Marinepfarrer Hans Weicker über die Neutrale Zone:
»Auch hat sich die chinesische Regierung verpflichtet, innerhalb der das Schutzgebiet umschließenden 50-km-Zone keine Maßnahmen oder Anordnungen ohne Zu-stimmung der deutschen Regierung zu treffen. Beson-ders wichtig ist, daß sie einer etwa notwendigen Regu-lierung der Wasserläufe in dieser Zone keine Schwie-rigkeiten entgegensetzen wird. Ebenso haben unsere Truppen das Recht, jederzeit ohne weiteres durch die 50-km-Zone zu marschieren. So wird das Grenzland des Schutzgebietes und dieses selbst von Räubern und an-derem unliebsamen Gesindel frei gehalten. Auch die in China so verbreiteten und gefürchteten Geheimbünde werden sich für ihr lichtscheues Treiben und ihre oft gar nicht geheimen Operationen nicht gerade die Nach-barschaft des deutschen Gebietes aussuchen.«
Über das in der Neutralen Zone liegende Kiautschou weiß Weicker zu berichten: »„Kiautschou“ ist eine chi-nesische Stadt, die gar nicht im deutschen Schutzge-biete liegt, sondern etwa 8 km vom Nordwestrande der Kiautschoubucht landeinwärts. „Tschou“ bedeutet Be-zirk „Kiau“ kommt von den „Kiau-Barbaren“ her. So wurden die Ureinwohner dieses Bezirks nicht ohne einige Anmaßung von ihren später eingewanderten westlichen Nachbarn genannt.«
Gouvernementsoberpfarrer Winter in seinem 1911 er-schienenen kleinen Buch über Tsingtau und Umgebung über die Städte in der Neutralen Zone und Schantung:
1.) Kiautschou [Neutrale Zone], eine von zinnengekrön-ten hohen Mauern eingeschlossene Stadt, zeugt vom Rückgang. Ihrer Blüte ist schon vor vielen Jahren durch die Verflachung der Kiautschou-Bucht (heutiger Dschunken-Hafen: Taputur) und namentlich durch die Taiping-Revolution (Einnahme der Stadt) Abbruch ge-tan. Heutzutage zählt sie nur noch ca. 80.000 Einw. und weist geringen Wohlstand auf (einige kleine Silber-läden). Der Besichtigung wert sind: der Tempel des Gottes des Reichtums, der Kuan Jin (oder Jei), der Con-fuciustempel, die Ehrenbogen. Evangelische (Berliner Mission, deren Haus am Bahnhofstor, und Schwedische Mission) und katholische (Steyler Mission) Missionare sind dort stationiert. Jenseits des Bahnhofes (gegenüber der Stadt) liegen auf einer kleinen Anhöhe die Gebäude (jetzt chinesisch) des ehemaligen Detachements vom III. See-Bataillon (zum Schutz der Eisenbahn von 1900-1906)
2.) Kaumi [Neutrale Zone], von kleinen Gräberhainen umgeben, ist eine mittlere Kreisstadt mit Silberläden, Ehrenbogen, kleineren Tempeln, hauptsächlich von Ackerbauern bewohnt. Ausserhalb seiner hohen Mau-ern, auf einer mit Bäumen bestandenen Anhöhe (da-selbst Grab eines Mandarin – hoher Beamter) stehen die einstigen Gebäude des ehemaligen Detachements vom III. See-Bataillon (berittene Compagnie, jetzt chinesische Schule). In der Nähe der Stadt liegt das von breiten, tiefen Gräben durchzogene Hauli-Gebiet, das einst ein See, noch früher vielleicht Meeresstrand war.
3.) Fangtse besitzt drei Kohlen-Schächte der Schantung-Bergbau-Gesellschaft sowie eine Kohlen-Wäscherei und Brikettfabrik. Die deutschen Beamtenhäuser sind von wohlgepflegten Gärten umgeben. Die Umgebung bietet in den Flusstälern einige hübsche Spaziergänge. Zur Besichtigung der Bergwerksanlagen ist die Erlaub-nis der Bergwerks-Direktion in Tsingtau vorher einzu-holen. Ein Klub-Gebäude mit einfacher Hoteleinrich-tung ist vorhanden.
4.) Weihsien (sprich: Weschi-en), gelegen an der alten Landstrasse von Tschifu nach dem Süden von Schan-tung, ist eine grössere, lebhafte von hohen Mauern um-gebene Handelsstadt (auch Seidenstickereien), die ei-nen viel besuchten Markt am Flussbett besitzt. Ausser-halb der Stadt liegt der stattliche Gebäude-Komplex der Amerikanischen Mission (Lutaujüan). Ein europäisches Hotel gibt es nicht, wohl aber chinesische (Jülaigungdse und Tien’s).
5.) Tschingtschoufu zeigt durch grosse Gräberhügel ausserhalb der Stadt, dass einst in jener Gegend der Sitz (Lintschi) des Fürstentums Tschi (Nachbarstaat von Lu, siehe Confucianismus) war (1122-249 v. Chr.). Es handelt sich um die Gräber der Fürsten Tschi Wei Wang (378-343 v. Chr.), Süan Wang (342-324 v. Chr.), Min Wang (323-284 v. Chr.), Siang Wang (283-265 v. Chr.), Die Stadt selbst zerfällt in zwei völlig getrennte Teile: die Chine-sen- und Mandschu-Stadt. In letzterer der grosse Tem-pel Tschinglungtse. Die Stadt beherbergt die Amerikani-sche Mission.
6.) Hungtschan ist das zweite und grössere Kohlenfeld der Schantung-Bergbau-Gesellschaft. Seine Kohle, die in der Kaiserlichen Marine, beim Lloyd u.s.w. Verwendung findet, kommt der besten englischen gleich. Sonst gilt dasselbe wie von Fangtse, nur ist die Gegend maleri-scher. Die Eisenbahnstation heisst Setschuan und liegt an der Zweigbahn von Tschangtien nach Poschan.
7.) Poschan (mit Übernachtungshaus der Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft; Erlaubnis erteilt die Direktion in Tsingtau) liegt in einem malerischen Flusstal; es be-sitzt chinesische Kohlenschächte in der Umgebung und hat chinesische Glasfabrikation (kleine inwendig gemal-te Schnupftabaks-Fläschchen, kunstvolle zusammenleg-bare Laternen); auch liefert es den Schmelz zum Peking-Cloisonné. Die europäisch eingerichtete Glasfabrik fer-tigt hauptsächlich Fensterglas. Sehenswert ausserhalb der Stadt ist der Quellentempel.
8.) Tsinanfu, die Hauptstadt der Provinz Schantung, liegt in der Nähe des Hoangho, der in früherer Zeit südlich der Provinz Schantung ins Gelbe Meer (nördlich des Jangtse) mündete, bis er 1853 plötzlich seinen Lauf änderte und seinen Weg in den Golf von Tschili nahm. In der Nähe von Tsinanfu (bei Lokou) überbrückt ihn die kunstvolle Brücke der Tientsin-Pukow-Eisenbahn. Tsi-nanfu liegt im flachen Lande, hat ca 300.000 Einwohner, ist von hohen Mauern eingeschlossen, ausserhalb deren die Bahnhöfe der Schantung-Eisenbahn (deutsch) und Pukou-Eisenbahn (chinesisch, aber von deutschen In-genieuren gebaut) sowie das Fremdenviertel mit dem deutschen Konsulat und hauptsächlich deutschen Ge-schäftshäusern liegen. In der Stadt wohnt der Gouver-neur (chinesisch: Futai) der Provinz (sein Gehöft heisst chinesisch: Jamen). Sehenswert ist der Quellentempel. Viel besucht wird Tsinanfu zur Blütezeit des Lotus (Ende Juli), der namentlich im See nördlich der Stadt wächst. An Hotels sind die deutschen von Trendel und Stein vorhanden.
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Auch das Grab des berühmten chinesischen Weisen Confucius ist durch die Tientsin-Pukou-Bahn von Tsi-nanfu aus leicht zu erreichen. Es befindet sich bei der Kreisstadt (chinesisch: risien) Küfushien (sprich: Tschü-fu), die etwa 10.000 Einwohner hat.
Pfarrer Weicker: »Außerhalb des Stadtgebietes [von Tsingtau] werden von der Berliner Mission in Litsun, von der katholischen Mission auf der Insel Yin tau, Schulen unterhalten, außerdem in der 50-km-Zone von der katholischen Mission in der Stadt Kiautschou, von der Berliner Mission in der Stadt Tsimo und vom Evangelisch-protestantischen Missionsverein in der Stadt Kaumi unterhalten. Großartig sind die Schul-anstalten, die die Presbyterianer in Wei shiën [Wei hsien/Weihsien] und die Katholiken in Yentschoufu haben.
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Ganz in den Dienst der Zivilisation stellen sich die Missionare dort, wo sie sogar an chinesischen Schulen Unterricht erteilen. In Tsimo, in Kiautschou und in Kaumi gibt es chinesische Kreisschulen. Hier geben die Missionare in chinesischer Sprache Rechnen und Geographie und wahlweise auch Unterricht in der deutschen Sprache.«
Die Provinz Schantung ist 145.000 qkm groß und ihre Bevölkerung wird auf 25 bis 40 Millionen geschätzt.
Marinepfarrer Weicker: »Bisher war Schantung vorwie-gend ein ackerbauendes Land. Auch alle Industrie in Holz und Eisen ist fast nur Hilfsindustrie für den Acker-bau. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ist mit der Herstellung von Seide und Strohgeflechten beschäftigt«.
Der Pfarrer führt weiter aus: »Schon von Anfang an stand unsere Erwerbung im fernen Osten vor allem unter dem Zeichen der Kohle. Seit den Forschungs-reisen v. Richthofens stand es fest, daß Schantung reich an Steinkohle sei, und daß vor allem seine Kohlenfelder nicht allzu fern von der Kiautschoubucht lägen. … Der Kohlenbergbau in Schantung war alt. … Aber sie hatten doch kein anderes Mittel gefunden, des Wassers in den Gruben, wo es nicht von selbst davonlief, Herr zu wer-den, als es in ledernen Eimern heraufzuwinden. …
Um so energischer ging nun gleich die deutsche „Schan-tung-Bergbau-Gesellschaft“ ans Werk. Sie hatte sich das Recht gesichert, die von der Eisenbahn durchquerten Gegenden bergbaulich auszubeuten. 30 Li, das sind 15 km, rechts und links von der Eisenbahnstrecke ist ihr Bereich. Die von der Natur gewiesene Verbindung zwi-schen Tsingtau und Tsinanfu am Nordabhang des Berg-landes führte gerade durch wertvolle Kohlenreviere. Da die Bergbauunternehmungen und die Eisenbahn gegen-seitig aufeinander angewiesen waren, so war es richtig, beide Unternehmungen zu verschmelzen. Sie sind in der Hand eines und desselben Syndikats. Der Sitz der Berg-baugesellschaft ist Tsingtau.
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Gleich 1898 wurden die ersten Schienen gelegt und wur-de mit den ersten Bohrungen begonnen. Zuerst wurde natürlich das Tsingtau am nächsten liegende Kohlen-feld, in der Nähe Wei hsien, in Angriff genommen. Von Tsingtau bis Wei hsien sind es 184 km Eisenbahn, das ist etwa so weit, wie von Hamburg nach Stendal. Am 30. Oktober 1902 lief, festlich begrüßt, der erste Kohlenzug in Tsingtau ein.
Der jetzt am weitesten ausgebaute Schacht ist der Fang-tse-Schacht. Er liegt nicht unmittelbar an der Haupt-strecke. Eine nur 2,4 km lange Zweigbahn verbindet ihn mit dieser. Alle Bauten und maschinellen Anlagen sind im ganzen wie bei unseren heimischen Schächten auch. Daß sämtliche Maschinen aus Deutschland stammen, ist selbstverständlich. Der Schacht begann mit einer Jahres-förderung von 38000 t. Leider aber entsprach die Kohle anfangs noch nicht den Erwartungen. Die Kriegsschiffe machten Versuche mit der neuen Kohle, aber der Inge-nieur beklagte sich, daß die Kohle zu unökonomisch brenne, die Heizer beklagten sich, daß sie trotz des angestrengten Arbeitens kaum Dampf halten könnten, und der Kommandant beklagte sich, daß die Kohle sein weißes Schiff noch rußiger mache, als selbst japanische Kohle. Das waren zunächst für die Ausfuhr der Kohle schlechte Aussichten. Liegen blieb die Kohle natürlich trotzdem nicht. Die Europäer in Tsingtau und nament-lich die Chinesen ringsum verlangten mehr Kohle, als der Schacht vorerst überhaupt leisten konnte. In grö-ßerer Tiefe fand sich dann, wie es erwartet worden war, auch bessere Kohle. Außerdem verbessert eine erst 1906 eingerichtete Kohlenwäsche die Güte der Kohle, so daß sie vielleicht auch als Dampfschiffskohle mehr als bis-her sich eignen wird. Jedenfalls wurde rüstig weiterge-baut. Von 38000 t 1903 hat sich die Jahresförderung auf 162000 t gehoben. Auch Briketts werden fabriziert und finden guten Absatz.
Seit 1907 ist in nächster Nähe des Fangtse-Schachtes, mit diesem verbunden ein zweiter Schacht in Betrieb, der Minna-Schacht. Dieser dient zugleich auch als Hauptwetterschacht. In nächster Zeit wird sich zu diesen beiden noch ein dritter, der Annie-Schacht, gesellen. Die Tagesleistung des Annie-Schachtes wird 1500 t sein.
Die Belegschaft im Fangtse-Revier zählt gegen 2000 Köpfe. Da die Chinesen an den Bergbau von alters her gewöhnt sind, macht es keine Schwierigkeiten, Arbei-ter zu bekommen. Um aber einen Stamm zuverlässiger Arbeiter zu haben, hat auch hier die Gesellschaft Woh-nungen, bis jetzt für 600 chinesische Arbeiter, in der Nähe des Schachtes gebaut. So hofft sie auch, in Zukunft den wiederholt schon vorgekommenen Streiks vorbeu-gen zu können. Der organisierte Streik ist in China als Kampfmittel übrigens schon viel länger in Gebrauch als bei den westlichen Völkern. Unfallentschädigungen sind genau geregelt. Ein früherer Marinearzt ist im Dienste der Gesellschaft angestellt. Eine Unterstützungskasse will für den chinesischen Arbeiter sorgen wie daheim für den deutschen.
Zurzeit arbeiten im Fangtse-Revier 50 deutsche Beamte und Vorarbeiter. Sie wohnen in 25 freundlichen, garten-umgebenen Häusern. Da vielen ihre Frau und ihre Kin-der gefolgt sind, ist die Kolonie bereits so groß, daß sie ihre eigene Schule hat, die Oktober 1906 mit 15 Kindern eröffnet worden ist. Im Schulhause werden auch zu re-gelmäßigen Zeiten Gottesdienste abgehalten. Zu diesen kommt der evangelische Pfarrer von Tsingtau heraus. Die katholische Mission hat in Fangtse selbst eine Sta-tion.
Gut ein halbmal weiter, 290 km von Tsingtau, also etwa so weit wie von Hamburg bis Berlin, liegt das zweite Kohlenrevier, das von Po schan. Der Ort Po schan liegt südlich von der Hauptlinie, durch eine Zweigbahn von 30 km mit ihr verbunden. 18 km von der Zweigstation entfernt liegt der Schacht Tse tschuan. Auf ihm arbeiten jetzt 1300 Arbeiter unter 24 deutschen Beamten. Der Schacht ist erst seit 1906 in Betrieb. Im letzten Viertel dieses Jahres wurden 6000 t Kohle gefördert. Auch hier ist sogleich ein zweiter Schacht in Angriff genommen worden. Das Po schan-Revier ist sehr viel ausgedehnter, als das von Fangtse und scheint auch eine bessere Kohle geben zu wollen.
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Neben der Schantung-Bergbau-Gesellschaft ist noch die Deutsche Gesellschaft für Bergbau und Industrie im Auslande am Werke, die Bodenschätze Schantungs zu erschließen. Von ihren zahlreichen Versuchen scheinen bis jetzt zwei von Erfolg gekrönt zu sein. Bei Tschu tschöng, etwa 100 km südwestlich von Tsingtau, hat sie Glimmer gefunden. 30000 kg und bis zu 1 qm große Tafeln hat sie 1904 ausgeführt. In Ning hai, zwischen Tschifu und Wei hai wei, gräbt sie auch Gold. Auch Silber, Kupfer, Zinn hat sie gefunden, doch hat dies alles bis jetzt noch keinen lohnenden Abbau ergeben.«
Der Eisenbahnbau der Schantung-Eisenbahn-Gesell-schaft mit Sitz in Tsingtau und Berlin beginnt 1898. Marinepfarrer Hans Weicker schreibt mit Stand von 1907:
»Der Erwerb des nötigen Grund und Bodens erforderte, wie alles Handeln mit Chinesen, Geschick und Geduld. Innerhalb des Schutzgebietes wurde der Gesellschaft einfach der nötige Platz vom Gouvernement für den ortsüblichen Preis abgetreten. Schwieriger war der Bo-denerwerb jenseits der Grenze. Nichts ist verwickelter als chinesische Eigentumsverhältnisse. Aber mit Hilfe der chinesischen Ortsbehörden und bei dem Entgegen-kommen, das die meisten chinesischen Beamten auf höheren Wink von Tsinanfu [Sitz der chinesischen Regierung in Schantung] her zeigten, wickelte sich auch dies Geschäft schließlich glatter ab, als man anfänglich gefürchtet hatte. Auch die berühmte Gräberfrage erwies sich als nicht gar so ängstlich. Die Geister der Toten beruhigten sich offenbar sehr schnell, wenn sie sahen, daß ihre lebenden Nachkommen mit dem Geld zufrie-den waren, das für ein Grab bezahlt wurde, und waren dann damit einverstanden, an einer anderen Stelle ihre Ruhestätte angewiesen zu bekommen. Sehr wertvoll war, daß der Leiter des Eisenbahnbaues, Baurat Hilde-brand, früher schon lange Jahre in gleicher Tätigkeit in China zugebracht hatte, und daß sein Name bei den Chinesen einen guten Klang hatte. Besonders dankbar wurde es von der chinesischen Bevölkerung empfun-den, daß die Deutschen auch darauf ihr Augenmerk gerichtet hielten, daß der Kaufpreis möglichst bald in der vereinbarten Höhe in die Hand des Verkäufers selbst gelangte und nichts davon etwa auf dem Umwege über chinesische Mittelspersonen sich verkrümelte. …
Gerade der Anfang des Eisenbahnbaues fiel in die be-sonders bewegte Zeit des sogenannte Boxeraufstandes 1900. „Die Faust des Patriotismus und des Friedens“, — das war der eigentliche Name dieses Geheimbundes der „Boxer“, — hatte bekanntlich als ihr Ziel „Fremdenver-treibung und Erhaltung der Mandschudynastie“ erklärt. Diese Faust spürten auch die, die dort an dem Bahnbau arbeiteten. Die Pfähle der Vermessung wurden ausge-rissen und die chinesischen Arbeiter angegriffen, weil sie für die Fremden arbeiteten. Da leider der Gouver-neur Yü hsien in Tsinanfu die Boxerbewegung begüns-tigte, hatten die Bauleiter der chinesischen Bevölkerung gegenüber einen schweren Stand. Die bereits bis Kaumi vorgeschobene Strecke mußte verlassen werden, die Angestellten mußten unter Lebensgefahr flüchten. Zwei Kompagnien des III. Seebataillons stellten dann die Ruhe wieder her. Sie fanden aber die sonst so friedliche Bevölkerung von den Boxern derart aufgehetzt, daß es nötig war, das Dorf Ti tung mit stürmender Hand zu nehmen. Allerdings viel weniger die ansässige chine-sische Bevölkerung, als vielmehr zahlreiche große Räu-berbanden waren es, die das Land unsicher machten. Das war im Sommer 1899. Um so energischer wurden nun in dieser Zeit die Arbeiten auf der Linie von Tsing-tau bis Kiautschou gefördert.
Zum Glück wurde der fremdenfeindliche Mandschu Yu hsien abberufen und durch den energischen klugen Gouverneur Yuan schi kai ersetzt. Yuan schi kai, jetzt einer der bedeutendsten Führer der chinesischen Na-tion, ist zwar ein viel zu guter Patriot, um gerade ein Freund der Fremden zu sein, aber er ist klug genug, vorerst sich mit den Fremden gut zu stellen, und hat Macht genug, seinen Ansichten auch eine praktische Folge zu geben. Aber selbst er war doch nicht ganz imstande, den Schutz der Eisenbahn zu übernehmen, oder war ihm politisch das nicht bequem, jedenfalls nahm im nächsten Jahre, 1900, als die fremdenfeind-liche Bewegung von neuem und stärker auflohte, das Gouvernement in Tsingtau die Bewachung der Eisen-bahn und ihrer Arbeiten selbst in die Hand. Es legte eine starke Abteilung des Seebataillons nach Kiautschou und nach Tsimo. Diese letztere Abteilung konnte bald wieder zurückgezogen werden. Im Einverständnis mit dem Gouverneur in Tsinanfu wurde dann auch Kaumi von den Deutschen besetzt und die Umgegend, zum Teil in blutigen Scharmützeln, von den Räubern gesäubert. Ende 1900 konnten die Arbeiten an der Bahn wieder in vollem Umfange aufgenommen und von da an ungestört zu Ende geführt werden.
Die technischen Schwierigkeiten waren nicht allzu groß. Es war auf der ganzen Strecke wenig Fels zu bewältigen. Die Bahn läuft meist in der Ebene oder am Fuße des Berglandes hin. In den Überschwemmungsgebieten mußten die Böschungen, die auch auf ihrer ganzen Länge bepflanzt wurden, durch Steinbelag oder Pflaste-rung besonders befestigt werden. Es mußten 856 eiser-ne Brücken mit 984 Öffnungen gebaut werden. Davon sind größere Brücken die über den Litsunfluß, über den Grenzfluß Pai scha ho, den Schi kia ho den Tse ho und den Ta ku ho. Die größte ist die Pai scha ho-Brücke mit acht Öffnungen zu 30 m.
Das Verlegen des Gleises, ebenso wie ein großer Teil der Erd- und Mauerarbeiten, wurde an chinesische Unter-nehmer vergeben. Diese zeigten sich als durchaus leistungsfähig und bei genügender Aufsicht auch als zuverlässig. Zeitweise waren 20—25.000 Chinesen am Bahnbau gleichzeitig beschäftigt. Die Baugeschichte stellt den chinesischen Arbeitern das Zeugnis aus, daß sie während der ganzen Bauzeit den Ruf der Arbeit-samkeit, Bedürfnislosigkeit und Abhärtung, der dem chinesischen Landarbeiter seit alter Zeit zur Seite steht, durchaus bewährt haben. Nur bei Regen haben sie ge-streikt. Und es ist ja den armen Kerlen nicht zu ver-denken, daß sie ihr einziges Kleidungsstück sich nicht durchweichen lassen wollen. Chinesischer Rheumatis-mus tut ebenso weh wie deutscher. An den Gebrauch europäischer Werkzeuge haben sie sich sehr schnell gewöhnt. Die Verständigung zwischen dem deutschen Aufsichtspersonal und den chinesischen Arbeitern fand in dem famosen Pidschen, jenem schönen Gemisch von Englisch, Chinesisch und Deutsch, statt.
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Da die Bahn durch dichtbevölkerte Gegenden geht, und da der Chinese sehr gern auf der Eisenbahn fährt, so hat die Bahn nicht weniger als 56 Stationen, das ist je eine Station auf 7,2 km. Bei jeder Haltestelle ist ein Über-holungsgleis, bei allen größeren Stationen die nötige Anzahl von Nebengleisen. Alle Empfangsgebäude, Gü-terschuppen und Wärterhäuschen sind aus Stein ge-baut.
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Am 1. Juni 1904 konnte die ganze Bahn bis Tsinanfu samt der Zweigstrecke nach Poschan eingeweiht werden. 435 km sind es. Zwölf Stunden fährt man von Tsingtau bis Tsinanfu. Die Bahn ist eingleisig mit Normalspurweite, es wurde aber gleich so viel Gelände festgelegt, daß Platz für ein Doppelgleis ist.
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Die deutsche Industrie hat für 25 Millionen Mark Eisen-bahnmaterial nach Kiautschou geliefert. Die Beförde-rung dieser viel tausend Tonnen Material hat der Lloyd und die Hapag besorgt. Ehe der Hafen fertig war, war das Löschen der Ladungen, das Übernehmen der schweren Stücke in die Leichter, ein schweres Stück Arbeit, bei der auch mancher Schaden an Schiff und Ladung un-vermeidlich war.
Von den über 600 Angestellten sind neun Zehntel Chi-nesen. Im Verwaltungsdienst sind Chinesen Sekretäre und Assistenten, im Stations- und Außendienst Stations-vorsteher, Stationsassistenten, Telegraphisten, Wei-chensteller, Wagen- und Rangiermeister, Zugführer, Schaffner, im technischen Dienst Lokomotivführer. Alle chinesischen Angestellten, die nicht nur für Handlan-gerdienste als Wagenwärter, Schmierer, Wächter usw. verwendet werden, sondern zum Teil auch, wie wir se-hen, sehr verantwortungsvolle Posten innehaben, sind in einer Eisenbahnschule vorgebildet worden. Diese wird von der katholischen Mission geleitet. In dem ein-jährigen Kursus lernen die jungen Leute etwas deutsch lesen und schreiben, etwas rechnen, telegraphieren und Eisenbahndienst. Werden sie dann in den Dienst der Eisenbahn eingestellt, so zahlt die Eisenbahn für diesen Unterricht an die Mission eine Vergütung.
Daß Schantung auf diese Eisenbahn gewartet hat, zeigt der bedeutende Verkehr. Es fahren täglich 16 Züge. Ein durchgehender gemischter Zug täglich geht von Tsing-tau nach Tsinanfu und ebenso einer in umgekehrter Richtung. Er braucht, wie berichtet, 12 Stunden bei einer mittleren Geschwindigkeit von 45 km in der Stunde. Ebenso fährt jeden Tag ein durchgehender Güterzug zwischen beiden Endpunkten.
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Um die Zufahrt zur Eisenbahn zu fördern, hat jetzt die Eisenbahnverwaltung nach einigen abseits von der Bahn gelegenen Hauptplätzen regelmäßige Karrenfahrten ins Leben gerufen, nach nahegelegenen Orten täglich, nach ferner gelegenen einen Tag um den anderen. Da ein solcher Maultierkarren auch auf schlechtem Wege bis 600 kg aufnimmt und damit täglich 40—60 km zu-rücklegt, so lohnt dieser Betrieb. Auch ist zu hoffen, daß das gute Beispiel der Straßenbauten wirkt und bald eine Gemeinde nach der anderen sich davon überzeugt, daß schlechte Wege eine große Verschwendung von Zeit und Geld bedeuten. Dann würden immer mehr die Straßen zu Nebenflüssen für den Hauptstrom, die Eisen-bahn, werden. Wie diese in ihrer nächsten Nähe gleich neues Leben weckt, zeigen die um die Stationen herum zusehends wachsenden oder neu erstehenden Ansied-lungen von chinesischen Händlern, Fuhrleuten, Arbei-tern, Handwerkern und Krämern.«
Pfarrer Weicker über die deutsche Seidenindustrie in Schantung:
»An diese in Schantung altheimische Industrie hat nun die „Deutsch-Chinesische-Seiden-Industrie-Gesell-schaft“ angeknüpft. Anderthalb Stunden von Tsingtau entfernt, in Tsangkou, steht die Seidenspinnerei. 1904 ist der Betrieb aufgenommen worden. Eine große Schwierigkeit bestand darin, für den, vom chinesischen natürlich verschiedenen Betrieb die nötige große Anzahl Arbeiter zu bekommen. Die Gesellschaft löste diese Auf-gabe sehr geschickt. Sie wählte unter den auf ihre Auf-forderung hin sich meldenden chinesischen Knaben et-wa hundert körperlich und geistig besonders gut ent-wickelte aus. Diese wurden zunächst in einer besonders für sie errichteten Schule in deutscher Sprache, Lesen, Schreiben, Rechnen, etwas Geographie und in chinesi-scher Literatur unterrichtet. Diese Schüler waren dann monatelang die einzigen Arbeiter, bis sie so weit ge-schult waren, daß sie nun selbst wieder andere Arbeiter anlernen konnten. Dabei wurde aufs neue die Erfahrung gemacht, daß es nötig ist, den chinesischen Arbeiter fest zu disziplinieren und zu organisieren, wenn man in ei-nem modernen Betriebe, wie dem einer Seidenspinne-rei, eine wirklich gute Leistung von ihm erreichen will. Darum ist die Verwaltung des Unternehmens auch daran gegangen, ihre Arbeiterschaft auf Grund fester Arbeitsverträge in der Nähe der Fabrik fest anzusiedeln. So wohnen jetzt in geräumigen Arbeiterwohnungen, nach Geschlechtern getrennt, 900 bis 1000 unverheira-tete männliche und weibliche Arbeiter. In jeder Kaserne leben etwa 100 Arbeiter unter der Aufsicht chinesi-scher Hausväter und Hausmütter. Für die verheirateten Arbeiter ist ein Dorf mit Straßen und Plätzen erbaut; jedes Familienhaus hat einen Garten und etwas Acker-land. Jetzt wohnen hier an 300 Personen. Natürlich ent-sprechen sämtliche Anlagen allen hygienischen Anfor-derungen. Ein eigenes Hospital wird von chinesischen, europäisch geschulten Ärzten geleitet. Die Fabrik in Tsangkou stellt nur das Seidengarn her. Verwebt wird dieses zum größten Teil in Krefeld. Die Kiautschou-Seidenstoffe sind anerkannt vorzüglich, sind waschbar und sehr dauerhaft. Sie sind weit besser als die durch viele Knötchen und Unregelmäßigkeiten gekennzeich-neten chinesischen Bastseidengewebe. Seltsamerweise schätzt das Publikum zum Teil noch gerade diese Fehler des Gewebes als Zeichen der „Echtheit“.«
Vom Marinepfarrer Weicker erfahren wir aus seinem 1908 über die Kolonie Kiautschou erschienenen Buch:
»Als in [der Stadt] Kiautschou und Kaumi noch deut-sches Militär lag [1900-1906], haben Tausende von Chi-nesen die Hilfe des deutschen Arztes in Anspruch ge-nommen. Dieselben Ärzte halfen den Missionen auf ihren Stationen in der 50-km-Zone Hospitäler einrich-ten und waren für sie mit Rat und Tat jederzeit zur Hand. In der Stadt Kiautschou verwaltet die katholische Mis-sion ein mit chinesischem Gelde unterhaltenes Hospi-tal. In Kaumi erbaute eine reiche Chinesin zum Dank für ihre Heilung aus eigenen Mitteln ein Hospital. Die äu-ßere Verwaltung hat der Evangelisch-protestantische Missionsverein. Auch für das Hospital, das die Berliner Mission in Tsimo gründet, haben die Chinesen willig beigesteuert.
In Tsinanfu leitet seit mehreren Jahren ein Marinearzt eine Poliklinik, die namentlich von Augenkranken viel besucht wird. Ein deutscher Marinearzt hatte in Tsifanu den chinesischen Gouverneur von einem Augenleiden geheilt. Das wurde die Veranlassung, daß der Gouver-neur eine Poliklinik errichtete und sich dazu als Leiter vom Gouvernement in Tsingtau einen besonders als Augenarzt tüchtigen Arzt erbat.
In der Provinz werden von Marineärzten jetzt nicht we-niger als neun Polikliniken geleitet bzw. beaufsichtigt. Bis nach Yen tschou fu tief im Innern, dem Hauptsitz der katholischen Mission in Schantung, wo ebenfalls ein Hospital eröffnet wurde, reicht die segensreiche Wirk-samkeit der deutschen Ärzte.
Die deutschen Missionen müssen fast alle an ihren Hos-pitälern, weil sie leider nicht überall europäische Ärzte dafür bekommen können, sich mit chinesischen Ärzten und Heilgehilfen begnügen. Es sind das gebildete Chi-nesen, die meist von der amerikanischen presbyteria-nischen Mission ärztlich ausgebildet worden sind.«