Am 12. Juni 1914 kommt der Kommandeur der China-Station der Royal Navy, Vizeadmiral Martyn Jerram, mit seinem Flaggschiff des britischen Ostasiengeschwaders, dem Panzerkreuzer Minotaur, zu Besuch nach Tsingtau und salutiert beim Einfahren in die Hafenstadt um 9.15 morgens der deutschen Flagge mit 21 Salutschüssen. An Land erwidert das deutsche Fort die Salutschüsse. Fast alle Schiffe des in Tsingtau stationierten deutschen Geschwaders sind aus Anlaß des Besuchs über die Toppen geflaggt. Das englische Kriegsschiff macht an der Mole II des Hafens fest. Empfangen wird Jerram vom Kommandeur des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders Vizeadmiral Maximilian Reichsgraf von Spee.
Abends ist die Hafenbucht illuminiert und ein prächti-ges Feuerwerk nach dem anderen wird vom Werftkai aus in den nächtlichen Himmel geschossen. Ganz Tsingtau ist auf den Beinen, um an den Festlichkeiten teilzunehmen oder sie sich doch wenigstens aus der Entfernung anzusehen. Bordfest auf der Minotaur, Frühstück auf dem deutschen Panzerkreuzer Gneise-nau, nachmittags Fußballspiel zwischen der deutschen und der englischen Mannschaft, abends großer Ball des Seebataillons. Golf und Tennis, dann Diner beim Gou-verneur der Kolonie und abends alkoholfröhliche Abende für die Offiziere. Gemeinsame Veranstaltungen für die englischen und deutschen Schiffsmannschaften. Schöne Tage für Deutsche und Engländer in Tsingtau. Am 16. Juni nimmt die Minotaur Abschied und auf See vor dem Hafen von Tsingtau salutiert der deutsche Panzerkreuzer Scharnhorst der Flagge des britischen Kommandeurs Vizeadmiral Martyn Jerram mit 15 Salut-schüssen, welche die Minotaur erwidert.
Jerram schreibt über den Aufenthalt seines Schiffes in Tsingtau: »Ausgezeichnete und echte Gastfreundschaft wurde mir und den Offizieren und Mannschaften gebo-ten. Ein sehr freundliches Gefühl besteht zwischen den britischen und den deutschen Schiffen auf der China-station und ich bedauere, daß Graf von Spee demnächst abgelöst wird wegen des Endes seiner Dienstzeit hier.«
Die einzige Überseestation Österreich-Ungarns ist Ost-asien. Dort steht der alte Kreuzer Kaiserin Elisabeth und liegt vor Tschifu als er am 21. Juli 1914 den tele-graphischen Befehl erhält »unauffällig nach Tsingtau zu gehen«. Am 24. Juli trifft der Kreuzer der Doppel-monarchie in Tsingtau ein. Die deutschen Offiziere in Kiautschou wissen sehr wohl, warum die Kaiserin Elisabeth Tsingtau angelaufen hat. Sollte es nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfol-gers und seiner Gattin am 28. Juni zu einem Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Rußland kommen, ist die alte Kaiserin Elisabeth den russischen Seestreit-kräften in Ostasien hoffnungslos unterlegen und soll beim deutschen Verbündeten Schutz suchen.
Auch die Emden bekommt Befehl wegen der politischen Krisenlage in Europa noch in Tsingtau zu bleiben und vorerst nicht nach Schanghai und Hankau zu gehen. Alle anderen großen deutschen Kriegsschiffe haben Tsingtau für ihre planmäßigen Reisen im Pazifik ver-lassen.
Mit dem Einlaufen der Kaiserin Elisabeth beginnen wieder eine Reihe festlicher Tage mit Bordfesten für die Besatzungen auf dem österreichischen Kreuzer und dem deutschen Kreuzer Emden, der eben als einziges großes deutsches Kriegsschiff noch im Hafen liegt. Für die Offiziere der beiden Kriegsschiffe gibt es Kasino-abende und nächtliche Bummelfahrten durch Tsingtau.
Der Berliner Ernst Kluge ist Sohn einer wohlhabenden Familie und geht nach seinem Abitur schließlich als „Kaiserlicher Einjährig-Freiwilligen-Gefreiter“ nach Kiautschou, um seinen Wehrdienst abzuleisten. Im Februar 1914 ist er auf dem Truppentransporter Patricia in Tsingtau angekommen. Als Einjährig-Freiwilliger, erkennbar an der »Einjährigen-Schnur« an seiner Uni-form, wohnt er nicht in der Kaserne, sondern auf eigene Kosten in einem Privatquartier. Dort wohnt auch eine britische Kaufmannsfamilie mit zwei Töchtern, »2 nied-liche Engländerinnen« wie Kluge schreibt, und wo es »in unserer Messe« auch ein Klavier gibt, das Kluge spielt.
Er hat gesellschaftliche Kontakte zu deutschen und englischen Familien in der Stadt und unternimmt an freien Tagen Bergtouren in den Lauschan, zum Beispiel vom Mecklenburghaus aus und genießt das Leben. Im Sommer ist er auch am Badestrand von Tsingtau, wo er manchen Tag »in fröhlicher Gesellschaft badend und flirtend erlebt«. Früher als in den Vorjahren sind un-gewöhnlich viele fremde Sommergäste in die deutsche Kolonialstadt gekommen.
Weiter aus seinem Tagebuch: »Am 29. Juli saßen wir [Soldatenkameraden] abends in Kimonos auf dem offe-nen Balkon und tranken Wein, denn es war mein Ge-burtstag. Wir hatten an dieser Stelle oft nach des Tages Hitze unter dem strahlenden tropischen Sternenhim-mel gesessen. Auch heute waren wir wieder sehr aus-gelassen, wir hatten Parole 63 [Bezieht sich auf die Zahl der Tage – 63 – die noch in Tsingtau an Militärdienst abzuleisten sind], Geburtstag und Wein.
…
Freitag [31. Juli] vormittag, nach dem Dienst, hörte ich ein Gerücht, daß heute die Infanteriewerke von je einem Zug besetzt werden sollten. Ich machte mich schleunigst aus dem Staube, um nicht eventuell diesem Zuge zu-geteilt zu werden. Da ich im Hause Telefon hatte, war es das Beste, nicht zu Hause zu sein; ich zog mich also um und fuhr [offensichtlich mit seinem eigenen Motorrad] zum Strand. Mit Wonne reckte ich meinen Körper in den kühlenden Wellen; wie schön das ist, kann nur der voll ermessen, der in den Tropen Soldat ist und nach dem Dienst bei 50° Hitze und dickem Staub ins Wasser steigt.
Aber Tsingtau ist nicht nur ein Bad für den Körper; schönheitstrunken blickt das Auge umher. Jenseits der wundervoll gefärbten Bucht steigt das zackige Perlge-birge [Deutsche Bezeichnung für den Lauschan] strah-lend und Einsamkeit verheißend empor, malerische Dschunken ziehen langsam über das ruhige Meer.«
Am Samstag dem 1. August 1914 findet im ›Strandhotel‹ wieder eine Reunion statt, also ein Tanzball.
In Tsingtau gibt es das Hauptpostamt und am Hafen das Zweigpostamt Großer Hafen. Mit der ständig wachsen-den Bedeutung des Hafens zieht auch mehr und mehr Geschäftsverkehr nach dem Hafenviertel. Damit ent-zieht das Postamt Großer Hafen dem Hauptpostamt einen erheblichen Teil des Dienstumfangs. Da aber der Verkehr für die abgehenden Schiffe über das vom Hafen entfernt liegende Hauptpostamt läuft, welches deshalb schon 1 bis 1½ Stunden vor Abgang der Dampfer die Abfertigung von eingehender Post für die Dampfer schließt, um selbige noch rechtzeitig auf die Dampfer zu bringen, wird von der Kaufmannschaft von Tsingtau eine Postabfertigung für die Schiffspost unmittelbar am Hafen gewünscht. Dafür reicht wiederum das Hafen-postamt nicht aus, weshalb für das Zweigpostamt Großer Hafen 1914 ein Neubau errichtet wird, der im Sommer 1914 seiner Vollendung entgegen geht und vor dem Bezug steht.