Richter Heinrich Schnee: »In den Admiralitätsinseln wa-ren Mitte der 90er Jahre die drei dort ansässigen Händ-ler ermordet worden. Nach längerer Pause hatten 1898 wieder zwei Händler gewagt, sich dort niederzulassen, aber auch sie hatten bereits wiederholt mit den hinter-listigen und mordgierigen Eingeborenen Kämpfe zu be-stehen gehabt, so dass es im Interesse ihrer Sicherheit erforderlich erschien, dort eine grössere bewaffnete Macht zu zeigen.
Am 29. Juli 1899 fuhr SMS Möwe von Herbertshöhe ab, nachdem 20 Mann der Polizeitruppe an Bord gegangen waren. An der Fahrt nahmen ausser dem Gouverneur von Bennigsen auch die Herren Thiel aus Matupi (Firma Hernsheim & Co.) und Schulz aus Mioko (Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft) teil. Am 31. Juli wurde die kleine flache Koralleninsel Komuli, die Handelsstation der Firma Hernsheim & Co. in den Admiralitätsinseln südlich der Hauptinsel belegen, er-reicht. Der auf der Station anwesende Händler Maetzke kam an Bord. … Von Mok Mandrian kamen einige Ka-nus mit Eingeborenen längsseit, welche, eifrig gesti-kulierend, Obsidianspeere zum Tausch gegen Messer und andere Gegenstände anboten.
Es wurden zwei Boote klar gemacht, in welchen wir mit der Polizeitruppe zum Pfahlbautendorf fuhren und dann an Land gingen. Die Eingeborenen waren im Anfang etwas scheu und zeigten Lust, den die Hauptmasse der Insel ausmachenden bewaldeten Berg, anscheinend ei-nen erloschenen Vulkan, emporzuklettern. Doch bald legte sich ihre Scheu, als sie den ihnen wohlbekannten Händler Maetzke bemerkten, welcher ihnen in ihrer Sprache beruhigende Worte zurief. Bald umringte uns eine grosse Anzahl Eingeborener, darunter auch jüngere Burschen. Von Weibern war dagegen keine Spur zu sehen, dieselben waren anscheinend vor unserer Lan-dung an einem verborgenen Platz in Sicherheit ge-bracht. Die Eingeborenen waren durchweg schöne, grossgewachsene Leute von etwas hellerer Hautfarbe als die Neumecklenburger, von deren Wollkopf auch ihr lang herabfallendes, mit Kämmen geschmücktes Haar, welches mehr dem Haar polynesischer Völker zu ver-gleichen ist, vorteilhaft absticht. Viele der Eingeborenen wiesen Ziernarben auf. Als Kleidung wurden lediglich schmale Lendenschurze getragen, welche mit kleinen Muscheln, zum Teil auch mit den von der Handelssta-tion eingetauschten kleinen Glasperlen besetzt waren. Die meisten Eingeborenen kauten fast ununterbrochen Betel; fast jeder Erwachsene führte ein gelbes, aus einer gurkenähnlichen Frucht bestehendes und mit einge-brannten Schnörkeln verziertes Gefäss bei sich, aus welchem er ab und zu mit einem schwarzen verzierten Holzstäbchen Kalk als Zukost zum Betel zum Munde führte. Die Mehrzahl der Kanaker war mit Obsidian-speeren bewaffnet.
Gouverneur von Bennigsen ging mit einem Teil der Polizeitruppe über Land nach dem zweiten Pfahlbauten-dorf auf Mok Mandrian, während ich mit dem Rest per Boot dorthin fuhr. Von dort fuhren wir nach dem etwa eine Viertelstunde entfernten Mok Lin hinüber. Trotz dieser Nähe befanden sich damals die Bewohner von Mok Lin und Mok Mandrian in bitterer Fehde mit ei-nander, überfielen sich gegenseitig, schlugen sich Leute tot und frassen dieselben auf. Dabei gehörten die Be-wohner beider Inseln zu den Manus, sprachen dieselbe Sprache und hatten dieselbe Art von Häusern auf Pfahl-bauten, dieselbe Kleidung und Bewaffnung.
Die Insel Mok Lin scheint ebenso wie die vorher be-suchte Insel lediglich ein erloschener Vulkan zu sein, dessen Wände sich fast unmittelbar vom Meere ab steil emporziehen. Die Eingeborenen waren hier zunächst noch ängstlicher als die auf Gross-Mok, da sie uns von der Insel ihrer Feinde kommen sahen, doch auf Zurufen des Händlers Maetzke näherten sie sich bald, allerdings wieder nur meist bewaffnete Männer. … Nachdem die Eingeborenen hier ebenso wie es auf Mok Mandrian geschehen war, zu friedlichem Verhalten gegen die Händler ermahnt waren, soweit dies bei den geringen Sprachkenntnissen unseres Führers möglich war, kehr-ten wir wieder an Bord SMS Möwe zurück.
Am Abend wurde Komuli wieder erreicht, wo uns unser freundlicher Wirt die dort lagernden, auf einen ertrag-reichen Handel hindeutenden Vorräte an Kopra, Tre-pang und Perlmutterschalen zeigte. Keiner von uns ahnte, dass nach wenigen Wochen Herr Maetzke von den mordgierigen, verräterischen Kanakern von Mok Mandrian, welche bei unserer Anwesenheit Freund-schaft zu ihm geheuchelt hatten, ermordet werden und dass die Station zerstört und ausgeplündert werden sollte. …
Am 1. August 1899 trat SMS Möwe die Weiterfahrt nach »Manus« an, wie die grosse Admiralitätsinsel, ebenso wie die ganze Inselgruppe überhaupt, bei den Farbigen heisst, welche die Inseln als Matrosen, Arbeiter oder Polizeijungen besucht haben.
…
Wir landeten alsbald auf der Hauptinsel und wanderten ein Ende am Strande entlang, versuchten auch an eini-gen Stellen ins Innere zu dringen. Doch da überall nur dichter Busch und nirgends eine Spur von Menschen, selbst nicht ein Pfad zu erblicken war, so gaben wir die-ses Vorhaben auf und fuhren nach einigen der klei-neren, der Hauptinsel nördlich vorgelagerten Inseln. Dieselben waren gleichfalls unbewohnt und von dich-tem Urwald bestanden.
Am 2. August wurde die Weiterreise nach der Insel Pak (St. Gabriel) angetreten. Die Eingeborenen dieser Insel hatten im Jahre 1893 die Händler Möller und Andersen ermordet. Im Jahre 1898 war SMS Bussard mit dem Kaiserlichen Richter Hahl an Bord in die Gegend ge-kommen; da bei dem hohen Seegang eine Landung auf der rings mit einem Korallenriff umgebenen Insel nicht möglich war, so war die Insel auf Veranlassung Hahls mit Granaten beworfen worden. Wie wir durch den Händler Maetzke hörten, hatten ihm die Eingeborenen gesagt, dass durch die Granaten kein Schade ange-richtet sei und höhnisch ihre Freude darüber ausge-sprochen, dass durch die Geschosse des Kriegsschiffs der Boden auf der Insel aufgepflügt sei, so dass ihnen dadurch ein Teil ihrer Arbeit beim Pflanzen abgenom-men sei. Inzwischen hatten die zu den Usiai gehörenden Pakleute mit Hilfe der bei Ermordung der Händler er-beuteten Gewehre, welche ihnen das Übergewicht über die nur mit Speeren bewaffneten benachbarten Stämme gaben, Raub- und Mordzüge auf die umliegenden Inseln gemacht und eine ganze Anzahl Menschen getötet und aufgefressen. Bei dem Anlaufen SMS Möwe bestand in erster Linie die Absicht, die Herausgabe der geraubten Gewehre zu erzwingen.
…
Gegen Mittag wurde in der Nähe der Insel Pak geankert. Es wurden zunächst unsere beiden Dolmetscher allein an Land geschickt, um wegen der friedlichen Heraus-gabe der geraubten Waffen und Munition zu verhan-deln. Sie kehrten bald mit der Nachricht zurück, dass die Eingeborenen gewillt seien, die Gewehre herauszuge-ben. Gouverneur von Bennigsen, die Herren Thiel und Schulz, sowie Kapitänleutnant von Abeken von SMS Möwe und ich gingen nunmehr mit der Polizeitruppe an Land unter Benutzung einer ganz schmalen Bootspas-sage, welche nach Angabe der beiden Neumecklenbur-ger auf dieser Seite der überall mit einem breiten Korallengürtel umschlossenen Insel die einzige Mög-lichkeit bot, an Land zu kommen.
Am Strande erwarteten uns einige Eingeborene und überreichten uns ein altes Gewehr mit einigen Patro-nen. Dann zogen wir unter ihrer Führung mit der Trup-pe in das etwa zehn Minuten landeinwärts gelegene Dorf, welches aus ungefähr einem Dutzend schöner, grosser Häuser bestand. Von den Bewohnern waren nur wenige anwesend, ausser einigen Männern wurden in einem Hause drei abschreckend hässliche alte Weiber gesehen, welche indessen alsbald gleichfalls verschwan-den. Im Dorf wurde uns noch ein alter Revolver nebst Patronen ausgeliefert. Während wir auf die Ausliefe-rung der noch fehlenden Schusswaffen warteten und in einzelne Eingeborenenhäuser hineinblickten, welche ausser Eingeborenensachen, insbesondere schön ge-schnitzten Trommeln, auch viele aus dem Eigentum der beiden ermordeten Händler herrührende europäische Gegenstände enthielten, benutzten die wenigen noch im Dorf anwesenden Kanaker unsere Untätigkeit, um in dem dichten, das Dorf umgebenden Busch zu ver-schwinden. Unsere beiden Dolmetscher versuchten ver-geblich, durch Zurufe sie zurückzuhalten. Einer der beiden Neumecklenburger, Namens Oren, begibt sich nun in den Busch, um mit den Pakleuten weiter zu verhandeln, kehrt indessen gleichfalls nicht zurück. Auf Rufen erhalten wir keine Antwort. Nachdem wir eine volle Stunde im Dorf gewartet haben, begeben wir uns unter Führung des zweiten Dolmetschers, welcher jetzt ein sehr ängstliches Wesen an den Tag legt, auf schma-lem Kanakerpfad in ein zweites etwa fünf Minuten ent-ferntes Dorf. Am Eingange des Dorfes stecken in dem Pfade, schräg mit den Spitzen nach uns zugekehrt, zwei Obsidianspeere. Unsere farbigen Polizeijungen behaup-ten, dies sei nach Eingeborenengebrauch eine Kriegs-erklärung, unser Dolmetscher sei von den Pakleuten jedenfalls erschlagen und werde von ihnen aufgefressen werden. Der uns verbliebene Dolmetscher scheint der gleichen Ansicht zu sein, er befindet sich jedoch in einem solchen Zustand von Aufregung und Angst, dass seine geringen Kenntnisse im Pidginenglischen ihn nahezu ganz im Stiche lassen und nur wenig aus ihm herauszubekommen ist. Wir begaben uns nun zunächst zum Strande zurück und nahmen dort unser Mittags-mahl ein, in der Hoffnung, unser verschwundener Dol-metscher würde doch noch wieder auftauchen. Doch unser etwa dreistündiges Warten war vergeblich, weder der Neumecklenburger, noch sonst ein Eingeborener wurde sichtbar. Da hiernach an der Tötung oder mindes-tens gewaltsamen Festnahme des Dolmetschers durch die verräterischen Kanaker nicht wohl gezweifelt wer-den konnte, beschloss Gouverneur von Bennigsen nun-mehr strafend gegen die Übeltäter vorzugehen, deren Beteiligung an der früheren Ermordung der beiden weissen Händler zudem ausser Zweifel stand. Während SMS Möwe sich auf die Südseite der langgestreckten schmalen Insel begab, um den Eingeborenen die etwa von dort in Kanus versuchte Flucht abzuschneiden, wurden von der Polizeitruppe sieben grosse, an der Bootseinfahrt liegende Kanus zerstört. Alsdann wurde unter Führung des Gouverneurs von Bennigsen der Vormarsch ins Innere angetreten. In den beiden bereits vorher betretenen Dörfern, sowie in einem dritten Dorf wurde nicht ein lebendes Wesen angetroffen. Auch bei verschiedenen Querzügen auf den den dichten Busch durchkreuzenden Pfaden stiessen wir nirgends auf Ein-geborene. Da sonst keine Möglichkeit gegeben war, den Kanakern einen fühlbaren Denkzettel zu hinterlassen, so wurden die Dörfer niedergebrannt, nachdem aus dem reichen Besitztum der Eingeborenen besonders wertvolle Gegenstände zur Überweisung an das Muse-um für Völkerkunde in Berlin in Sicherheit gebracht waren.
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SMS Möwe hatte inzwischen die Kanus der Kanaker an der anderen Seite der Insel zerstört, indessen ebenso-wenig wie wir einen Eingeborenen zu Gesicht be-kommen.«