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Die Deutschen und ihre Verwaltung I

Das Schutzgebiet der Marshall-Inseln wird von einem Landeshauptmann und seinen Beamten, der Landes-hauptmannschaft, verwaltet. Die Beamten bestehen aus einem Stellvertreter des Landeshauptmanns, einem Regierungsarzt und einem Hafenmeister, welche auch die Gerichtsbarkeit und Polizeihoheit ausüben. Die Kos-ten der Verwaltung werden von der Jaluit-Gesellschaft, die fast den gesamten Handel der Marshall-Inseln in Händen hat, getragen. Im Gegenzug gewährt das Reich der Jaluit-Gesellschaft dafür gewisser Privilegien, wie das ausschließliche Rechte der Aneignung herrenlosen Landes, die Ausübung der Perlfischerei und die Gewin-nung von Guano. Bei wichtigeren Entscheidungen hat der Landeshauptmann zuvor die Vertretung der Jaluit-Gesellschaft anzuhören. Die Landeshauptmannschaft sitzt in Jaboran auf der Insel Jabor in der Jaluit-Gruppe, welche im Süden der Ralik-Kette liegt. Seit dem 24. März 1898 ist Eugen Brandeis Kaiserlicher Kommissar für die Marshall-Inseln, wo er am 28. August, also erst vier Monate nach seiner Ernennung, ankommt. Brandeis wirkte bereits 1889 und 1892 als Kaiserlicher Kommissar der Marshall-Inseln. Sein Titel ändert sich am 22. Fe-bruar 1900 in Landeshauptmann.

Das zum Schutzgebiet gehörende, aber weit abgelegene Nauru hat für seine Verwaltung ein Kaiserliches Be-zirksamt.  

Das Schutzgebiet ist aufgeteilt in zwölf Steuerbezirke in denen die Häuptlinge zuständig sind für die Erhebung der Steuern.

Seit 1900 hat die Kolonie auch eigene Briefmarken mit der Yacht des deutschen Kaisers, der SMS Hohenzol-lern, als Motiv.

Jaluit, der Sitz der deutschen Kolonialverwaltung der Marshall-Inseln, ist auch die Kohlenstation der deut-schen Kriegsmarine in den Marshall-Inseln.

In der Kolonie leben etwa 60 Deutsche, ein Dutzend andere Weiße, hauptsächlich Amerikaner, ein Dutzend Chinesen und um die 90 Mischlinge von Weißen.

In den jährlichen Berichten der Landeshauptmann-schaft an die Kolonialabteilung in Berlin wird auch das Verschwinden der einheimischen Traditionen ver-merkt. Das Christentum verdrängt die alte selbsther-gestellte Kleidung gegen einfachste westliche Frauen-kleider und bei den Männern Hemden und Hosen. Nur auf den entlegenen Inseln weit im Norden, wo die christliche Mission noch nicht Einzug gehalten hat, wird noch die ursprüngliche Bekleidung getragen. Auch halten die deutschen Jahresberichte das Verschwinden der Kriegstrommeln, hergestellt aus Haifischmägen, fest. Der letzte Krieg der Marshallesen gegeneinander fand 1898 statt.


An Missionen gibt es in den Marshallinseln die katho-lischen Missionare der Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu und die amerikanische methodistische Bostoner Mission. Das Schulwesen liegt in der Hand dieser beiden Missionsgesellschaften. Auf allen Atollen der Marshallinseln sind Stationen der Missionen mit Jungen- und Mädchenschulen je nach Bedarf vor Ort. Die seit 1857 auf den Marshallinseln tätige protestanti-sche Bostoner Mission ist ins Alltagsleben der Einhei-mischen vorgedrungen und selbst ihre Pastore sind Einheimische. Die Lese- und Schreibbemühungen der Bostoner Mission für die Marshallesen zielen auf das Lesen der Bibel in der in die einheimische Sprache übersetzte Bibel ab. 1898 gibt es 25 Schulen der Bostoner Mission auf den Marshallinseln mit mehr als 1300 Schü-lern.

Die katholische Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu ist erst seit 1899 auf den Marshallinseln vertreten und hat ihr Hauptquartier im Jaluit-Atoll in der Ralik-Kette, der westlich gelegenen Inselkette der Marshall-inseln. 1902 hat die Herz-Jesu-Mission drei Missionare und fünf Schwestern in den Marshallinseln mit dem Schwerpunkt auf Jaluit mit ihrer dortigen Schule mit je einem Internat für Jungen und einem für Mädchen. 1902 besuchen 32 Jungen und 25 Mädchen die Schule. Die Kinder sind meistenteils die Kinder von Fremden oder Mischlingen und wenige Kinder von einheimischen Häuptlingen. Für das Lehrprogramm der katholischen Missionsschule auf Jaluit wird das deutsche Grund-schulmodell als Vorbild genommen: Eine achtjährige Schulausbildung mit Deutsch als Unterrichtssprache. Der Lehrplan ist genau gleich dem in Deutschland: Deutsch, Rechnen, Erd- und Heimatkunde, Schönschrift und Religion. Nach dem Schulunterricht arbeiten die Schüler den Rest des Tages mit ihren Lehrern auf dem Schulgelände und lernen Haushaltsarbeiten. Bei dieser Lebensweise lernen die Schüler schnell Deutsch und zeigen schon bald bei Festen und hohen Feiertagen ihre Sprachkenntnisse. Die Jaluit-Missionsschule erhält so den Ruf, die beste Schule in ganz Mikronesien zu sein, also von den Palauinseln im Westen bis zu den Gilbert-inseln im Osten in einem Raum von 4000 Kilometern Ausdehnung.

Die katholische Missionsarbeit wird auf andere Inseln der Marshallinseln ausgeweitet. 1902 wird auf Likieb in der östlich gelegenen Ratak-Kette der Marshallinseln eine Station eröffnet, weil dort die beiden Unternehmer-Familien de Brum und Capelle leben, die Mitte des 19. Jahrhunderts den Koprahandel von den Marshallinseln aus begannen und nun eine gemischte weiß-einheimi-sche Gemeinde auf der Insel bilden. 1906 kommt eine Station der Herz-Jesu-Mission auf Arno, auch eine Insel in der Ratak-Kette, hinzu.

Die Glaubenskongregation des Vatikan trennt am 12. September 1905 per Dekret die Marshallinseln von den Gilbertinseln und richtet ein eigenes Vikariat ein. Pater August Erdland wird zum ersten apostolischen Vikar dieses neuen kirchlichen Jurisdiktionsbezirkes ernannt.


Durch Kaiserliche Verordnung vom 18. Januar 1906 wird das Schutzgebiet der Marshall-Inseln aufgehoben und dem Schutzgebiet Deutsch Neuguinea zugeordnet. Mit dem 18. Januar 1906 tritt auch Eugen Brandeis, der nun 59jährige Landeshauptmann der Marshall-Inseln, in den Ruhestand. 

Am 1. April 1906 werden die staatlichen Aufgaben der jetzt ehemaligen Kolonie der Marshall-Inseln an die Kolonie Deutsch Neuguinea übertragen, der die Mar-shall-Inseln mit Nauru eingegliedert werden.