Ukoko liegt in dem im November 1911 durch das Deutsch-Französische Kolonialabkommen von Frank-reich an Deutschland gefallene Gebiet Neukamerun. Es liegt an der Atlantikküste und ist eine deutsche Grün-dung als Sitz des Bezirksamtes für den neugegründeten Bezirk Muni und dient auch als Hafenplatz für den Weg in das Inland. Im April 1913 kommt Georg Escherich mit dem Regierungsdampfer Herzogin Elisabeth in Ukoko an und beschreibt die Neugründung: »Bis auf 500 m fährt der Dampfer vorsichtig lotend an das Land heran, dann fallen die Anker.
Das nahe Ufer steigt mehrere Meter über den Meeres-spiegel an. Oben steht auf freiem, gerodeten Platz ein großes Buschhaus, davor flattert auf hohem Maste die schwarzweißrote Flagge. — Ein Schilderhaus in deut-schen Farben und der eingeborene Soldat, der mit ge-schultertem Gewehr auf und ab schreitet, zeigen den amtlichen Charakter der Siedlung an. Wir sind am Ziele. Es ist Ukoko, der Sitz der Verwaltung des deutschen Munigebietes. Das Boot der Station, gerudert von kräfti-gen Jungen, bringt uns nach wenigen Minuten zum nahen Landungsplatze. Stämmige Schwarze tragen uns durch die hochaufspritzende Brandung an Land. Asses-sor Paul Eltester, der Leiter des deutschen Munibezir-kes, heißt uns willkommen.
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Tagaus, tagein klangen die Axthiebe der Soldaten und schwarzen Arbeiter im “Busch” von Ukoko. Es galt, den Wald zu lichten, Luft und Raum für die Stationsge-bäude und die sonstigen Anlagen zu schaffen. In kürzes-ter Zeit war die “Coco-Beach” aus ihrem Dornröschen-schlaf erwacht. An Stelle des undurchdringlichen Wald-gürtels entstanden auf der hochgelegenen Rodungsflä-che zunächst eine Anzahl von Buschhäusern, deren Wände und Dächer aus den regensicheren Raphiamat-ten hergestellt waren, dann folgten feste Steinbauten mit gutgezimmerten Türen, Fensterstöcken und wasser-dichten Wellblechdachungen. So war, als wir anfangs April auf dem freien Platze hinter dem vorläufigen Stationsgebäude unsere Zelte aufschlugen, Ukoko schon im besten Werden. Von früh bis abend wurde geschafft und gearbeitet: ein Vorbild deutscher Pflichterfüllung im fernen Urwalde.
Mit Morgengrauen schon geht es los. Das Hornsignal im Soldatendorf bringt Leben in das schlafende Ukoko. Aus allen Hütten kommen die Schwarzen heraus. Sie wissen, daß Säumigkeit nicht geduldet wird, und haben rasch Ordnung gelernt. Soldaten und Arbeiter eilen an ihre Sammelplätze. Hier wird Appell über die kleine Polizei-truppe, dort über die schwarzen Arbeiter gehalten. Äxte, Sägen und was sonst noch an Werkzeugen benötigt ist, werden ausgegeben und vermerkt. Abends muß alles wieder richtig eingeliefert werden. So gewöhnen sich die Schwarzen allmählich an Ordnung. Von dem kleinen Exerzierplatz hinter dem provisorischen Zollgebäude erschallen deutsche Kommandos zu uns herüber. Unter Leitung des Polizeimeisters, Herrn Schulz, wird dort stramm exerziert und langsamer Schritt geübt. Nicht weit davon am Waldrande ein anderes Bild. Hier sind Ziegelarbeiter damit beschäftigt, Backsteine aus Lehm und Sand zu schlagen und in den selbst angelegten Öfen zu brennen. Im Walde dahinter plagen sich zwei Brett-schneider redlich ab, aus einem gefällten mächtigen Urwaldriesen Bohlen und Bretter zum Hausbau zu schneiden. Wieder andere arbeiten in den Werkstätten als Schreiner und Zimmerleute mit mehr oder weniger Geschick. Die Tür- und Fensterstöcke, die sie zimmern, sowie die fertigen Tische und Stühle zeigen saubere Arbeit. Draußen im Busch ist ein Trupp mit Rodungs-arbeiten beschäftigt, um Platz zu schaffen für den Anbau von Lebensmitteln. Über alles aber herrscht Herr Eltes-ter mit seinen zwei weißen Beamten, und nichts ge-schieht, von dem er nichts weiß. Neben dem vielseitigen Außendienst, der Rechtsprechung, dem dienstlichen Verkehr mit den Kaufleuten und den vielen anderen Pflichten eines Bezirksleiters obliegt Herrn Eltester als weitere Zugabe auch noch die Erkundung und Erfor-schung, zum Teil sogar noch die Unterwerfung des neuen Gebietes. Eine Fülle von Aufgaben, die einen zielbewußten, energischen Mann fordern. Eltester war einer und hat in seiner freiwillig verlängerten Dienstpe-riode aus Nichts einen aufblühenden westafrikanischen Küstenplatz geschaffen. Er hat den wilden kriegerischen Pangwe endlich einmal das Fürchten gelehrt und Zucht und Ordnung in einen Bezirk gebracht, in dessen Inne-res sich die früheren Herren überhaupt nicht gewagt hatten!«
»Es war an einem schönen Maisonntag [1913], frühmor-gens in Ukoko, als die feiertägliche Ruhe durch lautes Wehgeschrei aus dem Soldatenlager unterbrochen wurde. Ein junges, hübsches Soldatenweib hat sich platt auf die Erde geworfen, krallt in wildem Schmerze mit den Fingern in den Sand und erhebt ein herzzerrei-ßendes Wehklagen. Da stürzt auch schon eine zweite aus einer Soldatenhütte und wirft sich ebenfalls laut klagend zu Boden. Vergeblich bemüht sich ihr kleines Mädchen um die trostlose Mutter. Die läßt sich nicht trösten, der Schmerz ist zu wild, zu tief. Was ist los? Mit Morgengrauen war ein Soldat hier eingetroffen, zerfetzt, zerschunden und zerrissen, mit tiefen, halbverheilten Wunden am Rücken und den Beinen. Mit letzter Kraft hatte er sich noch ins Lager geschleppt. Er war der ein-zige Überlebende der drei Postsoldaten, die vor einigen Tagen mit der neuen Europapost zur Grenzexpedition gesendet worden waren. Sie wurden nachts im Schlafe überfallen und gemeuchelt. Zwei waren tot, nur dem einen gelang es, schwer verwundet zu entkommen. Als er anderen Tages zurückkroch zur Mordstelle, da fand er nur noch die Reste der Kameraden. Hände und Füße fehlten, sie waren als besondere Leckerbissen von den fleischhungrigen Pangwes mitgenommen worden. Leu-te des Ojerkstammes waren die Täter gewesen.«
Im August 1913 verläßt Georg Escherich Ukoko wieder über See. Escherich:
»Allmählich verschwindet die Küste von Ukoko, das Sta-tionsgebäude mit dem Schilderhause, die weiße Pagen-stecher-Faktorei, das hübsche Woermann-Haus auf der Höhe.«