Das Deutsche Kolonial-Lexikon über:
»Baturi, Ort des Kakahäuptlings gleichen Namens, liegt am mittleren Kadei in Kamerun. Es liegt eben außerhalb des Urwaldsgürtels bereits im welligen Grasland. Die Umgebung ist sehr volkreich. Früher befand sich dort eine Faktorei der Companie La Haute Ssanga. Später wurde ein Militärposten dorthin verlegt. Baturi liegt an der schiffbaren Strecke des Kadei. Es wird bewohnt von Kaka, die aber Sitten und Gebräuche der Haussakolonie angenommen haben. Der Kautschukbestand der Umge-bung ist fast vollständig erschöpft.«
Emil Zimmermann ist mit seiner Frau Mitte Mai 1912 mit seiner Expedition auf dem Weg nach Neukamerun in Baturi. Zimmermann: »Der Posten Baturi ist auf dem Platze der alten französischen Faktorei errichtet worden, die bis zur Grenzregulierung von 1907 da bestand und den Platz räumen mußte, nachdem das linke Kadeiufer bis zum Bumbe II deutsch geworden war. Der Posten ist also noch sehr jung, aber es ist tüchtige Arbeit geleistet worden. Farmen sind angelegt; der jetzige eifrige Pos-tenführer baut Reis, Erdnuß, hat eine kleine Kautschuk-plantage geschaffen, so erhält sich Baturi fast vollstän-dig aus eigener Arbeit. Eine Menge guter Wege sind durch freiwillige Arbeit der Dörfer entstanden; so ziem-lich ohne Geldausgabe ist auch die Station gebaut wor-den, wie sie jetzt besteht. Baturi ist auf einem Berge gelegen und ganz offen; es gibt bis jetzt kein festes Haus, nur sogenannte Buschhäuser, aus Stämmen, Bambus, Baumrinde gebaut und mit Blättern der Raphiapalme gedeckt. Die Häuser stehen um einen großen vier-eckigen Hof; einziger Schutz der Station sind dichte Agavenhecken, die die Anlage umziehen. Jetzt soll ein erstes festes Haus für Aufnahme der Munition und Stationskasse aus Ziegeln erbaut werden. Unterhalb der Station liegt die Haussa-Stadt mit großem Markt, auf dem lebhaft gehandelt wird, weiter ab wohnen die Eingeborenen in ihren großen Dörfern. Neben den Kakas haben sich Yanghere, Baias und einige Njem-Leute angesiedelt.
…
Wir blieben 2½ Tage in Baturi, besichtigten die Anlagen, die große Haussa-Stadt, dann vor allem das Dorf Bas-saris, in dem bis 1910 der alte Baturi herrschte.
Vielleicht hat es ihm und andern Kakas nicht gefallen, daß sie unter straffe deutsche Herrschaft kamen; im Jahre 1910 erschienen die Kakas jedenfalls unsicher. Es hieß, daß am Zusammenfluß des Kadei mit dem Dume Unruhen ausgebrochen sein sollten; auf die Nachricht hin marschierte der Postenführer von Baturi mit 30 Soldaten dahin ab. Auf Station Baturi blieben nur zwei Weiße und 15 Soldaten zurück. Im Dunkel der Nacht schlichen da Baturi-Leute auf den Stationsberg und schossen in die Wohnungen der Weißen. Die Folge war ein längerer Kampf, in dem Baturi fiel; sein Bruder Dambura entfloh mit einer Anzahl Leute auf fran-zösisches Gebiet und baute sich hart am Bumbe II an.«
Am 24. Mai erreicht Zimmermann mit seiner Karawane die Grenze zu Neukammerun:
»Da lag das erste Stück von Neu-Kamerun im Glanze der Vormittagssonne vor uns, ein welliges, grünes Grasland mit sehr lichtem Baumbestand. Weit schweifte der Blick hinein in das ersehnte Neuland, nach dem hin wir sechs saure Wochen unterwegs gewesen waren. An einem Bergkegel, von einem Eingeborenendorf gekrönt, blieb das Auge haften. Seit Baturi — seit drei Tagen — die erste menschliche Ansiedlung, das war immerhin ein Ereignis. Langsam holte ich meine Karawane, die etwas vorausgegangen war, auf. Die Träger hatten die Lasten abgesetzt und lagen schwatzend im Grase. Allein der Führer meiner Soldaten, ein schwarzer Unteroffizier, machte ein etwas ernstes Gesicht.
„Dort ist das Dorf von Dambura, Herr,“ meldete er, „der Bumbe fließt unterhalb. Zwei Stunden oberhalb liegt ein Baia-Dorf am Flusse. Willst du nicht lieber dorthin mar-schieren?“
Ich überlegte eine Weile; meine Leute wurden nun doch aufmerksam und hörten mit der lebhaft geführten Unterhaltung auf. Plötzlich ein Ruf in dem allgemeinen Schweigen: „Sie brennen das Dorf ab.“
Richtig, Flammen züngelten auf dem Berge empor, eine, zwei, drei, vier. Aufregung entstand unter den Leuten; denn auf dem Berge wohnte Dambura mit seinen Man-nen, der Bruder des 1910 gefallenen Kaka-Häuptlings Baturi. Dambura war landflüchtig, und er mochte wohl annehmen, daß ich mit Soldaten im Anmarsch sei, ihn zu fangen.
„Master,“ sagt einer meiner Boys, „im Baia-Dorf wird eine Fahne aufgezogen.“
Ich sehe durchs Glas. Richtig, die Trikolore geht hoch. Der Boy hat scharfe Augen.
Alle Leute sehen in Aufregung nach mir; sie fühlen, eine unter Umständen folgenschwere Entscheidung steht be-vor.
Ich überlege lange. Von Zurückgehen war natürlich keine Rede. Es handelte sich nur darum, ob wir die Grenze bei Damburas Dorf oder angesichts des Baia-Dorfes überschreiten sollten.
„Wie du es für gut befindest, so gehen wir“, sagte meine Frau, die ich fragend ansehe.
Ich rufe die Soldaten zusammen. „Wir gehen nach Damburas“, entscheide ich. Droht Gefahr, so ist es das Beste, ihr direkt entgegenzugehen. Der schwarze Unter-offizier nickt; „so ist es das Beste, Herr“, sagte er.
Ich lasse zwei Soldaten bei meiner Frau zurück mit dem Auftrage, sofort die ganze Karawane zurückzuführen, wenn ein Schuß fallen sollte; mit dem Unteroffizier, dem anderen Soldaten und meinem besten Boy rücke ich vorsichtig vor.
Drei fremde Leute verschwinden bei einer Wegbiegung im hohen Grase. Wieder stehe ich unschlüssig; das Herz klopfte doch etwas. Da hinten mein Weib mit der ganzen Karawane; was wird, wenn mir etwas zustößt?
Eine Hand legt sich zögernd auf meinen Arm, „Zurück können wir nicht mehr, Herr“, sagt der schwarze Unter-offizier.
Ja, der Mann hat recht, fühle ich. Schwanke ich jetzt noch, dann geht das Vertrauen meiner Leute verloren, und in der Gefahr, wenn sie kommt, stehe ich allein. Und alle Bedenken schwinden, entschieden geht es vorwärts.
Einige Tage später stand Dambura in Gaza als bittender Flüchtling vor uns. — — — «
»Dambura, angetan mit dem Gewände der Haussa-Großen, vom Marsche sichtlich ermüdet, begann damit, daß er seine und seiner Leute Flucht bei meinem Nahen entschuldigte. Es wäre ihm gesagt worden, die Deut-schen würden ihn hängen, wenn sie ihn bekämen, sagte er; deshalb sei er bei meinem Kommen, und weil ich Soldaten bei mir gehabt hätte, entflohen.
„Du hast Häuser abgebrannt,“ entgegnete ich, „weißt du nicht, daß man das nur tut, wenn man Feindseligkeiten beabsichtigt?“
Einige seiner Leute hätten in der ersten Verwirrung gebrannt, gab Dambura zur Antwort; er hätte das Bren-nen dann sofort untersagt.
„Und“, fuhr er fort, „wäre ich hier, wenn ich Böses beabsichtigt hätte? Und wohin soll ich fliehen? Ich weiß, die Deutschen nehmen jetzt alles Land bis weit über den Mambere.“
„Was willst du nun von mir?“ fragte ich.
„Du bist kein Kriegsmann,“ kam die Antwort; „ich will mich stellen. Ich habe vor zwei Jahren nichts Böses getan.“
„Wenn du nichts Böses getan hast, wird dir nichts geschehen. Ich weiß aber, daß ihr auf den Stationsberg von Baturi gegangen seid und bei Nacht in die Häuser der Europäer geschossen habt. Ihr habt Krieg machen wollen.“
„Herr,“ entgegnete Dambura, „das Dorf meines Bruders Baturi ist ein sehr großes Dorf gewesen. In einem sol-chen Dorfe sind immer Leute, die dem ,King‘ (Sultan) nicht Freund sind. Wenn die bei Nacht trouble (Un-ruhen) machen, wie soll der ,King‘ das verhindern? Nachher heißt es, der ,King‘ ist der Anstifter gewesen.“
…
Es stellte sich immer deutlicher heraus, daß nur die Todesangst den Mann zu mir getrieben hatte. Vor dem Militär hatte er Furcht, und er lief nun dem ersten Deutschen nach, von dem er annahm, daß er Zivil-beamter wäre.
Der ganz stattliche Mann mit dem offenen, intelligenten Gesicht tat mir leid, aber was sollte ich tun? Ich gab ihm schließlich ein Papier des Inhalts, daß er sich habe stellen wollen, selbst in Baturi, aber auf meinen aus-drücklichen Rat auf seinen Platz am Bumbe II zurück-gekehrt wäre. Dazu ließ ich ihm einschärfen, daß die Bescheinigung weiter keinen Wert für ihn habe als lediglich den einer Legitimation bei dem kommenden deutschen Befehlshaber in Gaza oder Carnot, dem er sich stellen möge. Er würde vielleicht vor ein Gericht gestellt, aber nicht ohne Untersuchung verurteilt wer-den.
Dambura war trotzdem sehr dankbar.«
Erich Robert Petersen ist im August 1914 in Baturi:
»Der Posten Baturi liegt eine kleine Marschstunde öst-lich des Kadeis auf einem Berge. Ringsum erstreckt sich flaches Grasland, aus dem sich nur fern im Nordwesten die beiden Felskegel Pandi und Pindi wie zwei Wächter erheben. Das aus Backsteinen erbaute zweistöckige Hauptgebäude hat burgähnlichen Charakter; Schieß-scharten und die Plattform auf dem Turme deuten daraufhin, daß man bei der Errichtung des Postens einen Überfall durch Aufständische für möglich hielt.«
Petersen fällt auch der »riesige Stationshof« auf. »In Baturi herrscht Polizeimeister Schauf, ein lebensfroher, aber auch energischer Rheinländer.« Er ist ein alter Südwester, der auch die Kriegszeit in Deutsch Südwest-afrika mitgemacht hat.
Gegen Anfang November 1913 ist Georg Escherich mit seiner Expedition auf dem Weg nach Baturi. Zu dieser Zeit ist Leutnant Bachmann Postenführer des Offiziers-postens Baturi. Escherich::
»Bei Baturi ist der Kadei zu überschreiten. Ein breiter, reißender Strom, der zumal jetzt, zur Hochwasserzeit, nicht ganz leicht zu passieren ist. Mehrere bis zu zwanzig Meter lange Kanus, die aus gewaltigen Urwaldstämmen herausgearbeitet sind, stehen uns zur Verfügung. Die schwankenden Einbäume, mit einem Dutzend Leuten und schwerem Gepäck bis an die Grenze ihrer Trag-fähigkeit belastet, verlangen völlige Ruhe der Insassen und große Geschicklichkeit des Fährmanns, um nicht in der starken Strömung zu kentern. Ich hätte nicht ge-glaubt, daß alles so glatt abginge, und war herzlich froh, als das letzte Kanu das jenseitige Ufer erreicht hatte und kein Unglück geschehen war.
Drüben warten auf freiem Platze die drei Häuptlinge von Baturi, die zum festlichen Empfang entgegengezogen waren. Der Haussahäuptling in malerischem, reichem Kleide, daneben der Bajahäuptling und als dritter der Kakahäuptling. Alle zu Pferde und in ihrem Feststaate, von Reitern und Fußvolk begleitet. Da ertönen von wei-tem schon wieder Trommeln. Es ist Leutnant Bach-mann, der mit großem Gefolge uns einzuholen kommt. … Wir reiten zur neuen Feste, die im Rohbau bereits halb eingedeckt ihrer Vollendung harrt. Nichts beson-deres ist an dem einfachen Bauwerk zu sehen, und doch ist es wieder eine hervorragende Leistung unserer deut-schen Schutztruppe. Vom Entwurf an bis zum heutigen Zustande wurde alles von den dorthin kommandierten Offizieren mit ihren Unteroffizieren und schwarzem Hilfspersonal gefertigt. Kein gelernter Baumeister, kein Maurermeister stand zur Verfügung, und, was noch bemerkenswerter ist, nahezu kein Geld. Die Ziegel und Dachplatten wurden da gebrannt, die Soldaten und die Gefangenen* (*Eingeborene, die wegen eines schweren Vergehens mit längerer Freiheitsstrafe bedacht waren.), unter denen sich glücklicherweise ein tüchtiger Zim-mermann befand, stellten die Arbeiter. …
Im Kakadorfe ist heute großes „Männer-play“. Leutnant Bachmann will es mir zeigen. Ganz versteckt in dem weit über mannshohen Grase ist ein freier Platz gesichelt. Dorthin führt vom Dorfe aus ein „Grastunnel“. So nur kann man den engen, getretenen Pfad durch das Gras-meer nennen, über den die hohen Graswände oben wie-der zusammenschlagen. Etwa 50 Männer aller Alters-tufen haben sich zum Feste versammelt. Zwei lange Holzrinnen, auf Holzgabeln gestützt, ersetzen die Holz-trommeln. Beiderseits stehen dicht gedrängt die Män-ner und schlagen wie rasend mit kurzen Stöcken darauf los. Auch ein paar Felltrommeln sind in Tätigkeit, dazu ertönt ein rhythmischer, aber ziemlich eintöniger Ge-sang. Alles ist mit Eifer bedacht, sich an dem Spektakel zu beteiligen. Kein Zweifel, die Leute sind mit ganzem Herzen bei der Sache und fröhlich bis zur Ausgelas-senheit. …
Abends sitzen Bachmann und ich vor der Feste und genießen den herrlichen Ausblick auf das zu unseren Füßen liegende friedliche Tal. Da und dort steigt Rauch aus den Hütten, wo die Hausfrau die einfache Pflanzen-kost bereitet, da und dort lodern im Freien große Feuer, die der Raucherzeugung halber zum Teil mit grünem Holze und Grasstengeln geschürt werden. Man versucht durch Rauch die gefährliche Tsetsefliege vom Hornvieh, von den Eseln und Pferden fernzuhalten, ein freilich nur sehr unvollkommenes Beginnen. In langen Streifen zie-hen die Rauchwolken durch das Tal und lagern sich da und dort wie schwere Nebelwolken auf dem weiten Grasmeere ein. Alles in allem, ein friedliches stim-mungsvolles Bild.«