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Landverkehr I

Das Verkehrsmittel im Land für Personen und Frachten ist der Ochsenwagen. Er ist mit 10 bis 20 Ochsen be-spannt und legt täglich mit Lasten von 30 bis 50 Zent-nern 18 bis 35 km zurück. Der Bericht eines Soldaten über eine Militärkolonne – deren Ochsenwagen sich nicht von denen einer Handelsfahrt unterscheiden – im Jahre 1904 durchs Land von Windhuk aus:

»Schwerfällig, von den langen Ochsenreihen gezogen, rumpelten die großen Wagen dahin. Bald mahlten die hohen, schweren Räder im tiefen Sand; bald kletterte ein Rad über einen in der Spur liegenden Stein; in allen Teilen krachend und knirschend fiel der Wagen wieder in seine Lage. Schwarze Treiber liefen nebenher, schrien jeden Ochsen mit Namen an und klatschten mit der ungeheuren Peitsche, die sie mit beiden Händen ange-faßt hatten. Hinter jedem Wagen, der mit seinem Ge-spann wohl fünfzig Meter lang war, marschierte eine Sektion [Soldaten] in Staub und Sand, möglichst eben außerhalb der Wagenspur, das Gewehr über die Schul-ter gehängt, den Patronengurt um den Leib. … Das Ge-lände war meistens mit mannshohem Busch bestanden, der bald lichter, bald dichter war. So zogen wir in unend-lich langem Zug auf einem Weg dahin, der durch nichts als durch alte und neue Wagenspuren bezeichnet wurde. Bald stockte hier ein Wagen, weil das Geschirr der Ochsen in Unordnung gekommen war, bald da, weil ein Rad zu tief in ein Loch gefallen war, bald da, weil ein Ochse schlapp wurde und ausgespannt werden mußte.  

Die Sonne glühte gleich an diesem ersten Tag trocken und heiß. Der Weg war ziemlich hügelig. Dazu voll von großen Unebenheiten. Um elf Uhr, als die Hitze uner-träglich wurde, kamen wir zum Glück an einen schönen schattigen Platz und machten da Rast.«

Ein paar Tage später macht sich die Militärkolonne »mit wenigen und leichten Wagen« wieder auf den Weg. Dabei »zogen unsere dreißig mächtigen Kapwagen mit Proviant und Munition, und die leichten Geschütze, von je zehn bis vierundzwanzig langhörnigen Ochsen gezo-gen, von Schwarzen unter lautem Schreien getrieben. Zu beider Seiten des Weges war dichter oder lichter, grau-grüner Dornbusch mit knochenhartem Holz und finger-lang gebogenen Dornen, mannshoch, zuweilen zwei Mann hoch. In solcher Weise und durch solches Gelän-de sind wir nun Tag für Tag, Woche für Woche gezo-gen.«

Nachdem der Leutnant a. D. Edmund Troost 1904 vom Auswärtigen Amt die »Konzession zum Betrieb eines öffentlichen, gewerbemäßigen Gütertransportunter-nehmens mittels Motorwagen in Deutsch-Südwest-afrika« erhalten hat, bringt er zwei Lastzüge in die Kolonie, die jedoch vollkommen versagen. Der eine in der Namibwüste stecken gebliebene Wagen neben der Eisenbahnlinie wird vom Volkswitz „Tröster in der Wüste“ benannt.

Im Hererokrieg wird von der Schutztruppe die Straße südlich des Swakopflusses von Swakopmund nach Kari-bib und die 256 Kilometer lange Straße Okahandja-Waterberg geschaffen. Eine dritte Straße wird ab 1904 von Windhuk über Rehoboth, Gub, Gibeon nach Keet-manshoop und schließlich noch eine vierte zwischen Lüderitzbucht und Keetmanshoop hergerichtet. 

1906 erprobt man bei der Schutztruppe in Südwest zwei LKW von 3 t Gewicht mit Anhänger, aber die Straßen-fahrzeuge sind im unwegsamen Gelände von Südwest völlig unbrauchbar, da sie ständig steckenbleiben. Für leichtere PKW ist es einfacher mit den Wegeverhält-nissen zurecht zu kommen.

Vom Reichskolonialamt bestellt baut die Daimler-Moto-ren-Gesellschaft 1907 im Werk Marienfelde bei Berlin ein tropenfähiges Allradfahrzeug als Einzelstück. Im Mai 1908 wird das Fahrzeug nach Swakopmund verschifft und steht im Juni dem Staatssekretär des Reichskolo-nialamts, Bernhard Dernburg, bei seinem Besuch in Südwest zur Verfügung. Gleichzeitig dienen die Touren des Kolonialministers im Schutzgebiet der Erprobung des Automobils als Fortbewegungsmittel in der Kolonie. Zu diesem Zweck begleiten zeitweise weitere heckange-triebene Fahrzeuge von Benz und Daimler das Allrad-fahrzeug und zwar ein siebensitziger, weitgehend gepan-zerter Personenwagen von Benz und drei Lastwagen von Daimler. In einem Reisebericht heißt es über eine Etap-pe der Dernburg-Fahrt:

„Die 600 Kilometer lange Strecke von Keetmanshoop über Berseba nach Gibeon und dann von Maltahöhe, Rehoboth nach Windhuk wurde in vier Reisetagen ohne Unfall zurückgelegt. Das ist eine enorme Zeitersparnis, denn für die gleiche Strecke braucht ein geübter Reiter zu Pferde zwölf Tage.“

Dabei kann der Minister auch auf ein mobiles Kommu-nikationsmittel zurückgreifen. Das Fahrzeug, führt ei-nen Feldfernsprecher mit, der überall unterwegs an die Telegraphenleitung angeschlossen werden kann. Nach dieser Reise steht das Fahrzeug der Landespolizei in Deutsch Südwestafrika als ständiges Fortbewegungs-mittel zur Verfügung.

Zwei der Schutztruppe zur Verfügung stehende Perso-nenwagen mit 35-PS-Motoren haben bis 1912 insgesamt 60.000 km zurückgelegt. Allerdings müssen die Luftrei-fen vorn etwa alle 3500 km, hinten alle 1.600 km ge-wechselt werden. Die insgesamt guten Erfahrungen füh-ren dazu, daß der Gouverneur von Deutsch Südwest-afrika einen Vier-Zylinder-Mercedes-Wagen der Daim-ler-Motorengesellschaft geliefert bekommt.

Anfang 1914 sind in Südwest nur fünf motorgetriebene Straßenfahrzeuge vorhanden.