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Kolonialskandale

Im Norden Kameruns mit Truppen unterwegs erhält der Schutztruppenoffizier Hans Dominik um die Jahreswen-de 1902/03 die Nachricht nach Deutschland zu kommen, um sich wegen persönlicher Beschuldigungen zu ver-antworten. Der Resident des britischen Protektorates Nordnigeria hatte berichtet, daß Dominik seiner einge-borenen Truppe befohlen habe, den gefallenen Gegnern Köpfe und Glieder abzuschneiden. Dieser archaische Brauch ist alte afrikanische Sitte. Auch die anderen Kolonialmächte in Afrika haben mit ihren eingeborenen Soldaten das gleiche Problem. Als die Deutschen im April 1902 im bisher französischen Dikoa im Norden Kameruns einrückten, sahen sie die auf Stangen ge-spießten Köpfe toter Rebellen.

Nach einer langen Reise bis nach Duala kann Dominik von dort mit dem Schiff am 9. März 1903 nach Deutsch-land abreisen. Im Reichstag sind umfangreiche Diskus-sionen im Gange. Bei Rückfragen in Kamerun treten viele Weiße für Dominik ein. Soldaten, Beamte, Kauf-leute und Missionare zeugen für ihn, so daß das Ver-fahren niedergeschlagen wird und er 1904 wieder nach Kamerun ausreisen kann, um die Station Jaunde zu übernehmen.

1906 wird Dominik erneut angegriffen. Der SPD-Abge-ordnete August Bebel behauptet, daß einheimische Truppen unter Dominiks Befehl 50 Kinder aus Rebellen-gruppen in Bastkörben über die Nachtigallschnellen in den Tod stürzen ließen. Die Anschuldigung macht Schlagzeilen in Deutschland, aber schließlich muß Bebel zugeben, daß sein Informant die Geschichte frei er-funden hat.


In der gelenkten englischen Presse wird Propaganda als grundsätzliches Mittel der Politik betrieben, im Gegen-satz zu Deutschland, wo die Regierung Propaganda als Mittel der Politik kaum versteht. Die Erfolge in der deutschen Kolonialpolitik in der Presse vorzuführen, auch als ›Ausgleich‹ für die Unannehmlichkeiten der im Ganzen gesehen lächerlichen Kolonialskandale – im Gegensatz zu den endlosen Verbrechen der meisten anderen Kolonialmächte in ihren Kolonien – kommt der deutschen Regierung nicht in den Sinn. Die deutsche Regierung hat Propaganda als Werkzeug der Herrschaft nicht begriffen, zumal das Reich demokratisch regiert wird, im Gegensatz etwa zu England, wo die Oberschicht scheinbar demokratisch über das Volk herrscht.

Die moderne Propaganda wird in England erfunden und wissenschaftlich betrieben. England hat den Vorteil ein seit Jahrhunderten geeintes Land zu sein, das darüber hinaus im englischen Club-Wesen der Oberen Zehn-tausend ein festgefügtes Herrschaftssystem über das Volk besitzt, zu dem die von den Clubs kontrollierte Presse zählt, die je nach Wunsch der herrschenden Klasse Propaganda im Volk betreibt. Deutschland dage-gen war jahrhundertelang zerrissen in hunderte Herr-schaften und in die katholische und evangelische Reli-gion. Erst seit 1866 gibt es mit dem Sieg Preußens über Österreich eine übergreifende Regierung in Deutsch-land mit Berlin als Hauptstadt. Eine Herrschaftsstruktur wie in England gibt es nicht und darüber hinaus ent-wickelt sich in Deutschland die Demokratie mehr und mehr, in der das Herrschaftsmittel der Propaganda weit-gehend von der Opposition gegen die Regierung genutzt wird.


In den Parlamenten und der Öffentlichkeit der Kolo-nialmächte Spanien, Portugal, Belgien, Frankreich und England kommt niemand auf die Idee, die überreich in ihren Kolonien vorkommenden Vergehen und Verbre-chen an der einheimischen Bevölkerung anzuklagen. Welchen Nutzen hätte man wohl auch davon haben können? Anders in Deutschland. Als einziger wirklicher Demokratie der genannten Mächte gibt der Reichstag den Abgeordneten Gelegenheit Gewissensentscheidun-gen auf die Bühne der Politik zu bringen und sich dabei gleichzeitig auch einen Namen für die zukünftige Kar-riere zu machen. Der Reichstag gewinnt in der Macht-konstellation zwischen Kaiser, Kanzler, Parteien, Inte-ressengruppen wie etwa dem Flottenverein, der Deut-schen Kolonialgesellschaft und selbstverständlich den Verbänden der Großindustrie, ständig an Macht, da der vom Kaiser eingesetzte Kanzler sich für seine Politik und die Gesetzgebung sich mehr und mehr auf Mehr-heiten im deutschen Parlament stützen muß, einem Par-lament, das immer stärker von der Sozialdemokrati-schen Partei bestimmt wird.

Der Reichstag gewinnt auch durch seine Kontrolle über den Staatsetat immer mehr Einfluß auf das Militär, welches eigentlich ursprünglich nicht vom Reichstag kontrolliert werden sollte. Die Demokratisierung Deutschlands schreitet so auf verschiedenen Ebenen ständig voran. So auch vom langsamen Erodieren des Dreiklassenwahlrechts in den Bundesländern des Reiches hin zum gleichen Wahlrecht wie es im Reich gehandhabt wird.

Hat der Reichstag auch noch keinen Einfluß auf die Außenpolitik, die sich auch schon vom Kaiser auf den Kanzler verlagert hat, so ist die Kolonialpolitik ein Feld der Innenpolitik, das ausgiebig genutzt wird im poli-tischen Kampf, und so eine Kontrolle der Ereignisse in den Kolonien stattfindet für die Rechtsstaatlichkeit und Verantwortung der deutschen Kolonialverwaltungen, die vollkommen ausgeschlossen in den Parlamenten anderer Kolonialmächte ist, wo das Ziel des Abgeord-neten der Aufstieg im System ist, wenn er nicht sowieso zum System der herrschenden Klasse gehört, denn normalerweise können sich nur Reiche den Luxus leisten Abgeordnete zu sein, wo der Abgeordnete kein Gehalt wie in Deutschland, die Diät, bekommt, sondern sein Leben aus seinen privaten Einkünften bestreiten muß, er also reich sein muß, er eben zur herrschenden Oberschicht gehört, die ihre Skandale und Kolonial-skandale natürlich geheim hält.