truppe zuständig. Die Stärke der Truppe liegt bei einem Dutzend Deutschen und 550 einhei-mischen Unteroffizieren und Polizeisoldaten. Von den neun Stationsorten im Land wird 1914 bereits die erste nicht mehr von einem deutschen Unteroffizier, sondern von einem einheimischen Unteroffizier geführt, es ist die Station Atakpame im Süden Togos.

Nach Fertigstellung der Großfunkstation Kamina 1914 wird von Gouvernement in Togo bei der Reichsregie-rung in Berlin die Schaffung besonderer Verteidigungs-anlagen beziehungsweise die Aufstellung einer beson-deren Schutztruppe für die Funkstation beantragt. Im Kriegsfall dient Kamina zur Warnung der deutschen Schiffahrt im Atlantik und zur Verbindung mit den anderen deutschen Kolonien in Afrika und ist also Reichsangelegenheit und ein militärischer Schutz der Anlage müßte also auch vom Reich getragen werden, aber Berlin lehnt die Finanzierung einer Verteidigung der Funkanlage ab.

Der Staatssekretär des Reichskolonialamtes, Dr. Wil-helm Solf, besucht im Oktober 1913 Togo und im Juni 1914 der Unterstaatssekretär des Reichskolonialamtes, Dr. Peter Conze, wobei vor den beiden höchsten Beam-ten des Kolonialministeriums jeweils die Polizeitruppe in Lome paradiert.

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Landverkehr I

Das Verkehrsmittel im Land für Personen und Frachten ist der Ochsenwagen. Er ist mit 10 bis 20 Ochsen be-spannt und legt täglich mit Lasten von 30 bis 50 Zent-nern 18 bis 35 km zurück. Der Bericht eines Soldaten über eine Militärkolonne – deren Ochsenwagen sich nicht von denen einer Handelsfahrt unterscheiden – im Jahre 1904 durchs Land von Windhuk aus:

»Schwerfällig, von den langen Ochsenreihen gezogen, rumpelten die großen Wagen dahin. Bald mahlten die hohen, schweren Räder im tiefen Sand; bald kletterte ein Rad über einen in der Spur liegenden Stein; in allen Teilen krachend und knirschend fiel der Wagen wieder in seine Lage. Schwarze Treiber liefen nebenher, schrien jeden Ochsen mit Namen an und klatschten mit der ungeheuren Peitsche, die sie mit beiden Händen ange-faßt hatten. Hinter jedem Wagen, der mit seinem Ge-spann wohl fünfzig Meter lang war, marschierte eine Sektion [Soldaten] in Staub und Sand, möglichst eben außerhalb der Wagenspur, das Gewehr über die Schul-ter gehängt, den Patronengurt um den Leib. … Das Ge-lände war meistens mit mannshohem Busch bestanden, der bald lichter, bald dichter war. So zogen wir in unend-lich langem Zug auf einem Weg dahin, der durch nichts als durch alte und neue Wagenspuren bezeichnet wurde. Bald stockte hier ein Wagen, weil das Geschirr der Ochsen in Unordnung gekommen war, bald da, weil ein Rad zu tief in ein Loch gefallen war, bald da, weil ein Ochse schlapp wurde und ausgespannt werden mußte.  

Die Sonne glühte gleich an diesem ersten Tag trocken und heiß. Der Weg war ziemlich hügelig. Dazu voll von großen Unebenheiten. Um elf Uhr, als die Hitze uner-träglich wurde, kamen wir zum Glück an einen schönen schattigen Platz und machten da Rast.«

Ein paar Tage später macht sich die Militärkolonne »mit wenigen und leichten Wagen« wieder auf den Weg. Dabei »zogen unsere dreißig mächtigen Kapwagen mit Proviant und Munition, und die leichten Geschütze, von je zehn bis vierundzwanzig langhörnigen Ochsen gezo-gen, von Schwarzen unter lautem Schreien getrieben. Zu beider Seiten des Weges war dichter oder lichter, grau-grüner Dornbusch mit knochenhartem Holz und finger-lang gebogenen Dornen, mannshoch, zuweilen zwei Mann hoch. In solcher Weise und durch solches Gelän-de sind wir nun Tag für Tag, Woche für Woche gezo-gen.«

Nachdem der Leutnant a. D. Edmund Troost 1904 vom Auswärtigen Amt die »Konzession zum Betrieb eines öffentlichen, gewerbemäßigen Gütertransportunter-nehmens mittels Motorwagen in Deutsch-Südwest-afrika« erhalten hat, bringt er zwei Lastzüge in die Kolonie, die jedoch vollkommen versagen. Der eine in der Namibwüste stecken gebliebene Wagen neben der Eisenbahnlinie wird vom Volkswitz „Tröster in der Wüste“ benannt.

Im Hererokrieg wird von der Schutztruppe die Straße südlich des Swakopflusses von Swakopmund nach Kari-bib und die 256 Kilometer lange Straße Okahandja-Waterberg geschaffen. Eine dritte Straße wird ab 1904 von Windhuk über Rehoboth, Gub, Gibeon nach Keet-manshoop und schließlich noch eine vierte zwischen Lüderitzbucht und Keetmanshoop hergerichtet. 

1906 erprobt man bei der Schutztruppe in Südwest zwei LKW von 3 t Gewicht mit Anhänger, aber die Straßen-fahrzeuge sind im unwegsamen Gelände von Südwest völlig unbrauchbar, da sie ständig steckenbleiben. Für leichtere PKW ist es einfacher mit den Wegeverhält-nissen zurecht zu kommen.

Vom Reichskolonialamt bestellt baut die Daimler-Moto-ren-Gesellschaft 1907 im Werk Marienfelde bei Berlin ein tropenfähiges Allradfahrzeug als Einzelstück. Im Mai 1908 wird das Fahrzeug nach Swakopmund verschifft und steht im Juni dem Staatssekretär des Reichskolo-nialamts, Bernhard Dernburg, bei seinem Besuch in Südwest zur Verfügung. Gleichzeitig dienen die Touren des Kolonialministers im Schutzgebiet der Erprobung des Automobils als Fortbewegungsmittel in der Kolonie. Zu diesem Zweck begleiten zeitweise weitere heckange-triebene Fahrzeuge von Benz und Daimler das Allrad-fahrzeug und zwar ein siebensitziger, weitgehend gepan-zerter Personenwagen von Benz und drei Lastwagen von Daimler. In einem Reisebericht heißt es über eine Etap-pe der Dernburg-Fahrt:

„Die 600 Kilometer lange Strecke von Keetmanshoop über Berseba nach Gibeon und dann von Maltahöhe, Rehoboth nach Windhuk wurde in vier Reisetagen ohne Unfall zurückgelegt. Das ist eine enorme Zeitersparnis, denn für die gleiche Strecke braucht ein geübter Reiter zu Pferde zwölf Tage.“

Dabei kann der Minister auch auf ein mobiles Kommu-nikationsmittel zurückgreifen. Das Fahrzeug, führt ei-nen Feldfernsprecher mit, der überall unterwegs an die Telegraphenleitung angeschlossen werden kann. Nach dieser Reise steht das Fahrzeug der Landespolizei in Deutsch Südwestafrika als ständiges Fortbewegungs-mittel zur Verfügung.

Zwei der Schutztruppe zur Verfügung stehende Perso-nenwagen mit 35-PS-Motoren haben bis 1912 insgesamt 60.000 km zurückgelegt. Allerdings müssen die Luftrei-fen vorn etwa alle 3500 km, hinten alle 1.600 km ge-wechselt werden. Die insgesamt guten Erfahrungen füh-ren dazu, daß der Gouverneur von Deutsch Südwest-afrika einen Vier-Zylinder-Mercedes-Wagen der Daim-ler-Motorengesellschaft geliefert bekommt.

Anfang 1914 sind in Südwest nur fünf motorgetriebene Straßenfahrzeuge vorhanden.

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Leben und Ereignisse V



Werner von Rentzell, Bezirksamtmann von Kete-Kra-tchi, erzählt in diesem gekürzten Text von einer Kara-wane, die in einen tropischen Sturzregen kommt:

»In heiterster Stimmung waren wir bei Sonnenaufgang von Dadiasse aufgebrochen. Singend und scherzend zog die Karawane durch die sinnberückende Schönheit der saftigen Waldlandschaft dahin, welche in sanftem Ab-stieg bis an den Fluß des jäh sich auftürmenden Gebirgsmassivs von Adele heranführte.

Die scharfumrissene, violett leuchtende Wand des Ge-birges rückte rasch näher. Nach kaum zweistündigem Marsch lagerten wir am Fuße der dichtbewaldeten, schroffen Hänge. Es galt, alle Kräfte für den bevor-stehenden, ungemein beschwerlichen Aufstieg zu sam-meln!

Blieb das Glück uns hold, konnten wir in weiteren drei Stunden die Kammhöhe erreicht haben. Der Abstieg in die jenseitige Adelelandschaft blieb dann ein Kinder-spiel. Ich hatte mir fest vorgenommen, noch um Mittag unser Reiseziel, die verlassene ehemalige Regierungs-station Bismarckburg zu erreichen.

Wir standen in den Anfängen der Regenzeit, und die Erfahrung der letzten Tage hatte uns gelehrt, daß in der Regel zwei Stunden vor Sonnenuntergang schwere Regenschauer niederzugehen pflegten. Ihnen trachtete ich zuvorzukommen.

Aus diesem Grunde hatten wir unseren Aufenthalt nicht über Gebühr ausgedehnt und den Aufstieg begonnen. Um Zeit zu gewinnen, vermieden wir den üblichen Händlerweg und wählten einen ungleich kürzeren, wenn auch soviel steileren Pfad. Eine Stunde mühse-ligen Kletterns mochte verstrichen sein, als das Unheil uns ereilte. Ein merkwürdig kühler Wind strich stoß-weise zu Tal. Der Berg hüllte sich in eine dunkle Wolke, und dann trommelte es unaufhörlich auf das Blätter-dach, als schütteten unsichtbare Hände scheffel-weise Erbsen auf eine Tenne.

Der Wald kochte. Die ganze Atmosphäre glich im Hand-umdrehen einer über und über mit heißen Dampf gesättigten Badestube. In Strömen brach der Schweiß aus den Poren, reißende Gißbäche spülten über die Felsplatten und rissen uns die Füße unter dem Körper fort.

Kurzum, die ganze Misere eines Marsches in der Regen-zeit, nur unter erheblich erschwerten Umständen, war wie ein rächendes Verhängnis unvorbereitet über uns hereingebrochen.

Liebevoll, als genösse ich die Wonnen eines Sturzbades, schmiegte sich meine Kleidung um den Körper. Bei jedem Schritt jankte ein Strom von Wasser aus den Schäften meiner Schnürstiefel, während die Last mei-nes wie ein Schwamm vollgesogenen Korkhelmes, sich wuchtig in die Stirn schob, mich so die Qualen der armen Teufel von Trägern ahnen lasssend. Doch, das alles war das Schlimmste nicht.

Unser Marsch geriet ins Stocken! Träger stolperten, Lasten glitten von den nackten Schultern der Leute, sprangen hüpfend von Fels zu Fels, bis sie in Atome zerschellt dort liegen blieben, wo unser mühseliger Aufstieg seinen Anfang genommen. Weiber schimpf-ten, Kinder plärrten, mitgeführtes Kleinvieh war nicht mehr von der Stelle zu bringen. Selbst die allezeit unverdrossenen Soldaten schienen von dem schlimms-ten Widersacher des europäischen Reisenden, dem gefährlichen Fatalismus, gepackt worden zu sein.

Wenn wir an diesem Tage nicht elend steckengeblieben sind, so verdanken wir das lediglich der eisernen Willenskraft des grimmen Riesen Tschafalu, der die Begleitmannschaft der Expedition führte. Sein uner-müdliches „konni-tjè, konni-tjè abbalá“ (vorwärts, Leute) hat in meinen Ohren noch lange nachgeklungen. Der Unteroffizier Tschafalu, von den Soldaten wie kein zweiter gefürchtet, stand bei den Buschleuten in dem Ruf, von bösen Dämonen besessen zu sein.

So mischen sich denn in das Ächzen und Aufbrüllen der Träger, in die Flüche der Soldaten, das Poltern der Las-ten, das Brausen der Flut, in das Schreien und Zetern des Trosses die teuflischen Verwünschungen Tschafalus. Fürwahr, eine fürchterliche Plackerei. So gut es gehen mochte, stolperte ich der Karawane voraus.

Mit der Zeit gewannen Lombo und ich so viel Vorsprung, daß wir nichts mehr von dem, was sich hinter unserem Rücken abspielte, hörten und sahen.  

Indessen der Kelch sollte noch lange nicht bis zur Neige geleert sein. Je steiler der Pfad sich uns entgegen-stemmte, um so zäher wucherte das Gestrüpp. Zu allem Schrecklichen wurden wir schließlich gezwungen, uns mit dem Buschmesser in der Hand buchstäblich jeden Schritt zu erkämpfen. Der entweihte Wald übte grau-same Vergeltung an den vermessenen Eindringlingen.

In diesen Stunden verwünschte ich mit bitteren Flüchen die so oft wie ein hehres Wunder erschaute Gegen-sätzlichkeit der afrikanischen Natur. Diese unergründ-liche Sprunghaftigkeit und in ihrer maßlosen Leiden-schaft sich selbst tötenden Mächte, die nur ein Gesetz anerkennen, — Gesetzlosigkeit!

Unsere Kräfte drohten bereits zu erlahmen, als der Pfad unvermutet in eine klammartige Felsspalte hinabklet-terte. Wir stießen auf einige verlassene Hütten, welche wie die Wespennester unter einem dachartig vorsprin-genden Basaltgeschiebe klebten. In diesem Augenblick verblaßte in der Erinnerung daß luxuriöseste Gebirgs-hotel zu einem nichtssagenden Schemen vor diesen halbverfallenen, armseligen Hütten. Ich schickte den Jäger [Lombo] der Karawane entgegen, um ihr unser soeben entdecktes Paradies als nahen Retter in der Not ankünden zu lassen. Währenddessen prüfte ich die Hütten auf ihre Brauchbarkeit als Feuerstätten. Es ging. Wenn sich auch das Stroh ihrer Bedachung derartig mit Feuchtigkeit und Rieselwasser vollgesogen hatte, daß es wie ein verbrauchter Filter wirkte, so bildete es doch ein Dach über dem Kopfe, dem mindestens die Brauchbar-keit eines durchlöcherten Regenschirms zuerkannt werden konnte. Hier beschloß ich, den Leuten eine ausgiebige Rast zu gönnen, um später nur mit den leichteren Lasten den Weitermarsch fortzusetzen. Die schweren gedachte ich, bis es sich abgeregnet haben würde, zurückzulassen. Ich hatte nicht allzulange zu warten. Der gesamte Troß der Expedition, der sich sonst als langgezogener Darm an ihrem Ende am wohlsten zu fühlen pflegte, hatte, wie stets, wenn es Sensationen geben sollte, die Führung ergriffen.

Merkwürdig, wie doch ein unerwartet freundliches Bild einen plötzlichen Stimmungsumschwung herbeizufüh-ren vermag! Der Anblick der herannahenden Spitze meiner Expedition versetzte mich in einen Taumel glücklichsten Rausches.

Man wird es begreiflich finden, wenn ich von einem freundlichen Bilde gesprochen, denn da nahten sie, die wohltätigen Geister einer jeden innerafrikanischen Reisegesellschaft.

Sie, ohne die das Wandern ein Fest ohne Klang wäre. Sie, die gazellenschlanken, sanftäugigen, aber auch die rundlichen, trippelnden Weiblein mit den raschen Augen und noch flinkeren Zünglein. Mit oder ohne pausbäckige, auf den Hüften geschaukelte lebendige Beifracht. Doch, alle heiter und guter Dinge, mitfühlend und mitteilungsbedürftig, leichtgeschürzt, mit turm-hohen Lasten auf den Häuptern. Ich liebte diese duldenden, sorgenden Soldaten- und Trägerfrauen. Ich hätte sie dekoriert, diese tapferen Weiber, ohne die westafrikanische Truppen ein Schwert ohne Knauf wären, würde es in meiner Macht gelegen haben, Auszeichnungen zu vergeben.

Und hinter ihnen keuchte und stolperte es heran in einer endlosen Kette aus gebeugten und dampfenden Menschenleibern.

Mit meinen Lasten, Akoete, der Koch. Der Waschmann mit ehemals glänzendem Stehkragen, jetzt zu einem elenden, verbandähnlichen Wurm zusammengedreht. Der erste Diener, Kolà [Ein Kind, dessen Eltern an Gelb-fieber gestorben, Rentzell als Kochgehilfe oder Boy übergeben wurde und nun mit seine Späßen zur allge-meinen Unterhaltung aller zum Gefolge des Bezirks-leiters gehört.], fürchterliche Drohungen auf das Haupt des Trägers meiner Bettlast herabbeschwörend. Fol-gend, der zweite Diener, die Kochjungen, eins bis drei, und endlich der Wassermann. Sie sind da meine Lieben, die Nägel zu meinem Sarge.

Wie die Toten fallen die braven Träger zu Boden. Hut ab vor den Getreuen der Straßen, den Vielgequälten, den eigentlichen „Trägern“ europäischer Zivilisation. Denn wie anders wollte man sie dann in die fernen Tiefen des Landes tragen?

Ich lasse sofort Schnaps an Mannschaft und Träger ausgeben. Die Rast ist schwer und tief.

Nach einer Stunde brechen wir von neuem auf. Die großen Stücke bleiben unter Bedeckung zurück, wäh-rend die leichten Lasten mit den kräftigsten Leuten weitergehen. Die Stimmung kommt wieder auf. So geht es ohne Stockungen, ohne Mißhelligkeiten. Die Bur-schen singen sogar. Vorauseilend nehmen Lombo und ich die Spitze. Wäre der Regen nicht gekommen, so sollten wir um diese Stunde von Rechts wegen unsern Einzug auf Bismarckburg halten. Wir stapfen und klet-tern unentwegt weiter. Das Dickicht legt sich allmählich, und es scheint, als würde das hohle Trommeln und Brausen des fallenden Wasserbades weniger heftig.

Am Spätnachmittag hatten wir die Kammhöhe des Ge-birges überschritten und stiegen in flotterem Marsche zu Tal. Allmählich ließ der Regen an Heftigkeit nach, um schließlich bei unserm Eintreffen in Jege, dem Haupt-dorfe und Sitz des Oberhäuptlings der Landschaft Adele, ganz den letzten und feurigen Strahlen der zur Rüste gehenden Sonne zu weichen. Beim Herabsteigen aus den dampfenden Höhen des eben überwundenen Gebirgsmassivs, bot sich uns ein Anblick von über-wältigender Großartigkeit dar. Das Gebirge ebbte in mehreren blauvioletten Kulissen ab.

Aus der schweigsamen Ebene erhob sich wie ein Vor-posten des Gebirges ein nach allen Seiten hin gleich-mäßig abfallender Hügel. Ihn krönten, deutlich erkenn-bar, wuchtige Lehmbauten. Als Wahrzeichen reckte eine einzelne, die Gebäude überragende Ölpalme ihre scharf sich abzeichnenden Wedel in den farbentrun-kenen Abendhimmel. Neben ihr mußte sogar die mun-ter im Winde flatternde Reichsflagge mit dem zweiten Platze vorliebnehmen. Das Ziel unserer Reise, die ehe-malige Hauptstation Bismarckburg, lag da vor uns wie eine köstliche Insel der Verheißung. Mit freudigem Geschrei, mit Gesang und wieder hervorgeholten Trom-meln begrüßten die „Abala“ die Erlösung winkende Inselburg. Sie träumten von den dort oben dampfenden Fleischtöpfen, während ich in tiefster Ergriffenheit den Anblick dieses in gesegnetem Abendfrieden daliegen-den wundervollen Paradieses genoß. Der Troß riß nach vorwärts aus. Mit Hallo und dröhnenden Trommeln, an der Spitze seiner Krieger und Volksgenossen, kam Oberhäuptling Tagba uns zur Begrüßung entgegen. Schüsse krachten, Frauen riefen Heil, Hände drückten sich. — Alle Pein war vergessen! —

Nachdem wir in den Mauern der alten Bismarckburg Einzug gehalten hatten, hob ein gewaltiges Schmausen an. Der Palmwein floß in Strömen. — «


Der Kolonialbeamte Leutnant Werner von Rentzell:

»Drang da eines Tages die eben nicht außergewöhnliche Kunde auf die Station [Kete-Kratschi], daß französische Senegalesen im Grenzgebiet Menschenraub trieben und die unglücklichen Opfer, halbwüchsige Burschen und Mädchen, an Sklavenhändler verkauften. Der Unteroffizier [Tschafalu von Stamm der Losso in Nord-togo] wurde mit ausgesuchter Mannschaft auf die Fährte gesetzt.

Es waren noch keine zehn Tage vergangen, als er zu-rückkehrte. In wildem Triumphe trugen seine Leute lange, lanzenartige Bambusstangen, auf deren Spitzen drei Schädel mit schreckensverzerrten, pergamentenen Senegalfratzen spießten. Einer der geretteten schleppte aus Dankbarkeit eine seltene Last bis zur Station. Sie bestand aus drei Lebelgewehren, drei französischen Tirailleuruniformen, nebst vollständiger Ausrüstung.«


In der britischen Nachbarkolonie Goldküste ist das gelbe Fieber ausgebrochen. Es wird durch die Stego-myamoskiten übertragen. Da nun nicht nur ein äußerst reger Grenzverkehr zwischen den beiden Schutzge-bieten besteht, sondern vielerorts sogar die Feldmarken der Bauern von der gemeinsamen Grenze durchschnit-ten sind, bereitet die wirksame Sperrung der Grenze mit den zur Verfügung stehenden, äußerst geringen Kräften die denkbar größten Schwierigkeiten. Der Grenzverkehr muß ganz bestimmten Quarantänestationen zugeleitet werden und ist nur durch diese erlaubt. Leutnant Werner von Rentzell wird für die Sperrung des betref-fenden Grenzabschnitts vom Gouverneur mit dieser Aufgabe betraut und bekommt dafür eine Kompanie und ein Aufgebot von uniformierten Grenzwächtern unterstellt.

Feldwachen und Posten werden auf dem sehr weitläu-figen Abschnitt verteilt. In der Mitte des Abschnittes hat Rentzell sein Zeltlager aufgeschlagen. Da trotz des Ver-bots, die Grenze zu Überschreiten, zahlreiche Über-tretungen dieses Verbotes verübt wurden, haben die Posten schärfsten Befehl erhalten, rücksichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen. Nun nimmt die Tragik ihren Lauf. Eine Woche passiert nichts besonderes, doch eines Nachts, nachdem Rentzell einen langen Inspektionsmarsch ins Bett gegangen ist, hört er laute Stimmen vor seinem Zelt und dann kommen drei bekannte Gestalten in sein Zelt. Eine Gestalt ist sein kleiner Diener Kolà mit einer Laterne, dann der Sergeant John und der Soldat Natumba. Sergeant John hält dem deutschen Offizier einen Gegenstand ent-gegen, der Rentzell das Blut in den Adern gerinnen läßt. Es ist der abgebrochene Kolben der Büchse, des Gewehrs, des Soldaten Natumba, der mit Blut und verspritztem Gehirn besudelt ist. Aus der Meldung des Sergeanten kann Rentzell entnehmen, daß Natumba einen Eingeborenen niedergeschossen und ihm mit dem Kolben den Schädel zerschmettert hat. Der junge Soldat Natumba gehört zu den Soldaten des Grenz-schutzkommandos und ist erst im dritten Dienstjahr stehend. Auch Natumba ist über und über mit Blut und Gehirnmasse bespritzt. Natumba spricht aufgeregt, aber Rentzell kann das Idiom der Küstenleute nicht ver-stehen. Ein rätselhaftes Wort bildet den Abschluß der in einem epileptischen Anfall endenden Erzählung. In Anfall stammelt Natumba noch: „Wa—Wa—Wa—ff—ff—ff—ff—enn—enn—ge—e—e—brauk!“

Rentzell läßt den Dolmetscher holen und der klärt  auf, daß Natumba sich aus den Unterrichtsstunden über Festnahme und Waffengebrauch das schwer auszu-sprechende Wort Waffengebrauch gemerkt hat, ohne es indessen richtig wiedergeben zu können.

In einem vierstündigem Marsch geht es mit Natumba, Sergeant John und dem Dolmetscher im Mondschein zum Schauplatz der blutigen Tat. Dort hatten laut der Erzählung Natumbas ein gutes Dutzend Eingeborene aus dem englischen Gebiet versucht durch das dichte Buschwerk auf die deutsche Seite zu gelangen. Doch trotz dreimaliger Aufforderung in der Landessprache nicht die Grenze zu passieren sind sie alle übergetreten und ihr Anführer verhöhnte den von Gestalt kleinen deutschen Kolonialsoldaten auch noch. In seiner Wut, und dem Befehl gehorchend, habe er auf den Anführer geschossen und alle anderen flüchteten über die Grenze zurück.

Rentzell: »Heller Mondschein lag über der Landschaft, so daß alle Einzelheiten einwandfrei festgestellt werden konnten. In dem Augenblick, in welchem der Schuß gefallen war, hatte sich der Getötete bereits über fünfzig Schritt diesseits der Grenze befunden. Wir begaben uns an diese Stelle, an welcher die Leiche lag. Es bot uns sich ein grauenhafter Anblick. Von dem Schädel war nur noch eine unkenntliche Masse übrig geblieben, die fast ganz in dem durch Kolbenhiebe gelockerten Erdboden verschwand. Der Einschuß saß im Kreuz. Das Weich-bleigeschoß hatte den Unterleib durchquert und hinaus-tretend eine handtellergroße Öffnung in die Bauch-decke gerissen, aus welcher die Eingeweide hervor-quollen.

Ich muß gestehen, mit Ekel und Grauen wandte ich mich von dem schaurigen Ort ab. Der kleine Soldat Natumba verriet keinerlei Anzeichen von irgendwelcher Bewegung.

Der Anblick des, man kann nur sagen, in bestialischer Weise verstümmelten Leichnams schien auf ihn nicht einmal den Eindruck einer erlegten Antilope auszu-üben. In diesem Augenblick fühlte ich jene Brücke unter meinen Füßen versinken, welche ich bis dahin zwischen verwandten inneren Regungen jener Völker-schaften und uns Europäern als feststehend gewähnt hatte.

In dieser Stunde hätte es mich nicht die geringste Überwindung gekostet, diesen Menschen kaltblütig wie einen reudigen Hund über den Haufen zu schießen.

Doch man höre weiter, bevor man sich wie ich, in jener Stunde verletzter Aufwallung der Menschlichkeit zu vorschnellem Urteil hinreißen lasse.

Instinktiv mochte Natumba ahnen, welche Gefühle mein Inneres in Aufruhr versetzten. Er trat auf mich zu und bat, mir Aufklärung schenken zu dürfen.

Als er den tödlichen Schuß abgegeben, hatte er sich auf sein Opfer gestürzt, um die Wirkung des Geschosses festzustellen.

Die Verwundung war ohne weiteres tödlich, doch der Getroffene lebte noch. Damit sah sich dieses primitive Naturkind einem Konflikt gegenübergestellt, welchen er in der seiner Rasse eigentümlichen ursprünglichen Auffassungsweise durchaus folgerichtig beendete.

Er erinnerte sich des Befehls, niemanden lebendig über die Grenze zu lassen. Das zu seinen Füßen liegende Opfer gab noch Lebenszeichen von sich. Naturvölker besitzen eine wesentlich zähere Lebenskraft, als wir Kinder der Zivilisation. — Mithin galt ihm seine weitere Handlungsweise als vorgeschrieben. Er erhob seinen Kolben und schlug solange auf den Schädel des Unglücklichen ein, bis ersterer zersplitterte und jener zerbarst.

Nebenbei bemerkt, bin ich davon überzeugt, daß der Soldat seinem Opfer einen allerdings unbeabsichtigten Liebesdienst erwiesen hat.

Ob ich mich innerlich auch dagegen sträuben mochte, dem Manne mußte ich recht geben. Ich vermochte seinem Gedankengang zu folgen, zu begreifen. Ich glaube sogar, daß ich als Europäer mich schuldbe-ladener fühlte, als dieser unzivilisierte Soldat, welcher weiter nichts verbrochen hatte, als seinem Dienst-befehle bis in die letzte Folgewirkung hinein nachzu-kommen.

Hand aufs Herz, war nicht auch seine Handlungsweise letzten Endes ein Erzeugnis unserer famosen Zivilisa-tion, die wir diesen Kindern aufgezwungen?

Ich bemühte mich, dem Soldaten Natumba und seinen Kameraden klar zu machen, daß es der Würde eines deutschen Soldaten nicht entspräche, einen Wehrlosen abzuschlachten. Vielmehr müsse man dem am Boden liegenden Feind zu Hilfe kommen.

Doch das Erstaunen, welches aus den Mienen meiner Kerls sprach, als ich ihnen diese Lektion praktischen Christentums erteilte, ließ mich keinen Augenblick da-ran zweifeln, daß sie mich auf Grund dieser Ausführun-gen für verrückt halten mußten.

Setzt die Welt sich nicht aus Widersprüchen zusam-men, ganz besonders dort draußen? — —

Der Form mußte Genüge geschehen. So schwer es mir wurde, ich mußte den kleinen Soldaten Notumba wegen Überschreitung des Waffengebrauchs bestrafen.

Obgleich ich damit selbst den Widerspruch einsichtiger Juristen an der Küste herausforderte, bestand ich aus einem sehr einfachen Grund darauf.

Der Getötete war britischer Untertan.«

Als Ergebnis des Vorfalls kommt es zu einem Schrift-wechsel zwischen den Kolonialverwaltungen der Gold-küste und Togos.

Rentzell: »Nachdem der Notenwechsel abgetan, er-schien der kleine Soldat Natumba, den ich zwecks „Strafverbüßung“ in seinen Standort Lome hatte zu-rückschicken müssen, eines Tages plötzlich vor meinem Zelt und meldete sich zum Grenzdienst zurück. Er trug ein paar rote Winkel am Oberarm. Ich beglückwünschte ihn zu dem hochherzigen Beschluß des Gouverneurs, der ihn mir als Gefreiten zurückgeschickt hatte.

Daß diese Auszeichnung keinen Unwürdigen getroffen hatte, wolle man aus dem Inhalt dieser abschließenden Zeilen entnehmen. Ich beabsichtigte, Natumba unter Aufsicht des Sergeanten John zur Vebüßung seiner Strafe nach Lome zu schicken, da die Dienstanweisung solches verlangte. Daraufhin erklärte mir der kleine Kerl allen Ernstes, daß er sich sofort eine Kugel durch den Kopf jagen würde, bestünde ich darauf, ihn ohne Waffe und unter Aufsicht wie einen Verbrecher in die Hauptstadt zurückkehren zu lassen. Das ertrüge er nicht. Allein aber und mit dem äußeren Zeichen eines ehrenhaften Soldaten wolle er sich bei seinem Kopfe auf dem kürzesten Wege bei seiner Kompagnie zur Straf-verbüßung stellen.

Ich tat es. Natumba erhielt eine neue Büchse und hielt Wort.

Das hat mit der kleine Gefreite Natumba nie vergessen . . . . . .«


Leutnant Werner Rentzell:

»Er lobte mich, daß ich Lombo zum Jäger erkoren, denn, flüsterte er mit geheimnisvoll zu, der habe die beste Medizin.

Und das bedeutete in Innerafrika alles . . .

Im übrigen hatte Akoate vollständig recht, wenn er meinte, Lombo besäße den wirksamsten Zauber. Wie alle Eingeborenen Togos glaubte er an Zauberei und geheime Mächte. Ich kann mich aber nicht entsinnen, jemals einem Menschen begegnet zu sein, der so tief in den Vorstellungen düsteren Aberglaubens gefangen gewesen, wie er. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß sich mit seinem krausen Teufelsspuk ein finsteres, verschlossenes Wesen verband. Im Gegenteil. Er war ein rechter Losso. Voll und ganz Kind jenes außer-ordentlich sympathischen Bauernvolkes.

Mehr denn fünfzehn Jahre trug er den Rock seines Kaisers und gehörte zu den ältesten Soldaten seiner Kompagnie. An zahlreichen Kämpfen und Strafzügen hatte Lombo ruhmreich teilgenommen. Im Schießen konnte es nur einer mit ihm aufnehmen, das war der Bassarigefreite Ssampa.

Aus allen Fährnissen und Krankheiten war er ohne Schaden hervorgegangen. Das verdankte er lediglich seinen unfehlbaren Zaubermitteln. Abgesehen von den vielen wunderlichen Tätowierungen, die seinen Körper bedeckten, trug er stets allerlei geheimnisvolle Täsch-chen, Kürbisfläschchen, Tierzähne und Schlangen-köpfe mit sich herum, so daß er in der Tat gegen alles gefeit war.

Man erzählt sich verbürgtermaßen, daß Lombo ohne die geringste Scheu selbst dem Elefanten bis auf wenige Schritte gegenübertrat, um ihn dann mit tödlichsiche-rem Schusse niederzustrecken.

Naiv meinte er, es sei dem Tier unmöglich, sich von der Stelle zu rühren, denn sein Zauber banne es fest an seinen Platz. Sein Zauber schützte nicht nur gegen alle böswilligen Götter, sondern bewahrte auch vor Krank-heit, Ungemach, Schlangenbiß und gegen unerwünsch-ten Besuch Abgeschiedener. Nur gegen zweierlei blieb er machtlos, nämlich die Seelen der von ihm getöteten Hyänen und Kronenkraniche.«

Rentzell ist nun immer mit Lombo auf Jagdzügen unter-wegs. Rentzell:

»Überhaupt, diese köstlichen, unvergeßlichen Stunden am nächtlichen Lagerfeuer, an dumpfmurmelnden Wassern oder in der schlummernden Steppe. … Dann glaubte ich meine Stunde gekommen, dem Sohne der Wildnis die uns trennenden Geheimnisse zu entlocken.

Und seine Lippen öffneten sich. Langsam erst, unsagbar furchtsam. Doch es ist mir gelungen, bis zu einem ge-wissen Grade wenigstens, von diesem Manne Dinge zu erfahren, die mir einen Einblick in das Innenleben jener seltsamen Menschenkinder erschlossen, wie es wohl nur den wenigsten vergönnt gewesen sein mag.

Es besteht eine Brücke zwischen ihnen und uns, zwi-schen jenen Wilden, die Leben wie die Pflanzen, ja, wie die Tiere. Es bestehen geheime Verbindungen zwischen Europa und Afrika, es gibt eine gemeinsame Linie zwischen uns. Sie lieben, sie sterben wie wir, nur stärker, unglaublich viel wilder, kühner, selbstverständlicher!

Und dann — das Größte! Ich bin an unserer gesamten „Kultur“ irre geworden. Das ganze glänzende Gebäude, es ist in jenen Tagen zusammengestürzt wie ein Karten-haus! . . . . . .

Mit dem Erinnern an diesen Mann glaube ich einen Teil meiner Dankesschuld abtragen zu müssen, denn er gab mir viel.«


Es ist das Jahr 1912 und der Bezirksamtmann von Kete-Kratchi, Werner von Rentzell – Rentzell ist Mitte 20, hier draußen kann man keine altersschwachen Beamten, sondern nur junge tatkräftige Leute gebrauchen – , fühlt einen Fieberrückfall kommen, weshalb er die Schreib-tischarbeit unterbricht und zur Linderung einen Spa-ziergang durch die Anpflanzungen seiner Regierungs-station macht. In der Teakschonung führen Strafgefan-gene Rodungsarbeiten durch als sich einer der Ketten-gefangenen erdreistet, sich dem Bezirksleiter in den Weg zu stellen. Rentzell kennt den Gefangenen. Es ist der ehemalige Stationsdolmetscher Kwamkwa, der we-gen umfangreicher Unterschlagungen zu mehrjähriger Kettenhaft mit Zwangsarbeit verurteilt wurde. Rentzell fragt nach dem Begehr des Gefangenen und selbiger bittet in seinem fließenden Deutsch wegen einer Ange-legenheiten von äußerster Tragweite um ein Gespräch unter vier Augen. Noch bevor überhaupt der aufsichts-führende Polizist den Vorfall bemerkt hat ist Kwamkwa wieder an seiner Arbeit. Rentzell bedenkt, daß der ehe-malige Regierungsübersetzer, ein europäisierter, hoch-intelligenter Eingeborener, verständlicherweise mit al-len Mitteln seine äußerst mißliche Lage verbessern will. Kann er der Sache vertrauen schenken? Der Bezirks-leiter erinnert sich eines Vorfalles aus dem Kongostaat, von dem er vor kurzem gelesen hat. Ein belgischer Offizier hatte die Warnung eines ergebenen Dieners in den Wind geschlagen und als Folge wurde die Besatzung seiner Boma, einschließlich dem Offizier selbst, bei ei-ner Revolte der Einheimischen niedergemacht.

Wenige Tage später, als Rentzell sich von seinem Fieber-anfall erholt hat und wieder klar bei Sinnen ist, läßt er spät am Abend, als alles Leben in der Station längst zur Ruhe gekommen ist, seinen schwarzen Unteroffizier kommen. Der alte Soldat mit seinem mit einem silber-nen Reichsadler verzierten Tarbusch, einer orientali-schen roten Filzkappe, ist der einzige Einheimische, dem der Bezirksleiter vollständig vertrauen kann. Der Unteroffizier ist ein bewährter Mann, gehört einem landfremden Stamm an und hat keinerlei Beziehungen zu den hiesigen Einheimischen. Der Soldat soll Kwam-kwa vorführen und aufpassen, daß niemand das fol-gende Gespräch der nächtlichen Zusammenkunft belauschen kann. Rentzell weiß: In Afrika haben alle Wände Ohren. Die Gazefenster sind zur Schalldämpfung durch dichte Grasmatten zusätzlich geschlossen. Vor-sichtshalber legt der Bezirksleiter seine schußbereite Pistole demonstrativ auf seinen Schreibtisch. Rentzell hört das Kreischen in den Angeln der zentnerschweren eisernen Gefängnistüren und Kettenklirren. Bald darauf tritt der Gefangene ins Büro des Bezirksleiters ein, verbeugt sich stumm und kreuzt zum Zeichen seiner Ergebenheit die Arme über der Brust. Im bleichen Lichtschein der Arbeitslampe beginnt Kwamkwa im Flüsterton zu sprechen. Auch der ehemalige Dolmet-scher kennt die Neugier seiner Landsleute. Das, was er zur Sprache bringen müsse, sei von ungeheurer Trag-weite, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für den weißen Herrn und für das ganze Kratschiland. Und nur unter der Bedingung sei er zur Preisgabe seines Geheimnisses bereit, wenn man ihn sofort aus dem Gefängnis befreit.

Rentzell ist verblüfft. Er vermutete einen Versuch des Gefangenen seine Lage zu verbessern, aber dieses An-sinnen ist ihm doch höchst erstaunlich. Als Offizier ist Rentzell gefaßt, findet freundliche, beruhigende Worte und läßt Durchblicken, daß bei einer Abwendung einer ernsthaften Gefahr für den Bezirk Aussicht auf Linde-rung oder gar Aussetzung der Strafe bestehe, wenn nicht gar Wiederanstellung in den Dienst der deutschen Regierung. Mehr kann Kwamkwa in seiner Lage nicht erwarten und nun beginnt er dem Bezirksleiter seine unglaubliche und doch glaubhafte Geschichte zu erzäh-len. Eine Stunde hört Rentzell der Erzählung gebannt zu. Der Kettengefangene führt aus, daß sein Volk in fins-teren Vorstellungen befangen den Machenschaften des Oberhäuptlings und des Oberpriesters von Kratschi aus-gesetzt seien. Kwamkwa erzählt in leidenschaftlicher Lebendigkeit von den Fetischtrommeln und den wilden Gesängen und Tänzen zu Ehren für Gott Dente von Kratschi an der Höhle im Wald, dem Wohnsitz des Gottes. Für alle im weiten Umkreis ist das nächtliche Trommeln zu hören, doch was dort wirklich vor sich geht hat kein Weißer je gesehen.

Kwamkwa berichtet nun in aller Ausführlichkeit, daß dort im Namen des großen Gottes Dente vom Ober-priester Quassikuma der Giftbecher gereicht wird und ausgesuchte Opfer ermordet werden. Während der nächtlichen Aufführung sitzt Quassikuma auf einem prunkvollen Richterstuhl vor der Höhle und ruft Gott Dente an. Der Gott antwortet, untermalt von einem eigentümlichen Lärm. In der Höhle befindet sich der Oberhäuptling Kodjò und antwortet mit verstellter Stimme als Gott, wobei er gleichzeitig alle Fledermäuse und Flughunde in der gewaltigen Felsengrotte auf-scheucht, wodurch das unheimliche ‚Rauschen’ aus der Höhle kommt, und reicht unter den mit rotem Tuch verhängten Eingang den Todestrank dem Priester, den er dem Opfer zum Trinken gibt als Beweis seiner Schuld oder Unschuld. Da der Priester fast immer Gift verab-reicht sterben die Opfer meistenteils schnell und qual-voll durch die Giftprobe des Gottesgerichts und die Schuld des Opfers ist bewiesen. Der Widersacher des Priester/Häuptling-Paares ist beseitigt und alle Besitz-tümer des Ermordeten fallen an Quassikuma und Kodjò.  

Das einfache Volk ist angesichts dieser Schau völlig er-griffen und in der Hand von Häuptling und Priester. Nur wenige wissen, was wirklich geschieht und Schweigen aus Angst um ihr Leben. Und so bittet Kwamkwa ihn in sicheres Gewahrsam fern von der Station zu bringen, bevor der Stationsleiter daß ihm anvertraute Geheimnis lüftet. Rentzell versichert Kwamkwa seines unbedingten persönlichen Schutzes und läßt ihn von dem alten Soldaten wieder ins Gefängnis bringen. Rentzell ist von der Wahrheit des Gehörten überzeugt, kann aber kaum begreifen wie alle seine Vorgänger im Amt nichts von dem Geschehen erfahren haben. Die Einheimischen sind eben ihrem Stamm treu und der drohende Gift-becher schützt wirkungsvoll die Verbrechen am Volk. Allmählich verstummt auch der Lärm aus dem Fetisch-wald, denn auch in dieser Nacht hatten sich der Ober-priester und sein Volk an der geheimnisvollen Höhle versammelt, fürs Trommeln, Tanzen und Singen für Gott Dente.

Die deutsche Verwaltung mischt sich nicht in die reli-giösen Belange der Einheimischen ein, sofern nicht wichtige Gründe dafür sprechen. Gegen den jahrhun-dertealten Dente-Kult, vom Oberpriester und Ober-häuptling auf das Schändlichste mißbraucht, anzuge-hen, kann gar in offene Auflehnung der Bevölkerung gegen die deutsche Herrschaft im Lande führen. Der Offizier Rentzell entschließt sich einen alle überra-schenden Schlag zu führen. Als erstes läßt er in aller Frühe am nächsten Morgen Kwamkwa unter der Beglei-tung eines Polizisten zur nächsten Regierungsstation nach Misahöhe marschieren. Die Verlegung eines ein-flußreichen Gefangenen wie Kwamkwa geschieht des öfteren und erregt kein Aufsehen. Dem begleitenden Polizisten ist ein Schreiben an den Bezirksamtmann in Misahöhe mitgegeben mit den notwendigen Erklärun-gen und mit Bitte um militärische Hilfe. In der nächsten Nacht, tief in der Nacht, wenn völlige Ruhe im Dorf eingekehrt ist, will Rentzell Kratschi mit seinen Polizei-soldaten einkreisen und im überraschenden Vorstoß ins Dorf Häuptling und Priester verhaften. 

Mitternacht ist vergangen als der auch in dieser Nacht stattfindende Tanz für Gott Dente im Fetischwald sein Ende findet, die letzten Geräusche im Fetischwald ver-klingen und nur noch hie und da eine Palavertrommel und halblautes Hundegebell zu hören sind. Jetzt werden die Soldaten im Soldatenlager der Station still alarmiert und Waffen und Munition aus der Waffenkammer aus-gegeben. Die gesamte Truppe des Bezirks Kete-Kratschi zählt um die achtzig Mann, davon sind aber zwanzig Mann für Verwaltungsdienste im Bezirk abkomman-diert, um sie für sinnvolle Arbeit einzusetzen. So stehen nun um die sechzig Mann bereit. In einem Kreis ver-sammelt wird ihnen ihre Aufgabe erklärt.

Das Dorf Kratschi erstreckt sich zu Füßen eines sanften Höhenrückens, auf welchem auf der höchsten Erhe-bung die Regierungsstation steht. Der Volta bildet mit seinen reißenden Schnellen und seiner hohen Fließge-schwindigkeit ein schwieriges Hindernis zwischen dem Dorf und der gegenüberliegenden britischen Gold-küstenkolonie. Nur widerstandsfähige Kanus können hier fahren und so reicht die Sperrung der Kanu-anlegestellen auf der Uferseite des Dorfes gegen eine Flucht. Das Dorf selbst liegt im Dschungel, der umgeben ist von den Anpflanzungen der Einwohner. Die Truppe marschiert so lautlos wie möglich aus der Station über die von der deutschen Verwaltung angelegten Straße zum Dorf und verteilt sich vor dem Dorf nach links und rechts zur Umfassung des selbigen, um jegliche Flucht zu verhindern. Der Mond liefert das nötige Licht für die ganze Operation. Schießen soll auf jeden Fall verhindert werden, um nicht versehentlich auf die eigenen Leute zu schießen, weshalb nur von Messer und Gewehr-kolben Gebrauch gemacht werden darf.

Im Schutz des Dschungels dringt Rentzell mit einer Handvoll auserwählter Leute auf der Straße ins Dorf ein. Das Dorf schläft tief und fest. Dann geht es im Sturmlauf zum Marktplatz, wo die Anwesen von Priester und Häuptling liegen. Dort werden Fackeln entzündet und es wird sofort in die Häuser der höchsten Herrscher des Landes Kratschi eingedrungen. Widerstandslos werden Priester und Häuptling verhaftet und in Eisen gelegt. Das gesamte Fetischgerät, dessen man habhaft werden kann, wird beschlagnahmt und mitgenommen. Diese Gegenstände sind von besonderer Wichtigkeit. Die Priester wechseln, aber die Fetischgegenstände sind die Symbole des Gottes. An ihnen hängt der Volksglaube. Ohne ihren Besitz ist auch der Oberpriester als Vertreter von Gott Dente machtlos.

Zu den beschlagnahmten Stücken gehört ein in prunk-vollster Ebenholzschnitzerei gehaltener Richterstuhl mit einer reichen elfenbeinernen Einlegearbeit, einem bemerkenswertem Kunstwerk. Dazu eine Tragbahre des Priesters, ein prachtvoller Baldachin und ein uraltes Richtschwert, verziert mit einem Griff aus schwerem, reinem Aschantigold.

Schnell ist die Truppe wieder abgezogen und die beiden selbstsüchtigen Vertreter des Gottes Dente sind ins Stationsgefängnis verbracht. Doch nun rührt es sich im Dorf. Nach anfänglicher Bestürzung über das Unge-heuerliche sind heulende, dumpfe Klagelaute zu ver-nehmen, gefahrkündendes Trillern der Weiber im höchsten Diskant, Kindergeschrei, Hundegekläff und zahllose Trommeln erfüllen die Nacht. Boten eilen in die umliegenden Dörfer, um die Unglücksbotschaft zu ver-künden. Böllerschüsse krachen und werden unheimlich von der Wand des Urwaldes zurückgeworfen. Schnell ist durch die Trommeln auch über den Volta weit ins Land auf britischer Seite hinein das unerhörte Ereignis be-kannt. Mit einem Angriff auf die Station ist zu rechnen und die vollste Alarmbereitschaft der Truppe ist ange-ordnet. Patrouillen durchstreifen fortgesetzt das Vorge-lände der Station. Mitten auf dem Stationshof prasselt ein gewaltiges Feuer zum Nachthimmel empor und malt phantastische Schatten an die Mauern der Häuser. Das ganze Geschehen scheint aus einem der wildesten Abenteuerromane über Afrika zu stammen und ist doch wahr.

Im Dschungel ist der Lärm von erregten Menschen und aufgescheuchten Tieren zu hören und Feuer flammen in der fernen Steppe auf. In der Station sind die jungen Soldaten ob des Kriegsereignisses in unbekümmerter Fröhlichkeit, während die alten erfahrenen Soldaten sich des Ernstes der Lage bewußt sind.

Eine Stunde nach Sonnenaufgang herrscht geschäftiges, kriegerisches Treiben auf der Station. Patrouillen kom-men und gehen. Die Kratschileute sind mit Kind und Kegel in den Busch geflohen oder einige Stunden strom-aufwärts ins englische Gebiet übergegangen. Aus den umliegenden Dörfern sowie aus den entfernten Ort-schaften der ganzen Landschaft wird der dauernde Zuzug bewaffneter Kriegshaufen gemeldet. Die Ver-ständigung zwischen allen erfolgt durch fortlaufende Trommelsignale. Der Sturm auf die Station braut sich zusammen. Die Späher melden es. Der eingeborene Feld-webel meldet dem Bezirksleiter Rentzell:

»Bevor die Sonne im Mittag stehen wird, Massa Leut-nant, werden diese tollgewordenen Buschtiere die Sta-tion in Flammen aufgehen lassen, wenn nichts ge-schieht. Wir sind zu wenige. Wenn der letzte von uns erschlagen ist, wird D e n t e sein Reich für immer auf den Trümmern dieser Mauern aufrichten.«

Rentzell verblüfft die schlichte Klarheit, mit welcher dieser alte eingeborene Soldat in gutem Deutsch den dunklen Ahnungen, welche sie alle, ob weiß ob farbig, beherrscht, Ausdruck gegeben hat. Gegen zehn Uhr des Vormittags läßt Werner von Rentzell, durch Hornsig-nale und Trommeln aufgerufen, die Truppe antreten. Der Bezirksleiter verkündet die Verhängung des Kriegs-zustandes und den sofortigen Beginn eines Standge-richtes in aller Öffentlichkeit. Alle zur Verteidigung der Station getroffenen Maßnahmen treten unverzüglich in Kraft. Die Zugänge werden für jeden Verkehr gesperrt und von Soldaten besetzt. Die Bevölkerung findet in gesicherten Gebäuden inmitten der Station Schutz.

Die Ungewißheit ist beendet und hunderte von Frauen- und Männerarmen regen sich zur Verteidigung der Station. An der Gerichtshalle findet sich eine zahlreiche Menge Schaulustiger ein. Ein durch Polizisten ver-stärktes Aufgebot sorgt für Ordnung und Ruhe. Unter der Menge befinden sich auch die getreuen Haussa-krieger aus Kete mit ihrem Häuptling Binder, die dem Ruf zur Verteidigung der Station gefolgt sind. Die Söhne des Propheten sind vor Jahrzehnten vor den Aschanti aus der Goldküste geflohen und siedeln nun hier bei Kratschi in ihrer eigenen Stadt Kete. Mit ihrer Religion, aber auch aus wirtschaftlichen Konflikten mit den Heiden, stehen sie zu den Kratschileuten im Gegensatz und haben sich nun für den bevorstehenden Kampf den deutschen Landesherren angeschlossen. 

Neben Binder sind weitere Häuptlinge und Großleute befreundeter Stämme bei dem standgerichtlichen Ver-fahren als Beisitzer anwesend. Mit einem dreifachen Trommelwirbel wird das Verfahren eröffnet. Die eiser-nen Gefängnisstüren kreischen und auf zwei Polizisten gestützt wird der Oberpriester Quassikuma in Hand-schellen und nur mit einem Lendenschurz bekleidet vorgeführt. Nichtsdestotrotz gibt er eine würdige Er-scheinung ab und beantwortet die ihm vorgelegten Fragen mit Zynismus und überhäuft die deutsche Ver-waltung und ihre Hilfskräfte mit Beschuldigungen und Drohungen. Dann bricht er in einen Anfall aus der ihn sich im Staub wälzen läßt, worauf er plötzlich aufspringt und in ein Triumphgeheul ausbricht. Er schaut den gelassen dasitzenden Haussahäuptling an und schleu-dert ihm entgegen, er werde sein Scheinkönigtum nebst der ganzen landfremden deutschen Herrlichkeit mit einem einzigen Wink ein jähes Ende bereiten. Der in Wut geratene Moslem springt auf und die Polizisten müssen den Heidenpriester vor dem Haussahäuptling schützen. Rentzell eröffnet nun dem Priester die Liste seiner Schandtaten und fordert vor dem Richterspruch das Volk als Richter auf:

„Welches soll die Sühne sein für einen Unseligen, der in kalter Berechnung zugestandenermaßen ungezählte Hunderte von Männern, Frauen und unschuldigen Kindern durch tückisches Gift um schnöden Gewinnes willen unter Mißbrauch des Gottes zu Tode gemartert hat?“

Das Volk schreit gegen den Oberpriester auf und nach-dem der Bezirksleiter noch den Erfordernissen des geschriebenen Gesetzes genüge getan hat verkündet er vor der Versammlung das Urteil des Todes durch den Strang. Der Verurteilte wird weggeführt, nicht ohne seine gefesselten Arme mit drohender Gebärde dem Richter entgegenzustrecken und mit heiserer Stimme die Stunde seiner dicht bevorstehenden Befreiung und blutige Rache anzukündigen.

Nun wird Oberhäuptling Kodjò zur Vernehmung vorge-führt. Der etwa 50jährige ist seelisch gebrochen, fällt vor dem Bezirksleiter auf die Knie und fleht um sein Leben. Er gesteht unumwunden alle ihm vorgeworfenen Schandtaten und beteuert vollständig in der Macht des Oberpriesters gestanden zu haben, der auch das Gift, das er ihm reichen mußte bei den vorgeblichen Gottes-urteilen, beschafft habe. Doch auch für den Kratschi-Häuptling kann es nur den Tod durch den Strang geben. Völlig zusammengebrochen muß er vom Platz getragen werden.

Vor dem Gefängnisgebäude befinden sich zwei hoch-stämmige Kapokbäume an denen je ein Strick mit Schlinge befestigt wird und darunter wird je ein Kisten-stapel aufgestellt. Die Schlingen der Stricke haben am Nacken des Verurteilten einen starken Knoten, um ihm beim Fallen das Genick zu brechen.

Die Zeit drängt, denn die Zuversicht des Oberpriesters auf seine Befreiung ist mehr als berechtigt. Ein gellen-des Hornsignal zeigt den Beginn der Hinrichtung an. Die Gefängnistore öffnen sich und Quassikuma wird mit verbundenen Augen zur Richtstätte geführt. Mit lauter Stimme verliest Bezirksleiter Rentzell nochmals das gefällte Urteil mit der Hinzufügung, daß die durch die Verurteilten heraufbeschworene gefährliche Lage eine unter Kriegsrecht zulässige sofortige Vollstreckung des Urteils gebieterisch erfordert. Sodann richtet Rentzell an den Delinquenten das Ersuchen, von dem Recht des letzten Wortes Gebrauch zu machen.

Die rasche Hinrichtung, statt seiner Befreiung, hat der Priester nicht erwartet, faßt sich aber und in Hohn-gelächter ausbrechend und mit einem Fluch auf den Lippen besteigt er mit jener den Eingeborenen fast stets eigenen achtungsgebietenden Fassung den Kistensta-pel. Widerstandslos läßt er sich die Schlinge um den Hals legen und ergeht sich dann in den unflätigsten Verunglimpfungen und Beschimpfungen der Deutschen und insbesondere seines Richters. Dann ein Wink. Der dafür befohlene Polizist tritt in den Kistenstapel, wel-cher polternd auseinanderfällt.

Gleich darauf wird Kodjò zum Richtplatz geführt. Noch-mals bittet er flehentlich um sein Leben. Er flucht, schlägt um sich, winselt. Doch es hilft natürlich nichts und er ergibt sich in sein Schicksal. Gefaßt geht er in den Tod.

Ein letztes Hornsignal verkündet den Abschluß der schaurigen Zeremonie. Der Bezirksleiter verfügt, die Leichen bis zum Einbruch der Dunkelheit an der Richt-stätte hängen zu lassen als ein weithin sichtbares warnendes Zeichen für die unerbittliche Gerechtigkeit der deutschen Schutzgewalt.

Die Hinrichtung hat die feindlichen Kriegerhaufen offenbar erschüttert. Das erregte Trommeln und Kriegs-getöse ist einer abwartenden Spannung gewichen. Es ist Mittag und die Sonne brennt vom Himmel. Leutnant Rentzell beschließt, dem Gegner nun durch entschlos-sene militärische Tat das Gesetz des Handelns aufzu-zwingen. Mit vereinigter Truppenmacht soll der Gegner an seiner stärksten Stelle getroffen werden. Zur Ver-teidigung der Station wird ein erprobter alter einge-borener Sergeant mit einer Handvoll Rekruten und kranken Soldaten nebst zweihundert Haussakriegern zurückgelassen. Die Ausfallexpedition marschiert gera-dewegs in das Kratschidorf, in dem nur noch ein paar Greise, Frauen und Kinder zurückgeblieben sind. Angst-zitternd folgen einige uralte Männlein und Weiblein der Aufforderung des Suchkommandos den Bezirksleiter zu begrüßen. Rentzell bittet die Leute, die Leichen der Gehenkten nach Einbruch der Dunkelheit zur Bestat-tung nach Landesbrauch abzuholen, und versichert ihnen, daß die Deutschen keineswegs beabsichtigen, einen blutigen Krieg vom Zaume zu brechen. Ihr Bestre-ben sei vielmehr, alles zu tun, um die erregte Bevöl-kerung davon zu überzeugen, daß sie nach Unschäd-lichmachung der Blutsauger und Mörder unbehelligt ihrer gewohnten, friedlichen Arbeit nachgehen könne. Dann wird der Marsch durch Farmen und Busch fort-gesetzt und, nachdem man eine gestrüppreiche Anhöhe erklommen hat, stößt man auf einen etwa 200 Mann starken Haufen Bewaffneter. Die Leute lagern sorglos um einige Feuer und verzehren eine Mahlzeit aus geröstetem Jams und Fufu. Sie haben wohl mit dem Eintreffen weiterer eigener Leute gerechnet, nicht aber mit dem Auftauchen der deutschen Truppe. Ohne den Befehl ihres Kommandeurs abzuwarten stürzen die Sol-daten auf  die Aufrührer. Die meisten flüchten sofort und lassen selbst ihre Waffen zurück. Einige sind ge-lähmt vor Schreck und lassen sich einfach gefangen-nehmen. Den Fliehenden läßt Rentzell einige Salven hinterherschießen. Rentzell dazu:

»Die Welt sollte wissen, daß der deutsche Löwe sich zum Sprunge anschickte.«

Nachdem nun diese Flanke der Front bereinigt ist, wird im Eilmarsch zur Station zurückgekehrt. Von neuem ertönen überall die Trommeln, aber sie scheinen sich hier und da von der Station zu entfernen. Der Gegner scheint nach der ersten Niederlage zu weichen. Aus Soldaten und Hilfskriegern wird eine starke Patrouille unter einem deutschen Unteroffizier durch Kete auf die Straße nach Norden zur gewaltsamen Erkundung los-geschickt. Bald erschallt aus der Vormarschrichtung kurzes, aber heftiges Gewehrfeuer, welches anschei-nend aber nicht erwidert wird. Rentzell stößt im Eil-schritt mit seiner in bester kriegerischen Stimmung befindlichen Truppe von der Station auf den Gefechts-lärm vor, den Weg hügelab auf die Haussasiedlung zu. Doch die Verstärkung braucht nicht mehr einzugreifen. Eine halbe Stunde hinter Kete war die Erkundungs-abteilung auf den abziehenden Gegner gestoßen und hatte ihn befehlsgemäß mit Salvenfeuer überschüttet. In hastiger Flucht verschwand er im Busch. Die Soldaten verfolgten den Gegner, der sich vollständig zerstreute. Vermutlich war der Erkundungstrupp auf die Haupt-kräfte des Gegners gestoßen und nun hat seine voll-ständige Auflösung begonnen. Die Hauptgefahr scheint gebannt. Helle Hornsignale rufen die Truppe zum Sammeln. Die Soldaten jubeln über ihren Sieg in der flimmernden Weite der Steppe. Rentzells Hauptabtei-lung nimmt nur noch die Erkundungspatrouille auf und gemeinsam wird der Rückmarsch zur Station angetre-ten, wo die siegreiche Truppe vom Jubel der vom Feinde befreiten eingeborenen Bewohner empfangen wird. Die Fühlung zum Gegner wird jetzt nur noch durch Späher und schwache Streifpatrouillen aufrecht erhalten. Mit Einbruch der Dunkelheit kann der weite Umkreis der Station als vollständig feindfrei gelten. Die angstvolle Spannung der Bewohner der Station in den letzten Tagen weicht ausgelassener Fröhlichkeit. Trotzdem läßt zum Unverständnis des eingeborenen Stationsvolkes der Bezirksleiter den Kriegszustand fortbestehen. Am späten Abend einlaufende Meldungen berichten, daß der größte Teil der Aufständischen in vollem Rück-marsch in die heimatlichen Dörfer ist.

Der Übertritt geschlossener Gruppen mit Weibern und Kindern – hauptsächlich engerer Anhang des Ober-priesters – ins englische Gebiet ist bedauerlich, aber immer noch besser als ein Krieg mit all seinen unab-sehbaren Folgeschäden.

Am frühen Morgen des nächsten Tages verläßt ein merkwürdiger Zug die Station. An der Spitze marschiert der Hornist. Ihm folgt in der Mitte einer Gruppe von Soldaten der riesenhafte Fahnenträger Freitag aus Liberia mit der wehenden Reichsflagge. Dann kommen im Schmuck feierlicher Gewänder die Paukenschläger des Haussakönigs, die ihre fellbespannten Holzkessel auch kräftig bearbeiten. Auf tänzelnden Hengsten reiten in Begleitung des Haussakönigs die beiden deutschen Staatsdiener der Station, der Bezirksleiter und der Unteroffizier, der auch tags zuvor die Erkundungs-patrouille Richtung Norden führte. Der Unteroffizier fühlt sich als Herr des Tages. Er war in Deutschland bei der Pioniertruppe und kann nun sein Können unter Beweis stellen. In der Kolonne schreitet eine Abteilung Soldaten in Arbeitszeug. Sie tragen sonderbare kleine Päckchen mit sichtbarer Ehrfurcht, das Arbeitsgerät des Pionierunteroffiziers. Hinter den ›Päckchenträgern‹ schließen Rekruten und Hilfsarbeiter mit schweren Brechwerkzeugen und wuchtigen Picken an. Der Be-zirksleiter will den »großen Gott Dente von Kratschi« zur Strecke bringen und so auch keinem Oberpriester mehr Gelegenheit für satanische Gaunereien im Namen einer Gottheit geben. Langsam biegt der Zug in das Dämmer-licht des Fetischhains ein. Das fröhliche Marschieren der Eingeborenen ist doch nun einer Furcht vor dem Ort der Richtstätte und dem Wohnsitz des Gottes Dente gewichen und auch die Kühle des dichten Waldes, den keine wärmenden Sonnenstrahlen mehr durchdringen, läßt die Männer erschauern. Die unheimliche Stille an diesem verwunschenen Ort drückt noch mehr auf die Stimmung der Männer. Auf dem freien Platz vor dem mit einem roten Vorhang verdeckten Eingang der Höhle wird Halt gemacht. Der Bezirksleiter hält eine kurze Ansprache. Er sagt, daß dem Walten der menschen-mordenden Gottheit nun ein Ende gemacht werde. Sie sei der rächenden Hand der Lebenden verfallen. Das Volk müsse endlich vor der unersättlichen Gier dieser Geißel Ruhe finden. Eine stärkere Macht sei gekommen, um sie zu vernichten.

Rentzell reißt das blutrote Tuch vom Eingang der riesigen Felsgrotte und tritt es in den modrigen Boden. An der Spitze seiner Leute dringt er in die Höhle ein. Mitgebrachte Fackeln werden entzündet und werfen ihren flackernden Schein über die von Feuchtigkeit bedeckten Kegel und Zacken. Die Gottheit scheint zu erwachen und empfängt die Menschen mit einem nie gehörten Pfeifen und nie gesehenen Flattern. Schwärme fliegender Hunde und Fledermäuse sind aufgestört und fliegen durcheinander. Einige fliegen in das Pech der flammenden Fackeln und verbrennen in einen häß-lichen Geknister, andere Krallen sich in die Kleider der Soldaten, die sie schaudernd zu Boden schleudern und zu Tode treten. Auch Schlangen finden sich in der Höhle und werden von den Soldaten unter wilden Streichen und grausigen Verwünschungen niedergemacht.

Neben zahllosen leeren Töpfen und Kalebassen für das tödliche Gift, entdecken die Soldaten eine große Anzahl vermoderte, sowie anscheinend erst jüngst vom Körper getrennte Gebeine. Unter ihnen nicht wenige, die von sehr jungen Kindern herrühren. Die Erbitterung der Soldaten über diese Greuel kennt keine Grenzen. Nach-dem die körperlichen Reste der Opfer geborgen und die Suche nach etwaigen versteckten Waffen und Gerät-schaften erfolglos ist, folgen die Mannschaften mit aller Wut dem Befehl, die Spitzhacke anzusetzen und das Werk der Zerstörung des grauenvollen Ortes auszu-führen. Nun beginnt auch das Werk des ehemaligen Pioniers des deutschen Heeres. In die zwischen Fels-blöcke getriebenen Stollen werden Sprengladungen und Zündkapseln versenkt und mit Zündschnüren verbun-den. Nach stundenlangen Anstrengungen kann der Unteroffizier Bezirksleiter Rentzell die Bereitschaft zur Sprengung der Höhle melden. Die Mannschaft und die begleitenden Eingeborenen werden in abgelegene, vor-bereitete Deckungen zurückgenommen. Ein Hornsignal bricht sich an den Felsmauern der Höhle. Der frühere Pionierunteroffizier entzündet mit einer Fackel das En-de der Zündschnur und stürzt mit langen Sprüngen hinter die schützende Deckung. Mit der Uhr in der Hand zählt Rentzell laut die Sekunden. Die Gewalt der Explo-sion ist von solcher Wucht, daß sich niemand auf den Beinen halten kann. Die Gewalt der Explosion hat auch das Volk vom Alpdruck des Dente-Kultes befreit. „Der weiße Mann hat den großen Gott Dente geschlagen!“

Der Sträfling Kwamkwa, der der eigentliche Befreier des Volkes aus der Herrschaft des Oberpriesters Quassi-kuma ist, wird wieder in Amt und Würden eingesetzt.

Etwa 600 Kratschileute sind nach dem Ende von Gott Dente durch deutschen Befehl dauerhaft ins englische Gebiet ausgewandert.


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Straßen

Die Hauptverkehrswege im Land sind durch die Kara-wanenrouten bestimmt. Die Grundlage des Verkehrs in Kamerun bilden die Wege der Karawanen, die die deut-sche Verwaltung ausbaut und zusätzliche Fußwege im Lande schafft. Eine dieser deutschen Karawanenstraßen läuft von der Hauptstadt der Bumam, Fumban, nach Nordosten über die Berge von Ribao nach Banjo und ist eine beachtliche technische Anlage auch für die Verbes-serung des Verkehrs mit den Residenturen im Norden Kameruns.

Zum 10. September 1913 werden die Einfuhrzölle nach Kamerun erhöht und man nutzt diese dann zeitgleich um das Wegenetz zugunsten der Erbauung von Auto-mobilstraßen weiter auszubauen. Somit kommt das mehr gezahlte Geld allen, vor allem aber der Wirtschaft zu gute.

Der Deutsche Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahr-buch von 1914 führt in seinem Kapitel »Die Entwicklung Kameruns im Jahre 1913« aus:

Wenn das Gouvernement aus hier nicht näher darzu-legenden, aber zwingenden Gründen den lange erörter-ten Plan einer sogenannten Südbahn fallen gelassen hat, so verkennt es andererseits nicht die unabweisbare Not-wendigkeit, den Süden des Schutzgebietes durch ein ausgedehntes Wegenetz zu erschließen und an die mitt-leren, von der Bahn bedienten Bezirke anzuschließen; denn die Bedeutung des Südens für die wirtschaftliche Entwicklung Kameruns steht außer Frage. Im Rahmen der zur Verfügung stehenden Mittel, deren wesentliche Erhöhung in Aussicht genommen ist, wurde daher auch im Berichtsjahre eifrig am Ausbau der Wege gearbeitet.

Als Ausgangslinie des ganzen Wegesystems im Süden ist die große, von Kribi über Lolodorf nach Jaunde füh-rende, 286 km lange Hauptstraße nebst ihrer Abzwei-gung nach Ebolowa anzusehen. Auf dieser Strecke ist im Laufe des Jahres der Ersatz der alten Holzbrücken durch Beton- und Eisenbetonbauten bis etwa 80 km gediehen; auch sonst sind erhebliche Verbesserungen vorgenom-men, so daß sich die Jaunde-Straße immer mehr zu einer auch für Lastautomobile brauchbaren, wenn auch noch mit einiger Vorsicht zu benutzenden Verbindung gestal-tet. Es haben sich daher auch schon mehrere Firmen zu einer Südkameruner Lastautomobil-Gesellschaft m. b. H. vereinigt. Auch die Regierung bedient sich für ihre Zwecke schon einiger Kraftwagen.

Soweit der Deutsche Kolonial-Atlas. Albert Schweitzer schreibt im August 1914:

»In Kamerun ist der Urwald durch ein ausgezeichnet unterhaltenes Wegenetz durchzogen, das dem Handel sehr zugute kommt und die Bewunderung aller fremden Kolonisten bildet. Geht diese große Arbeit aber nicht auf Kosten der Bevölkerung und ihrer vitalen Interessen? Daß man dort schon so weit ist, Weiber zur Fronarbeit für die Unterhaltung der Wege heranzuziehen, gibt mir zu denken.«  


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Pangani

Pangani liegt etwa 40 km südlich der Hafenstadt Tanga. Vor Pangani liegt eine mächtige Sandbarre, die nur bei Hochwasser kleinen Dampfern die Überfahrt und Ein-fahrt in den Fluß, an dem Pangani liegt, ermöglicht, und so können die kleinen Schiffe unmittelbar bei der Stadt ankern. Größere Schiffe aber müssen weit außerhalb der Sandbarre liegen bleiben, und die schwere Dünung, die meist in der Bucht steht, bringt so manches Boot im Verkehr zwischen Schiff und Pangani zum kentern.

Die im tropischen Grün gelegene Stadt hat ein Araber- und Inderviertel und ein Eingeborenenviertel. Eine be-festigte Strandstraße führt entlang der Uferpromenade, an der die Lagerhäuser – welche mehr wie Wohnhäuser als wie Lagerhäuser aussehen – und das deutsche Zollhaus mit seinen beiden Ecktürmen stehen und das Bild der Strandpromenade prägen. Das alte deutsche Fort ist umgewandelt zum Kaiserlichen Bezirksamt. Es gibt ein deutsches Hospital und die Stadt hat eine von der deut-schen Verwaltung angelegte Kanalisation. Ein Bismarck-Denkmal findet sich auch.

Nahe der Stadt gibt es eine Zuckerfabrik und in Ki-kogwe-Mwera, auf dem andern Ufer des Flusses, gegen-über von Pangani, liegt die älteste erfolgreiche Sisal-pflanzung von Deutsch-Ostafrika.

Pangani im Deutschen Kolonial-Lexikon: Die Stadt Pan-gani liegt an der gleichnamigen, ganz offenen, als Reede benutzten Bucht des Ozeans, und am linken, nördlichen Ufer des Flusses Pangani. Dieser, hier 320 m breit, dient als Hafen, der aber der unmittelbar vorgelagerten Sand-barre wegen selbst von ganz kleinen Seeschiffen nur beim täglichen Hochwasser erreicht werden kann. Die Regenmenge ist 1113 mm (13jähriges Mittel), die in drei Regenzeiten fallen. Pangani war früher der Hauptsitz der Araber an der festländischen Sansibar-Küste. Sie ließen die Zuckerrohrfelder durch ihre Sklaven bebauen. Pan-gani war auch Ausgangspunkt der Handelskarawanen, die nach dem Kilimandscharo und weiterhin zogen. Seit 1889 gab es seine führende Stellung langsam an Tanga ab. Noch heute wohnen in Pangani und seiner Umge-bung etwa 400 Araber und fast ebensoviel Inder, die längst den größten Teil des Besitzes der ersteren über-nommen haben. Pangani hat etwa 3000 Einwohner.

Pangani hat außer dem Bezirksamt ein Zollamt 2. Klasse, Post, Telegraphen, 50 Mann farbige Polizei. In Pangani waren 1913 2 europäische und etwa 25 indische Handels-firmen vertreten. … Der Wert der Einfuhr betrug 1908 1,427, der der Ausfuhr 1,211 Millionen Mark, 1912 waren die entsprechenden Zahlen 1,002 und 1,923, unter der Ausfuhr für 1,7 Millionen Mark Sisal.

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Kolmanskuppe

Über die Wüstenstadt findet sich im Deutschen Kolo-nial-Lexikon nur:

»Kolmanskuppe, in der Küstenwüste Deutsch-Südwest-afrikas innerhalb des Gebiets des reichen Diamanten-vorkommens gelegene Kuppe (siehe Diamanten).«

Der Name Kolmanskuppe stammt von einem Transport-kutscher namens Johnny Colman oder Jonny Coleman – wer weiß schon wie er wirklich hieß und wie genau er seinen eigenen Namen nahm – der hier bei einer niedri-gen steinernen Hügelkuppe mit seinen Ochsenkarren auf dem Weg zwischen Keetmanshoop und Lüderitz regelmäßig rastete. Andere behaupten, daß dort 1905 seine beiden Ochsengespanne von einem starken Flug-sandsturm so vollständig eingeweht wurden, daß alle Ochsen verreckten. Vielleicht stimmt beides. 1905 ver-dursten bei Kolmanskuppe auch der Oberveterinär Rogge und sein Begleiter, der Reiter Feilicke, die auf dem Marsch von Kubub nach Lüderitzbucht waren. Rogge wird später als Mumie aufgefunden. Auf jeden Fall benennen Frachtfahrer den Hügel nach Coleman auf Afrikaans Kolman se Kop oder einfacher Kolmans-kop. Daraus wird auf Hochdeutsch Kolmanskuppe.  

Daß Kolman seine Kuppe schließlich auch auf größeren Landkarten verzeichnet wird hat sie dem Bahnbeamten August Stauch zu verdanken. Stauch leitet die Eisen-bahnstation Kolmanskuppe – bei Kilometer 16 der Bahn von Lüderitzbucht gelegen – , ein Wärterhäuschen und einige Wellblechschuppen, die als Unterkunft für die farbigen Arbeiter der Bahnverwaltung dienen, die bei den fast täglichen starken Sandstürmen die Eisen-bahngleise für die durchfahrenden Züge freizuhalten haben. Stauch findet in der Gegend Diamanten und gründet für das Schürfen der Diamanten in der Wüste schließlich Kolmanskuppe. Zunächst entsteht an Kol-mans Kuppe ein ständig wachsendes Camp für Diaman-tensucher. Beim Diamantensuchen wird dann auch die mumifizierte Leiche von Rogge gefunden.

In dieser Einöde will aber niemand mit einem warmen Bier im sandigen Zelt sitzen und so werden Häuser gebaut, Massivbauten statt der üblichen Baracken wach-sen aus dem Wüstensand. Da Kolmanskuppe gerade 18 Eisenbahnkilometer vom Hafen Lüderitzbucht entfernt liegt, ist es bestens erreichbar und mitten in der Wüste wird eine modern angelegte Stadt für die Facharbeiter aus Deutschland und ihre Familien hochgezogen. So entwickelt sich Kolmanskuppe zu einer blühenden Kleinstadt mit allem Komfort. Vom Hafen in der Lüderitzbucht wird mit der Bahn alles in die Wüste transportiert, was das Leben angenehm macht: Fliesen für die Badezimmer, Badewannen, Armaturen, Tapeten, elegante Stilmöbel, Linoleumfußböden, Sportgeräte, Kühlaggregate, Grammophone und Toiletten mit Was-serspülung.

Frischwasser ist sehr teuer, denn es muß in Fässern per Schiff aus Kapstadt oder über Land aus dem 92 km entfernten Garub herangeschafft werden. Ein Liter Frischwasser kostet so viel wie ein halber Liter Bier, aber jeder bekommt täglich 20 Liter Frischwasser umsonst. Wer mehr Wasser wünscht, muß es aus eigener Tasche bezahlen. Salzwasser-Kondensatoren zur Gewinnung von Süßwasser arbeiten in Lüderitz und Bogenfels. Aus Gründen der Sparsamkeit mischt man das so gewon-nene Kondensatorwasser mit dem Frischwasser aus Garub. Das Trinkwasser aus den Kondensatoren kostet acht Pfennige je Liter, später 10 Pfennig.

Es gibt sogar eine moderne Stangeneisfabrik. Jede Fami-lie bekommt eine halbe Stange Eis gratis pro Tag gelie-fert für die Eisschränke.

In Lüderitzbucht wird ein Elektrizitätswerk errichtet und 1911 wird Kolmanskuppe an das Stromnetz von Lüderitz angeschlossen mit Leitungen auf die Diaman-tenfelder, wo Elektromotoren im Einsatz sind.

Das Brauchwasser wird in einem riesigen Tank oben auf der Düne hinter dem Hospital gelagert und in dem Wasser-Reservoir auf der Düne über dem Ort dürfen die Bewohner an heißen Tagen auch schon mal baden ge-hen. Gespeist wird es mit Meerwasser, das vom Atlantik hierher gepumpt wird. Vor allem zum Auswaschen von Sand und Kies auf der Suche nach den Diamanten wird sehr viel Wasser benötigt, aber auch die Dampfmaschi-nen verbrauchen große Wassermengen. Später baut man an der Küste sogar eine Meerwasserentsalzungs-anlage, die von dem eigens errichteten Elektrizitätswerk betrieben wird. Es ist der leistungsstärkste Stromprodu-zent auf der südlichen Halbkugel.

In Kolmanskuppe leben 300 Deutsche mit 50 Kindern und Jugendlichen. Es gibt frische Brötchen aus der eige-nen Bäckerei, einen Fleischer, einen großen Gemischt-warenladen, eine Apotheke, eine Limonadenfabrik, eine Eisfabrik, eine Volksschule, eine Polizeiwache, ein Post-amt, den Kegelklub „Gut Holz“ und ein hochmodernes Krankenhaus. Der Arzt reist extra für eine Schulung nach Deutschland und kommt mit einem hochmoder-nen Röntgengerät zurück. Es ist das erste in ganz Afrika. Mit dem Gerät kann man auch im Körper versteckte Diamanten entdecken. Die Klinik hat eine chirurgische Abteilung, dazu eine gynäkologische Station und sogar einen Weinkeller. Begründung: Wein ist ein nützliches Arzneimittel bei allerlei Gebrechen.

Zur Freizeitunterhaltung dient eine Kegelbahn neben der geräumigen Turnhalle, die auch zu Theaterauffüh-rungen genutzt wird, und ein Kasino mit einem Ballsaal. Die Straßen werden nachts beleuchtet und man pflanzt sogar ein paar Bäume. Auch eine Schmalspurbahn für den Transport von Waren und Personen innerhalb von Kolmanskuppe wird gebaut.

Es gibt für jeden mindestens 14 Tage bezahlten Urlaub im Jahr – je nach Dienstzeit vor Ort sogar noch mehr – den man auch ansparen kann, um dann nach einigen Jahren nach Deutschland zu reisen. Die rund 800 einhei-mischen Vertragsarbeiter vom Volk der Ovambo aus dem Norden der Kolonie leben in Holzbaracken. Für die Ovambo-Arbeiter gibt es ein eigenes Krankenhaus mit Bädern, Desinfektionsanlagen, einer Entlausungsstation und Isolierzimmern bei Seuchengefahr.

1909 fördert Kolmanskuppe 20 Prozent der Weltpro-duktion an Diamanten. Man geht vorsichtig von 20 bis 30 Prozent Verlust durch Diebstahl aus. Mehr als eine Tonne Diamanten werden bis 1914 gefördert.

Kolmanskuppe ist die reichste Stadt Afrikas. In einem Zeitungsartikel steht:

»Nicht nur in Lüderitzbucht, sondern auch im benach-barten Vorort Kolmanskop spazieren die neureichen Herrschaften am Sonntagnachmittag durch die Gegend, stets nach der letzten Mode gekleidet, wobei die Damen Mühe haben ihre langen Schleppen mit kundigem Griff vor den Tücken des Sandsturms zu bewahren und die Hutkreationen dem Wind entgegen zu stemmen.«

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Das Land X

Das Deutsche Kolonial-Lexikon über den Caprivizipfel:

Caprivizipfel. Der sogenannte Caprivizipfel, der äu-ßerste Nordosten von Deutsch-Südwestafrika, umfaßt den schmalen Landstreifen, der sich von den Ebenen des Okawangolandes bis zum Sambesi hinzieht. Bezeich-nend für dies Gebiet ist zunächst die außergewöhnliche Flachheit des Landes. Während wir es mit einer Längen-erstreckung von fast 450 km zu tun haben, senkt sich die Seehöhe von weit weniger als 1100 m auf nur 920 m. Von Libebe bis zur Linjantimündung in den Sambesi beträgt der Höhenunterschied kaum 40 cm auf 1 km. Noch weit geringer als der Gesamtabfall des ganzen Gebietes ist das Gefälle der Flüsse, die infolgedessen alle Eigentümlichkeiten von echten Flachlandströmen aufweisen, namentlich die Neigung zu Überschwem-mungen des Seitengeländes sowie zu Sumpfbildungen. Außerhalb des eigentlichen Caprivizipfels entwickeln sich sogar die charakteristischen Bilder tropischer Bifurkationslandschaften. — Obwohl man in diesem Gebiet eine Anzahl natürlicher Landschaften zu unter-scheiden vermag, kommen nach den Höhenverhält-nissen und der Bewässerung im wesentlichen nur zwei ausgedehntere in Betracht, das über 1000 m hohe Hukwefeld im Westen, das von Libebe an abwärts in südöstlicher Richtung vom Okavango durchströmt wird und das östlich auf dieses folgende, zwischen dem Tal des Maschi und dem Sambesi sich erstreckende Linjantibecken, dem man eine mittlere Höhe von rund 950 m geben kann. — Klimatisch sind alle zum Caprivizipfel gehörigen Landschaften als echt tropische zu betrachten. Der Höhe, der südlichen Lage und der Trockenheit entsprechend sind zwar die Wintermonate durch frische Nächte ausgezeichnet und sogar Nacht-fröste nicht selten, doch dauern die tropischen Wärme-zeiten viel länger als im übrigen Schutzgebiet, und sie unterscheiden sich vom Sommer des Hererolandes durch die Häufigkeit schwüler Perioden. Auch Krank-heiten, wie Malaria und selbst Schwarzwasserfieber sowie Dysenterie treten hier bereits häufig und in ziemlich schweren Formen auf. — Die Pflanzenwelt des Caprivizipfels verweist diesen ebenfalls nach Zentral-afrika. Die Steppenvegetation der nördlichen Kalahari hat hier bereits hochstämmigem Walde Platz gemacht, der aus etwa 15 m hohen Bäumen, hauptsächlich Burkea africana, besteht. Doch sind in teilweise üppiger Ent-wicklung auch die Holzgewächse der südlichen Steppen, vor allem die Giraffenakazie, vorhanden. Außerhalb der Trockenflächen entwickelt sich nicht allein eine auf Grundwasser angewiesene Pflanzenwelt, sondern weite Strecken im Überschwemmungsland tragen auch echte Wassergewächse. — Die Nutzpflanzen dieser Landschaft verweisen uns ebenfalls auf die Tropen. Das Kaffernkorn (Sorghum) ist am meisten verbreitet, vielfach wird auch Mais gebaut, Manihot, die Bohnen des tropischen Afri-ka, die Erdnuß und andere Gewächse zeigen auch die Verwandtschaft des Landstreifens mit dem zentralen Afrika. Selbst Baumwolle wird, allerdings nur in gerin-gem Maße, innerhalb des Caprivizipfels von Eingebore-nen kultiviert und verarbeitet. Als wichtiges Ausfuhr-gebiet von Baumwolle für die Zukunft darf dieses Gebiet nach der Ansicht von Kennern jedenfalls angesehen werden. — Die Tierwelt des Caprivizipfels ist durchaus südafrikanisch, doch kommen, der hydrographischen Eigenart des Landes entsprechend, außer dem Fluß-pferd einige Antilopen, wie der Wasserbock, der Riet-bock und andere vor, die dem Süden des Schutzgebietes fehlen. Auch der Elefant kommt innerhalb des Caprivi-zipfels noch jetzt vor. —