Der Landeshauptmann der Marshall-Inseln, Eugen Brandeis, ist in zweiter Ehe mit Antonie Ruete ver-heiratet. Antonie Ruete ist eine 1868 geborene Tochter des Kaufmanns Rudolph Heinrich Ruete, der in Sansibar tätig war, und Syyida Salme, der Prinzessin von Oman und Sansibar. Sayyida Salme war die Tochter einer tscherkessischen Sklavin, die die Nebenfrau des Sultans Said ibn Sultan von Oman und Sansibar geworden war.
Die Heirat von Eugen Brandeis mit Antonie Ruete findet am 30. April 1898 in Beirut im Osmanischen Reich statt, als das Paar auf der Reise von Berlin zu den Marshall-Inseln ist, für die Brandeis als Kaiserlicher Kommissar eingesetzt ist, bevor sich sein Amtstitel im Jahr 1900 in Landeshauptmann ändert. Aus der Ehe stammen die Töchter Marie Margaretha, welche am 6. September 1900 in Jaluit geboren wird, und Julie Johanna, geboren am 10. August 1904 in Jaluit.
Antonie Brandeis wirkt auf Jaluit in der Krankenpflege und sammelt völkerkundlich interessante Gegenstände. 1907 erscheint in Berlin ihr Kochbuch für die Tropen – Nach langjährigen Erfahrungen in den Tropen.
Arno Senfft, von 1894 bis 1900 stellvertretender Sta-tionsleiter der Marshall-Inseln, interessiert sich für die Kultur der Eingeborenen und verfaßt völkerkundliche Artikel über sie. Im Jahr 1900 bringt er ein Wörterver-zeichnis der Sprachen der Marshall-Insulaner heraus, welches einem Umfang von 183 Seiten hat.
Im Jahr 1900 wird in Jabor aus der Gaststätte Germania, einem einstöckigen robusten Holzbau, ein zweistöcki-ges Hotel. Wohl das eleganteste Gebäude der ganzen Marshallinseln. Das Hotel hat neben den Gästezimmern im zweiten Stock im Erdgeschoß ein Billardzimmer, eine Schankstube, ein Restaurant und einen Gemischt-warenladen.
Im Jahr 1900 kommt es zum Streik der marshallesischen Verladearbeiter. Sie verlangen statt zwei Mark nun vier Mark pro Tag für das Verladen von Kopra auf die Schiffe der Jaluit-Gesellschaft. Um den Streik zu beenden macht der Landeshauptmann Druck auf die Häuptlinge, auf daß die Arbeiter weiter zu den bisherigen Löhnen ar-beiten. Tatsächlich gelingt die Unterdrückung der Lohn-erhöhung durch die Häuptlinge bis auf die beiden Atolle Namorik und Mejit. Auf diesen beiden Atollen setzen kirchliche Komitees, die als eine Art Gewerkschaft fun-gieren, einen Tagessatz von vier Mark durch. Als ein deutsches Kriegsschiff die beiden Atolle aufsucht wer-den sieben der Anführer des Streiks dort verhaftet und eine Strafe von 100 Tonnen Kopra verhängt. Aber trotz-dem halten die Bewohner der beiden Inseln durch. Als die Jaluit-Gesellschaft daraufhin die Ankaufpreise für ihr Kopra verringert, stellen die Bewohner der beiden Atolle die Herstellung von Kopra vollständig ein. Die Kolonialverwaltung antwortet mit einer Blockade der beiden Inseln, um die Lieferung von Gütern auf die Atolle zu verhindern. Die Insulaner geben aber nicht auf und für fast drei Jahre, von 1901 bis 1904, dauert die Blockade an. Dann schließlich gibt die Kolonialverwal-tung nach, um die Kopralieferungen wieder in Gang zu bringen, und bewilligt den Arbeitern der beiden Inseln vier Mark pro Arbeitstag beim Kopraverladen.
„Es gibt keine Taifune auf Jaluit“, ist der Satz, der immer wieder von Händlern und Seefahrern in den Marshall-inseln gesagt wird und auch von Reiseschriftstellern und Völkerkundlern verbreitet wird. Und tatsächlich hat keiner der deutschen und anderen weißen Händler auf den Marshallinseln je einen Taifun in ihrer Inselwelt erlebt. Sie haben nur ein paar nicht weiter erwähnens-werte Stürme mitgemacht, nicht aber einen Taifun wie sie in anderen Gegenden des Pazifik zuweilen toben. Doch dann kommt der 30. Juni 1905. Ein Taifun trifft die südlichen Marshallinseln, verwüstet die Atolle Mile, Nadikdik und Jaluit und trifft Arno and Majuro schwer. Etwa 230 Marshallesen verlieren an diesem Tag ihr Leben.
Das Nadikdik-Atoll wird vollständig überschwemmt. Von mehreren seiner bewohnten Inseln sind Sand und Erde völlig verschwunden und nur noch das blanke Korallen-gestein ist übrig geblieben. Alle etwa 60 Bewohner des Atolls sind umgekommen, bis auf zwei Jungen, die, sich an einem ausgerissenen Brotfruchtbaum festhaltend, einen Tag lang bis zur Südküste von Mile trieben.
Majuro verliert einen fünf Kilometer langen schmalen Landstrich an der Südostküste zwischen Rairok und De-lap. Der Landstreifen ist von den Riesenwellen wegge-rissen worden.
Auch die nordöstlichen Inselchen vom Jaluit-Atoll sind sehr schwer getroffen. Mehrere sind weggespült bis zu ihrem harten Korallenboden. Um die 80 Menschen ver-loren dort ihr Leben. Die Verluste auf Jabor sind ver-hältnismäßig leicht: Ein Marshallese wurde von einem herabstürzenden Dachbalken getötet und mehrere Menschen wurden verletzt, darunter ein katholischer Missionar. Als der Taifun über Jabor hinwegzog, war gerade Ebbe, sodaß die Wucht des riesigen Sturms wesentlich geringer war als auf Mile oder Nadikdik. Trotzdem gibt es auch auf Jaluit Überschwemmungen und in der Lagune sinken mehrere Schiffe oder werden von Wind und Wellen auf die Korallenbänke getrieben. Jaboran ist schwer zerstört. Nur ein Gebäude steht noch, das stärkste Gebäude der Siedlung, das Lagerhaus der Jaluit-Gesellschaft. Alle Weißen und viele Marshallesen haben sich vor dem Taifun in das Lagerhaus geflüchtet.
Die Lagune von Mile und im geringeren Maße die Lagune von Jaluit sind voll von treibenden Büschen, Bäumen, Häusern, zerbrochenen Kanus, hölzernen Gegenständen aller Art und Leichen. Die Menge an treibendem Material in den Gewässern der Marshall-inseln ist im Juli und August 1905 so groß, daß es eine ernste Gefahr für die Schiffahrt darstellt und beein-trächtigt auch die wenigen Hilfsmaßnahmen im betrof-fenen Gebiet.
Der Reichspostdampfer Germania hat gerade Jaluit auf seinem Weg nach Hongkong erreicht als der Taifun losbricht. Das Schiff legt rechtzeitig vom Landungssteg ab und übersteht den Sturm in der Mitte der Lagune von Jaluit vor beiden Ankern und mit voller Kraft gegen den Sturm laufend. Der Anlegesteg wird total zerstört. Am 4. Juli 1905 verläßt die Germania Jaluit wieder mit den Anweisungen der Landeshauptmannschaft auf den Marshallinseln Bauholz in San Franzisko zu bestellen für den Wiederaufbau der Häuser, chinesische Zimmer-leute für den Wiederaufbau in Hongkong anzuwerben und knappe Versorgungsgüter – auch insbesondere für Bauzwecke – für die Marshallinseln zu bestellen. Die Germania bringt die Nachricht der Verheerungen zu-nächst nach Jap, von wo telegrafisch die Kaiserliche Marine in Tsingtau benachrichtigt wird, die den Kleinen Kreuzer SMS Seeadler, der in der Südsee stationiert ist, nach Jaluit schickt.
Während nun die privaten Unternehmen den Wieder-aufbau so schnell wie möglich vorantreiben, verfällt die deutsche Verwaltung unter dem alten Landeshaupt-mann Eugen Brandeis in völlige Handlungsunfähigkeit. Die Einheimischen helfen sich aus der jahrhundertelan-gen Erfahrung mit Taifunen so weit sie können selbst. Trotzdem verhungern in den folgenden Monaten etwa 90 infolge der zerstörten Lebensmittelbestände und ver-nichteten Fruchtbäume.
Zwei Zweimastschoner, welche in Jaluit ans Ufer ge-drückt wurden, können flott gemacht werden und könnten für die nun dringend notwendige Inspektion der Inselwelt der Kolonie benutzt werden, aber die Verwaltung verharrt in völliger Untätigkeit. Sicher sind die wenigen deutschen Beamten zunächst geschockt von dem überwältigenden Ereignis, aber ihre Unfähig-keit dauert über Monate an. Ende Juli trifft der Kleine Kreuzer Seeadler ein, der die durch einen Taifun im April getroffenen östlichen Karolinen unterstützt hat, und Brandeis hat nun ein voll einsatzbereites Schiff zur Verfügung für die Erkundung der Lage auf den vielen Atollen der Marshallinseln, von denen mittlerweile auch Nachrichten über Zerstörungen auf ihnen in Jaboran eingetroffen sind. Trotzdem tut der Landes-hauptmann überhaupt nichts. Kein deutscher Beamter verschafft sich ein eigenes Bild von der Lage in der Kolonie, noch werden Hilfsmaßnahmen eingeleitet.
Eugen Brandeis geht im Januar 1906 in Rente und sein nun amtierender Stellvertreter Ludwig Kaiser begeht am 25. Mai 1906 Selbstmord, einen Tag vor dem Ein-treffen von Victor Berg, dem Vizegouverneur von Deutsch Neuguinea, der für eine Besichtigung der Lage auf den Marshallinseln anreist. Berg findet die deutsche Kolonie in einem Durcheinander. Der tatkräftige Berg ist entsetzt und geht sofort ans Werk. Er besucht umge-hend Mile, Arno und Majuro, schickt Lebensmittelhilfe und organisiert eine bereits von den Einheimischen begonnene Umsiedlung vom zerstörten Atoll Mile nach Arno.
Durch die bereits im Januar 1906 beschlossene Über-tragung des Schutzgebietes der Marshallinseln an Deutsch Neuguinea ist nun die neue Verwaltung der Marshallinseln unter Aufsicht des Gouvernements von Deutsch Neuguinea und nicht mehr vom unendlich fernen Berlin.