Ende Juli 1905 bricht nördlich vom Küstenort Kilwa im Matumbiland auf einer regierungseigenen Plantage eine Revolte aus – dort arbeitende Einheimische reißen Baumwollpflanzen aus dem Boden. Der örtliche Akide, Seif bin Amri, der von den Deutschen eingesetzte arabische Verwaltungsbeamte, schickt einige seiner Leute zur Plantage, um für Ordnung zu sorgen. Sie werden aber von den Rebellen zurückgetrieben. Nun dröhnen die Kriegstrommeln der Matumbi über das Land. Am 30. Juli wird in der Gegend der deutsche Pflanzer Hopfer getötet und sein Anwesen angezündet. Erste Zusammenstöße mit einer herbeigerufenen Polizeiabteilung gibt es beim Küstenort Samanga. Die Matumbi greifen mit 1500 bis 1600 Kriegern an. Dabei geht die Siedlung der indischen Händler in Samanga in Flammen auf.
Die Feindseligkeiten greifen Anfang August zu den Ngindo, Pogoro, Kichi und Zaramo über. Am 15. August 1905 wird der kleine Militärposten Liwale von den Afrikanern gestürmt. Besetzt war der Posten Liwale von einem deutschen Feldwebel, sechs Askari und dem deutschen Kaufmann der kleinen Ansiedlung Liwale, welche in einem Kautschukgebiet liegt. Versuche, die-sen Militärposten wiederzugewinnen, scheitern.
Mit dem Fall von Liwale nimmt der Aufstand nun endgültig für die weißen Herren einen bedrohlichen Charakter an. Ende August schließen sich die Luguru, Vidunda und Mbunga den Kämpfen an. Schließlich erheben sich die Ngoni und Pangwa. Noch im August 1905 ist nahezu das gesamte südliche Tansania zwischen der Grenze zu Mosambik und dem Nyassasee bis in die Höhe von Daressalam im Aufstand. Völker, die in Sprache, Tradition, wirtschaftlicher, sozialer und poli-tischer Organisation sich zum Teil wesentlich unter-scheiden, kämpfen gegen den gemeinsamen Feind – die weißen Kolonialherren. Der Aufstand der Einhei-mischen richtet sich aber auch gegen die Inder und Araber im Land und gegen die schwarzen Händler und Träger des Volkes der Manjema aus dem Kongo, von denen viele von den Maji-Maji-Kriegern ermordet werden.
Die Erhebung hat ihre Ursachen unter anderem in der zunehmenden Reglementierung durch die Kolonialver-waltung. So ist die 1898 eingeführte Hüttensteuer der erste für alle einheimischen Bewohner wahrnehmbare schwere Eingriff der Weißen in ihr Leben, die von jedem Familienvorstand pro Hütte zu entrichten ist. Wer den Steuerbetrag nicht in bar oder natura entrichten kann, muß ihn durch Heranziehung zur Lohnarbeit im Dienste des weißen Mannes erbringen. Die Steuer kann also in Geld oder in Obst, Gemüse, Kleinvieh oder Handels-waren wie Kopra und Wachs entrichtet werden, wes-halb die Bezirksämter oft Jahrmärkten gleichen.
Das Gouvernement erhofft sich auf diese Weise eine dauerhafte Einnahmequelle, um unabhängig von Sub-ventionen des Reiches zu werden, um so schließlich nach eigenen Vorstellungen die Kolonie entwickeln zu können. Die Kolonisierten betrachten die Steuer mit Mißtrauen. Die Behauptung des weißen Mannes, sie sollen Steuern bezahlen und Arbeit leisten für den Bau von Eisenbahnen, Straßen, Häfen, Krankenhäusern usw. und letztlich auch zur Hebung ihres eigenen Wohl-standes, leuchten den Naturmenschen nicht ein. Sie begreifen die Vorstellungen der Weißen nicht, da ihnen eine auf die Zukunft gerichtete Denkweise fehlt. Sie begreifen, was sie vor Augen haben, und das sind nur Nachteile: Die massiven Eingriffe in ihre Lebens-führung, die schwere Arbeit für die Weißen, oft fern von der Familie und unter Bedingungen, die an die der früheren arabischen Arbeitssklaven erinnern.
Das Gouvernement in Daressalam und die Bezirksämter griffen in Form von Besteuerungen und Pflanzungs-pflichten, etwa auch für Erdnuß und Kokosnuß, über Jagdgesetze – so ist der Tierfang in Gruben und in Netzen den Eingeborenen verboten – und Waffen-gesetze, bis hin zur Zwangsarbeit immer mehr in die traditionellen Lebensweisen der Afrikaner ein. Dazu kommen 1904 die Wald- und Tierschutzbestimmungen, die die Jagd und den Holzeinschlag für die Schwarzen beschränken oder gar verbieten. Was dem Europäer Naturschutz ist ist dem Afrikaner unbegreiflicher Ein-griff in seine althergebrachten Rechte.
Die Hauptursache für den Aufstand liegt aber im aufge-zwungenen Baumwollanbau. Gouverneur Graf Götzen erfährt, daß das Kolonialwirtschaftliche Komitee plant in Togo die Pflanzung von Baumwolle als Volkskultur einzuführen und er schlägt ein gleiches Experiment in Ostafrika vor. Aus Erfahrung weiß man, daß Baumwolle am besten im Osten und Süden des Landes wächst. So beginnt 1902 der Baumwollanbau. Die Ratgeber des Gouverneurs sehen aber keine Möglichkeit den ost-afrikanischen Bauern den wirtschaftlichen Vorteil des Baumwollanbaus begreiflich zu machen und wollen einen zwangsweisen Anbau von Baumwolle. Nach der Verordnung des Gouverneurs soll jeder Häuptling eine Baumwollanpflanzung besitzen, auf der seine Leute arbeiten müssen. Alle arbeitsfähigen Männer sollen auf den Baumwoll-Kommunalschamben arbeiten. Bei Nichtbefolgung drohen Geldstrafen, körperliche Züch-tigung oder gar Kettenhaft. Arbeit auf den Feldern ist aber Frauensache, und nun sollen Männer Frauen-arbeit leisten? Es ist eine unvorstellbare Demütigung.
Bis 1905 wird der Baumwollanbau auf den ganzen südlichen Küstenbereich und im Inland bis Kilossa und Songea ausgedehnt. Der Ertrag der Ernte wird in drei Teile aufgeteilt und erst ausbezahlt nachdem die Baumwolle auf dem Markt in Deutschland, für den die Baumwolle produziert wird, verkauft ist, worüber viele Monate vergehen: Ein Drittel des Ertrages für die Arbeiter, ein Drittel für den Häuptling und ein Drittel für den Handel. Die kommunale Arbeitsverpflichtung greift also tief in das Leben der Menschen ein und eine augenblickliche Bezahlung oder sonstige Entschädigung für die zwangsweise geleistete Arbeit sehen sie nicht. Nach der Besteuerung ist die zwangsweise Einführung der Baumwolle der nächste schwere Eingriff der Wei-ßen in ihr Leben.
Marineoffizier Hans Paasche: »Hinter dem See [im Einzugsgebiet des Rufiji] hatten Eingeborene Baumwoll-felder angelegt, denen man ansah, daß die Neger über die neue Kultur noch nicht unterrichtet waren: die Pflanzen waren sehr dicht aufgegangen und dann von den Negern nicht gelichtet worden, so daß sie sich gegenseitig in die Höhe trieben und keine Kapseln ansetzten. Ähnlich verfehlte Anlagen gab es viele in den Bergen. An einigen Stellen standen die Stauden zu dicht, an anderen fehlten sich ganz, und für die Reinhaltung von Unkraut war offenbar keine Hacke angerührt worden. Da mußten dann die Erträge fehlen. Die Neger sahen nicht, was ihnen der Baumwollbau nutzen sollte und so ist der Druck, den die Bezirksämter auf die Neger ausübten, um sie zum Anbau von Baumwolle zu zwingen, eine der wenigen, sichtbaren Ursachen des Aufstandes geworden.«
So beginnt im Juli/August 1905, als die Zeit des Baumwollpflückens naht, im Hinterland von Kilwa die Rebellion und breitet sich über den Süden und Osten der Kolonie aus. Die Aufständischen ermorden die wenigen Europäer, deren sie habhaft werden, und alle nicht-weißen Regierungsagenten. Verwaltungsposten und Missionsstationen werden geplündert und verwüs-tet und Baumwollfelder niedergebrannt.
Die unmittelbare Ursache für den Aufstand sind aber nicht Hüttensteuer oder Baumwolle, sondern ein Zauberer namens Kinjikitile Ngwale, ohne den es wahrscheinlich nie zum Aufstand gekommen wäre. In Kinjikitile sei 1904 der Schlangengott Kolelo gefahren und nun hält er prophetische Reden, die seine Zuhörer beeindrucken. Einigkeit sei das Gebot der Stunde, der Kampf gegeneinander, die Zersplitterung der einzelnen Völker müsse ein Ende haben. Keine Kriege mehr untereinander. Doch die entscheidende Botschaft ist, das Bokero, der höchste Gott, eine Medizin gegeben habe, die gegen viele Mißhelligkeiten des Lebens schützt und schließlich sogar vor den Kugeln der Feuerwaffen der Kolonialherren. Das Wundermittel ist Maji, das Wort für Wasser in Kisuaheli. Das Maji wird aus Wasser aus dem Rufiji hergestellt, in dem man Mais und Sorghum kocht. Verabreicht wird die Medizin auf verschiedenste Art und Weise. Sie wird getrunken oder in kleinen Gefäßen aus Bambus um den Hals getragen. Es kommt auch vor, daß Maji einfach über den Kopf gegossen wird. Natürlich ist Maji ein gutes Geschäft für die Hersteller der Wundermedizin.
In den letzten Monaten des Jahres 1904 gelangen seltsame Nachrichten aus dem Gebiet des Rufiji-Unterlaufes nach Daressalam: Seit einiger Zeit bewegten sich riesige Pilgerzüge nach Ngarambe, einem Ort in der Matumbi-Bergen, um dort einen Zauberer namens Kinjikitile aufzusuchen. Dieser gebe sich als Mittler zwischen den Menschen und einem Naturgeist namens Bokero aus, der ihm im Rufiji-Fluß in Gestalt einer Schlange, genannt Kolelo, erschienen sei und ihm eine Dawa, eine magische Medizin, übergeben habe. Diese Medizin, genannt »Maji«, befreie die Menschen, die hiermit besprengt werden, vor allen Sorgen des täg-lichen Lebens, brächte ihnen Gesundheit und Wohl-stand und sorge für Regen. Diese wunderlichen Vorgänge spielten sich keineswegs geheim, sondern ungeniert vor den Augen der arabischen Akiden, den Hilfsbeamte der Kolonialverwaltung, ab, auch das Zeremoniell der Taufe mit dem Maji geschehe ohne irgend welche Geheimnistuerei.
Auch im folgendem Jahr, nach dem Ende der Regenzeit, rissen die Wallfahrten zu dem geheimnisvollen Zau-berer am Rufiji nicht ab, doch das Gouvernement in Daressalam nahm die Nachrichten gelassen auf: Trotz der ungewöhnlich großen Zahl der Pilger tat man die Vorgänge in Ngarambe als eine friedlich-religiöse Angelegenheit ab.
Am 13. Juli 1905 geht ein Schreiben von Seif bin Amri beim Bezirksamt in Kilwa ein. Er führt darin Beschwerde wegen Aufreizung der Bewohnerschaft gegen seine Autorität durch einen Zauberer. Dieser Zauberer ist Kinjikitile Ngwale aus Ngarambe. Doch der Aufstand bricht nicht im Sinne von Kinjikitile aus. Er hatte noch im Juli erklärt: „Es wird definitiv Krieg geben. Aber für die Zeit bis dahin arbeitet für ihn [den weißen Herrn]. Geht und bleibt ruhig. Ich werde den Krieg erklären, wenn ich bereit bin.“
Ein Glück für die Deutschen ist der Ausbruch des Aufstandes durch ungeduldige Einheimische. Ein orga-nisierter Aufstand unter der Führung Kinjikitiles wäre wesentlich schwieriger zu bekämpfen.
Wie üblich bei Aufständen sind es mehrere Ursachen, die schließlich zum Ausbruch der Rebellion führen. So der Groll der einfachen Bevölkerung gegen Hütten-steuer und Steuer auf Pombe – das Bier der Ein-heimischen – und die Arbeit auf den Baumwoll-plantagen. Hans Paasche, der als Marineoffizier beim Niederschlagen des Aufstandes dabei ist, schreibt: »Steuer zahlen: Ich kann mir vorstellen, daß diese Neger nicht einsehen wollten, weshalb sie Pombesteuer zahlen sollten, wenn sie ihre Matamakorn gären ließen, um es als Bier zu trinken. Was merkten sie von der Macht des Europäers? Alle Jahr einmal kam der Akide und rief: “Heia! bringt Geld her, zahlt eure Hüttensteuer.“
Und weshalb sollten sie kein Wild mehr mit Netzen fangen?
Es ist nicht schwer, zu verstehen, daß diese Leute sich dem Aufstande gerne anschlossen und man braucht nicht nach S c h u l d zu fragen, wenn man die Ursachen des Aufstandes sucht.«
Ein anderer Hauptgrund für den Aufstand ist die Führungsschicht der Stämme, die ihre Macht unter der weißen Herrschaft dahinschwinden sieht. Die alten Herrscher sind nicht mehr die Herren im eigenen Lande und begannen, die alten vorkolonialen Zustände zurückzuwünschen. Besonders in den von der Kolo-nialmacht für weniger wertvoll gehaltenen und dünn besiedelten Süden des Schutzgebietes ist das Netz der Militär- und Polizeiposten viel weitmaschiger als in den übrigen Landesteilen. In diesen entlegenen Gegenden der Kolonie haben die Häuptlinge auch keine wirkliche Vorstellung von der deutschen Militärmacht.
Zwei kolonialstaatliche Verordnungen treffen die ein-heimische Herrschaftsschicht; eine von 1901, die die Verpfändung von Menschen untersagt, und eine von 1904, die alle Kinder von Sklaven befreit, die nach dem 31. Dezember 1905 geboren werden. Dazu kommt das Wachsen des Einflusses der christlichen Missionare, welche die Macht der einheimischen Priesterklasse unterminiert.
Die ehemaligen Machthaber im Lande wollen ihre Herrenrechte zurückerlangen welche sind: Plündern und Überfallen schwächerer Stämme, Sklaven halten und verkaufen, mit Frauen handeln und ihr Handels-monopol wieder aufrichten. Der deutsche Kolonialismus befreit die unterdrückte Bevölkerung, vor allem die Frauen, aus ihrer feudalen Abhängigkeit. So wollen insbesondere die Ngoni-Führer die Wiederherstellung der Zustände vor der deutschen Herrschaft und treiben deshalb ihre Untertanen, über die sie noch ihre alther-gebrachte Herrschaftsgewalt ausüben, zum Krieg gegen die Deutschen. Die aufständischen Führer zerstören den Frieden, den die Deutschen gebracht haben. Sie machen auch alle einheimischen Gegner ihres Aufstandes nie-der oder solche, die sich nicht am Aufstand beteiligen wollen.
In Daressalam glaubt man zunächst nur an eine auf Matumbi begrenzte Dauerrevolte. Gouverneur Graf Götzen befiehlt deshalb lediglich die Entsendung einiger Polizeieinheiten in das Unruhegebiet. Vor Ort aber sieht man die Dinge ernster. Mit Erstaunen und Schrecken müssen die Einsatzführer der Polizei im Aufstandsgebiet feststellen, »daß ein anderer Geist in die sonst so laschen Schwarzen gefahren war«. Mit einem noch nie da gewesenen Fanatismus und uner-hörter Todesverachtung greifen die Krieger die Orte und Stationen an. Die zuständige Verwaltungsbehörde in Mohoro, dem Hauptort des Matumbilandes, greift entschlossen durch. Kinjikitile und andere »Zauberer« werden als Urheber der Rebellion am 4. August 1905 aufgehängt. Der Verhaftung und Hinrichtung von Kinjikitile setzt sich keinerlei Widerstand entgegen.
Marineoffizier Hans Paasche ist von seinem Schiff, dem Kleinen Kreuzer Bussard, mit einer Landungsabteilung von 22 Matrosen abgesetzt worden als Schutz der Stadt Mohoro, Sitz des Bezirksamtes vom Bezirk Rufiji, in derem Hinterland der Aufstand ausgebrochen war. Paasche: »Als wir den Ort Mohorro ereichten [am 6. August], und im Gleichschritt durch die graden Straßen marschierten, kamen Araber, Inder und Neger, male-risch in bunte Tücher gekleidet, vor die Türen ihrer Hütten und Läden. Es war das Bild einer sauberen Negerstadt, in der reges Leben herrscht.
Der Bezirksamtmann, Herr Keudel, kam mir an der großen Holzbrücke, die den Fluß überspannt, entgegen und führte mich zu den Gebäuden des Bezirksamts, in denen die Mannschaft untergebracht wurde.«
Paasche schreibt weiter: »Einige von ihnen [Araber] waren als Unterbeamte, als Akiden angestellt und hatten als solche Steuern einzutreiben, die Befehle des Bezirksamts bekannt zu geben und etwas Strafgewalt auszuüben. Diese fühlten sich durch ihre Vertrauens-stellung eng mit der deutschen Herrschaft verbunden und sahen, daß unter ihr zu leben war.
Vielleicht grade wegen dieser Vertrauensstellung hatte sich das Zerstörungswerk der Aufständischen in den Matumbibergen auch auf den Besitz der Araber erstreckt…
Der Bezirksamtmann verließ sich deshalb weiter auf seine farbigen Akiden, die ununterbrochen Boten mit Nachrichten aus dem Lande schickten und die Lage viel ernster darstellten, als sie anfangs beurteilt worden war.
Ich wohnte in dem geräumigen Hause des Bezirks-amtmanns und bemühte mich, aus den Schilderungen der Boten ein Bild von dem Wesen der Aufstands-bewegung zu bekommen. Es war immer das gleiche: „Schickt schnell Askari, die Schenzi kommen; sie wer-den unsere Hütten abbrennen, das Getreide wegneh-men und uns töten, wenn wir nicht mitmachen oder fliehen.“ Bald danach kam ein anderer Bote mit der Hiobsbotschaft: „Unsere Hütten sind verbrannt, Men-schen erschossen; die Schenzis ziehen weiter, viele schließen sich ihnen an.“«
Auch im Umkreis von Daressalam gärt es. Nach Abzug der Daressalamer Garnison ins Aufstandsgebiet erfaßt Unruhe die weiße Bevölkerung der Hauptstadt, sodaß ein »Aufruf!« vom »Kaiserlichen Bezirksamt« veröffent-licht wird für die Aufstellung einer freiwilligen weißen Bürgerwehr am 22. August um 17 Uhr in der Askari-kaserne der Stadt. Über 200 Männer melden sich am späten Nachmittag des 22. auf dem Kasernenenhof für die Truppe.
Gouverneur Graf Götzen muß auch am 20. August telegraphisch Verstärkung aus der Heimat anfordern – Offiziere und Unteroffiziere für die Neuaufstellung von vier Askarikompanien und eine weiße Kompanie von 150 Mann. Die Bitte um Verstärkung wird in Berlin sofort bewilligt.
Rasch breitet sich die Aufstandsbewegung nach allen Seiten weiter aus. Schwerpunktziele der Aufständischen sind die Bomas, die befestigten Polizei- und Militär-stationen. Sie werden in frontalen Massenangriffen von den Maji-Maji-Kriegern bestürmt. Doch alle Versuche sie zu erobern schlagen fehl.
Der Wendepunkt des Aufstandes ist die Schlacht von Mahenge. Verwaltungschef und Kommandant der Truppe in Mahenge, der 12. Schutztruppen-Kompanie, ist Hauptmann Theodor von Hassel. Neben den fünf deutschen und 60 afrikanischen Soldaten, den Askaris, befinden sich auch tausend Mann Hilfstruppen, die Rugaruga eines verbündeten Sultans, unter den Vertei-digern. Zudem flüchten sich Reisende und Geistliche in die Station. Unter den Eingeschlossenen von Mahenge befindet sich auch der Tiermaler Friedrich Wilhelm Kuhnert, der auf einer Afrikareise zufällig zur Zeit des Aufstandes mit seiner kleinen Karawane in Mahenge eintrifft.
Theodor von Hassel: »Welch Gewimmel von Menschen war innerhalb der schützenden Mauern: In den Korri-doren, auf allen Treppen lagen Menschen, kein Platz war unausgenutzt, 10 Europäer, 250 Askaris mit Wei-bern und Kindern, 1000 Kiwanga-Krieger, 1000 Bewoh-ner des Dorfes und viele andere Flüchtlinge waren hier versammelt. In den gänzlich leeren Magazinen lagen Weiber und Kinder, auf dem Hofe die Männer.«
Hassel läßt zwei Maschinengewehre auf einem höl-zernen Hochstand postieren sowie Palisaden, Schützen-gräben, Dorn- und Drahtverhaue anlegen und für die Zielgenauigkeit der MG- und Gewehrschützen bunte Fähnchen als Entfernungsmarkierungen im Vorgelände aufstellen. Zudem wird ein möglichst freies Schußfeld geschaffen. Ein Eilbote mit der Bitte um Unterstützung wird nach Daressalam entsandt. Am 29. August nähern sich die Aufständischen. In drei riesigen Kolonnen, zusammen gut 20.000 Mann, marschieren die Krieger-heere, getrennt nach Stämmen, gegen die Feste Ma-henge vor. Ausgerüstet mit Speeren, Schilden, Keulen und veralteten Vorderlader-Gewehren vertrauen sie auf die Wirkung des Zauberwassers Maji-Maji. Sie werden von ihren traditionellen Stammesführern, den Sultanen, geführt, ganz im Gegensatz zur einheitlichen Leitung in den Kämpfen in Matumbi und Liwale, wo die Kom-mandogewalt in den Händen der religiösen Führer, der Hongos lag. Schon bald treten gravierende Führungs-mängel zu Tage. Statt das Vorgehen zu koordinieren und allseitig und gleichzeitig anzugreifen, rücken die Ko-lonnen getrennt vor und stürmen dann, zu verschie-denen Zeitpunkten und jeweils nur von einer Seite gegen die Boma vor, sodaß die Verteidiger ihr Abwehr-feuer konzentrieren können. So nimmt das Desaster seinen Lauf: Die erste Kolonne, zumeist Ngindo, mar-schiert von Süden im Vertrauen auf die unverwundbar machende Maji-Dawa auf dem vorbereiteten Schußfeld südlich der Boma auf. Hier werden die Krieger zur Zielscheibe des weittragenden deutschen MG-Feuers, von derem vernichtender Wirkung sie nicht die ge-ringste Vorstellung haben. Im Nahbereich kommen die Gewehrsalven der Askaris hinzu. Scharenweise fallen die Maji-Maji-Krieger, ohne die Befestigungsmauern erreicht zu haben, die Überlebenden fliehen.
Bald danach rückt von Nordosten her die zweite Kolonne heran. Da dieser Bereich um die Station bebaut und unübersichtlicher ist, bietet sich hier den An-greifern mehr Deckung. Daher gehen die Rugaruga dort zum Nahkampf vor. Die Aufständischen setzen aber erfolgreich zum Gegenangriff an. Vereinzelt gelangen Angreifer bis an die Umfassung der Station, müssen hier jedoch abermals feststellen, daß das Maji-Maji wir-kungslos ist.
Hassel: »Mit unerhörter Tapferkeit hatte der Feind immer wieder angegriffen, nicht achtend der unge-heuren Verluste, die Truppe hatte einen schweren Stand, sie wußte, welch grauenvolles Gemetzel kommen würde, wenn sie nicht stand, mehr wie einmal brachten dann die M.G. die Entscheidung.«
Zwei Tage später wälzt sich von Norden her die dritte Kolonne gegen Mahenge vor, alles Leute vom Stamm der Mbunga, »mit Speeren, Schilden und Keulen bewaffnet, Kränze mit Hirsestengeln als Maji-Symbol auf dem Kopf tragend«. Ein Kommando ertönt, und, den Kampfruf „Maji, Maji“ auf den Lippen, stürzen die eng aufgeschlossenen Kriegermassen den Weg zur Boma empor. Die deutschen Maschinenwaffen hämmern. Welle auf Welle brandet gegen die deutschen Linien an und bricht sich. Das Wunderwasser Maji-Maji sollte die Krieger unverwundbar macht, aber gegen die deutschen Maschinengewehre hilft es nicht. Etwa 30 Kriegern glückt aber doch der Durchbruch durch die deutsche Gefechtslinie und die Umwallung der Boma und sie werfen Kürbisflaschen voll Maji-Dawa gegen die Mauer des Wohnhauses der deutschen Unteroffiziere, über-zeugt, daß dieses nun, wie ihnen die Hongos gesagt hatten, zusammenbrechen würden und die Besatzung der Boma unter sich begrabe. Doch die erhoffte Wir-kung bleibt aus, die Mauern bleiben stehen. Rugaruga überwältigen die in die Bomaumwallung eingebroche-nen Krieger und machen sie nieder. – Damit ist der dritte und letzte Ansturm der Aufständischen gescheitert. Die Überlebenden fliehen. Tausende von Gefallenen und Verwundeten bleiben auf dem Schlachtfeld zurück. Auf deutscher Seite sind lediglich 20 Rugaruga gefallen.
Wegen Munitionsmangels muß sich die Besatzung der Station aber weiterhin in der Bomaumwallung ver-schanzt halten. Am 20. September 1905 wird die Station Mahenge durch die 2. Kompanie der Schutztruppe unter dem Kommando von Hauptmann Ernst Nigmann, der von Iringa kommt, entsetzt. Der Schutztruppenoffizier Heinrich Fonck: »An anderer Stelle hinderte Hoch-wasser den Fortgang der Operationen, so konnte Ma-henge eine Zeitlang nicht erreicht werden, da es un-möglich war, die stark angeschwollenen krokodilrei-chen Flüsse zu überschreiten. Die Eingeborenen hatten alle Boote beseitigt.«
Die Bena schließen sich als letzte dem Aufstand an. Am 19. September greifen sie mit etwa 2000 Bewaffneten die Missionsstation Jacobi der evangelischen Berliner Mission an. Missionar Groeschel organisiert die Ver-teidigung. Der Angriff wird von Groeschel mit gezielt tödlichem Gewehrfeuer auf die Angreifer abgewehrt, jedoch können die angreifenden Bena das gesamte Vieh der Station mitnehmen. Am nächsten Tag flüchten die Insassen der Station in den nächstgrößeren Ort Lu-pembe. In den folgenden Tagen wird Jacobi geplündert und vollkommen zerstört.
Mitte September kommt die angeforderte 150 See-soldaten starke Kompanie der Marineinfanterie aus Deutschland in Ostafrika an, die sofort nach ihrer Ankunft auf mehrere Hafenstädte verteilt wird, um die dort stationierten Einheiten der Schutztruppe für den Kampf gegen die Aufständischen frei zu machen. Am 23. September erreicht zusätzliches Personal der Schutz-truppe von 20 Offizieren, vier Sanitätsunteroffizieren und 27 Unteroffizieren die Kolonie. Die Schutztruppe wird von 1700 Mann auf etwa 4000 Mann für die Niederwerfung des Aufstandes verstärkt. Die Truppen-vermehrung wird hauptsächlich aus Rugaruga-Kriegern des Manjema-Stammes im Kongo gebildet, deren Angehörige in Deutsch Ostafrika von den Maji-Maji niedergemacht worden waren. So gehen auch die kongolesischen Rugaruga erbarmungslos gegen die Aufständischen vor.
Die Marine setzt die beiden Kleinen Kreuzer Thetis und Seeadler nach Afrika in Marsch. Am 28. August 1905 verläßt die Thetis Hongkong und trifft am 26. September in Daressalam ein, die Seeadler kommt auch aus dem Pazifik heran und trifft am 1. Oktober in der Hauptstadt von Deutsch Ostafrika ein. Die Kriegsschiffe erreichen Daressalam aber erst als der Höhepunkt der Krise bereits überschritten ist.
Mit der Katastrophe von Mahenge ist der Aufstands-bewegung ein schwerer Schlag versetzt, die Glaub-würdigkeit der Maji-Dawa erschüttert. Die gemeinsame Front gegen die Deutschen bricht zusammen, der Krieg löst sich in zahlreiche kleine Kriegsschauplätze auf, auf denen statt der Hongos die etablierte Führerschaft der einzelnen Völkerschaften Träger des Kampfes gegen die Kolonialmacht wird. Das Hauptanliegen der Stammes-häuptlinge, die Wiederherstellung der alten tribalen Machtverhältnisse, tritt gegenüber der ursprünglichen Zielsetzung des Aufstandes, der Befreiung der in der Maji-Ideologie vereinten Völkerschaften, immer stärker in den Vordergrund. Durch die Aufsplitterung in zahlreiche Einzelkriegsschauplätze kann die deutsche Kolonialtruppe nun ihre Kräfte zusammenfassen und die unbotmäßigen Stämme nacheinander unterwerfen.
Angesichts ihrer Unterlegenheit in Feldschlachten und der Unwirksamkeit der Maji-Maji-Magie gehen die Aufständischen zur Guerillataktik über. In kleinen, beweglichen Trupps lauern nun die Maji-Maji-Krieger der Truppe in Busch und Urwald auf und fügen ihr empfindliche Verluste zu. Im Gegensatz zum Gefecht im offenen Gelände ist hier eine gezielte Verfolgung nach Maßstäben der europäischen Kriegskunst nicht mög-lich, da der Gegner, wird er tatsächlich einmal gestellt, nach allen Richtungen auseinander läuft und im Dickicht verschwindet. Maschinengewehre lassen sich im Buschkrieg auch kaum zum Tragen bringen, dazu kommt die Gefahr der Einkesselung und Vernichtung von Truppenteilen, welche sich irgendwo in dem riesigen Land auf der Suche nach Aufständischen befinden. Heinrich Fonck: »Anfang Januar d. J. [1906] zog Stabsarzt Dr. Wiehe mit nur 12 Mann Bedeckung einem großen Haufen Aufständischer entgegen. Ganz plötzlich wurde er von erdrückender Übermacht angegriffen und fand mit allen Askaris nach tapferster Gegenwehr seinen Tod auf dem Felde der Ehre.« Die Antwort der Deutschen ist die Taktik der verbrannten Erde: Dörfer und Felder werden zerstört, Wasserstellen zugeschüttet. Ohne Planung, ohne Befehl geht die deutsche Kolo-nialtruppe den Weg der Logik des Krieges. Als einzig wirksame Kriegsmethode bleibt die Taktik der ver-brannten Erde. Um den Gegner von der Lebensmit-telversorgung abzuschneiden, geht die Truppe zum systematischen Aushungerungskrieg über – ohne Rück-sicht auf die nicht kämpfende Bevölkerung. Die Ernte auf den Feldern wird vernichtet, sämtliche aufge-fundenen Lebensmittelvorräte beschlagnahmt oder auch vernichtet, Wasserstellen zugeschüttet, die Dörfer niedergebrannt. Die Menschen flüchten vor dem Hunger in den Busch, essen Wurzeln, Insekten, alles sonstige Getier und Bienenhonig. Die Hungersnot wird verschärft durch das Ausbleiben der großen Regenzeit in der ersten Jahreshälfte 1907 und hält deshalb in manchen Gegenden bis ins Jahr 1908 an. Während der ganzen Kriegs- und Hungerzeit gibt es natürlich auch eine ständige Flucht- und Wanderungsbewegung der betroffenen Bevölkerung. So wird später auch gehofft, daß die ins portugiesische Ostafrika geflüchteten Ngoni nach Deutsch Ostafrika zurückkehren.
Die Strategie der verbrannten Erde ist nichts Neues. Sie wurde auch von George Washington während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges 1775-1783 an-gewandt. In dem weitläufigen Land zwischen dem Hudson und dem Eriesee siedeln die Haudenossaunee, das Volk des Langhauses, wie sich die Irokesen selbst nennen. Sie bilden aus sechs Stämmen einen Indianer-staat, der von den Weißen Six Nations genannt wird. Während des Krieges stehen zwei der Stämme auf Seiten der USA und vier auf Seiten der Briten. 1779 befiehlt George Washington 40 Dörfer der britischen Verbündeten samt Maisfeldern, Obstbäumen und Vorratsspeichern in Schutt und Asche zu legen. Damit ist die Lebensgrundlage von vier der sechs Nationen zerstört.
Am 11. Januar 1906 bezeichnet Gouverneur Gustav Adolf Graf von Götzen in Daressalam den Aufstand als weitgehend niedergeschlagen. Am 2. Februar 1906 beordert die Reichsregierung das Marinedetachment von 150 Soldaten aus Deutsch Ostafrika zurück. Der Aufstand wird als beendet angesehen.
Als die zur Unterstützung der deutschen Schutztruppe nach Deutsch Ostafrika beorderten Marinesoldaten im Februar zurückgezogen werden, bilden Offiziere der Schutztruppe Farbige aus Deutsch Neuguinea – Bukas von der Insel Bougainville – als Hilfssoldaten aus. Sie eignen sich aber nicht und werden wieder in ihre Heimat zurückgeschickt, ohne an den Feind gekommen zu sein.
Bei Expeditionen in der ersten Jahreshälfte 1906 werden die noch Widerstand leistenden Völkerschaften im äußersten Süden und Südosten der Kolonie unter-worfen, wobei es noch zu schweren Kämpfen kommt. Auch danach gibt es noch Verfolgungen von Auf-ständischen.
Das Strafgericht der Deutschen heißt öffentliches Hängen der Anführer, Kettenhaft mit Zwangsarbeit, Abgabe aller Waffen und Zahlung von Strafgeldern oder, wo kein Geld vorhanden ist, ersatzweise Zwangsarbeit.
Der Aufstand in Deutsch Ostafrika geschah in der wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Gegend der Kolonie, im Südosten, und hat deshalb auch auf die wirtschaftliche Gesamtentwicklung der größten Kolonie des Reiches praktisch keine Auswirkung; zumal auch nur wenige Weiße dabei umgekommen sind und so weder eine Auswanderung von Weißen zu verzeichnen ist, noch ein Rückgang ihrer Einwanderung.
Die im amtlichen Jahresbericht über die Entwickelung der Schutzgebiete 1906/07 genannte Zahl von 75.000 ist die untere Grenze der Toten in der einheimischen Bevölkerung. Die doppelte Zahl dürfte der Wirklichkeit mehr entsprechen, wobei den Berechnern der Zahl von 75.000 durchaus keine absichtliche Schönfärberei ange-lastet werden kann, da auf Grund der mangelnden Zahlen über die Bevölkerung um 1905 bis 1908 im Süden der Kolonie eben so gut wie möglich geschätzt werden mußte. 23 Europäer sind zu Tode gekommen. Darunter sind sechs von den Marineinfanteristen aus Deutsch-land, welche durch Tropenkrankheiten starben, und zwei der Toten sind ertrunkene Soldaten. Einige hundert der auf deutscher Seite kämpfenden Kolonialtruppen – Askaris und Rugaruga-Hilfskrieger – sind umgekom-men.
Aus dem 1914 erschienenen Buch Kolonialpolitik und Sozialdemokratie, geschrieben im Auftrag des SPD-Parteivorstandes vom Kolonialpolitischen Sprecher der SPD, dem Reichstagsabgeordneten Gustav Noske:
»Tausende der Aufständischen sind mit den Maschinen-gewehren niedergemäht worden. Die Dörfer und die Lebensmittelvorräte wurden verbrannt; Seuchen, be-sonders die Pest und dazu die Hungersnot, rafften viele Menschen hinweg. Die Zahl der Erschossenen bei dem Aufstand gab die Kolonialverwaltung im Jahre 1913 auf 26.000 an. Professor Schillings hat geschätzt, das infolge des Aufstandes 150.000 Menschen ums Leben gekom-men sind, weil die Aufständischen, nachdem die Dörfer niedergebrannt, die Ernte vernichtet war, in den Busch gehetzt wurden, wo sie in Massen starben und zum Teil eine Beute der Löwen wurden.«
In den ersten Monaten des Jahres 1907 bricht in den Landschaften Ungoni und Mahenge eine Hungersnot aus. Nach Angaben der Behörden handelt es sich dabei um eine Spätfolge des niedergeschlagenen Aufstands. Die Behörden verteilen Lebensmittel an die Bevölke-rung.
Hans Paasche: »Eigentümlich war die Haltung der Neger dem Bezirksamt gegenüber. Die Kommunen haben einen Notstandsfond, aus dem für die Eingeborenen Getreide gekauft wird, ohne daß sie es zu bezahlen brauchen. Sie sollen nur kommen und es sich holen. Das taten die trotzigen Bergbewohner in Matumbi und Kitschi nicht, obwohl sie sich unterworfen hatten; sie zogen es vor, in Massen zu verhungern!«
Im Aufstandsgebiet sind die traditionellen Herrscher im Kampf gefallen, hingerichtet oder entmachtet. Die alte Stammes- und Clangemeinschaft ist zerfallen. Ihre Untertanen sind orientierungslos. Die Suche nach neuen sozialen und religiösen Bindungen setzt ein. Die Stunde der christlichen Missionen ist gekommen. Der Christengott hat seine gewaltige Überlegenheit über die Heidengötter bewiesen. Zu Tausenden wenden sich jetzt Eingeborene in den vom Aufstand verheerten Gebieten dem christlichen Glauben zu.
Der zwangsweise Baumwollanbau war der Hauptgrund des Aufstandes. Noch im Aufstandsgebiet zur Auf-standszeit ist Marineoffizier Hans Paasche am Neu-beginn des Baumwollanbaus im Januar 1906 beteiligt. Paasche: »Ich kehrte zum Fluß [Rufiji] zurück [von einem Zug gegen Aufständische], fuhr zur Boma [Boma bei Mayenge. Erbaut gegen die Aufständischen.] hinüber und saß schon am Mittage mit meiner Truppe in einer kleinen Dhau um nach Panganya zu fahren, wo Herr Wiebusch, ein Angestellter des Kolonialwirt-schaftlichen Komitees, eine Pflanzung anlegen wollte, wozu er mich um Arbeiter bat.
…
Herr Wiebusch hatte mehrere hundert Hacken mitgebracht, um Land für Baumwolle vorzubereiten. Es fehlte ihm an Arbeitern. Für Geld hätte er in dieser Zeit auch keine bekommen; da er aber Korn von der Küste heraufbrachte, hatte er in dieser Hungerzeit das beste Zahlungsmittel. Jeden Jumben, der kam und über die Not klagte, schickte ich mit seinen Negern zu der Baumwollpflanzung.
Nach einigen Tagen war dort reges Leben. Mehrere hundert Neger schwangen die langstiehligen Hacken und rodeten das kräftige Schilfgras. Gegen abend kamen sie zur Poshoausgabe.
Ich blieb eine ganze Woche bei Herrn Wiebusch. Tagsüber sah ich der Arbeit zu, las und schrieb; abends versammelten wir die “Baumwollschüler”, junge Neger aus allen Teilen der Kolonie, um uns, und ließen Theater spielen, tanzen und singen.
Die Verschiedenheit der Tänze und Gesänge war recht auffallend; jeder Stamm fand seine Gesänge ernst und schön und die des Nachbarstammes schon komisch.«
Nach dem Aufstand entwickelt sich die Baumwolle zu einer Art Volkskultur. Immer mehr afrikanische Bauern gehen dazu über Baumwolle für den Export auf ihren eigenen Feldern anzubauen. Die Erträge steigen rasch und verdrängen mehr und mehr die Plantagenbaum-wolle.