Gouverneur Jesko von Puttkamer: »Am Sonntag dem 6. Juni [1897] ritt ich in strömendem Regen und auf sehr schlüpfrigem Wege, den aber mein braver Jaunde-schimmel Ali gut überwand, [von Buea] nach Viktoria, um meinen früheren hochverehrten Chef und ersten Gouverneur von Kamerun, Freiherrn von Soden, zu begrüssen, der zu meiner grössten Freude mit Dampfer Lothar Bohlen eingetroffen war, um seiner alten Kolo–nie einen Besuch abzustatten und in den ihn lebhaft interessierenden Plantagen nach dem Rechten zu se-hen. Leider empfing mich unten Böder mit der Hiobs-botschaft, dass auch der vor kurzem am Elefantensee als erster Stützpunkt für die wieder zu belebende Bali-strasse neu angelegten und nach dem Präsidenten der deutschen Kolonialgesellschaft benannten Station Johann Albrechts-Höh der Stationsleiter Staudt am Fieber gestorben und Zolldirektor Scheffler in der Kampobarre ertrunken sei. Ein Ersatz für Staudt befand sich glücklicherweise an Bord des Lothar Bohlen in der Person des Stationsleiters Conrad, der mit Gattin und seiner 75jährigen Mutter nach wenigen Tagen die Fahrt Mungo aufwärts nach Johann Albrechts-Höh antrat. Als ich die alte Dame auf die Gefahr ihres Schrittes auf-merksam machte, meinte sie trocken, sie habe niemand mehr als ihre Kinder und es würde sich in Afrika nicht schwerer sterben als in Deutschland; sie hatte sich in dieser Erwartung sogar gleich einen passenden Zinksarg mitgebracht. Wir hatten uns aber alle geirrt und es starb sich in Afrika gar nicht; die alte Dame blieb vom Fieber und allen sonstigen klimatischen Unbilden verschont, während ihr Sohn und seine Frau immer abwechselnd erkrankten; sie hielt volle zwei Jahre in Johann Al-brechts-Höh aus und reiste ebenso gesund heim, wie sie gekommen war.«
1899 gründet der Forstassessor Oberleutnant Dr. Rudolf Plehn während einer Expedition im Auftrag des Gou-vernements von Kamerun eine Station am Fluß Ngoko im Südosten der Kolonie. Rudolf Plehn:
»Ende März des Jahres 1899 waren die Arbeiten auf dem für die neu zu gründende Station ausersehenen Hügel so weit vorgeschritten, dass das Lager der Expedition auf denselben verlegt werden konnte und am 1. April, dem Geburtstage Bismarcks, wurde die deutsche Flagge dort-selbst im Beisein der Agenten des Holländischen Hau-ses und der Societé Anonyme Belge gehisst.
Es war zunächst nur ein 25 m langer Bambusschuppen für die Arbeiter und Soldaten vorhanden, die Europäer wohnten in den Zelten. Es wurde nun eifrig an der wei-teren Einrichtung der Station gearbeitet, das Nieder-schlagen des dichten Busches und das Aufräumen der abgeholzten Fläche sowie das Herbeischaffen des Bam-bus, aus dem die ersten Wohnungen und Vorratshäuser hergestellt wurden, nahm viel Zeit und Arbeitskraft in Anspruch. Am Fuss des Hügels, an dem Landungsplatz der Station, wurde eine Ziegelei errichtet, um die wei-teren Gebäude massiv aufführen zu können. Die Lebens-mittel mussten zunächst von den mehrere Stunden ent-fernt wohnenden Nzimus eingekauft werden und hierzu waren beständig acht Leute der Station unterwegs.
Gegen Ende April waren die Arbeiten bereits erheblich gefördert, ein Vorratshaus und ein Wohnhaus aus Bam-bus waren fertig, eine Fläche von etwa 200 m im Durch-messer freigehauen und grösstenteils geräumt, ein Gar-ten von etwa 50 m im Durchmesser angelegt und mit Ananas, Bananen, Papaia sowie europäischen Gemüsen, die trefflich gedeihen, vollgepflanzt. Da die Lebensmittel von den Nzimu regelmässig und ohne Schwierigkeiten eingingen und die umwohnenden Ortschaften sich ru-hig und der Station gegenüber durchaus freundlich und entgegenkommend verhielten, so konnte ich daran den-ken, die Station auf einige Zeit zu verlassen, um in dem neuen Bezirke Umschau zu halten. Es schien mir am wichtigsten, zunächst alle schiffbaren Flussläufe und ihre nächste Umgebung zu erforschen und zwar be-schloss ich, mit dem Ngoko und seinen Nebenflüssen zu beginnen, da er zweifellos für uns wichtiger ist als der Sanga und es auch ganz besonders geboten schien, über die unsicheren und verwickelten Grenzverhältnisse im Süden des Bezirks vor allem Klarheit zu verschaffen. Am 28. April übergab ich die Station an den Assistenten v. Lüdinghausen und brach mit dem Sanitätsunteroffizier Peter, einem Dolmetscher, 15 Soldaten und fünf Banga-laarbeitern der Societé Anonyme Belge, die wenigstens einige Strecken des Ngoko kannten, in zwei Kanus vom Landungsplatz der Station auf und fuhr den Ngoko berg-wärts. Es ging an dem grossen Misangadorf Tibundi am linken Ufer vorbei, dann nach etwa 1½ Stunden an einer kleinen Misanganiederlassung am rechten (französi-schen) Ufer. Von da ab ging es 2½ Tage durch völlig unbewohntes Land, nur zahlreiche Jagdhütten, einfache Blätterschirme am Ufer zeigen an, dass diese Wildnis zuweilen vorübergehend von Jägern und Fischern be-wohnt wird; so trafen wir auch eine Jagdgesellschaft aus Kodiu am Bumba an, die sich anfangs sehr scheu zeigte, sich jedoch beruhigen liess und eine Menge geräucher-tes Elefantenfleisch an uns verkaufte. Am 1. Mai er-reichten wir den Zusammenfluss des Bumba und des Dscha, die von Norden und von Westen zusammen-fliessend den Ngoko bilden. Ich möchte hier gleich bemerken, dass die Angaben der Flußläufe auf der Karte des grossen Kolonialatlas vollständig falsch sind; die Darstellung beruht wohl auf unklaren Erzählungen der Kaufleute.«
Gouverneur Jesko von Puttkamer:
»Am Sonntag dem 24. [September 1899] sass ich abends allein im Gouvernementsgebäude [in Duala]; ich fühlte mich nicht recht wohl und hatte deshalb eine Abend-einladung zu Jägers ausgeschlagen. Plötzlich erschien bei mir der erste Offizier der Helene Woermann, den der Kapitän von Tonner aus mit der Dampfpinasse flussaufwärts geschickt hatte und meldete mir sehr aufgeregt, dass die Bulistämme in hellen Haufen zur Küste gekommen seien und den Ort Kribi angegriffen hätten; schleunige Hilfe sei dringend notwendig. Da war wirklich guter Rat teuer — die ganze Schutztruppe in Südadamaua, und auf der Jossplatte gerade noch zehn Soldaten und etwas unausgebildete Polizei. Während ich noch mit Gagern und dem bewährten Polizeimeister Biernatzki Kriegsrat abhielt, erschien auch noch die ehemalige Schwester Margarete Leue, jetzt verheiratet mit dem Kaufmann Hesse in Kribi, die ebenfalls mit Helene Woermann gekommen war, und beschwor mich, das Leben ihres Mannes und der übrigen Euro-päer in Kribi zu retten. Ich liess noch in derselben Nacht die Nachtigal [Regierungsdampfer] klar machen und sandte mit ihr am nächsten Morgen ganz früh Gagern, Biernatzki, Unteroffizier Schumann und 50 Mann nach Kribi mit dem Befehl, sich dem Bezirksamtmann Frei-herrn von Malsen zur Verfügung zu stellen und Kribi auf alle Fälle zu sichern. Gleichzeitig begab sich auf mein Ersuchen [das Kanonenboot] S.M.S. Habicht nach Kribi zur Unterstützung der Aktion an Land. Vom Major von Kamptz erhielt ich inzwischen die gute Botschaft, dass er Tibati zum zweitenmal besetzt, den unruhigen und un-zuverlässigen Lamido Mohama durch einen der Regie-rung ergebenen geeigneten Mann aus derselben Fami-lie ersetzt habe, dass im übrigen in dem von ihm durch-zogenen Gebiete alles ruhig sei und er sich selbst auf dem Rückmarsch zur Küste befände. Auch bis zu Herrn von Kamptz war die Nachricht von dem Buliaufstande gedrungen; er hatte infolgedessen eine Kompagnie in Eilmärschen vorausgeschickt, die aber viel zu spät kam, um noch eingreifen zu können. In Kribi hatte sich in-zwischen folgendes ereignet. Die unruhigen Bulihäupt-linge, schon lange nach den Schätzen der Küstenfak-toreien lüstern, hatten sich zusammengerottet und einen direkten Überfall auf das nahezu schutzlose Bezirksamt und Dorf Kribi ausgeführt. Durch Spione davon unterrichtet, dass dem Bezirksamtmann in Kribi nur wenige Polizisten zur Verfügung standen und die Truppe im Innern beschäftigt war, glaubten sie wohl, und nicht ganz mit Unrecht, dass die Gelegenheit zur Ausführung dieses Streiches besonders günstig sei. Während die Europäer immer noch nicht recht an die unglaubliche Frechheit der Eingeborenen glauben woll-ten, und es für ausgeschlossen hielten, dass sie je eine Küstenstation angreifen würden, brachten die feigen Mabea und Kribileute ihre Habseligkeiten zum Strande, um beim ersten Herannahen der Buli in Kanus aufs Meer zu entfliehen. Über die weiteren Vorgänge berich-tet sehr anschaulich der Superior der Pallotinermission Pater Schwab wie folgt:
»Der Kribifluss teilt Kribi in zwei Teile. Auf der linken Seite des Flusses wurden die Buli erwartet, und da dieselben des Schwimmens unkundig sind, so hielt man sich mit Recht auf der rechten Seite des Flusses ge-sicherter. Auf der linken Seite, gerade da, wo die Brücke die beiden Dörfer miteinander verbindet, liegt auf einer kleinen Anhöhe unsere Station mit einer grossen Kir-che, mit unserem Wohnhaus, Schule, Werkstätten und sonstigen Gebäuden. Da, wo der Fluß ins Meer mündet, steht ebenfalls auf der linken Seite des Flusses auf einer Anhöhe, im Rücken von prächtigen Palmen umgeben, das Schwesternhaus mit Kapelle und Schule. Wir hatten an 100 Jungen und 30 Mädchen in Pflege und Unterricht. Am Freitag, den 22. September, gegen Mittag, teilten mir fliehende Buambeleute mit, dass das 1½ Stunden ent-fernte Buambe, wo wir eine Kirche mit Wohnhaus und Schule hatten, von den Buli besetzt und in Brand ge-steckt sei. Jetzt zweifelte niemand mehr, dass sie auch hierher kommen würden. Ich rettete, was zu retten war. Zunächst eilte ich zu den Schwestern, welche ihr Haus an der äussersten Spitze gegen Buambe haben, brachte das Allerheiligste in Sicherheit und führte die drei Schwestern mit ihren Mädchen auf unsere Station. Ich hatte diese noch nicht erreicht, als man schon die dumpfen Schüsse der Buli hörte. Um sicherer zu gehen, schickte ich die Schwestern auf die andere Seite des Flusses. Inzwischen waren die Buli angekommen und schon im Räubern begriffen, als ihnen Bezirksamtmann v. Malsen mit seinen sieben schwarzen Soldaten ent-gegenrückte und sie nach dreistündigem heldenmüti-gen Kampfe zurücktrieb. Die Buli hatten Gewehre, wel-che sie mit Nägeln, Drahtstückchen und Splittern aus zerschlagenen eisernen Töpfen luden. Es blieben fünf Buli tot, drei Soldaten von uns wurden verwundet. Die Batangabevölkerung (Küstenbevölkerung) zeigte sich feige und unterstützte uns nur wenig. Der nächste Tag brachte den Buli acht Tote, ein Spion wurde einge-fangen und aufgehängt. An diesem Tage kam ein Woermanndampfer, der in größter Eile nach Kamerun [Duala, zunächst Kamerun oder Kamerunstadt genannt] lief, um Hilfe zu holen; mit diesem gingen auch unsere drei Schwestern fort. Leider kam er zu spät. Die Buli holten Verstärkung und drangen mit aller Macht gegen Kribi vor, ihre Schüsse krachten von allen Seiten. Bruder Bernhard erhielt einen Streifschuss am Kopf und kurz darauf Baron v. Malsen einen Schuss in den Rücken, beide Schüsse sind ungefährlich. Herr v. Malsen hatte sich zum Schutze der Mission und auch um den Über-gang über die Brücke zu verhüten mit seinen sieben Soldaten hinter der Mission aufgestellt; die übrigen Weissen standen zum Teil auf der Brücke und im Hofe der Mission. Nur wenige Stunden gelang es, den Feind hinzuhalten, er kam in grosser Übermacht, man musste die Mission preisgeben und sich auf die Brücke zurück–ziehen. Vorsichtshalber wurde ein Stück der Brücke ab-gebrochen. Ein Soldat wurde noch verwundet, so dass wir nur noch sechs hatten. Während dieser Zeit, trotz des heftigsten Feuers auf die Buli, begannen diese die jetzt preisgegebene Mission aufs Gründlichste zu plün-dern. Das Dorf war inzwischen in Brand gesteckt wor-den, glücklicherweise blieb die Mission davon ver-schont. Allerdings wurde sie arg zugerichtet. Fenster und Türen wurden eingeschlagen, was nicht niet- und nagelfest war, wurde vernichtet oder mitgenommen. Die Buli kamen mit Weib und Kind. Die Weiber beförderten die geraubten Gegenstände in grösster Eile in den Busch. Nicht ein Messgewand noch Stola blieb übrig. Kirchenwäsche und alles Tragbare wurde mitgenom-men oder zerstört; wir mussten ruhig zusehen, wie alles fortgetragen wurde. Unser Pferd wurde im Stalle abge-schlachtet. Auch die Faktoreien des diesseitigen Ufers wurden geplündert, obgleich es manchem Buli das Le-ben kostete. Das Schwesternhaus war schon am Freitag ausgeplündert und vieles demoliert. Die Verwüstungen in der Kirche taten mir um so mehr leid, als wir mit den vor einiger Zeit begonnenen Ausbesserungen nahezu am Ende waren. Nicht besser erging es unserer Neben-station Buambe. Wo unsere Kinder alle hingeraten sind, das weiss der liebe Gott, verteidigen konnten wir sie nicht länger, und so schlossen sie sich dem fliehenden Volke an. Wir waren so in die Enge gedrängt, dass wir fürchteten, bald ebenfalls in unseren Booten fliehen zu müssen. Gott sei Dank, es kam nicht so weit; der Woer-manndampfer, welcher die Schwestern nach Kamerun brachte, kehrte mit 60 Mann Soldaten zurück. Dies war unsere Rettung. Die kampfeslustigen Soldaten stürzten sofort in das Dorf und verfolgten die Buli bis tief in die Nacht. Diese hatten aber schon einen grossen Vor-sprung, so dass die Soldaten nur noch zwei Feinde niedermachten; ein Buliknabe wurde eingefangen.«
Der jugendliche Freiherr v. Malsen bewies bei dieser Gelegenheit in ganz hervorragendem Masse Mut, Tat-kraft und Umsicht; die Art und Weise, wie er für seine Schutzbefohlenen sorgte und mit seinen sieben Poli-zisten dem Ansturm der wilden Horden stand hielt, bis Hilfe eintraf, verdient die höchste Anerkennung. Beson-ders zeichnete sich auch der Pater Schwab aus, der ungeachtet des feindlichen Feuers Herrn von Malsen Munition zutrug und tapfer an seiner Seite focht; es wurde ihm hierfür der Kronenorden IV mit Schwertern verliehen, eine Auszeichnung, die sonst wohl kein an-derer katholischer Geistlicher besitzen dürfte. Am 27. kehrte die Nachtigal mit der Nachricht zurück, dass die Bulihaufen zurückgeschlagen seien und sich wieder in ihre Wälder geflüchtet hätten. Am nächsten Tag schick-te ich die Nachtigal wieder nach Kribi mit mehr Mun-ition, dem farbigen Lazarettgehilfen Bimba und dem Präfekten Vieter, der sich pflichttreu seine verwüstete Missionsstation ansehen wollte. Am 30. kehrte Gagern zurück mit der Nachricht, dass in Kribi alles wieder in Ordnung und Malsens Verwundung nicht erheblich sei. Trotzdem schickte ich als weitere Verstärkung noch 15 zusammengelesene Schutztruppensoldaten hin, und traf die Anordnung, dass so bald als möglich nach Rückkehr der Truppe die Unterwerfung der Bulistämme und des gesamten unruhigen Hinterlandes der Kribi- und Batangaküste in Angriff zu nehmen sei.«
Ende Oktober 1913. Georg Escherich ist auf dem Marsch mit seiner 100 Mann starken Expedition von der Ur-waldstation Dume ins Grasland. Escherich:
»Der heutige Marsch bringt uns eine willkommene Ab-wechslung. Nach 5½ Stunden geht der einförmige, ge-schlossene Urwald zu Ende, und an seine Stelle tritt zu-nächst eine parkähnliche Landschaft, dann baumdurch-setzte Grassteppe und endlich das weite Grasland. Wie das dem Auge wohltut! Nach sieben Monaten Wald-marsch endlich wieder einmal ein Fernblick, endlich wieder Luft, Licht und Sonne. Das Drückende der Urwaldstimmung ist abgestreift, ein frischer Zug geht durch die Karawane. Ganz in weiter Ferne sehen wir unser Marschziel Gonga, das erste Graslanddorf mit seinen charakteristischen Spitzen Grasdächern und runden Lehmhütten. Die Dorfschaft hat unser Kommen schon bemerkt. Der Häuptling zieht der Expedition mit großer Gefolgschaft entgegen, und mit dumpfem Trom-melschlag werden wir empfangen. Mit dem Wechsel von Wald und Steppe sind auch Menschen und Sitten andere geworden. Während am Muni die Pangwes, in Akoafim die Bulus, in Lomie die Njems hausen treten anstelle dieser Urwaldstämme nunmehr im Graslande die Kakas mit ihren langen Gewändern, fast aussehend wie die Haussas.
Das Grasland ist während der monatelangen Urwald-wanderung die Sehnsucht von uns allen gewesen. Im-mer und immer wieder hatten meine Leute erzählt von den reichen Stämmen, die dort sein sollten, von dem Überfluß an Lebensmitteln, und nicht zuletzt von den schönen, leichtlebigen Frauen. Das Grasland schien ihnen während der harten Wald- und Sumpfmärsche das Paradies zu sein, und jeden Abend sprachen sie davon, wie lange es wohl noch dauern würde, bis wir endlich aus dem alles erdrückenden Walde herauskom-men würden. Auch mir schien das Grasland verlockend zu sein, allerdings aus anderen Gründen. War ich doch ein leidenschaftlicher Jäger und hatte seit dem Betreten des Urwaldes verschwindend wenig Jagdgelegenheit ge-habt. Es waren kaum ein halbes Dutzend Kugeln gewe-sen, die ich im letzten Halbjahr hatte anbringen können. Das Grasland sollte mich dafür entschädigen und Jagd in Hülle und Fülle bringen. Man hatte mir erzählt von gro-ßen Büffelherden, von Elefanten und Antilopen, von Leoparden und anderen Raubtieren, die man im Gras-lande nicht nur sicher antreffen, sondern in dem über-sichtlichen Gelände auch leicht erpürschen könne. Wie sehnte ich mich darnach, endlich wieder einmal eine regelrechte Pürsche machen zu können. Wild zu sehen und zu beobachten! Und jagen zu können nach Her-zenslust!
Um so bitterer war die Enttäuschung. Wohl gab es Wild allenthalben, wie uns die zahlreichen Fährten zeigten, es war aber zur Zeit ebensowenig sichtbar wie im Urwalde. Dort war es der Baumbestand der es den Blicken entzog, hier das in gegenwärtiger Regenzeit 2—4 m hohe Gras, das die Aussicht in noch weit stärkerer Weise hemmte als der dichteste Urwald. Einige Monate später wäre es ein ideales Jagdrevier gewesen, wenn das Gras infolge längerer Trockenheit dürr auf dem Halme stand oder besser noch, wenn es, wie das fast allenthalben Brauch war, bereits abgebrannt war, um neues Wachstum vor-zubereiten. Dann war die Zeit des Jagens und der Erfolg so gut wie sicher. Jetzt aber, zu Ende der Regenzeit, hatte das Gras seinen höchsten Stand erreicht und bildete ein noch viel stärkeres Hindernis für den Verkehr und die Sicht als der Urwald. Schon nach den ersten jagdlichen Versuchen mußte ich erkennen, daß zur Zeit ein Erfolg vollkommen ausgeschlossen war. Im Urwalde hatte ich doch noch ab und zu die Möglichkeit, an der einen oder anderen lichteren Stelle zu Schuß zu kommen, hier aber in dem unendlichen Grasmeer, das auch an seiner nie-dersten Stelle über Manneshöhe erreichte, war über-haupt nichts zu machen.
…
Der weitere Marsch durch das Grasland zeigte immer wieder von neuem, daß es nichts eintönigeres, lang-weiligeres und abscheulicheres gibt, als in der Regenzeit durch das Grasland zu ziehen. Man schreitet stunden-lang durch 2—4 Meter hohes Gras dahin, man sieht rein gar nichts und wird da, wo der Weg nicht gereinigt ist, durch das Anstreifen am nassen Grase völlig durchnäßt. Außerdem ist die Hitze weit drückender als im Walde, da sie nicht nur höhere Grade aufweist, sondern durch den Mangel an Luftzug besonders unangenehm emp-funden wird. — Die Anzeichen in den letzten Tagen deuten daraufhin, daß das Ende der Regenzeit bevor-steht. Die Gewitter, die immer noch hauptsächlich ge-gen Abend und in der Nacht auftreten, haben ein eigenartiges Gepräge angenommen. Viel Donner und Blitz und immer weniger und weniger Regen. Trotz drohender Wolken kann es nicht mehr so recht regnen. Meist fallen nur einige Tropfen, dann hellt es sich überraschend schnell wieder auf. Die Regenzeit geht zu Ende, die Trockenzeit naht.«
1913. Georg Escherich befindet sich im Urwald von Kamerun und hört von Gorillas in der Nähe. Escherich:
»Wenn man die Furcht der Eingeborenen als Gradmes-ser für die Gefährlichkeit des Wildes nimmt, müßte der Gorilla das dem Menschen gefährlichste Tier im Ur-walde sein. Sie fürchten ihn sogar mehr wie den Ele-fanten. … Auf Elefanten wollten sie alle mit, auf den “Ngi” aber zeigten sie keinen Schneid. Für mich aber war die Erlegung eines Gorillamännchens schon seiner Seltenheit halber ein besonderer Wunsch. Wenn eini-germaßen möglich, wollte ich versuchen, mit einem solchen Urian zusammenzukommen.
Die Gelegenheit war günstig. Ein paar Stunden nördlich von Nola lag ein altes, verlassenes Farmland von gewal-tiger Ausdehnung. Hier sollte es Gorillas geben. Mit Freuden vernahm ich die Botschaft, daß in den letzten Tagen wiederholt Eingeborenenfrauen, die von ihrer Farm heimkehrten, von einem starken Gorilla in Schrecken und Angst versetzt worden waren. Sofort brach ich auf und nahm nur meine zuverlässigsten Leute mit, um in der Nähe des alten Farmlandes ein Jagdlager zu beziehen. Unter Führung von Eingebo-renen, die angaben, den Standort des Gorillas zu wissen, ging es am nächsten Morgen in den Busch. Bei dem bedeutenden Wert, den ein gut erhaltener Gorilla für die Wissenschaft hatte, nahm ich besonders kräftige Träger mit. Sie sollten im Falle des glücklichen Aus-ganges der Jagd die Beute so schnell als möglich ins Lager zurückschaffen, um das Abdecken und Konser-vieren der Haut noch vor dem in den Tropen so rasch einsetzenden Verwesungsprozeß durchführen zu kön-nen. Die Trägerkolonne hatte den Auftrag, unter Füh-rung Johnnys, der von selbst gerne im Hintergrund blieb, in größerem Abstande mir zu folgen und sich völlig ruhig zu verhalten. Mit mir ging nur der führende Eingeborene und der schwarze Expeditionsjäger Ndung, der als Reservegewehr meinen Drilling trug. Ich selbst führte die schwere Doppelbüchse. Die starke Pulverla-dung und das Halbmantelgeschoß würden bei gutsitzen-dem Brustschuß auch den stärksten Gorilla niederwer-fen, so daß mir vor einem Zusammentreffen nicht zu bangen brauchte.
Eine entsetzlich anstrengende Pürsche beginnt. Es war eigentlich kein Pürschen, es war mehr ein Kriechen durch das chaotische Gewirr von gestürzten und ge-fällten Bäumen, Lianen, Ranken und Strauchwerk. Mit großer Anstrengung muß in der feuchtheißen Stickluft des undurchdringlichen Sekundärwaldes jeder Meter nach vorwärts erkämpft werden. Daß dabei mehrmals der vielfach gewundene Lopobach durchwatet werden mußte, war uns nur angenehm. Man bekam dann doch wieder etwas frischere Luft und konnte den überhitzten Körper in dem bis zur Leibesmitte reichenden Wasser einigermaßen kühlen. Stunden um Stunden schon hat-ten wir uns abgequält und auch nicht eine frische Fährte gefunden. Wir waren wieder einmal falsch geführt wor-den, oder die Geschichte mit dem Gorilla war der Phan-tasie der alten Weiber entsprungen.
Mittag ist vorüber, als wir an ein mächtiges Aframo-mumdickicht kommen. Es ist, wie mir der Schwarze bedeutet, der Lieblingsaufenthalt des Ngi, der große Vorliebe für die saftigen roten Früchte habe. Und richtig, wir sind noch keine Viertelstunde in die Dickung einge-drungen, als wir auch schon frisch abgerissene, zer-tretene und zerkaute Aframomumstengel finden, da-neben ausgezogene und wieder ausgespuckte Früchte. Kein Zweifel, das war der Gorilla.
Die ganze Art des Fraßes erinnert fast an etwas Men-schliches. Ebenso die Lagerstätte, die sich der große Affe aus abgerissenen Stengeln und Blättern zwischen den Wurzeln eines mächtigen Stammes zurecht gemacht hat. Vorsichtig folgen wir der starken Fährte, die sich in dem modrigen Grund gut abdrückt. Da und dort frische Losung, zum Teil noch warm. Der Gorilla muß ganz nahe sein. Wir hören nun auch ein Rascheln im Laube und ab und zu ein Knacken von Pflanzenstengeln. Der Ngi scheint bei der Äsung zu sein und zieht, wie uns das Gehör sagt, im Zickzack umher. Ein Anpürschen in der fast undurchdringlichen Dickung ist unmöglich. Viel-leicht aber kam er auf eine kleine Blöße, die vor uns liegt, heraus. Hier will ich jedenfalls eine Zeitlang war-ten. Also suche ich mir ein möglichst gutes Schußfeld und knie hinter einem kleinen Busche nieder. Daß der Eingeborene bei dieser Vorbereitung verschwand, be-stärkt meine Erwartung auf baldiges Zusammentreffen. Meine hauptsächlichste Hoffnung ist, daß der Gorilla angreifen wird, sobald er mich entdeckt hat. Dies konnte bei dem Winde, der mir im Nacken saß, nicht lange ausbleiben. “Fast immer greift der Ngi den Jäger an”, war mir doch so oft versichert worden. So hoffte ich, daß es auch diesmal der Fall sein würde. —
Als die von Johnny betreute Eingeborenenschar merkt, daß es ernst wird, vergrößert sie vorsorglich die Ent-fernung zu mir noch etwas. Wie eine Herde verängs-tigter Schafe kauern sie etwa 80 Schritte hinter mir. Ich bin allein, und auf vielleicht 30—40 Schritte ist der Ngi. Er scheint noch nichts zu merken, den das tiefe Brum-men, das er ab und zu hören läßt, hat mehr den Beige-schmack des Wohlbehagens, als den der Wut und des Zornes. Die gespannte Büchse halb im Anschlag, beo-bachte ich an der Bewegung der Blätter die Widergänge des Gorillas. Er ist entschieden schon näher gekommen, so daß ich bestimmt hoffe, ihn im nächsten Augenblick zu sehen. Mit einem Male wird es still, der Affe regt sich nicht mehr. Er hat wohl Wind bekommen und sucht nun den Menschen. Mit äußerster Aufmerksamkeit halte ich Ausschau nach dem Platze, wo sich zuletzt die Blattkronen bewegt hatten. Und wieder geht ein Zittern durch eine Baumkrone. Das Zittern wird stärker, und einen Augenblick glaube ich, auch eine schwarze Hand gesehen zu haben. Immer mehr bewegt sich der Baum. Der Gipfel neigt sich und wiegt sich, bis der Stamm mit einem Krach entzwei bricht. Von unsichtbarer Gewalt geschleudert, fällt nicht weit von mir der Gipfel zu Boden. Der Ngi scheint in höchster Wut zu sein. Gottlob, nun wird er wohl kommen.
Vielleicht wollte er angreifen, vielleicht auch nicht. Jedenfalls aber kam er nicht. Möglicherweise war das blöde Angstgeschrei schuld, das gerade im entscheiden-den Augenblicke hinter mir ertönte. Beim Knacken des Baumes war die Trägerschar unter wilden, gellenden Schreien auseinandergestoben, wie wenn der Teufel sie am Genick hätte! Wie der Blitz saß die ganze feige Gesellschaft auch schon hoch oben in den Bäumen. Auch Johnny konnte seine Klettergewandtheit wieder zeigen und rief mir wie verzweifelt zu: “Herr, steig schnell herauf, der Ngi kommt.”
Ja wäre er nur gekommen! Ich hätte ihn schon richtig empfangen. Aber, entweder ist es mit der Angriffslust des Gorillas doch nicht so weit her, oder aber ich hatte das Pech, einen besonders feigen Burschen vor mir zu haben, der sich durch das Gellen der Leute hatte ein-schüchtern lassen. Ruhig bleibt es im Busch, und nach langen Minuten angestrengten Harrens und Hoffens habe ich Gewißheit, daß der Gorilla sich gedrückt hat. Vorsichtig krieche ich vor. Hier liegt der abgedrehte Baum und hier die frische Losung. Der Gorilla aber ist dahin, ist weg auf Nimmerwiedersehen. —
Welch unglaubliche Kraft gehört dazu, einen zähen über 10 Zentimeter starken Laubbaum in etwa 2¼ Meter Höhe mit den bloßen Händen abzudrehen! Ich habe meine Kraft an dem liegenden Stammteil probiert und es nicht fertiggebracht, das abgerissene Stück auch nur zu biegen. —
So war mir wieder einmal eine königliche Beute ent-gangen, entgangen im letzten Augenblick! — Die Leute konnten diesmal meine schlechte Stimmung nicht be-greifen. Sie waren alle hocherfreut, der eingebildeten Gefahr entronnen zu sein, und eindringlichst empfahl mir Johnny, das nächste Mal sofort auf einen Baum zu steigen. “Denn nie folgt dir der Ngi nach oben.” — — «
Georg Escherich schreibt: »In meinem Hause in Isen [in Oberbayern] hängt ein außergewöhnlich starkes Rotbüf-felgehörn. Es ist eines der stärksten Gehörne, das ich vom Rotbüffel bis jetzt gesehen habe. Ein kapitaler Stier war es gewesen, der diese mächtige Waffe getragen hatte.«
Es ist das Jahr 1913 im Südosten von Kamerun am Sanga:
»Gleichmäßig pullt meine Rudermannschaft, und in zü-giger Fahrt gleitet das Stahlboot sangaabwärts. Ich sitze in leichten Moskitoschuhen unter dem Sonnendach des Bootes und bin wieder einmal mit schriftlichen Arbeiten beschäftigt. Da gellt es “busch cow” in meine Ohren. Ganz aufgeregt deuten meine Leute auf das dicht be-wachsene, nur etwa 50 m entfernte Ufer. Dort haben sie eben einen Büffel im Wasser gesehen. Mit aller Kraft arbeiten die Ruderer, das Boot rasch ans Ufer zu bringen. Kaum knirscht der Kiel im Sande, als ich auch schon, in der Hand die Repetierbüchse, an den Strand springe und in Hausschuhen das steile Ufer hinanklimme. Von dort aus müssen wir den Büffel sehen. Unter der Füh-rung Belas, der den Büffel von seinem Kanu aus ent-deckt und sich die Stelle genau gemerkt hat, stürmen wir auf dem hohen Uferrande dahin. Dort muß er sein. Schon höre ich ihn im Wasser. Ich springe vor an den Uferrand, und dicht unter mir schwimmt behaglich, die Gefahr nicht ahnend, der Stier. Der mächtige Nacken und Schädel hebt sich frei aus dem Wasser, und auf wenig Meter Entfernung setzte ich ihm die Kugel in das Genick. Ein Zucken geht durch den Körper. Ein alter Kämpe des Urwaldes hat wehrlos im Wasser einen unrühmlichen Tod gefunden.
Nun bleibt uns noch der Leopard [neben Elefant, Gorilla und eben dem Rotbüffel] als weiteres wehrhaftes Wild des Urwaldes zu nennen. Er ist hier weit seltener anzu-treffen als in den ostafrikanischen Steppen. Ist doch auch der Tisch für ihn im wildarmen Urwald nur spär-lich gedeckt. Nur e i n m a l bin ich ihm in Kamerun begegnet. [Im Oktober 1913 konnte Escherich in Süd-kamerun einen Leoparden erlegen.]«
»Inzwischen war der Leopard [nach dem Abschuß], ein gewaltig starker Rüde, in das Lager geschleppt worden. Die Freude der Dorfschaft, die diesem alten Burschen wiederholte Verluste an Menschen und Vieh zuschrieb, war unbeschreiblich. Dank- und Siegestänze wechselten ab, und der Stolz meiner Leute, daß gerade i h r Herr es war, der den gefürchteten Räuber zur Strecke gebracht hatte, war ein unbegrenzter.«
Ende September 1913. Georg Escherich marschiert mit einer 100 Mann starken Kolonne durch den Urwald von Südkamerun. »Am nächsten Tage endlich erreichen wir nach nochmaligem anstrengenden sechsstündigen Marsche den zum Ojem-Bezirke gehörigen Offiziers-posten Mimwul. Leutnant von Haunstein, der Führer des Postens, kommt uns entgegen und geleitet mich zur hochgelegenen Station. — 860 Meter zeigen meine Messungen, und zum erstenmal ist mir von der frei-geschlagenen Kuppe aus vergönnt, einen Blick auf das gewaltige Urwaldmeer zu werfen. Es ist ein überwäl-tigender Anblick, der sich bietet, ein Bild, nach dem ich mich schon seit sechs Monaten gesehnt. Unter mir liegt der schier endlose Urwald, dessen Erforschung ich schon Monate schwerer Arbeit gewidmet hatte ohne davon bisher mehr gesehen zu haben, als die meist sehr eng begrenzte Aussicht gerade zuließ. Hier aber sah ich ihn zum erstenmal in seinen unendlichen Weiten, und sah herab auf die gleichmäßig grünen, nach den ver-schieden hohen Baumkronen abgestuften Laubdächer. Soweit das unbewaffnete Auge blicken kann, nichts als ein ununterbrochenes Kronendach, das auch nicht die kleinste Fehlstelle aufweist. Und als ich mein Zeißglas nehme und damit die Fernsicht noch bedeutend ver-tiefe, immer das gleiche Bild. Wald, Wald und wieder Wald! Ich vermag mich nicht satt zu sehen an diesem überwältigenden Anblick. Immer wieder hebe ich das Glas, um mich von der Unendlichkeit des mich umge-benden Waldmeeres zu überzeugen, bis mir ein frös-telndes Gefühl sagt, daß ich wohl schon allzulange an diesem zugigen Aussichtspunkte gestanden.
Dieses Bild muß festgehalten werden! Ich entschloß mich daher, morgen einen Rasttag einzulegen, um die-sen seltenen und forstlich wertvollen Anblick auf die Platte zu bannen. Farbenphotographien und möglichst viel sonstige Aufnahmen sollten morgen gemacht wer-den. Heute ist infolge regnerischer Stimmung die Be-leuchtung zu ungünstig. Daher wird die Zeit anderweitig genutzt. Vor allem heißt es auf Grund der gemachten Routenaufnahmen den durch Spanisch-Guinea zurück-gelegten Weg auf dem Millimeterpapier einzutragen, um diese Erstdurchquerung kartographisch festzuhal-ten.
…
Am nächsten Tage bin ich von früh bis abend damit beschäftigt, möglichst viel und charakteristische Auf-nahmen zu machen. Bald mühe ich mich ab, mit farben-empfindlichen Platten die Tönung festzuhalten, bald arbeite ich mit der Ika-Kamera, bald mit der großen, bald mit der kleinen Anschütz-Kamera. Alles soll ver-sucht werden, um diesen einzigartigen Anblick festzu-halten. Wer in den Tropen viel photographisch gear-beitet hat, der weiß, daß man dort mit einer Menge von Schwierigkeiten zu kämpfen hat, von denen man bei uns zu Lande nichts ahnt, und weiß auch vor allem, daß gute Farbenphotographien in dem heißen feuchten Klima zu den größten Seltenheiten gehören. Wie froh war ich daher, als ich abends in einem zur Not abgedichteten Raume im Schweiße meines Angesichts entwickelte und dabei feststellte, daß wenigstens zwei Farbenphotogra-phien leidlich gelungen waren, und die Stichproben der übrigen Aufnahmen recht gute Ergebnisse zeigten. So hatte ich mich doch nicht umsonst geplagt und brachte Bilder mit nach Hause, die nicht alltäglich waren. — Daß ich gerade diese besonders wertvollen Aufnahmen mit meiner gesamten photographischen und naturwissen-schaftlichen Ausbeute aus Spanisch-Guinea verlieren sollte, das konnte ich damals nicht ahnen. Sie gingen mit den beiden Kisten, die ich später von Akoafim zur Küste schickte, zu Verlust.«
»… die beiden am 10. Oktober [1913] aufgegebenen Kisten sind nie wieder zum Vorschein gekommen. Gottlob ist dies der einzige Verlust geblieben, der meine umfangreichen Sammlungen betroffen hat. Die übrigen Kisten sind samt und sonders gut in Berlin angekom-men. Ihr Inhalt hat in den dortigen staatlichen zoolo-gischen und botanischen Instituten eingehende Bear-beitung gefunden.«
Am 7. November 1914 stirbt Bischof Heinrich Vieter mit 61 Jahren in Jaunde. Noch im Februar war er auf Deutschlandbesuch und wurde am 7. Februar 1914 in Berlin von Kaiser Wilhelm II in Audienz empfangen. Vieter war als Pallottiner-Missionar 1890 mit weiteren Missionaren seines katholischen Ordens nach Kamerun gekommen. Nach dreizehn Missionsjahren mit der Eröffnung von Stationen und Schulen wird Vieter 1904 vom Papst zum Bischof ernannt und so wird Vieter der erste Bischof von Kamerun. Im September 1906 führt er in Duala die erste Synode der katholischen Kirche in Kamerun durch. Die Synode ist das Beratungsorgan des Bischofs, zu dem er Priester und andere Gläubige seiner Diözese zur Teilnahme einlädt.
Karl Atangana, seit 1897 in der Pallottiner-Mission in Kribi erzogen, seit 1900 in der deutschen Kolonialver-waltung tätig und Häuptling der Jaunde, schenkt den Pallottinern das Landgut Mvolye bei der beständig wachsenden deutschen Stadt Jaunde, auf dem die Pal-lottiner eine Station bauen. Dort lebt Vieter in seinem Bischofshaus. In seinen letzten Lebensjahren ist der Bischof durch physische Erschöpfung und tropische Krankheiten geschwächt. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung findet Vieter in Mvolye seine letzte Ruhe-stätte.