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Weltpolitik II

Im Gegensatz zur planlosen Weltpolitik des Reiches um 1900 ist nach der Zweiten Marokkokrise von 1911 eine strategische Planung getreten, die den Anspruch Welt-politik verdient. Der Kern der neuen Weltpolitik liegt im wirtschaftlichen Bereich – dem eigentlich wichtigen Be-reich eines Staatswesens – zum Nutzen der deutschen Wirtschaft und somit auch Deutschlands und des deut-schen Volkes. Waren Prestige, Weltmachtstreben, See-macht ausschlaggebende Größen vor der neuen Welt-politik, sind nun knallharte wirtschaftspolitische Grün-de maßgebend, weshalb die deutsche Wirtschaftsfüh-rung nun auch vorrangig an der Erwerbung neuer Kolo-nien beteiligt ist. Waren die deutsche Großindustrie und die Banken in den 1880er Jahren völlig desinteres-siert an Kolonien, nicht zuletzt als Ergebnis des 1881 gegründeten Westdeutschen Vereins für Colonisation und Export, dem 1880 Besprechungen der späteren Gründungsmitglieder des Vereins, »verschiedenen Her-ren der westdeutschen Großindustrie«, vorausgingen, und der die Möglichkeiten von deutschen Kolonien für die deutsche Industrie auslotete, konkrete Exportchan-cen wurden diskutiert und projektierte Überseeunter-nehmen auf ihre Rentabilität hin durchkalkuliert, aber ohne zu einem günstigen Ergebnis zu kommen, und so waren Kolonien für die deutsche Großindustrie als Markt uninteressant, so sind jetzt, nachdem die deut-schen Kolonien verkehrstechnisch und wirtschaftlich erschlossen sind und anfangen Gewinn abzuwerfen, die Großindustrie und die Banken allerdings an Kolonien interessiert.

Auch die maßgeblichen Kolonialpolitiker in der Regie-rung haben aus den Fehlern früherer Zeiten gelernt und gehen anstatt mit Theaterdonner, wie bei den Marokko-krisen von 1905 und 1911, mit bedacht an die selbstge-stellte Aufgabe. So wird im Verein mit den deutschen Großbanken hinter den Kulissen an der wirtschaftlichen Durchdringung gewünschter Kolonien für deren ge-plante Übernahme gearbeitet.


1914 haben Deutschland und England die letzten poli-tischen Schwierigkeiten untereinander ausgeräumt. Die Auseinandersetzung um die Bagdadbahn ist im Juni 1914 friedlich gelöst worden. Die Bagdadbahn von Berlin nach Bagdad erschließt für Deutschland die Ölfelder des Orients und ist als reine Landverbindung für die Royal Navy, für England, im Kriegsfall unangreifbar. Gleichzei-tig würde bei einem geringen Weiterbau der Bahn bis Kuwait Deutschland am Persischen Golf stehen, was Eng-land unbedingt verhindern will. So einigt man sich darauf, daß die Bagdadbahn nicht zum Persischen Golf verlängert wird und England in der Verwaltung der Bahnlinie ein Mitspracherecht bekommt.

Auch die kolonialen Fragen sind zwischen Deutschland und England erledigt. Schon im November 1911 hat der englische Außenminister Edward Grey vor dem Parla-ment und gegenüber dem deutschen Botschafter in London, Graf Metternich, Belgisch Kongo zur deutschen Einflußsphäre erklärt. Mit der Übereinkunft vom August 1913 über die Teilung der Kolonien Portugals zwischen Deutschland und England ist auch diese Frage geklärt. In einem ersten Schritt ist am 28. Mai 1914 die Urkunde für den Kauf der englischen Nyassa Company, die wirt-schaftlich halb Nordmosambik beherrscht, im Auftrag des Deutschen Reiches von einem deutschen Banken-konsortium in London unterzeichnet worden.

Die letzte Streitfrage zwischen Deutschland und England betrifft die Flottenrüstung. Aber auch hier hat sich eine Lösung für England ergeben, die Fernblockade. Waren England und Deutschland davon ausgegangen, daß in einem Kriegsfall zwischen beiden Ländern – wie in den Jahrhunderten zuvor in solchen Fällen – die stärkere Seemacht die Häfen der schwächeren Macht unmittel-bar blockiert, und Deutschland dagegen versuchen woll-te, die britische Schlachtflotte auch mit den gefährli-chen kleinen Torpedobooten vor der deutschen Küste zu schlagen, so haben die Briten jetzt umgestellt auf eine Blockade der deutschen Seewege in den Atlantik hinein zwischen Schottland und Norwegen und im Ärmelkanal. Der deutsche Überseehandel würde im Kriegsfall mit England nun sofort zusammenbrechen, da die deut-schen Schlachtschiffe mit ihrer Kohlebefeuerung unter Kriegsbedingungen mit ständigen hohen Fahrgeschwin-digkeiten nur eine geringe Reichweite haben und die britische Fernblockadeflotte nicht angreifen können. Die deutschen Torpedoboote haben eine noch viel ge-ringere Seeausdauer als die Schlachtschiffe und fallen nun als Kampfmittel gegen die Royal Navy ganz aus. So ist britische Flotte im Kriegsfall durch die Fernblockade auch vor der deutschen Flotte geschützt.

Die beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt haben ihre Probleme miteinander Mitte 1914 gelöst und eine Blüte der Weltwirtschaft ist abzusehen, zum Nutzen der ganzen Menschheit.