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Die Deutschen in ihren afrikanischen Kolonien

Der US-Amerikaner und Afrikareisende F. A. Forbes schreibt 1911 in dermonatlich in der ganzen englisch-sprachigen Welt erscheinenden Review of Reviews:

»Von allen Schutzherren in Afrika hat der Deutsche die reinsten Hände und die besten Aussichten. Sein Ein-dringen in Afrika war charakterisiert durch die ge-schickteste Diplomatie, aber selbst seine bittersten Feinde würden kaum sagen können, daß er nicht fair handelte. Ich habe die Deutschen in ihrem Verhalten gegenüber ihren halbwilden Schutzbefohlenen an der Westküste aus der Nähe beobachtet. Verwaltung und Regierung auf dem dunklen Kontinent sind in weitem Maße eine Frage des Temperaments, und allem An-schein nach sind die Deutschen weniger geneigt als andere Weiße, dem Ärger und der Aufregung nach-zugeben. Ich habe alle weißen Rassen studiert, welche in der Arbeit, Afrika zu erwecken, tätig waren, und ich kann mich der Überzeugung nicht verschließen, daß der deutsche Eingeborene sich ebenso hoch wie die ande-ren, wenn nicht höher entwickeln wird.«


Die deutsche Kolonialherrschaft in Afrika stützt sich grundsätzlich auf die deutsche Truppenpräsenz, so wie alle anderen Kolonialmächte ihre Herrschaft über ihre Truppen absichern, aber um Verwaltung und Truppen zu sparen sichern sich Engländer und Deutsche, wenn möglich, einheimische Herrscher als Verbündete, im Gegensatz zu anderen Kolonialmächten, die unmittel-bare Herrschaft ausüben und dadurch auch mehr be-schäftigungslose Beamte aus der Heimat auf Kosten der Beherrschten in den Kolonien unterbringen können.

Das Interesse afrikanischer Herrscher, sich der Kolo-nialordnung anzupassen, ist überall so deutlich sichtbar, daß es kaum einer Erklärung bedarf. Sie streben nach Steigerung und Sicherung ihres Wohlstandes, und da-für öffnen sich ihnen drei Wege. Zwei davon sind seit altersher vertraut: Erstens Zurückdrängung gleichran-giger, in der Regel benachbarter Rivalen, zweitens ein härterer Zugriff auf die Tribute der Untertanen. Der dritte Weg besteht darin, die Kolonialordnung für eine Änderung der wirtschaftlichen Bedingungen in An-spruch zu nehmen, um durch Anbau von cash crop, von auf dem Weltmarkt verkaufbaren landwirtschaftlichen Produkten durch ihre Untertanen, mehr Geld zu ma-chen.

Die Herrschaftsgewalt der Europäer in den Kolonien begründet sich eben in der Gewalt, die sie anwenden können. Nicht anders haben afrikanische Herrscher über die Zeiten ihre Untertanen durch Gewalt unter ihrer Herrschaft gehalten. Die Deutschen führen in ih-ren afrikanischen Kolonien einen Rechtskodex ein der allgemeingültig ist und jedem verständlich. Körperli-che Bestrafung war immer das Mittel der einheimi-schen Herrscher und wurde oft willkürlich und mit schrecklichsten Auswirkungen gehandhabt. Nun gibt es nur noch Prügel. Dabei wird von deutscher Seite unter-schieden zwischen den verschiedenen Völkern Afrikas. Sozial höher stehende Völkerschaften wie die Fulbe und die Araber – deren Ehrgefühl Körperstrafen auch schwer treffen würde – sind von der Prügelstrafe aus-genommen.

Totarbeiten braucht man sich bei den Deutschen im allgemeinen auch nicht, obwohl das bei den einzelnen »Bwanas« sehr verschieden ist. Aber wirkliche Ausar-tungen bei der Behandlung der Neger sind doch eine große Seltenheit. Sie sind es schon aus dem sehr ein-fachen Grunde, weil der Betreffende sehr bald keine Arbeiter mehr hätte und auch keine neuen bekommen würde.

Interessant ist ein Vergleich der eingesetzten Truppen zur Sicherung des Kolonialbesitzes gegen die Einhei-mischen. Geschätzt kommen in Afrika auf einen deut-schen Soldaten in den Kolonien 4400 Eingeborene. 3700 Eingeborene kommen auf einen Soldaten in den eng-lischen Kolonien in Afrika und in den französischen Kolonien in Afrika kommen 3600 auf jeden französi-schen Soldaten.

Die deutschen Kolonialherren unterhalten also die ge-ringsten Kräfte für die Sicherung ihrer afrikanischen Besitzungen im Vergleich zu den Franzosen und Eng-ländern, was auf die Akzeptanz der deutschen Herr-schaft durch die Einheimischen schließen läßt und das Vertrauen der Deutschen, sich nicht mit militärischen Mitteln an der Macht halten zu müssen.