Marinepfarrer Hans Weicker über die Missionen in Kiautschou:
»Im Schutzgebiete haben drei evangelische und eine ka-tholische Missionsgesellschaft ihren Sitz aufgeschlagen: die „Gesellschaft zur Beförderung der evangelischen Missionen unter den Heiden“, kurz „die Berliner Missi-on“ genannt; der „Allgemeine evangelisch-protestanti-sche Missionsverein“; die amerikanische evangelische „Presbyterian Mission“; die katholische Mission der „Gesellschaft des göttlichen Wortes zu Steyl“. Die deut-schen evangelischen Missionen haben ihren Sitz im Norden der Stadt mit ihren stattlichen Gebäuden.
Die ausgedehnten Baulichkeiten der katholischen Mis-sion mit ihrem Mädchenpensionat, Druckerei, Waisen-haus und Schule liegen auf der Grenze zwischen Tapau-tau und Tsingtau. Die amerikanische Mission hat in Tsingtau keine große Anstalt. Ihre Schulen und Hos-pitäler liegen im Innern Schantungs, namentlich in Wei hsien.
Diese Missionsgesellschaften sind schon seit den ersten Monaten der Erwerbung Kiautschous dort tätig. Als Dolmetscher und als Vermittler, als Berater und stets bereite Helfer haben die Missionare gerade in den ers-ten schwierigen Jahren dem Gouvernement wertvolle Dienste geleistet. Der Bund zwischen dem Gouverne-ment und den Missionaren fand auch darin seinen Ausdruck, daß diesen unentgeltlich und abgabenfrei Grund und Boden für ihre Niederlassungen zur Ver-fügung gestellt wurde, und sie sich dafür verpflichteten, auch solchen Bestrebungen ihre Hilfe angedeihen zu lassen, die zunächst nur der Zivilisation zugute kommen und nicht unmittelbar mit der Heidenbekehrung zu-sammenhängen.
Die Berliner Mission (Berlin I) arbeitet bereits seit 1867 in China. In Kanton ist ihr Hauptsitz.
Der Allgemeine evangelisch-protestantische Missions-verein ist in China gegenwärtig nur in Kiautschou tätig. Der in Tsingtau verstorbene Missionar Faber gehörte ihm an.
Die katholische Mission nennt sich nach dem hollän-dischen Ort Steyl. Die Steyler Mission hat in allen Erd-teilen Niederlassungen. Nach Süd-Schantung wurde sie durch den verstorbenen Bischof Anzer im Jahre 1882 verpflanzt. Ihr Hauptsitz ist Yentschoufu in Schantung, wo der Bischof seinen Sitz hat. Demselben sind natürlich auch die Anstalten der Mission in Tsingtau unterstellt. Die katholische Mission in Nord- und Ost-Schantung wird von den Franziskanern geleitet. Bis 1891 stand die ganze katholische Schantung-Mission unter dem Schut-ze der Franzosen. Auf Betreiben des Bischofs Anzer übernahmen ihn von da an für Süd-Schantung die Deut-schen.
Die amerikanische Mission der Presbyterianer ist seit 1861 in Schantung tätig.
Abgesehen von jeder unmittelbaren oder mittelbaren christlichen Beeinflussung haben die Chinesen von den Missionen im Schutzgebiet den größten Nutzen durch die Schulen, welche sämtliche Missionen unterhalten. Diese Schulen kann jedermann, der das Schulgeld be-zahlt, besuchen. Die Schüler sind in überwiegender Zahl Heiden. Sie müssen am Religionsunterricht teilnehmen, sind aber nicht gezwungen, sich taufen zu lassen. Viele benutzen darum auch die Missionsschule lediglich als Schule für „westliche Wissenschaft“ und gehen weg, wenn sie meinen, genug davon gelernt zu haben. Die Missionsschulen geben ihren Zöglingen zuerst eine aus-reichende Grundlage im Chinesischen, in chinesisch Lesen, Schreiben und einiger Kenntnis der chinesi-schen Klassiker. Dazu kommt Unterricht in Deutsch und Naturlehre, Rechnen, Physik, Geschichte und Geogra-phie, auch in Turnen und Gesang.
Außerhalb des Stadtgebietes werden von der Berliner Mission in Litsun, von der katholischen Mission auf der in der Kiautschou-Bucht liegenden Insel Yin tau, Schu-len unterhalten.
Alle drei deutschen Missionen haben in Tsingtau auch eine chinesische Mädchenschule.
Die ihnen in Tsingtau gebotene Gelegenheit, ihre Kin-der auf eine westliche Schule zu schicken, und wie weit-hin sich seine Missionsschulen bei den Chinesen eines guten Rufes erfreuen, zeigt die Tatsache, daß z. B. 1906 unter den mehr als 100 Schülern des Evangelisch-pro-testantischen Missionsvereins 30 aus anderen Provin-zen stammten und zum größern Teil Söhne chinesischer Beamten waren.«