Der Generaldirektor der Siamesischen Eisenbahnen,
Luis Weiler:
»Dampfer Kleist, Golf von Suez, 26. Oktober 1910
Gestern morgen kurz nach Ankunft in Port Said über-brachte mir Herr Westenholz die betrübende Nachricht von dem am 22. Oktober erfolgten Tode des Königs von Siam. … Mir persönlich hat er so manchen Beweis seines Wohlwollens gegeben, so daß ich mich daran gewöhnt hatte, in ihm einen Gönner und Freund zu erblicken. Wenn auch in seinem Fühlen und Denken ganz ein Siamese, so verstand er dennoch die Eigenart der Europäer richtig zu beurteilen und ihre Mitarbeit bei der Entwicklung seines Landes in Anspruch zu nehmen. Dabei hatte er allen Grund, den Europäern Gram zu sein. Ein großes, fast ganz Hinterindien einnehmendes Reich hatte er von seinem Vater geerbt [1868]. Die Ländergier seiner europäischen Nachbarn [England und Frankreich] hat ihm wohl ein gutes Drittel seines Landes geraubt und ihm die Unterschrift ihn demütigender Verträge diktiert, ihm einem asiatischen Fürsten, der neben seinem Willen im Lande keinen anderen kannte. Die Selbstüberwindung, die er dabei ausübte, ist ein großer Zug in seinem Charakter. Er hat dadurch vermutlich seinem Lande einen größeren Dienst erwiesen als durch schneidige Unnachgiebigkeit den übermächtigen Gegnern gegenüber.«
Deutschland hat gegen Siam keine kolonialen Interes-sen, im Gegensatz zu Frankreich und England. Daraus ergibt sich für die deutsche Wirtschaft der Vorteil, das Siam deutsche Firmen bei der Vergabe von Aufträgen bevorzugt. Eben keine Macht auszuüben ist hier der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg. So ist seit der Gründung der siamesischen Staatsbahn 1890 immer ein Deutscher der Generaldirektor, beim Eisenbahnbau in Siam sind drei Dutzend deutsche Fachleute beschäftigt und viel Eisenbahnmaterial wird aus Deutschland geliefert.
Die deutsche Schiffahrt beherrscht den siamesischen Seehandel in einem Maße, daß die deutsche Kaufmann-schaft in Bangok sich über die hohen Frachtpreise durch die Monopolstellung des Norddeutschen Lloyd be-schwert.
Um den deutschen wirtschaftlichen Einfluß im König-reich Siam einzuschränken zwingt England 1909 dem König Verträge auf, die ihm weitere Gebiete in Malaya kosten und für die von Bangkok aus zu bauende Bahn in den Süden des Landes wird 1913 eine zweite Eisen-bahnverwaltung unter englischer Kontrolle eingerich-tet. Mit dem Druck seiner militärischen und politischen Macht versucht England dem auch in Hinterindien wirtschaftlich ständig stärker werdenden Deutschland entgegenzutreten.