Auch von Indien gibt es eine Reisemöglichkeit nach Deutsch Ostafrika. Die Deutsche Ost-Afrika Linie unter-hält eine Verbindung zwischen Ostafrika und Indien. Richard Kaundinya, der 23 Jahre lang eine eigene Baum-wollplantage in Indien betrieb, siedelt 1907 nach Deutsch Ostafrika über, um dort eine neue Baumwoll-plantage aufzubauen und beschreibt seine Überfahrt: »Zwei Tage und zwei Nächte hatte ich mit der Eisenbahn zu fahren bis Bombay, wo ich mich auf einem Dampfer der Deutsch-Ost-Afrika-Linie einschiffte.
Es war ein ganz kleiner unansehnlicher Dampfer Soma-lia, nur 3700 Tonnen. Der Kapitän begrüßte mich lie-benswürdigst.
Die Monsoon war wenige Tage vorher losgebrochen; der Sturm peitschte den niederströmenden Regen. „Wir werden eine schlimme Überfahrt bekommen,“ meinte der Kapitän, „Sie haben Kurage; Sie sind der einzige Passagier; kein Mensch reist um diese Zeit. Werden Sie seekrank?“ „Bei unruhiger See leider ja.“
Die Kabine konnte ich mir aussuchen und machte es mir bequem; Platz hatte ich ja. — Am nächsten Tag ging es los.
Das fing schön an! O Gott, war das eine Reise! Schon im Hafen von Bombay suchte der Lotse fast 24 Stunden vergeblich, das Dampferchen aus dem Hafen herauszu-bringen. Der Sturm macht es unmöglich.
Endlich waren wir draußen auf dem freien Meere; die heimatlichen Gestade entschwanden allmählich. —
Ich konnte sagen: „Hast manchen Sturm erlebt“; aber dies war doch die fürchterlichste Seereise, die ich je gemacht. Unser kleiner Dampfer wurde von den Wellen hin- und hergeworfen; oft war er buchstäblich wie in ein tiefes Tal versenkt; ringsum sah ich die Berge der Was-sermassen direkt über mir und dem Dampfer hängen; sie schienen auf denselben herabzustürzen und ihn in die Tiefe zu reißen. Aber schon wurde er wie von un-sichtbaren Händen gehoben; die Wasser schoben sich unter das Schiff und im nächsten Augenblick tanzte es schon lustig hoch oben auf dem Wellenberg und senkte sich wieder zu Tal; und jetzt drangen riesige Sturzwellen über dasselbe herein und wuschen alles mit fort, was nicht niet- und nagelfest angekettet war.
So jämmerlich wie auf dieser Fahrt fühlte ich mich im Leben nie; ich wollte mich schämen über diese Hilf-losigkeit und schleppte mich zum Kapitän, um auf an-dere Gedanken zu kommen. Doch sogar dieser Seebär war seekrank und ebenso die Schiffsoffiziere. Da brauch-te ich Landratte mich nicht zu schämen. Alle waren sie nur noch Jammergestalten; ein Wunder, daß sie ihren Dienst verrichten konnten.
So ging es 13 Tage lang, ohne je Land zu sehen; oben jagten sich die grauen Wolken, unten kämpfte unser tapferer kleiner Dampfer mit den tobenden Wellen. Sonst nichts zu sehen.
Endlich kam die afrikanische Küste in Sicht. Das Meer wurde etwas ruhiger. Der Dampfer hielt vor Lamu in Britisch-Ost-Afrika mit drei Tagen Verspätung. Dann ging es noch vier Tage der Küste entlang. Passagiere stiegen ein und aus.
Das Leben auf dem Dampfer wurde nun interessanter; noch mehr das für mich gänzlich neuartige afrikanische Leben an den verschiedenen Hafenplätzen, wo jede Stunde benutzt wurde, um an Land zu gehen und neue Eindrücke in sich aufzunehmen.
Daressalam! Endlich!
Es war eine wundervolle Einfahrt in den Hafen von Daressalam, der mit Recht für einen der schönsten der Welt gilt, morgens früh mit Tagesanbruch bei leuchten-dem Morgenrot und schönem klaren Wetter. Als der Dampfer hielt, hatte bereits die Sonne Afrikas die weit sichtbaren neuerbauten Kirchtürme und die Dächer der großen Regierungs- und Geschäftsgebäude der Stadt mit strahlendem Gold überzogen, in welchem auch die Kronen der Kokospalmen, die die Stadt umrahmen, erglänzten. Überwältigend war der Anblick, beruhigend in seiner Lieblichkeit für das in Erwartung pochende Herz! Dar-es-Salam! „Ort des Friedens!“
Der Dampfer hält. Mit Gesundheits-, Hafen- und Zoll-beamten werden die Formalitäten rasch erledigt. Agen-ten kommen an Bord und übernehmen die Besorgung des Gepäcks und Unterkunft im Hotel. Auf Wiederse-hen, Herr Kapitän! Leb’ wohl, kleine Somali; du hast dich tapfer gehalten!
…
Im Zoll gab es keine Schwierigkeiten; das Gepäck ent-hielt nur Gegenstände für meinen persönlichen Ge-brauch. Nur die Einfuhr der mitgebrachten Gewehre und Munition erforderte Formalitäten, die Lösung eines Waffenscheines. Auch dies erledigte sich glatt, denn Waffen muß jeder Europäer in Afrika besitzen.«