1902 fährt der Arzt Ludwig Külz mit dem neuesten Woermann-Dampfer, der Eleonore Woermann, nach Lome. Dort landet er vom Dampfer in einem Brandungs-boot und beschreibt seine Eindrücke:
»Am 30. Juli morgens verließen wie sechs Passagiere für Togo … unsern Dampfer. Die Bordkapelle spielte uns noch einen Abschiedsgruß, und zehn Minuten später fuhren wir durch die gefürchtete Brandung, die es gnä-dig mit uns meinte und uns leidlich trocken an Land kommen ließ. So standen wir wieder auf festem deut-schen Boden. Lome macht schon von der See aus einen überaus freundlichen Eindruck, und wenig erweckt in seinem Äußern die Vorstellung vom »dunkeln« Erdteil. Ich glaube nicht, daß sich einer der vielen, gleich großen Plätze der Westküste Afrikas an Sauberkeit mit ihm messen darf. Obwohl es verkehrt ist, so wird man sich unwillkürlich immer voraus von einem Orte eine Vor-stellung machen, ehe man ihn zu sehen bekommt. So hatte ich mir das Bild der Togoküste entsprechend dem mir bekannten Südwestafrika zurechtgelegt, aber die Wirklichkeit war viel schöner als mein Phantasiegemäl-de. Breite schmucke Straßen, denen selbst die Namens-schilder nicht fehlten, mit Kokospalmen oder anderen Bäumen bepflanzt; freundliche Europäerhäuser, weiß in grünem Pflanzenwuchs, zwischen denen nur ganz ver-einzelt einige Negerhütten ihr vorläufiges Dasein fris-ten, das ganze Bild überragt von zwei hohen, schlanken Türmen der neu erbauten katholischen Missionskirche. Wie aus einem Baukasten eben hingesetzt, präsentiert es sich dem ankommenden Fremden.
Eins fiel mir auf. Die Anlage der Bebauung Lomes sind sicher nach einem regelrechten Plane erfolgt. Aber das, was bisher gebaut worden ist, zeugt in seinem Stile von merkwürdig wechselndem und auch verschiedenwer-tigem Geschmacke. … Ich schätze die Zahl der Europä-erhäuser auf etwa 60; und soviele Häuser, soviel ver-schiedene Bauarten weisen sie auf. Es wechselt der Stil des Schweizerhäuschens mit Anklängen an orientali-sche Bauart, kasernenartige Gebäude, klosterartige und solche im Barockstil, alles ist vertreten. Dadurch leidet aber der Gesamteindruck keineswegs; im Gegenteil bie-ten die verschieden gestalteten Häuser mit ihrem hellen Farbenanstrich im Palmgrün ein abwechslungsreiches Gesamtbild. Zwei gemeinsame Merkmale tragen sie bei aller sonstigen Verschiedenheit wohl sämtlich, das ist die breite gedeckte Veranda und ein hoher Flaggenmast; von ihm herab wehen bei jeder festlichen Gelegenheit, wozu auch die Ankunft des Dampfers aus der Heimat gehört, die deutschen Farben.«
Der Forstbeamte Oskar Metzger, seit 1906 in Togo, be-schreibt das Leben und Markttreiben in Lome:
In der Regel treffen die Woermann-Dampfer in den frü-hen Morgenstunden vor der Reede Lomes ein und schif-fen ihre Reisenden in den Vormittagsstunden aus. Dem Neuangekommenden wird daher die um diese Zeit ge-ringe Belebtheit der Straßen mit Weißen auffallen. Alle sitzen bei der Arbeit; der Kaufmann sowohl wie der Beamte.
Nur im Eingeborenen-Viertel und auf dem von den Ein-geborenen beschickten Markt ist es um diese Zeit an-ders. Hier herrscht den ganzen Tag regstes Leben und Treiben, vor allem auf dem hübschen, schattigen Markt-platz. So ein Eingeborenen-Markt ist eine einzige Sym-phonie von feilschendem Lärm.
Die Lebhaftigkeit und Ausdauer bei der Abwicklung oft gerade des kleinsten Geschäfts ist dem neuankommen-den Europäer unverständlich und gibt ihm schon beizei-ten Einblick in eine der Grundauffassungen des Negers, dem im allgemeinen der Begriff Zeit fehlt. Es ist außer-dem erstaunlich, welch ausgeprägter, angeborener Ge-schäftssinn den Eingeborenen von Togo, ganz besonders dem Südtogo bewohnenden Stamm der Ewe-Neger innewohnt. Da wird zum Beispiel eine Kiste, in der die Produkte zum Markt gebracht werden, hingestellt, eine Emailschüssel darauf, und schon ist der Marktstand auf-gebaut. Eine andere, in Lome selbst ansässige Eingebo-rene, bereits etwas vornehmer wie das Weib aus dem Busch, bringt einen Tisch mit, auf dem sie ihre Ware möglichst aufreizend zur Schau stellt. Wieder andere legen eine Bastmatte auf den Boden und breiten ihre Habe aus.
Ein kleines Mädchen, erwerbstüchtig, verkauft Würfel-zucker, stückweise. Da sieht man kleine Bündel Feuer-holz, dürres Astholz, von den Weibern in einer drei bis vier Bündel fassenden Last auf dem Kopf oft stunden-weit zu Markt gebracht. Ein nicht allzu großes Bündel reicht knapp zur Bereitung einer Mittagsmahlzeit für den Weißen. Brennholz ist in der Stadt rar.
Die verschiedensten Lebensmittel wie Maisbrot, Jams, Erdnüsse, geröstete Maiskolben, Zuckerrohr, Bananen, Ananas, Orangen, Zitronen, Papaya, Fleischklöße, dazu für die Feinschmecker Palmölsauce oder grüne Fisch-sauce, Zwiebeln, Mehl werden feilgeboten.
Eine Sorte für sich sind die Fischweiber; sie sind leicht auffindbar, so man dem durchdringenden Geruch ihrer Ware nachspürt. Von den Weißen werden die kleinen getrockneten Fische als Stinkefische bezeichnet, die für den Küsten-Neger eine Delikatesse bedeuten und sicht-lich um so lieber gekauft und verspeist werden, je bes-tialischer ihr Geruch ist.
Natürlich fehlt auch nicht der Alkohol! Seine harm-losere Form ist der weißlich-grüne, etwas süßlich schmeckende Palmwein, hergestellt aus dem Saft der Ölpalme. Er wird in schönen, oft bis zu einem halben Meter hohen Kalebassen, die aus einem großen, meist eiförmig gestalteten Flaschenkürbis durch Aushöhlen gefertigt werden, seltener in den schweren, selbstge-formten Tonkrügen von den Weibern aus dem nördlich gelegenen nahen Ölpalmen-Gebiet auf dem Kopf zu Markte getragen.
An sonstigen europäischen Erzeugnissen werden die von den schwarzen Schönheiten jeden Alters als Schmuck so sehr begehrten farbigen Glasperlen, mit möglichst schreienden Farben bedruckte Tücher, Tabak in Blättern und Rollen, Pulver, sogenannte Dänenflinten – das sind Vorderlader mit Steinschloß – , Messer aller Art, Spiegel und verschiedener anderer Tand feilge-halten. Diese Gegenstände werden meist von handels-tüchtigen Küstenbewohnern bei den Faktoreien auf Kredit, von Kapitalkräftigen sogar in bar erstanden und dann am Markt an die Buschleute verkauft; das sind für den eingebildeten Küsten-Neger alle Eingeborenen wenige Kilometer landeinwärts.
Schwarze Polizisten sorgen in diesem bunten, lärmen- den Getriebe für Ordnung.
Appetitlich und würdevoll geht es auf dem Fleischmarkt zu. Diesen beherrschen vorwiegend die mohammeda-nischen Haussa. Da gibt es Hammel-, Ziegen- und Schweinefleisch, sehr selten auch einmal Rindfleisch, da in Südtogo wegen der Tsetse-Fliege keine Rinder-zucht getrieben werden kann. Ein in Lome geschlach-tetes Rind stammt daher zumeist aus Nordtogo, von wo es in einem mehrere hundert Kilometer weiten Marsch herangetrieben wurde. Die »Großabnehmer« auf dem Fleischmarkt sind, wenn sie bei den Weibern aus dem Busch nicht Hühner einkaufen, die Köche der Weißen; sie erstehen hier für ihres Herrn Mahlzeit das Fleisch. Bis sie damit zu Hause sind, ist es meistens um einige Fünfpfennigstücke, je nach der Nachsicht oder Uner-fahrenheit ihrer Herren, teurer geworden. Die Eingebo-renen erstehen an den Fleischständen meistens nur kleine Stücke, die an Holzspießen über dem Feuer ge-röstet und mit sichtlichem Genuß verzehrt werden.
Für die Landbewohner ist die Fahrt zum städtischen Markt, auf den sie ihre Erzeugnisse bringen, auch eine Zerstreuung und Freude. Für die junge, marschtüchtige Generation gehört es gewissermaßen zum guten Ton, in der Landeshauptstadt gewesen zu sein; sie kommt daher aus allen Bezirken, sogar aus den nördlichsten Gebieten, vierhundert bis fünfhundert Kilometer weit, nach Lome. Den Firmen an der Küste ist dadurch zum Teil der Auf-kauf im Lande erspart. Da kommen die Leute aus der Ölpalmenzone angerückt, oft dorfweise, in den Kalebas-sen das Palmöl, die bereitgestellten großen Fässer füllen sich ebenso wie die Säcke mit den Palmkernen. Die Menschen aus den entfernter gelegenen Kautschukge-bieten schleppen dieses Naturprodukt herbei. Wieder andere bringen Lasten voll Mais.
Viele Eingeborene setzen ihre Waren lieber auf dem Markt selbst ab, anstatt bei den Faktoreien. Dem tragen die Firmen Rechnung, indem sie auf dem Marktplatz ihre farbigen Vertreter aufstellen, die mit großem Ge-schick und mit ebenso großer Lebhaftigkeit sich ihrer Aufgabe gewachsen zeigen und dem bei der Konkur-renzfirma angestellten farbigen Bruder die Ware weg-schnappen.
Besonders die Hinterländler, die Leute aus den nörd-lichsten Bezirken und sogar über die Nordgrenze des Schutzgebietes hinaus, aus der Landschaft Gourma, kaufen Salz, Tabak, Pulver, Dänenflinten, Glasperlen, kurz, die verschiedensten Waren europäischen Ur-sprungs, um sie in der Heimat wieder abzusetzen. Häufig begegne ich auf meinen Reisen ins Innere des Landes auf den großen, das ganze Schutzgebiet der Länge nach von Süden nach Norden durchziehende Straßen den Bewohnern des Nordens mit einer schwe-ren Last auf dem Kopfe, Richtung Küste, und – ebenso schwer bepackt – von der Küste heimwärts ziehend. Das schon geübte Auge erkennt die einzelnen Stämme, auch die Fremdlinge von außerhalb des Landes, und freut sich über die zunehmende Entwicklung des Handels.
Außer dem Markt in Lome hat Südtogo noch Märkte ähnlicher Gestaltung am Endpunkt der Küstenbahn in Anecho und an den Endstationen der beiden ins Innere führenden Bahnlinien, in Palime und in Atakpame. Ergänzend zu diesen Großmärkten dienen dem Handel und Aufkauf der Landesprodukte die kleineren Dorf-märkte.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon weiß über Lome zu be-richten:
Lome, an der Küste gelegene Hauptstadt von Togo, in welcher die Zentralverwaltung des Schutzgebietes, die Lokalverwaltung des Stadtbezirkes L. und die des gleich-namigen Landbezirks ihren Sitz haben. L. ist ferner der Sitz des Bezirksgerichts, der im Schutzgebiet errichteten Bergbehörde, eines Regierungsarztes, dem zugleich die Leitung des Königin-Charlotte-Krankenhauses, des vor-handenen Eingeborenenkrankenhauses und der Polikli-nik für Eingeborene obliegt, einer Regierungsapotheke, eines Hauptzollamtes und eines Hafenamtes. In L. be-finden sich die Regierungswerkstätten, die Regierungs-fortbildungsschule, eine Regierungs-(Volks-)schule, ei-ne Post- und Telegraphenanstalt und eine Kabelstation der Deutsch-Südamerikanischen Kabelgesellschaft. Die in L. errichtete Landungsbrücke, das Eingangstor des Schutzgebietes, die von L. ausgehenden drei Eisenbah-nen und die in L. befindlichen Eisenbahnwerkstätten, alles Verkehrsanlagen des Schutzgebietsfiskus werden von der Deutschen Kolonial-Eisenbahnbau- und Be-triebsgesellschaft (D. K. G.) betrieben, welche in L. eine Niederlassung mit größerem Verwaltungskörper einge-richtet hat — L. ist der Sitz des Präses der Nord-deutschen Missionsgesellschaft, welche in L. eine unter Leitung von Europäern stehende Hauptstation, eine Schwesternniederlassung und eine Buchhandlung un-terhält. In L. hat ferner der Apostolische Präfekt der in Togo tätigen katholischen Steyler Mission seinen Sitz, welche in L. eine Hauptstation mit Werkstätten und Druckerei sowie eine Schwesternniederlassung unter-hält. Beide Missionen haben in L. je eine stattliche Kirche errichtet. 9 deutsche Handelshäuser und 1 eng-lisches Handelshaus haben in L. Faktoreien in Betrieb; auch die Deutsch- Westafrikanische Bank unterhält in L. eine Niederlassung, der eine öffentliche Sparkasse angegliedert ist. Die Woermann-Linie ist durch eine Agentur vertreten. Eine Art Handelskammer bildet die in L. bestehende Vereinigung der L.kaufleute. In L. be-finden sich ferner noch eine Aufbereitungsanlage für Ölpalmenprodukte, 1 Seifenfabrik, 1 Hotel, 1 Baugeschäft und 1 Tischler- und Wagenbauwerkstätte. Der unter behördlicher Aufsicht stehende Regierungsschlachthof wird von eingeborenen Schlächtern benutzt. — Die weiße Bevölkerung der Stadt L. zählt rund 190, die Ein-geborenenbevölkerung rund 7000 Köpfe. Die Eingebo-renen sind aus zahlreichen Stämmen des Schutzgebie-tes Togo und seiner Nachbargebiete zusammenge-würfelt; das Eweelement ist überwiegend. Die Eingebo-renen sind meist Händler, Angestellte der Regierung oder der Privatunternehmer, Handwerker u. dgl. 1912/13 befanden sich in L. folgende farbige Handwerker: 143 Tischler und Zimmerleute, 60 Schlosser und Schmiede, 45 Maurer, 1 Photograph, 52 Bootsleute, 13 Küfer, 63 Schneider, 10 Schuster, 29 Fischer, 28 Fleischer, 92 Köche, 36 Goldschmiede und 70 Waschleute. — Bei Tagblekovhe, 18 km nördlich von L., befindet sich eine kleine Telefunkenstation.