Im Oktober 1913 besucht Georg Escherich die Urwald-station Akoafim bei seinem Zug mit einer Expedition von hundert Leuten durchs Land. Escherich:
»Frisch weiter geht der Marsch. Die Stimmung der Leute ist trotz der schweren Regengüsse, die nun tagtäglich niederprasseln und das Gelände zum Teil überschwem-men, eine frohgemute. Die schweren Regen, die im spanischen Gebiete [Spanisch Muni] der Expedition wohl verhängnisvoll geworden wären, können uns jetzt nichts mehr anhaben, da die Wege in sumpfigem Ge-lände dammartig erhöht und alle Wasserläufe fest überbrückt sind. Dann und wann zeigt sich sogar im Wegebau ein gewisser Luxus, da die festen Wegränder beiderseits auch noch mit sauberem Ziergras eingefaßt sind.
Wo blieb nur das Maultier solange, das mir die Station Akoafim entgegenschicken sollte? … Nun hatte ich also das ersehnte Reittier…
Akoafim heißt das Ziel meines heutigen Marsches. Es ist seit kurzem der Sitz einer Station, nachdem der ehe-malige dort eingerichtete Posten durch Zuteilung von größerem Gelände aus Neukamerun eine bedeutende Erweiterung erfahren hatte. [Im Januar 1913 wurde der Bezirk Iwindo aus dem Postengebiet von Akoafim des Bezirks Ebolowa und großem Neukameruner Gebiet gebildet, mit dem Sitz des Bezirksamtes in Akoafim, das auch an das Kameruner Telegraphennetz angeschlossen ist.] Oberleutnant Cleve, der an Stelle des beurlaubten Stationschefs dessen Geschäfte wahrnimmt, kommt mir entgegengeritten. … Bevor wir zur Station gelangen, macht mich Herr Cleve auf ein merkwürdiges Etwas aufmerksam, das ich mir im ersten Augenblicke gar nicht erklären konnte. Aus dem Blätterwalde ragt eine glatte, schwarze Halbkugel hervor, die der Form nach der Hälfte eines Riesenballons gleicht. “Ako” heißt Fels in der Landessprache, und dieser Fels gab der Station den Namen. …
Die Station Akoafim machte in jeder Hinsicht einen ausgezeichneten Eindruck. Das Stationsgebäude selbst ist ein gut gebautes Buschhaus, das durch seine Bret-terböden und Glasfenster schon eine nicht gewöhnliche Verfeinerung zeigte. Auch das Post- und Kanzleige-bäude, das Unteroffiziershaus, das Doktorhaus und Hos-pital zeigen die gleiche saubere Ausführung und zweck-mäßige Einteilung. Ebenso die Wirtschaftsanla-gen wie Stall, Schreinerwerkstätte, Ziegelei und Garten.
Im Fluge waren die Tage verflossen, und der letzte Abend brachte bei Sonnenuntergang noch einen Spa-ziergang mit meinem liebenswürdigen Gastgeber zum großen Stein. Als die gewaltige, schwarz glänzende Felsenkugel zwischen den mächtigen Urwaldriesen durchschimmerte und wir das Schlafengehen der lär-menden Vogelwelt verfolgen konnten, da war unsere Seele befangen von dem Zauber des afrikanischen Urwaldes, von dem mächtigen Eindruck unberührter Natur.
Die nächsten Tage brachten den gewohnten, langwei-ligen Marsch durch den Wald. In den Dörfern, in denen wir rasteten, sah ich zum erstenmale die von den Bezirksverwaltungen eingerichteten Europäer-Rasthäu-ser. Sie sind gewissermaßen die ursprünglichsten An-fänge von Hotels und bestehen aus einzimmerigen aus Buschmaterial hergestellten Hütten, die bestenfalls noch einen verandaähnlichen Vorbau haben. Meist sind noch ein oder mehrere kleine Hütten daneben als Unterkunft für die schwarze Begleitung und als Stall für die Reittiere. War die ganze Einrichtung auch nur buschmäßig, so hatte man doch wenigstens ein Dach über dem Kopfe und brauchte nicht Tag für Tag das Zelt aufzuschlagen. Die ganzen Anlagen standen unter dem Schutz der Bezirksverwaltung, die den Dorfältesten ver-pflichtete, sie in sauberem und stets gebrauchsfähigem Zustande zu halten. Solche Rasthäuser sind an den meisten der größeren Straßen angelegt, und zwar in Dörfern, die sich besonders als Nächtigungsplatz für eine Karawane eignen.
Meine Aufgaben zwangen mich freilich sehr oft, abseits der Hauptroute, in kleineren Dörfern zu nächtigen.
…
Es ist heute wieder ein anstrengender Marsch, und wir sind froh, nach sechs Stunden in einem kleinen Busch-dorfe Lager schlagen zu können. Da trifft auch schon eine Flaggenpost ein, mit der mir Herr Cleve nach-träglich eingetroffene Telegramme sowie einen Korb frischen Gemüses übersendet. Unverhältnismäßig kurze Zeit, weit weniger als die Hälfte unserer Marschzeit, hatte laut Abgangszettel die Post gebraucht, mich zu erreichen. Der Postläufer trägt mit dem Briefe eine kleine schwarz-weiß-rote Flagge in der Hand und über-gibt beides dem dazu bereits bestimmten weiteren Läufer. Da die Flaggenpost, wenn nötig, auch in der Nacht gehen muß und nur kräftige fußstarke Leute dazu ausersehen sind, werden unglaublich kurze Zeiten erzielt.«