Durch das Deutsch-Französische Abkommen vom 4. November 1911 vergrößert sich Kamerun bedeutend und in die neuen Kolonialgebiete werden Expeditionen zu ihrer Erforschung entsandt. Georg Escherich schreibt: »Im stillen hoffte ich, daß man sich dabei meiner erinnerte, und war hocherfreut, als Anfang des Jahres 1912 der damalige Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes, [Arthur] Zimmermann, der schon meinen frü-heren Expeditionen im Osten Afrikas Interesse entge-gengebracht hatte, mich als Expeditionsleiter in Vor-schlag brachte.
Einige Expeditionen waren bereits unterwegs, andere sollten noch folgen, darunter die forstliche, die gerade im Hinblick auf die außerordentlich hohe Bewaldungs-ziffer des neuerworbenen Gebietes von besonderer Bedeutung war. Ihre Führung wurde mir übertragen, und ich freute mich auf die neue interessante Aufgabe.
…
In dankenswerter Weise hatte die Botanische Zentral-stelle für die Kolonien in Dahlem der Expedition eine ausreichende botanische Ausrüstung zur Verfügung gestellt und später die Bearbeitung des mitgebrachten Materials übernommen.
…
Von Jugend an schon als Sammler von Insekten aus-gebildet, später als Jäger und Beobachter der höheren Tierwelt auf mehreren Auslandsreisen geschult, hatte ich gerade für den zoologischen Teil meiner Aufgabe so manches Rüstzeug mitgebracht. Dazu kamen meine guten Beziehungen, die mich seit Jahren schon mit dem Königlichen Zoologischen Museum in Berlin und seinen Leitern verbanden. Sie sicherten der Expedition nicht nur eine allen berechtigten Wünschen entsprechende zoologische Ausrüstung, sondern auch sonst noch jede denkbare Unterstützung. Ihnen habe ich es in erster Linie zu verdanken, daß es trotz mancher Schwierigkei-ten schließlich doch noch gelang, die Mitgabe eines geschulten Präparators zu erreichen. Herr Rabius vom Römermuseum in Hildesheim wurde vom Reichskolo-nialamt hierfür ausersehen. Leider gestatteten es die gesundheitlichen Verhältnisse des Herrn Rabius nicht, mich nach der Beendigung der Deutsch-Muni-Expedi-tion auch auf meinen weiteren Zügen durch Spanisch-Guinea und im Osten unserer Neuerwerbungen zu be-gleiten. So lag die ganze Last der zoologischen und botanischen Sammeltätigkeit gerade während des inte-ressantesten Teiles der Reise auf mir und meinem schwarzen Waldgehilfen Djange. Angesichts dieses er-schwerenden Umstandes freue ich mich heute noch ganz besonders über die verhältnismäßig umfangrei-chen Sammlungen, die Anfang 1914 dem Königlichen Botanischem Museum in Dahlem sowie dem König-lichen Zoologischen Museum in Berlin überwiesen werden konnten.
Da mein Reiseplan auch völlig unbekannte Gebiete umfaßte, so mußte ich mich zum mindesten auch noch mit dem einfachen Verfahren der Routenaufnahmen mittels Bussole und Uhr vertraut machen. Für die Höhenbestimmungen wurde meine geographische Aus-rüstung noch durch Siedeapparate, Schleuderthermo-meter und Aneroide ergänzt.
Es war nicht leicht gewesen, als Vorstand eines großen Königlich Bayerischen Forstamtes nebenher auch noch alle die vielen Vorbereitungen zu treffen.
…
Am 24. Februar 1913, spät abends war es, als ich in Hamburg endlich den Fuß auf die Planken der alten Alexandra Woermann setzte. Auf den anderen Morgen früh 4 Uhr war die Abfahrt festgesetzt. Es hatte also ein volles Jahr seit dem ersten Auftrage gedauert, bis die Ausreise stattfinden konnte. —
Hinter mir lagen Monate schwerster Arbeit. Namentlich die letzten Wochen mit ihrem steten Gehetze waren recht anstrengend gewesen. An tausenderlei mußte gedacht werden, und fast jeden Tag erhielt ich von Berufenen und Unberufenen neue Ratschläge über Ergänzung meiner Ausrüstung. Vor allem waren es die verschiedenen Gruppen der Herren Wissenschaftler, die mit ihrem begreiflichen Wunsche, die Expedition gerade für i h r Fach besonders zu interessieren, mich ausgiebigst in Anspruch nahmen und immer wieder mit neuen Aufträgen kamen. Wer war demnach froher als ich, daß mit dem Betreten des Dampfers ein Strich unter das Rückliegende gesetzt werden konnte! Von nun an konnte und mußte das ganze Sinnen und Trachten dem Kommenden zugewendet werde.
Mochte manches vergessen worden sein, es war nicht mehr zu ändern. In der Hauptsache hatte ich ja wohl, unter Zunutzemachung meiner Erfahrungen auf frühe-ren Reisen, das Richtige getroffen. Ich war sicher, für eine auch lange dauernde Expedition nach Zentralafrika gut gerüstet zu sein.
Vorbei war all der Ärger und die Erbitterung, die sich bei mir gerade in den letzten Tagen noch im Kampfe mit den bureaukratischen, die Vorbereitungen nur allzu-sehr erschwerenden Systemen angesammelt hatten.
…
Nach einer teilweise recht stürmischen Fahrt kommt am 3. März Madeira in Sicht, die sonnige, lachende Insel, mit ihrem großen Fremdenverkehr. Am Hafen stehen die allen Reisenden bekannten Ochsenschlitten, die uns im Galopp über die kieselgepflasterte Hafen-straße zum Hauptplatz bringen. Hinterher stürmen in vollem Lauf ein Dutzend Kerle, mit lautem Johlen und Schreien. Sie sehen im Fremden die willkommene Möglichkeit, ein paar Groschen zu erhalten, und er-reichen dies meist auch durch ihre Aufdringlichkeit ohne jegliche Gegenleistung.
Nur allzu rasch schwinden die wenigen Stunden des Landaufenthaltes. Die Dampfpfeife ruft uns zurück zur Alexandra.
Anderntags legen wir in Teneriffa an. Dasselbe Bild wie gestern in Madeira. Nur dauert der Aufenthalt hier etwas länger, da Kohlen übergenommen werden. Man geht gerne an Land und kehrt auch gerne wieder an Bord zurück. Weiter und weiter geht die Reise südwärts. Allmählich ist es warm geworden, man freut sich der Sonne und sucht sie auf. Mit Kap Verde aber wird es des Guten zuviel. Hier fängt schon die afrikanische Hitze an. Die Fahrgäste erscheinen in Tropenanzügen. Infolge des Harmattan ist die Atmosphäre mit Staub gesättigt, so daß die Sonne selbst nur schwach als kreisrunde fahle Scheibe sichtbar ist, und doch strahlt sie wie ein glühender Ofen gewaltige Hitze aus. Die See ist auf-fallend ruhig und fast spiegelglatt, wie meist an dieser Stelle des Übergangs vom Nordost-Passat zum Südwest-Monsun. Der Fischreichtum des Meeres scheint hier ein besonders großer zu sein. Da und dort kräuselt sich die Wasserfläche auf weite Strecken einzig und allein durch die Bewegung von Millionen kleiner Fische, die dicht unter der Oberfläche ziehen. Die bekannten “Tümmler” begleiten ab und zu das Schiff und ergötzen mit ihren gewaltigen, oft meterhohen Sprüngen die Passagiere.
Sonntag, den 9. März, berühren wir an der Küste von Französisch-Guinea in Konakry zum erstenmal den schwarzen Erdteil. Tags darauf geht unser Dampfer in Monrovia, der Hauptstadt der liberianischen Neger-republik, vor Anker. Das deutsche Kanonenboot Panther liegt auf der Reede. Es ist bereits seit Monaten hier stationiert, um den deutschen Schadensersatzansprü-chen, die aus einem Aufstande im Hinterlande stam-men, Geltung zu verschaffen. Unweit daneben liegt die “liberianische Flottille”. Sie besteht aus einer ehema-ligen englischen Yacht, die um billiges Geld gekauft und “armiert” wurde. Das “Kriegsschiff” macht einen recht heruntergekommenen Eindruck und soll nur in den seltensten Fällen fahrbereit sein, da es entweder an Kohlen fehlt, oder das schwarze Maschinenpersonal nicht zu finden ist.
Monrovia selbst ist eine hübsch gelegene Küstenstadt, die moderne Ansätze zeigt. Daran haben freilich weniger die schwarzen Herren des Landes als die Deutschen schuld. Überall deutsche Arbeit: deutsches Kabel, deut-sche Telefunkenstation mit hübschen sauberen Beam-tenwohnungen, deutsche Kaufhäuser.«
Nach einem zweiwöchigen Aufenthalt in Togo fährt Georg Escherich mit dem neuen Dampfer Lucie Woer-mann weiter nach Kamerun. Es ist der 29. März 1913. Escherich: »Nun liegt er dicht vor uns, der mächtige Kamerunberg, und unter seinen Füßen grüßen uns die weißen Häuser von Viktoria!
Es dämmert bereits, als wir weit draußen vor dem Hafenplatze Anker werfen. Boote stoßen vom Lande ab. Man muß schon das Glas zu Hilfe nehmen, so düster ist es inzwischen geworden. Das erste Boot ist das der Schiffahrtslinie, dahinter kommt mit wehender schwarzweißroter Flagge das deutsche Regierungsboot. Es bringt den stellvertretenden Gouverneur von Kamerun, Geheimrat Dr. Meyer, an Bord. Ist doch seine hübsche junge Frau mit der Lucie von Hamburg gekommen, um ihrem Gatten den Aufenthalt in Buea zu verschönern. Das hochgelegene gesunde Buea gestattet auch der weißen Frau ohne Schädigung ihrer Gesund-heit einen längeren Aufenthalt in den Tropen.
Den Abend verbringen wir noch an Bord. Am andern Morgen aber geht es mit Tagesgrauen aus den Betten. Wir müssen beizeiten an Land, um mit der kleinen Bahn der Westafrikanischen Pflanzungs-Gesellschaft Viktoria (W. A. P. V.) nach dem 43 Kilometer entfernten, im Massiv des Kamerunberges gelegenen Dorfe Soppo ge-bracht zu werden. Von dort ist Buea zu Wagen oder zu Pferde in etwa einer halben Stunde zu erreichen.
Viktoria im Morgensonnenschein ist ein herrliches Bild, wohl einer der schönsten Blicke an der ganzen West-küste. Kräftig legen sich die schwarzen Bootsjungen in die Riemen, und nach knapp einer Viertelstunde gehen wir im “Kakaohafen” an Land. Heute ist Sonntag. An diesem Tage ruht sonst jeglicher Bahnverkehr. Mit Rücksicht auf die Ankunft der Lucie Woermann jedoch wird eine Ausnahme gemacht. Der stets gefällige Direk-tor van de Loo der W.A.P.V. läßt heute zwei Personenzüge hintereinander laufen. Freilich besteht jeder dieser “Züge” nur aus einer Lokomotive, einem viersitzigen Personenwagen und einem Gepäckwagen. Alles, möch-te ich fast sagen, im Puppenstil. Im ersten Zuge sitze ich mit noch einigen Beamten und Unteroffizieren aus Buea. Der zweite Zug ist für Geheimrat Dr. Meyer reserviert. Er soll uns um 8 Uhr mit einer halben Stunde Abstand folgen. Die Fahrt geht in Schleifen und Kehren durch üppige Kakao-, Planten-[Kochbananen], Bananen- und Gummipflanzungen ziemlich steil bergan. Ab und zu genießen wir den herrlichen Ausblick auf den 4700 m hohen Kamerunberg, dessen Gipfel infolge des nächt-lichen Tornados einzelne Schneeflecken zeigt. Die klei-ne, schwache Maschine arbeitet mit Volldampf, um es überhaupt schaffen zu können. Wiederholt muß an-gehalten werden, um Wasser aufzunehmen. Mit Mühe und Not hatten wir so die größere Hälfte des Weges hinter uns gebracht. Die steilste Strecke war jedoch noch zu überwinden. Wird es wohl gelingen? Auch der schwarze Maschinist hat schweren Zweifel. 6 Personen und 4 schwere Schiffskoffer, das war zuviel bei dieser starken Steigung! Also sieht er nochmals seine Ma-schine gründlich nach, schlackt die Feuerung aus und legt tüchtig Holz und Kohle nach, um die nötige Dampfspannung zu erhalten. Da pfeift es dicht hinter uns. Der zweite Zug kommt heran. Er kann nun auch nicht weiter und hält wenige Meter hinter uns. D i e Gelegenheit läßt sich unser schwarzer Lokomotivführer nicht entgehen. Flugs holt er mit seinem Gehilfen zwei der schwersten Koffer aus dem Gepäckwagen, schleppt sie nach hinten und lädt sie trotz Widerspruches der anderen auf. Man muß sich zu helfen wissen. Nun mag’s gehen. Fauchend und pustend keucht die Maschine hinan bis zur nächsten Wasserstelle. Dort wieder die-selbe Geschichte. Unser Zug ist immer noch zu sehr belastet und muß abermals Gepäck abgeben an den nachfolgenden. Diesen Aufenthalt benütze ich, Herrn und Frau Geheimrat Dr. Meyer zu begrüßen. Sie bitten mich, in ihrem Wagen Platz zu nehmen. Gerne tue ich’s, doch wird dadurch das Belastungsverhältnis so sehr zuungunsten ihres Zuges verändert, daß es beinahe not-wendig geworden wäre, das Gepäck wieder zurückzu-schaffen.
Nach etwa dreistündiger Fahrt langt der “Express” end-lich an der Endstation der Eisenbahn, in Soppo, an. Die Herren der Schutztruppe sind versammelt, die Gattin des stellvertretenden Gouverneurs zu begrüßen, und so mancher Blumenstrauß wird der hübschen Frau mit herzlichem Willkommen überreicht. Auch Dr. Bücher, der landwirtschaftliche Referent, ist beim Empfange anwesend und nimmt sich sofort meiner in entgegen-kommendster Weise an. Der mit Blumen geschmückte Gouverneurswagen ist heute mit vier Maultieren be-spannt und wird vom Sattel aus gefahren. Hintendrein folgen Dr. Bücher und ich mit den anderen Herren zu Pferde. In steilen Kehren geht es bergauf, zunächst durch dichten Wald. Bald aber kommen wir auf eine große Lichtung, und vor uns liegt auf sanft ansteigen-dem Hange, fast wie ein oberbayerisches Gebirgsdorf anmutend, Buea, das Herz der Kolonie. —
…
Nur allzu kurz ist die Zeit für Buea gemessen. Am 3. April abends schon geht von Viktoria aus der Regierungs-dampfer nach dem Muni ab. Versäume ich ihn, so muß ich volle 4 Wochen bis zum nächsten Dampfer warten. … Gegen 10 Uhr vormittags geht am 3. April der Zug, der mich nach Viktoria bringen soll, in Soppo ab. Den ein-zigen viersitzigen Personenwagen teile ich mit meinen beiden in Buea angeworbenen schwarzen Expeditions-gehilfen. Mit großer Verspätung treffen wir endlich gegen 1 Uhr mittag im “Kakaohafen” ein. Der Regie-rungsdampfer Herzogin [Herzogin Elisabeth] liegt be-reits vor dem Zollschuppen. Ein Soldat des Bezirks-amtes überbringt mir die schriftliche Einladung des Bezirksamtmannes von Krosigk, sein Gast bis zur Ab-fahrt des Dampfers zu sein. … Spät abends lichtet die Herzogin die Anker. An Kribi und Kampo vorbei geht es entlang der bewaldeten Küste von Spanisch-Guinea zum Muni. Freitag, den 4. April, gegen 16 Uhr kommt die deutsche Muniküste in Sicht, mein Aufenthalts- und Arbeitsgebiet für die nächsten Monate.«
Im April 1913 bereitet sich Georg Escherich auf seine Expedition von Ukoko aus in den Urwald des Bezirkes Muni im Süden von Neukamerun vor. Escherich:
»Diese Tage haben mir aber meist nicht die erhoffte Ruhe, sondern erst recht viel Arbeit und Plackerei gebracht. War doch mit meinem Aufenthalte dort [in Ukoko] immer das leidige Ein- und Umpacken verbun-den, das in der Hauptsache von mir persönlich geleitet werden mußte. Gerade die Gepäckfrage ist, da man ja im Urwalde fast ausschließlich auf das angewiesen ist, was man bei sich hat, von größter Bedeutung. Jede Vergeß-lichkeit rächt sich schwer. So habe ich denn nach den ersten schlimmen Erfahrungen immer lieber selbst beim Packen geholfen. Der Schweiß, der dabei vergos-sen wurde, hat sich meistens gelohnt.
Sonst aber war ich fast immer im “Busch”, bald zu Fuß, bald im Kanu. Ich weiß wirklich nicht, was anstren-gender war: der Fußmarsch im sumpfigen Terrain oder eine lange Fahrt im schwankenden Boote. Zwölf Stunden im engen Kanu, unter einem notdürftigen Sonnendach zusammengekauert, bei einer Hitze, die mitunter 40 und mehr Grad Celsius erreicht, gehört gerade auch nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens.
Derjenige, der ein Reisewerk über den Muni schreiben will, würde am besten als Titel wählen: “Im Lande des Wassers”. Von oben der Regen, der so ziemlich jeden Tag den Marschierenden wenigstens einmal beglückt, von unten die Nässe des Bodens, der von zahllosen Sumpfstellen und Wasserläufen durchzogen ist, von innen die Nässe der Transpiration, die bei der drük-kenden feuchten Wärme doppelt ergiebig ist. Wer nicht selbst in regenreichen Monaten diese Gegenden bereist hat, kann sich keinen Begriff von den Beschwerden machen, die der Reisende dort zu bestehen hat. Keine Wege und Stege, nur elende Saumpfade, die an steilen Hängen so tief und schmal in den Lehmboden hinein-gewaschen sind, daß man Fuß vor Fuß setzen muß! Dabei nehmen diese Pfade mit merkwürdiger Sicherheit die zu überwindenden zahlreichen Höhen fast immer in der Richtung, des stärksten Gefälles. Ist man nun glück-lich oben, so geht es auf der anderen Seite in gleicher Weise zu Tal, um womöglich sofort wieder die nächste Höhe in steilster Richtung anzunehmen. Bergsteigen in dieser feuchten Treibhausluft und auf glitschigen Lehmpfaden ist keine wahre Freude. Ist man dann endlich auf kurze Zeit aus den Bergen heraus, so geht erst recht die Plackerei los. Die ebenen Teile des Munigebietes sind von zahllosen Wasserläufen und Sumpfstellen durchzogen, zu denen in den regenrei-chen Monaten auch noch ausgedehnte Überschwem-mungsflächen kommen. Mit wahrem Vergnügen pat-schen die eingeborenen Führer mit ihren bloßen Füßen in den nächsten Wasserlauf, und viele hundert Meter geht es meist darin weiter. Endlich kommt wieder das trockene Land. Kaum aber freut man sich darüber, festen Boden unter den Füßen zu haben, so geht es schon wieder hinein ins Wasser. Sumpf und Wasser, Wasser und Sumpf, das ist so ziemlich die einzige Abwechslung auf den Märschen durch die Niederun-gen. Den Eingeborenen macht das nichts aus. Im Gegenteil, sie lieben die Bäche als natürliche Wege. Die Bachläufe ersparen ihnen das mühevolle Auslichten der Buschwege, das Wasser kühlt und wäscht ihre nackten Beine. Das sandige Bachbett ist, was für ihre bloßen Füße besonders wertvoll ist, immer dornenfrei, also auch in dieser Beziehung besser als der trockene Weg. Kein Wunder, wenn der Eingeborene sich, wo immer mög-lich, des Bachlaufes als Weg bedient. So ist es keine Seltenheit, im Tage 20—30 Bachspaziergänge und Bach–übergänge machen zu müssen. Für den beschuhten und bekleideten Europäer ist dieses ewige Wasserpatschen nicht gerade angenehm. Er tut am besten, altes, zerris-senes Schuhwerk, in das das Wasser nicht nur hinein-, sondern auch wieder herauslaufen kann, anzulegen.
Noch unangenehmer als das ewige Wasserwaten ma-chen sich die vielen Sumpfstrecken bemerkbar. Beson-ders schlimm sind die “Raphiasümpfe”, wenn man so die ausgedehnten, vorwiegend mit den wertvollen Ra-phia vinifera bestockten sumpfigen Partien bezeichnen will. Ich habe sie genügend kennen und fürchten ge-lernt. Man versinkt in wenig Sekunden bis zur Leibes-mitte und weiter, wenn man die “Brücken”, das heißt die meist von uns selbst in den Sumpf geworfenen Holz-stücke, verfehlt oder wenn diese die Wucht des Schrit-tes nicht aushalten.
Daß unter diesen Verhältnissen der Gebrauch eines Pferdes oder Maultieres ausgeschlossen ist, liegt auf der Hand. Es heißt also, Kilometer für Kilometer zu Fuße stapfen, ein anderes Beförderungsmittel gibt es im Inneren noch nicht. Die Boot- und Kanufahrten haben mit dem Unterlaufe der Flüsse meist ihr Ende und kommen in ausgiebigerem Maße eigentlich nur für den Munifluß, den Noja und Temboni in Betracht. Für das gesamte Hinterland bleibt nur der Fußmarsch. Das er-schwert, da auch alle Lasten von Eingeborenen getragen werden müssen, die Durchführung einer Expedition un-gemein. Vor allem wegen der Trägerfrage, die im Muni-gebiete noch im argen lag. Während in Altkamerun die deutsche Verwaltung es in verhältnismäßig kurzer Zeit fertiggebracht hat, einen brauchbaren verlässigen von Stamm von Trägern heranzuziehen, hat im Munigebiet die französische Herrschaft vollkommen versagt. Nicht nur keine Wege, sondern auch keine Träger! Nur mit größter Schwierigkeit waren solche aus den Pangwedör-fern zu erhalten. Dabei mußte man damit rechnen, daß diese wilden, an keinen Zwang gewöhnten Burschen bei der nächsten Gelegenheit mit oder ohne Last im dichten Busche auf Nimmerwiedersehen verschwinden würden. Die Trägerschwierigkeiten im Muni waren derart, daß die vorgesehenen Erkundungsexpeditionen mit einem Stamm verlässiger Träger aus Altkamerun ausgestattet werden mußten. Sonst wären sie überhaupt nicht durch-zuführen gewesen.
Aber nicht nur in körperlicher, sondern auch in seeli-scher Beziehung geht eine längere Urwaldwanderung auf die Nerven. Nie habe ich etwas Eintönigeres, Freude-loseres mitgemacht als einen monatelangen Wald-marsch, auf dem man kaum weiter sieht als bestenfalls hundert Meter. Immer nur Wald und Wald, keine Wiese, keine größere freie Stelle, auf der man vom Alpdruck der Waldmassen zeitweise frei werden könnte. Wald, Wald und Wald von früh bis abends, wochenlang, monatelang. Man wird richtig “wald-krank”, hat nur Sehnsucht, endlich einmal aus diesem Halbdunkel herauszukommen, endlich einmal wieder dem Auge einen Fernblick zu geben. Umsonst quält man sich danach ab. Kein Ausblick weit und breit. Die Berge, die man erklimmt, gewähren ihn nicht, da auch sie bis obenhin mit hochschaftigem, aussichtshinderdem Wal-de bestockt sind, die Dörfer, die man antrifft, auch nicht, da für sie nur gerade so viel Urwald gerodet ist, das es knapp für die zwei Hüttenreihen und die dicht daran anschließenden schmalen Streifen der Plantenpflan-zungen reicht. Gerade so viel Platz, als man hierzu braucht, ringt die Axt dem Urwalde ab. Keinen Quadrat-meter mehr, so daß man auch nicht eine freie Stelle außerhalb des Dorfes findet, die groß genug wäre, das Zelt aufzuschlagen. Inmitten der Dorfstraße kommt es meistens zu stehen, und damit ist diese bei ihrer gerin-gen Breite immer mehr oder weniger gesperrt.
Eintönig wie der Wald, so auch die Dörfer, der Marsch und das Leben der Reisenden. Nur ganz wenig Jagd, die im Osten Afrikas fast täglich neue Abwechslung bringt, keine Zerstreuung auf dem Marsche, kein Vergnügen. Nichts als Plackerei und Arbeit von früh bis abends, vorausgesetzt, daß man die übertragenden Aufgaben gewissenhaft lösen will. Dazu niemals ein frischer Trunk, da man mit Rücksicht auf die Dysenterie nur abgekochtes, schales Wasser trinken darf.
Moskitos gibt es zwar weniger als in Ostafrika, dafür aber entsetzlich viele Sandfliegen, die einen Tag und Nacht plagen. Gegen sie hilft nicht einmal das moskito-sichere Netz. Die winzigen Quälgeister kommen überall durch und peinigen ihr Opfer zum Wahnsinnigwerden. Man möchte manchmal sich und ganz Afrika verwün-schen, wenn man an stark belegten Orten längeren Zeit weilen muß. Die Sandfliegen sind für den Reisenden schon deshalb noch unangenehmer als die Moskitos, weil sie ihn nicht nur am Abend und in der Nacht, sondern auch den ganzen Tag über plagen. Jede ruhige, sitzende Beschäftigung wird zur Qual. Sie peinigen den Schreibenden derart, daß er, um überhaupt weiterar-beiten zu können, qualmende Feuer um sich herum anzünden muß. Trotz der an und für sich schon mehr als genügenden Hitze. Und doch vermag auch dieses Mittel nicht völlig der Peiniger Herr zu werden. Einige finden trotz allem den Weg zur Haut, und bald sind Hände und Gesicht verunstaltet und mit brennenden roten Beulen überzogen. Es gehört unter diesen Umständen immer-hin ein gewisses Maß an Selbstüberwindung und Pflicht-gefühl dazu, die täglichen schriftlichen Arbeiten mit gleicher Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit zu erledi-gen.
Ein weiteres, sehr unangenehmes Leiden, dem k e i n Weißer, der dort längere Zeit täglich in Wasser und Sumpf gewatet hat, entgeht, sind die zum Teil recht schmerzhaften Ausschläge an Füßen und Unterschen-kel. Sie enden meist erst nach Wochen mit Abgehen der Zehennägel. Fast zwei Monate war ich mit derartigen eiternden Geschwüren behaftet, ohne mich auch nur e i n e n Tag richtig schonen zu können. Es hieß die Zähne zusammenzubeißen, wenn ich mit den am Abend vorher frisch verbundenen Füßen am nächsten Morgen schon wieder, und zwar meist gleich bei Beginn des Marsches, ins Wasser hinein mußte.
Eine mitunter recht empfindliche Plage sind die Sand-flöhe. Auch sie sind unvermeidbar, es sei denn, daß man es vorzieht, auch im Lager stets schweres, dichtes Schuhzeug anzubehalten. Andernfalls kann man mit Sicherheit darauf rechnen, daß sich diese kleinen Schmarotzer in die Zehen einbohren werden. Die bis erbsgroß werdenden Gäste hinterlassen in den Zehen mitunter schlimm eiternde Wunden. Mit großem Ge-schick verstand es unser tüchtiger Heilgehilfe Sala, mittelst zugespitztem Bambus die unerwünschten Ein-dringlinge immer noch rechtzeitig herauszustochern. —
Das sind nur die kleinen Leiden des Urwaldwanderers. Von den großen — Schlafkrankheit, Malaria und Dysen-terie — bin ich gottlob verschont geblieben.«
Der Forstfachmann Georg Escherich berichtet über seine mehrmonatige Expedition 1913 kreuz und quer durch das Munigebiet im Süden von Neukamerun:
»Bei den nicht gerade leichten Aufgaben der Probe-flächenaufnahmen wurde ich hervorragend durch den schwarzen Waldgehilfen Djange aus dem Stamme Ba-kundu unterstützt. Er hatte eine gewisse Schulbildung genossen, war auf der Oberförsterei Kamerun-West als Waldgehilfe ausgebildet und mir vom Leiter dieser Be-hörde, Forstassessor Wiech, überlassen worden. Djange galt als einer der besten Kenner der Kameruner Holz-arten. Freilich wußte er nur die Bakundunamen der Bäume anzugeben, doch hatte er ein Verzeichnis der Forstdienststelle mitgebracht, in welchem zu diesen Bakundunamen auch ihre wissenschaftliche Bezeich-nung aufgeführt war. Auf diese Weise war ich in der Lage, mit Hilfe Djanges die meisten Holzarten zu bestimmen. Unermüdlich war der flinke, fleißige und gut veranlagte Bakundu tätig. Er arbeitete nicht nur, weil er mußte, sondern auch, weil ihm die Arbeit Freude machte. Ihm verdanke ich in erster Linie, daß ich in verhältnismäßig kurzer Zeit ein wohl im großen und ganzen richtiges Bild über die Zusammensetzung des dortigen Waldes erhielt.
Es ist selbst für einen Fachmann am Anfang außer-ordentlich schwer, die große Zahl der sich in Stamm, Rinde, Blatt mehr oder weniger ähnelnden Holzarten des Kamerunwaldes auseinanderzuhalten. Erst nach wochenlanger Übung und eifrigem Sammeln von Blät-tern und Blüten gelang mir dies einigermaßen. Djange aber wußte meist schon auf den ersten Blick die Holzart zu benennen, und nur ganz wenige waren es, über die er nicht Bescheid wußte. Es ist selbstverständlich, daß seine Angaben, im Anfange wenigstens, von mir nicht ohne weiteres als richtig hingenommen, sondern häufig an den Blüten und Blättern nachgeprüft wurden. Sie waren aber stets richtig.
…
Diese rein forstlichen Aufgaben wurden ergänzt und unterstützt durch Anlage eines forstlichen Herbars, das unter Obhut des Herrn Rabius stand. Er weiß ein Lied davon zu singen, wie schwer es ist, in dem feuchten Urwaldklima eine Pflanzensammlung vor dem Ver-schimmeln zu bewahren und sie in brauchbarem Zu-stande nach Europa zu bringen.
Auch das Sammeln selbst war mitunter mit großen Schwierigkeiten verbunden. Da eine richtige Bestim-mung der Holzarten oft nur dann möglich ist, wenn nicht nur die Blätter, sondern vor allem auch die Blüten zur Verfügung stehen, mußte versucht werden, auch diese zu sammeln. Die aber saßen zuoberst in den Baumkronen, meist dreißig und mehr Meter über dem Erdboden. Gelang es nicht, das nötige Belegmaterial an gefällten Stämmen zu sammeln oder solches durch einen klettergewandten Eingeborenen von den Bäumen brechen zu lassen, so mußte bei den meisten Riesen-bäumen versucht werden, einen blütentragenden Ast herabzuschießen. Es ist dies viel leichter gesagt als getan, denn auch der beste Schütze braucht dazu mitunter ein Dutzend Kugeln und mehr, wenn es ihm überhaupt gelingt, den begehrten Ast zum Fallen zu bringen. —
Der Munibezirk ist, von der Meeresküste beginnend, ein e i n z i g e r zusammenhängender Wald. … Der Wald beherrscht alles und erstickt aber auch alles andere. Kaum wenige Hektar auf der ganzen über 4000 qkm großen Fläche sind vorhanden, die von Natur aus n i c h t Wald waren. Jede Fläche zur menschlichen Ansiedlung oder zur Anlage von Lebensmittelfarmen mußte dem Walde erst mühsam abgerungen werden.«