Der Kaiserliche Richter Heinrich Schnee hat sich ein-gehend mit den Rechtsgebräuchen der Einheimischen befaßt:
»Die Kämpfe der Eingeborenen gegeneinander beste-hen fast ausnahmslos aus heimtückischen Überfällen, sei es, dass die eine Partei überraschend auftaucht und über die keines Angriffs gewärtigen Leute von der an-dern Partei herfällt, oder dass die Angreifer erst Frieden und Freundschaft heucheln und dann, wenn sich die Opfer betören lassen, plötzlich die verborgen gehalte-nen Waffen hervorziehen und ein Gemetzel unter den Betrogenen anrichten. In ihren gegenseitigen Kämpfen morden die Kanaker jedes lebende Wesen, das ihnen in den Weg kommt. Frauen und Kinder werden ebenso erbarmungslos abgeschlachtet, wie Männer. Dies scho-nungslose Niedermetzeln der Frauen und Kinder scheint allerdings ebensowohl auf Erwägungen der Klugheit, wie auf der Mordlust der Eingeborenen zu beruhen. Es ist mir wiederholt passiert, dass einige unserer Polizeijungen, die ja selbst aus den Stämmen von der Gazellehalbinsel, Neumecklenburg und den Salomonsinseln rekrutiert waren, mir ihre Verwun-derung darüber aussprachen, dass die Tötung von Weibern und Kindern ihnen bei strengster Strafe untersagt war. Trotz verschiedener Erklärungsversuche blieb ihnen diese Handlungsweise gänzlich unverständ-lich. Die Logik der Kanaker ist sehr einfach: Ein Knabe wird später, wenn er erwachsen ist, ein Krieger, der uns und unsere Nachkommen bekämpfen kann. Folglich muss er ebenso wie ein Mann erschlagen werden. Ein Weib bekommt Kinder, welche erwachsen Krieger sein werden und uns oder unsere Nachkommen töten können. Folglich sind Weiber noch gefährlicher als Männer, von denen ja jeder nur eine Kampfeseinheit darstellt, und müssen erst recht tot geschlagen werden.
Diese grausame Logik wird dem Verständnis näher ge-rückt, wenn man erwägt, dass es sich beinahe überall im Bismarck-Archipel um kleine Stämme handelt, welche fast beständig mit anderen Stämmen im Kriegszustand sich befinden und deren einzelne Mitglieder sowohl Blutrache für getötete Verwandte zu nehmen als auch die Blutrache der Verwandten erschlagener Feinde zu fürchten haben. Die Blutrache richtet sich nicht bloss gegen den Mörder selbst, sondern gegen dessen ganze Sippe.
Jedes Individuum, jede Familie ist in der immerwäh-renden Furcht, durch einen plötzlichen hinterlistigen Überfall von feindlichen Eingeborenen abgefangen und getötet zu werden. Die einzige Sicherheit, die es dagegen gibt, ist die Vernichtung der feindlichen Stämme. Die Tötung eines Kriegers ist eine Schwächung der feind-lichen Macht für die Gegenwart, die Tötung eines Kin-des oder einer Frau eine Schwächung für die Zukunft und trägt somit zur Sicherung der eigenen Familie und des eigenen Stammes bei.
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Die Körper der erschlagenen Eingeborenen werden fast ausnahmslos aufgefressen. Der Kannibalismus ist bei sämtlichen bekannt gewordenen Eingeborenenstäm-men des Bismarck-Archipels verbreitet, mit alleiniger Ausnahme der einige kleine Inselgruppen bewohnen-den Polynesier und wohl auch der hellfarbigen Bewo-ner der Inseln Alatty und Durour. Es handelt sich dabei nicht um eine bloss gelegentliche Menschenfresserei. Es ist vielmehr ein ungemein häufiger Fall, dass gerade zu dem Zwecke, Menschenfleisch zu bekommen, Raub- und Mordzüge veranstaltet werden.
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Die Gründe für die Enthaltsamkeit der Kannibalen Weissen gegenüber müssen vielmehr in Anschauungen und Empfindungen gesucht werden, welche den Einge-borenen des Archipels gemeinsam sind. Die Scheu vor dem Unbekannten und Ungewohnten, welche auch den Europäer veranlasst, ihm unbekannte Tiere nicht ohne Not zu geniessen, mag ihren Anteil daran haben, dass die Eingeborenen die Leichen der Weissen nicht wie die der Farbigen verzehren. In erster Linie aber dürfte der Grund in dem Aberglauben zu suchen sein, der alle in Betracht kommenden Kanaker gleichmässig be-herrscht. Es ist natürlich, dass die Eingeborenen, welche schon einzelnen ihrer eigenen Stammesgenossen Zauberkräfte zuschreiben, den Europäern, welche sie im Besitz von Eisenwaren, Gewehren und anderen Sachen unbekannter Herstellungsart sehen, viel grössere Hexenkünste zutrauen. Beispielsweise begegnete ich selbst bei solchen Eingeborenen, welche schon jahre-lang als angeworbene Arbeiter auf Pflanzungen von Europäern tätig gewesen waren, der Anschauung, dass die Dampfschiffe von Tamberan (Geistern) gebaut wür-den, die den Weissen dienstbar seien. So ist der Europäer für den Kanaker immer ein Wesen, dessen Kräfte er nicht auskennt. Wenngleich der Eingeborene oft genug den Mut zu einem heimtückischen Überfall auf den Weissen findet, so bleibt ihm doch selbst der Leichnam des letzteren noch unheimlich. Er fühlt sich nicht sicher, ob in dem Körper des Ermordeten nicht noch geheime Zauberkräfte stecken, die demjenigen, der davon etwas verzehren würde, Tod oder Krankheit bringen könnten. Es fehlt ihm die Erfahrung, ob man ungestraft die Leichen der Weissen wie die der Farbigen fressen kann. So zieht er es vor, den Leichnam des Europäers nicht zu verzehren, sondern ihn ins Meer zu werfen, damit jede Verbindung zwischen dem Körper und dem Wohnort der Eingeborenen abgeschnitten und den etwa im Leichnam steckenden Zauberkräften die Möglichkeit genommen ist, sich gegen die Mörder wirksam zu erweisen.«