Die Herero haben ihr Stammesgebiet im südlichen Norden von Deutsch Südwestafrika. Herero sind aber auch in anderen Teilen der Kolonie zu finden, so etwa beim Hafenbau in Swakopmund und am Bau der Eisen-bahn. Die meisten Herero sind Großviehzüchter. Das heißt, den Mächtigen gehört das Vieh und das Volk hütet das Vieh und ernährt sich von den Rinderherden.
Die Mächtigen der Herero sind die Kapitäne und Groß-männer. Die Kapitäne sind die Häuptlinge und die Groß-männer sind die weiteren Reichen und Mächtigen bei den Herero, wobei beide Begriffe – Kapitän und Groß-mann – auch zusammenfallen können.
Es gibt aber auch verarmte Herero, die Feldherero, die bei der Rinderseuche von 1897 alles Großvieh verloren haben und nicht wieder neue Herden anschaffen konn-ten oder sowieso schon zu den Feldherero gehörten, die im Hereroland als Jäger, Sammler und Kleinviehzüch-ter leben.
Die Herero leben hauptsächlich von der Milch ihres Viehs, selten schlachten sie ihre Rinder, die ja in ihrer Zahl dem Prestige des Eigentümers dienen und zum Handeln gebraucht werden, um Waren aller Art mit ihnen einzutauschen. Dazu halten die Herero Kleinvieh wie Ziegen und Hühner und sammeln Feldkost, was sich an eßbarer Pflanzenkost im Land finden läßt, wie Bee-ren, Zwiebeln, Wurzeln und Kräuter. Sie können auch Fallen stellen und Jagen.
Die Herero wurden 1897 durch die Rinderpest schwer getroffen, die über die Hälfte ihres Viehbestandes tötete. Der folgenden Typhusepidemie von 1898 fielen um die 10.000 Herero zum Opfer, die ihre Ursache im Massen-sterben ihres Viehs im Jahr zuvor und den dadurch verseuchten Wasserstellen hatte. Dazu kamen eine Malariaepidemie, ein Heuschreckeneinfall und auch noch eine Dürreperiode, was viele der stolzen Herero zur Arbeit bei Weißen zwang.
Die Bevorteilung von Deutschen in der deutschen Kolo-nie gegenüber Hereros vor Gericht ist unbestreitbar. Mit dem Ansteigen der Siedlerzahl im Land – Siedler, die oft aus schon bedenklichen Gründen nach Südwest gekommen sind – nehmen auch die Straftaten gegen Einheimische zu, ohne daß die deutsche Gerichtsbar-keit angemessen gegen die Straftaten der Weißen gegen die Eingeborenen vorgeht, was verständlicherweise die Erregung der Herero noch steigert. Samuel Maharero, der Oberhäuptling der Herero, beschwert sich schrift-lich beim Gouverneur Theodor Leutwein über die wach-sende Rechtsunsicherheit: »Du weißt, wieviele Herero durch die weißen Leute, besonders durch Händler, mit Gewehren und in Gefängnissen getötet sind. Und im-mer, wenn ich diese Sache nach Windhuk [Hauptstadt von Deutsch Südwestafrika] brachte, immer kostete das Blut meiner Leute nicht viel mehr als einige Stück Kleinvieh.«
Der Missionar Elger der Rheinischen Missionsgesell-schaft schreibt im Februar 1904:
»Die eigentliche Ursache der Erbitterung der Hereros gegen die Deutschen ist ohne Frage die, daß der Durchschnitt der Deutschen hier den Eingeborenen ansieht und behandelt als ein Wesen, welches mit dem Pavian (Lieblingsname für Eingeborene) so ziemlich auf einer Stufe steht und nur soweit Daseinsberechtigung hat, als es für den weißen Menschen von Nutzen ist. Daher gilt dem Weißen sein Pferd und sein Ochse mehr als der Eingeborene. Aus dieser Gesinnung gehen dann nur zu oft Härte, Betrügereien, Ausbeutung, Unge-rechtigkeit und Vergewaltigung, nicht selten Totschlag hervor.«
So machen sich auch insbesondere die aus Südafrika nach Südwest zugewanderten Buren mit körperlichen Straftaten an Hereros schuldig.
Die Landfrage ist aus deutscher Sicht das Hauptproblem in Bezug auf die Eingeborenen und seit 1901 drängen die Missionsgesellschaften auf die Schaffung von Reserva-ten, deren Land unveräußerlich ist. Bisher ist nur ein Reservat eingerichtet, dasjenige für den Hottentotten-stamm der Witbooi im Jahre 1897. Trotz bescheidener Lebensführung konnte Hendrik Witbooi, der Kapitän der Witboois, nicht verhindern, daß er für seinen Stamm Schulden machen und Land verkaufen mußte. Die Witboois stellen nichts her und besitzen nur etwas Kleinvieh. Garten- und Ackerbau kennen sie nicht. Frü-her hatte der Stamm von Raubzügen gegen seine Nach-barn gelebt. Durch das 1200 Quadratkilometer große Reservat ist ihnen ihr Land nun gesichert.
Durch Beschlagnahme von Ländereien im Schutzgebiet durch die deutsche Kolonialverwaltung und den Ver-kauf von Land durch die Hererohäuptlinge ist schon viel Land der Herero verlorengegangen. Besonders Herero-häuptling Samuel Maharero, der schon jährlich ein Salär von 2000 Reichsmark aus der Kasse des Gouver-nements erhält, wie auch Hendrik Witbooi, ist über die Maßen genußsüchtig und verschwenderisch und ver-schleudert dafür viel Stammesland, welches in den Be-sitz von weißen Siedlern übergeht.
Mit der 1902 fertiggestellten Eisenbahnlinie von Swa-kopmund nach Windhuk wird das südliche Hereroland von der Bahn durchzogen und diese günstige Bahnver-bindung fördert die Ansiedlung von weißen Farmern entlang der Bahn. Mit der 1903 begonnenen Bahn von Swakopmund nach Otavi im Norden der Kolonie wird noch eine Bahnlinie durch das Hereroland führen, mit weiterem Landverlust, und weitere weiße Siedler wer-den ins Land kommen, befürchten die Herero zurecht. Trotzdem verkaufen Hererogroßleute weiter bedenken-los Stammesland, um von ihren Schulden herunter-zukommen und ihrer Genußsucht zu frönen. Dabei bie-ten sie Land an Siedler zu Preisen unter dem Angebot des Gouvernements für Land an, um an Geld zu kom-men.
Für die Herero ist nicht Land an sich wichtig, sondern Wasserstellen. Land gibt es mehr als genug, aber Was-ser ist entscheidend. Auch die ersten Erfolge der von Gouverneur Leutwein eingeführten Tiefbrunnen-Bohr-maschinen bei der Wassererschließung seit 1901 kann für einen Nomaden eine Seßhaftigkeit mit dem unver-meidlichen Rückgang der Weide durch das dauernd grasende Vieh an einer permanenten Wasserstelle nicht annehmbar machen.
1902 schaltet sich die Reichsregierung in Berlin ein und Vorschläge für die Grenzen der Reservate sollen von den unteren Behörden an das Gouvernement in Windhuk eingereicht werden. Am 30. September 1903 werden vom Gouvernement die Grenzen der zukünftigen Reser-vate bekanntgegeben und am 8. Dezember wird im Raum am Waterberggebirge nach Absprachen mit den dortigen Kapitänen und Großleuten das erste Herero-reservat eingerichtet. Über die vorläufigen Grenzen der geplanten Reservate im Gebiet von Okahandja und Gobabis sind die Herero entsetzt. Sie sollen auf ihre besten Weidegründe und Wasserstellen verzichten und den Ort Okahandja, Sitz von Oberhäuptling Samuel Maharero, aufgeben. Und die als Weideland wenig ergiebige Omaheke – was auf Herero Sandfeld heißt – soll ihnen mit einigen weiteren Gebieten im Nordosten der Kolonie als größtes Reservat zugewiesen werden. Die Herero sind nur selten im Sandfeld und wenn dann meistens in der Regenzeit. Die endlosen Flächen und Dünen der Omaheke mit ihren hellroten und weißen Sanden sind zwar mit Gras bedeckt und Wasserstellen sind auch zu finden, aber eben das Gras führt zu einer Vieherkrankung, weshalb die Herero das Sandfeld sel-ten zum Weiden und ansonsten nur zum Durchzug zwischen ihrem Stammland in Südwest und dem eng-lischen Betschuanaland benutzen. Ein weiterer Grund für die Herero das Sandfeld zu meiden sind feindliche Stämme in dem Steppenland wie die Buschleute und die Tawana.
Die deutsche Verwaltung hingegen weiß nur vom Gras-reichtum des Sandfeldes, von der für die Tiere tödlichen Lahmkrankheit weiß sie nichts, und für das offensicht-liche Problem der Wasserversorgung in der Trockenzeit und bei ausbleibender Regenzeit hat man ja scheinbar eine Abhilfe: die Tiefbrunnen-Bohrmaschinen. Diese Technik ist erfolgreich in der Kolonie im Einsatz und so könnte wohl auch im Sandfeld immer Wasser an die Oberfläche gepumpt werden.
Die deutsche Kolonialverwaltung sucht die Erregung der Herero über die Grenzziehung der Reservate zu beschwichtigen. Immerhin 25 % des Stammlandes wür-de zu Reservaten erklärt werden und damit auch den Häuptlingen entzogen, die für ihren eigenen Vorteil in der Vergangenheit viel Land verkauft haben. Außerdem soll alles Stammland außerhalb der Reservate, das den Herero gehört, auch weiterhin in ihrem Besitz bleiben.
Sicherlich fehlt es auch an Öffentlichkeitsarbeit des Gouvernements bei den Herero für die durchaus nicht unangemessenen Landrechte für sie wie die Reservate, die auch mit ihren Großleuten verhandelt werden, doch viele Herero fürchten in die Reservate verbannt zu werden, was nicht der Fall ist. Nicht zu bestreiten ist, daß das Leben der Herero durch die Deutschen immer mehr eingeschränkt wurde. Ein freies Umherschweifen im Land auf der Suche nach Wasserstellen und Weide-gründen wird ihnen immer mehr unmöglich gemacht und die älteren und politisch entscheidenden Herero-Großleute sehnen sich nach der Zeit vor den Deutschen zurück.
Auch ist die Verschuldung der Herero bei weißen Händ-lern ein großes Problem. Gouverneur Leutwein und die Missionare betrachten die Entwicklung mit Sorge. Leutwein ist bestrebt sinnvolle Lösungen zu finden. So will er Kredit an Herero verbieten und beim Verkauf von Waren an Eingeborene nur noch Barkäufe zulassen. So kommt es zu der weniger guten als von Leutwein vorgeschlagenen Kreditverordnung der Reichsregie-rung vom 23. Juli 1903. Diese Verordnung verbietet binnen Jahresfrist alle alten und noch dazukommende Kredite und erklärt sie für ungültig. Die Händler sind nun aber unter Zeitdruck und lassen alle Rücksicht-nahmen beim Eintreiben ihrer Kredite fallen. Sie neh-men, pfänden, beschlagnahmen – meist ohne Rechtsti-tel – was sie von den Herero kriegen können: Vieh und Land. Die Farmersfrau Helene von Falkenhausen schreibt: »Ein gewaltiger Schreck bemächtigte sich der Herero, sie mußten aus diesem Verhalten der Händler den Eindruck gewinnen, man wollte auf einen Schlag ihren gesamten noch vorhandenen Besitzstand konfis-zieren.«
Im November 1903 schreibt der Ansiedlungskommissar Paul Rohrbach in sein Tagebuch: »Was bisher tatsäch-lich vorgekommen, auf welche schamlose Weise mit-unter Landabtretung im größtem Maßstabe, Viehher-gabe, Schuldenanerkennung usw. von den Hereros er-preßt worden ist, kann der Sache nach in den meisten Fällen nur als krasse Auswucherung, nicht selten als kaum verschleierter brutaler Raub bezeichnet werden.«
Die Kölnische Zeitung schreibt am 24. Januar 1904: »Die im Lande sehr zahlreichen fahrenden Händler, deren Vorleben in Europa oft die Ursache ihres Hierseins ist, wie denn überhaupt das Schutzgebiet namentlich bei unseren Mitbürgern des preußischen Ostens als ein geeignetes Verschickungsland für ungeratene oder un-bequeme Söhne gilt, sind nicht sehr rücksichtsvoll in der Wahl ihrer Mittel und suchten sich für die den Herero dargeliehenen oder dargewucherten Waren be-zahlt zu machen, damit nur die verhängnisvolle Frist [22. Juli 1904] nicht verstreiche.«
Es gärt unter den Herero und sie bereiten sich durch Käufe von Strümpfen, Hemden, Stiefeln, Zaumzeug, Sätteln, jeder Menge warmer Decken, Pferden und auch Viehdiebstählen von weißen Farmen auf einen Aufstand vor. Bei den Deutschen läuft über die Kaufwut der Herero ohne Rücksicht auf Schulden das Gerücht um, sie wollten ins benachbarte britische Betschuanaland auswandern und dann seien sie natürlich auch gleich ihre Schulden los.
Helene von Falkenhausen, seit 1893 im Lande – sie hat sowohl in der Hauptstadt Windhuk als auch auf Farmen gelebt und Reisen durchs Land gemacht hat – , kennt viele Kapitäne der Herero und auch deren Ober-häuptling Samuel Maharero, von dem sie schreibt: »Samuel war oftmals unser Gast; aber wir waren von dieser uns zuteil werdenden Ehre durchaus nicht er-baut. Er konnte entsetzlich betteln, und wir glaubten, möglichst alle seine Wünsche erfüllen zu müssen, um nicht in Ungnade zu fallen. Auch von den Herren unserer Regierung wurde dieser schwarze Gast sehr kajoliert.« Weiter schreibt sie in ihrem 1905 in Berlin erschienen Buch Ansiedlerschicksale: »Hier möchte ich etwas auf die Schwierigkeiten eingehen, mit welchem die Händler zu kämpfen hatten, da diese Schwierig-keiten von Unbeteiligten oft unterschätzt wurden. Das Schuldenmachen der Eingeborenen hatte einen un-glaublichen Umfang erreicht; und doch konnte kein Händler sich dieser Unsitte entziehen. Was half es, wenn er diesem oder jenem schlechten Zahler den Kredit verweigerte! Der Kunde ging dann in einen an-deren Store, erhielt dort, was er verlangte und brachte zu diesem seine letzten Zahlobjekte oder ließ sie sich mit Gewalt nehmen, und der erste ging leer aus. Die Renta-bilität des Handels ging mit den Jahren zurück, wie die Zahl der handeltreibenden Weißen zugenommen hatte. Ohne Handel lebte schließlich kein Ansiedler im Dama-ralande. Man erzielte ja erst schöne Überschüsse, aber durch die immer steigende Konkurrenz wurden für das Vieh höhere Preise gezahlt, während diejenigen für die Waren beständig sanken. Und da trotz dieses schmäle-ren Verdienstes einzelne Händler in kurzer Zeit, koste es was es wolle, reiche Leute werden wollten, so gaben sie den Hereros gern so viel auf Schuld, als sie nur irgend verlangten, um ihnen dann das Vieh zu Spott-preisen abzunehmen; denn gutwillig bezahlten die Schwarzen nie. Man kann sich von ihrer Saumseligkeit im Bezahlen überhaupt keine Vorstellung machen; man konnte darüber in Verzweiflung geraten. Manchmal erst nach jahrelangem Warten ließ der Herero sich herbei, eine Kleinigkeit seiner Schuld abzutragen; ganz tilgte er sie nie, sondern nahm gewöhnlich in demselben Be-trage wieder neue Waren auf Kredit. Dann war bei einer Mahnung die ständige Antwort: „Ich habe doch eben erst bezahlt“.
Sehr häufig zogen die Schuldner in eine ganz entfernte Gegend, selbstverständlich ohne den Händler davon in Kenntnis zu setzen. Man schickte dann Leute zu ihnen, um ihnen Vieh in dem Betrage abzunehmen oder, was das Sicherere war, unternahm selbst eine Reise, um die Außenstände einzuziehen. Davon hatte der betreffende Händler nicht nur Mühe, sondern auch materielle Un-kosten durch Zeitverlust und Löhnung und Bekösti-gung der notwendigen Leute. In diesen Fällen war es nur recht und billig, die Unkosten auf die Schuld aufzu-schlagen.
In früheren Zeiten war es, wie schon erwähnt, Brauch, daß der Kapitän für die Schulden seiner Leute auf-kommen mußte. Durch eine Verfügung der Regierung aber wurde diese Haftbarkeit der Kapitäne aufgehoben, und einzelne Weiße hatten die Hereros aufgeklärt, daß nach deutschem Gesetz auch die Verwandtschaft des Schuldners nicht verantwortlich gemacht werden könn-te. Wollte man die Hilfe der Polizei in Anspruch neh-men, um zu seinem Gelde zu kommen, so hatte man wenig Nutzen und viel Unannehmlichkeiten davon; denn diese Maßregel empörte die Eingeborenen erst recht. Die Handhabung der Angelegenheit war dann folgendermaßen: Nachdem man ein detailliertes Ver-zeichnis seiner Außenstände nach Windhoek einge-sandt hatte, wurde dieses, nach Verlauf längerer Zeit, an die zuständige Polizeibehörde geschickt mit dem Be-merken: die Eingeborenen seien zur Zahlung anzu-halten. Ein Polizist brachte ihnen dann die Rechnung und ermahnte sie zur Zahlung — weiter gingen die Befugnisse eines Polizisten nicht —, und damit war die Hilfe der Regierung erschöpft. Nach viel Schreibereien tat die Behörde, aber nur in äußerst seltenen Fällen, einen Schritt weiter, indem sie Samuels Hilfe anrief, und dieser die Zahlung veranlaßte. Der Händler sah sich also auf Selbsthilfe angewiesen; diese bestand darin, Vieh im Werte des Schuldbetrages aus dem Kral zu nehmen, was, wie er wußte, nicht erlaubt war und ihn selber in Lebensgefahr brachte. (Beispiele die Ermordung von Klaasen und Dürr durch Hottentotten.) Andere Fälle, daß die Eingeborenen den Weißen beim gewaltsamen Schuldeneintreiben tätlichen Widerstand entgegen-gesetzt hätten, sind mir nicht bekannt. Mein Mann [Friedrich von Falkenhausen] hat diese Art immer ver-mieden. Nur in einem Falle wurde er dazu gezwungen.
Einzelne Händler schlugen bei dieser Art des Anziehens ihrer Außenstände ungeheure Unkosten auf und rech-neten das Vieh zu den schlechtesten Preisen. Diese Händler gehörten zwar zu den Ausnahmen, aber warum griff hier die Regierung, die die Mißstände gut kannte, nicht energisch ein? — Es war auch eigentümlich, daß die Hereros immer wieder zu den Händlern, bei denen sie so üble Erfahrungen gemacht hatten, zurückkehrten. Sie glaubten eben nicht mehr, ohne die von den Euro-päern ihnen gebrachten Waren und Kulturprodukte sein zu können; so sehr sie an ihren Herden hingen, brachten sie doch ein Stück nach dem andern zu den Händlern, und der Rückgang ihres Besitzstandes konnte sie nicht abhalten, ihre Begierden zu befriedigen. Die Schulden einzelner Hereros wuchsen auf diese Weise ins Ungeheure, und wir fragten uns manchmal, was aus den zur Arbeit so wenig geneigten Leuten werden sollte, wenn sie ihren letzten Besitz hergegeben hätten.
Mein Mann machte im Bezirksverein [in Windhuk] Vorschläge, wie durch die Behörden dem Kreditgeben Einhalt getan und die Schulden eingetrieben werden könnten, so daß dabei weder die Weißen, noch die Eingeborenen übervorteilt würden. Da kam die vom Gouverneur erlassene Verfügung, welche die Schwierig-keiten nur vergrößerte, indem bereits nach einem Jahre die Forderungen verjährt sein sollten. Damit wurde natürlich nur das gewaltsame Eintreiben der Schulden begünstigt. Die Eingeborenen hatten von diesem Gesetz Kenntnis erhalten, und ein großer Schrecken bemäch-tigte sich ihrer. Ohne an die Folgen, an das Bezahlen zu denken, hatten sie sich in Schulden gestürzt und glaub-ten nun, ihr ganzer Besitz würde ihnen genommen werden. Dazu kam die Einteilung des Landes in Re-servate, nach welcher ihnen im Verhältnis nur kleine Gebiete blieben; sie erfuhren auch von verschiedenen Maßnahmen, welche die Regierung in Vorschlag ge-bracht hatte und die ihnen mit neuen Beschränkungen drohten. Der Hereroschulmeister Gottlieb frug eines Tages meinen Mann, ob es wohl wahr sei, daß sie künftig Hütten- und Viehsteuer bezahlen müßten, daß der Impfzwang der Rinder eingeführt werde usw. Alle diese Verhältnisse und Maßnahmen beunruhigten das Volk sehr und erbitterten es gegen die deutsche Herrschaft; aber die Ursache zum Aufstande waren sie nicht. Die-selbe war eine andere, gewissermaßen idealere. Man muß bedenken, daß die Hereros früher ein freies Volk waren, das keinen Herrscher als seinen angestammten über sich erkannte, und wissen, wie eingebildet und stolz sie sind. Schon längst strebten sie, die fremde Herrschaft abzuschütteln; aber einzelne Kapitäne, auch der Oberhäuptling Samuel Maharero, sahen voraus, daß sie den Deutschen nicht gewachsen wären und hielten ihre Leute zurück. Die nach Krieg verlangenden Here-ros waren jedoch in der Überzahl, und bei nächtlichen Zusammenkünften schmiedeten die Großleute die Plä-ne zu dem Aufstande, von denen das Volk nichts erfuhr. So geheim wußten sie ihre Anschläge zu halten, daß selbst die seit vielen Jahren unter ihnen lebenden Wei-ßen nicht die geringste Ahnung von den Absichten hat-ten.
Man hatte zwar ausgedehnten Patronenschmuggel an der Grenze beobachtet und auch die Behörde darauf aufmerksam gemacht; ein Missionar im Norden, der die geheimen Zusammenkünfte beobachtet hatte, unter-richtete die Behörden über die vielleicht drohende Gefahr; allein man maß dem allen keine Bedeutung zu. Einen so allgemeinen planmäßigen Aufstand hielt nie-mand für möglich. Unter den Ansiedlern selbst war nicht die geringste Besorgnis wegen eines Aufstandes vorhanden und daß sich Samuel mit seinen Leuten einem solchen anschließen würde, schien uns ein Ding der Unmöglichkeit.«
Ende Oktober 1903 kommt es zu einem Aufstand der Bondelswart-Hottentotten ganz im Süden von Deutsch Südwestafrika. Begonnen hat alles wegen des Streites um einen Hammel zwischen Herero und Hottentotten, der durch die Zahlung von 20 Mark vom Bondel-swartkapitän Abraham Christian an den geschädigten Herero erledigt war. Doch nun mischt sich der dafür auch gar nicht zuständige und noch landesunkundige Distriktchef in Warmbad, Leutnant der Schutztruppe Walther Jobst, in den Bagatellfall ein, der laut Vertrag eine Stammesangelegenheit ist und das Reich nichts angeht, und zitiert den Kapitän der Bondelswart zu sich, um ihn wegen des völlig bedeutungslosen Falles zur Rechenschaft zu ziehen. Abraham Christian schickt seine Großleute nach Warmbad, um den Fall zu klären. Jobst hört sich die Großleute erst gar nicht an, sondern läßt sie verhaften und als Geiseln nehmen. Noch am gleichen Tag, dem 25. Oktober, zieht Jobst mit fünf als Polizisten fungierenden Deutschen los, um Christian auf seinem Anwesen, seiner Werft, zu verhaften, wo dut-zende mit Gewehren bewaffnete Hottentotten sitzen. Als Christian sich gegen seine Verhaftung wehrt, kommt es unter ungeklärten Umständen – wahrscheinlich schießt ein deutscher Polizist zuerst auf Christian – zu einem Schußwechsel, bei dem der Kaptein tödlich getroffen wird und auf deutscher Seite sterben der Distriktchef Walther Jobst und zwei der Polizisten.
Es kommt zum Aufstand eines Teils der Bondelswart mit verschiedenen Überfällen und Gefechten. Der Gouver-neur von Deutsch Südwestafrika, Theodor Leutwein, be-fiehlt fast die gesamte Schutztruppe in den tiefen Süden der Kolonie, um den Aufstand schnell niederzuschla-gen. Im Hereroland bleiben durch den Truppenabzug nur drei Offiziere und 140 Mann zurück. Am 27. Dezem-ber 1903 kommt es zur Vereinbarung eines befristeten Waffenstillstandes, um durch Verhandlungen wieder zum Frieden zu kommen.
Die Traditionalisten der Kriegspartei der Herero sind in ihrer jahrhundertealten kriegerischen Überlieferung gefangen. Die Reservatsfrage, die Schuldenkrise, die Rechtsungleichheit tragen zum Entschluß für den Auf-stand bei. Bei einem ungünstigen Ausgang des Krieges ist die Flucht ins benachbarte Britisch Betschuanaland über altbekannte Routen möglich. Dazu kommt eine äußerst günstige und frühe Regenzeit, die im Kriegsfall dem gesamten Volk und seinen Viehherden mit aus-reichenden Wasserstellen Beweglichkeit sichern wird.
Anfang Januar 1904 sieht die militärische Lage für die Herero sehr gut aus. Durch den deutschen Truppenab-zug nach Süden wegen des Bondelswart-Aufstandes ist nun der ideale Zeitpunkt zum Aufstand. Die Herero-führer sehen nur die paar hundert Mann deutscher Soldaten in der ganzen Kolonie, die weitgehend auch noch mit der Niederschlagung des Bondelswart-Auf-standes beschäftigt sind, und diese wenigen deutschen Soldaten kann man bezwingen. Bei ihrem Aufstand ist den Hererohäuptlingen in keiner Weise bewußt, welche Militärmacht die Deutschen nach Südwestafrika werfen können. Das tausende Soldaten mit praktisch unbe-grenztem Nachschub an Waffen und Munition im Lan-de eintreffen werden ist vollkommen außerhalb ihrer Wahrnehmung.
Am 12. Januar 1904 beginnt der Aufstand der Herero. Etwa 150 Deutsche – Farmer, Händler, Reisende, Beamte, Soldaten – werden zu Beginn der Erhebung getötet, deutsche Farmen und Läden werden geplündert und große Mengen Vieh geraubt.
Der kaiserliche Ansiedlungskommissar für Deutsch Südwestafrika, Dr. Paul Rohrbach, zum Hereroaufstand: »Tatsächlich hatten die Hereros doch nichts anderes unternommen, als einen nationalen Befreiungskampf gegen die deutsche Herrschaft, die sich, vom Stand-punkt der Eingeborenen aus gesehen, nach Form und Wesen immer mehr von den ursprünglichen Abma-chungen in den Schutzverträgen entfernte und auf das Ziel, das die Hereros fürchteten, ihre allmähliche Expro-priation, mit Unabwendbarkeit lossteuerte … Wenn man überhaupt derartige Erwägungen anstellen will, so wird man auch sagen müssen, daß die Hereros im Gefühl ihres guten Rechts losgeschlagen haben, und wenn sie dabei statt mit einer regelrechten Kriegser-klärung mit der Ermordung aller Weißen anfingen, de-rer sie habhaft wurden, so kann das nur den in Erstau-nen setzen, der die natürlichen Blutinstinkte des afrika-nischen Negers und den innerlichen Haß der bisher freien Stämme gegen den Weißen, der sich zu ihrem Herrn machte, nicht kannte…«
Helene von Falkenhausen, nachdem ihr Mann gleich zu Beginn des Aufstandes als Zivilist auf einer Reise von Hereros erschlagen worden und sie selbst von einem Herero auf ihrer Farm mit einem Kirri niederge-schlagen worden war, ihr aber die Flucht nach Windhuk gelang: »Am Nachmittage ging ich zu dem stellver-tretenden Gouverneur, um mir verschiedene Auskünfte zu holen und traf dort den Herrn D. Nachdem ich auch hier über unser Schicksal befragt worden war, warf Herr D. die Frage auf: „Was ist denn nach Ansicht der Missionare, bei denen Sie doch längere Zeit waren, die Ursache zu dem Aufstande? Nicht wahr, das willkürliche Treiben der Händler und Ansiedler?“ — Ich hatte gar keine Überlegung; erst später, als mir das Gespräch wieder ins Gedächtnis zurückkam, gewann ich die Überzeugung, daß auf die Händler und Ansiedler die Schuld gewälzt werden sollte. Gewiß hatten einzelne Händler sich Übergriffe zuschulden kommen lassen und bei dem Eintreiben ihrer Forderungen die Grenzen des Erlaubten überschritten, — aber trug die Behörde nicht einen Teil dieser Schuld, weil sie kein Gesetz zur Regelung dieser Verhältnisse gab? Hatte die Regierung nicht den Übermut, die Unverschämtheit der Kaffern groß gezogen, indem sie dieselben vor den Weißen begünstigte?
In Windhoek hörte ich viele schauerliche Einzelheiten vom Beginn des Aufstandes. Man erzählte auch, daß die Behörden schon am 10. Januar gewarnt worden seien, und manches Menschenleben hätte gerettet werden können, wenn man sofort Boten an die vereinzelt wohnenden Ansiedler geschickt hätte, viele von ihnen sind auf entsetzliche Weise ums Leben gekommen — bei lebendigem Leibe zerstückelt, verbrannt — nur wenige traf die schnell erlösende Kugel. Es gab zu dieser Zeit schrecklich viel Elend in Windhoek: da war eine junge, erst kürzlich verheiratete Frau; ihr Mann, mit dem sie auf einer Handelsreise gewesen war, hatte vor ihren Augen einen Schuß durch den Unterleib be-kommen; seiner Frau und seinem Bruder zurufend, daß sie fliehen sollten, gab er sich selber den erlösenden tödlichen Schuß. Sieben Tage lang irrte die schwäch-liche kleine Frau mit ihrem Schwager umher, der wie sie der Gegend unkundig war, oft von dem Mordgesindel entdeckt und verfolgt, sich nur von Gras nährend. Das Aussehen der aufs äußerste geschwächten armen Frau war wahrhaft erbarmungswürdig.
Eine andere Frau hatte zwei Schüsse bekommen, noch eine andere war durch Keulenschläge schwer verwun-det; die Hereros hatten sie und die zwei Kinder lange mit sich geschleppt, eins ihrer Kinder wurde vor ihren Augen in eine Tür gequetscht. Die Mutter glaubte es tot, als sie fortgeschleppt wurde. Die Hereros hatten das Kind dann zu einer Missionsfrau gebracht, die es ver-pflegte, bis es nach drei Wochen wieder zu seiner Mut-ter zurückkehren konnte. Die vielen traurigen Ge-schichten, welche ich hörte, ließen mich auf Augen-blicke meinen eigenen Kummer vergessen.«
Die Herero sind eine »Gewehrgesellschaft« und das Gewehr ist seit langen für die Ober- und Mittelschicht der kriegerischen Herero die Standardwaffe. Von den traditionellen Waffen, Speer, Pfeil und Bogen und der Kirri, einer mit Steinen oder Eisen beschwerten Keule, werden fast nur noch der Kirri von den ärmeren Herero getragen. Die Gewehre der Herero sind Vorderlader der verschiedensten Herkunft und Alters und den deut-schen Waffen unterlegen. Doch mehr und mehr engli-sche Martini-Henri-Gewehre, einschüssige Hinterla-der von Friedrich von Martini entworfen, kommen bei den Herero in Umlauf. Nun werden noch über englische und jüdische Händler in Schmuggelgeschäften zusätz-liche Waffen und Munition besorgt. Zu Beginn des Aufstandes können die Herero bei ihren Überfällen auch noch eine Reihe von Gewehren und Munition von den Deutschen erbeuten. Dazu machen ihre Gewandt-heit, Schnelligkeit und Ausdauer im Gelände die zu Fuß kämpfenden Herero für die deutschen Soldaten zu einem gefährlichen Gegner.
Ein besonderer Vorteil der Herero in den ersten Mona-ten der Kämpfe sind auch die prächtigen Uniformen und Rangabzeichen der deutschen Offiziere. So sind die Offiziere leicht auszumachen und werden als feindliche Truppenführer gezielt von den Herero abgeschossen.
Eine Besonderheit der Herero-Kriegführung ist der Einsatz ihrer Frauen. Bei Gefechten stehen die Frauen hinter der Kampflinie und feuern ihre Männer an. Häuptlingsgattin Menesia Maharero: »Das hatte auch zur Folge, daß die Männer nicht den Rückzug antreten konnten, dadurch stabilisierten die Frauen die Front.«
Der Versuch des Aufstandsführers der Herero, Samuel Maharero, auch andere afrikanische Stämme wie die Baster, Hottentotten und Ovambo ebenfalls zum Auf-stand zu bewegen schlägt allerdings fehl.
Durch den Ausbruch des Hereroaufstandes werden die Verhandlungen zwischen Deutschen und Bondelswart beschleunigt. Nun muß die Schutztruppe schnellstmög-lich wieder nach Norden, was am 27. Januar 1904 zum Abschluß eines verhältnismäßig milden Friedensvertra-ges für die Bondelswart führt, in dem sie sich ver-pflichten, den Deutschen ihre Waffen auszuliefern und einen Teil ihres Landes in den Karasbergen als Kronland an das Reich abzutreten.
Seit bald 50 Jahren sind nun deutsche Kriegsschiffe und Truppen im Übersee- und Kolonialeinsatz, angefangen 1856 vom Angriff auf Piraten an der Küste von Marokko vom preußischen Kriegsschiff SMS Danzig mit einer Truppenlandung und Landbeschuß vom Schiff aus. Diese Kampfeinsätze wurden weitgehend mit den vor Ort verfügbaren deutschen Schiffen und Kolonialtrup-pen geführt. Nun müssen zum erstenmal für einen Ein-satz in einer deutschen Kolonie starke Truppenkontin-gente aus Deutschland entsandt werden, um mit einem Aufstand Einheimischer fertig zu werden.
Die Schutztruppe in Südwest besteht ausschließlich aus Deutschen mit Ausnahme von einigen burischen Troß-leuten und afrikanischen Kundschaftern und Spurenle-sern. Von diesen etwa 800 Soldaten sind 300 im Polizeidienst, können aber natürlich sofort wieder als Soldaten eingesetzt werden. Dieser deutschen Truppe stehen mehrere tausend bewaffnete Kämpfer der Here-ro gegenüber. Durch Einziehung von Reservisten kann aber die deutsche Truppenzahl schnell verdoppelt wer-den. Dazu kommt die Anlandung des Landekorps von 85 Mann des Kanonenbootes SMS Habicht in Swakop-mund Mitte Januar. Am 21. Januar 1904 verläßt ein Dampfer mit 500 Mann Marineinfanterie als Verstär-kung der Schutztruppe in Südwest und einer Ablöse-mannschaft für die Habicht Wilhelmshaven. Am 31. Januar trifft bereits die Lieferung sämtlicher entbehr-licher Waffen- und Munitionsvorräte einschließlich von Feldgeschützen aus der deutschen Kolonie Kamerun mit dem Dampfer Emilie Woermann in Swakopmund ein. Zufällig war noch vor Aufstandsbeginn der routine-mäßige Ablösetransport für die Schutztruppe von 226 Mann in Deutschland abgegangen und landet am 3. Februar in Swakopmund, wo am 9. Februar dann auch das Marine-Expeditionskorps landet. 500 Freiwillige des Heeres gehen am 30. Januar und am 6. Februar von Hamburg ab und um die Truppe beweglich zu machen werden Pferde aus Argentinien nach Südwestafrika ge-schafft. Freiwillige Buren verstärken die deutsche Trup-pe und Buren sind auch die Fahrer der Ochsengespanne für die Versorgung der Truppe. Der Strom an militäri-schen Nachschubtransporten nach Südwest kommt ins rollen, wird aber durch die äußerst begrenzten Hafen-verhältnisse von Swakopmund und die sehr geringen Möglichkeiten des Weitertransportes der gelandeten Güter ins Inland sehr erschwert. Teilweise liegen Frach-ter 40 Tage auf der Reede von Swakopmund bevor sie entladen werden können.
Die Kriegführung der Herero ist planlos. Es fehlt die strategische Führung des Krieges durch die Herero-Häuptlinge, was der deutschen Truppenführung die Entwicklung ihrer eigenen militärischen Kräfte erleich-tert. Die Kämpfe ziehen sich hin, aber es beginnt das Abdrängen der Herero nach Norden. Man befürchtet deutscherseits aber auch ein Auswandern der Herero nach Betschuanaland, wodurch die gewaltigen Viehher-den der Herero der Wirtschaft der Kolonie verloren-gehen würden. So versucht man mit militärischen Mit-teln ein Ausweichen der Herero ins britische Nachbar-land zu verhindern. Seit Februar gehen kleine Here-rogruppen nach Betschuanaland und seit Anfang April finden über den Engländer Alec Hewitt Sondierungen der Hereroführung über ein Ansiedlungsrecht der Herero im britischen Gebiet statt, insbesondere für die Gegend am Ngamisee in Betschuanaland. Hewitt ist in Südwest ansässig und hat lange als Händler unter den Herero gelebt. Er hielt sich beim Aufstandsbeginn in Swakopmund auf, um Herero für die Goldminen Süd-afrikas anzuwerben und wurde kurzzeitig von den deutschen Behörden gefangengehalten, weil man ihn des Waffenhandels mit den Herero verdächtigte.
Anfang Juni 1904 fragt Samuel Maharero über einen Engländer beim Residenten der südlich von Swakop-mund gelegenen britischen Walfischbucht an, ob die englische Regierung bereit sei, auf britisches Gebiet übergetretenen Herero Asyl zu gewähren. Deutscher-seits wird von den britischen Behörden die Auslieferung der ins Betschuanaland gegangenen Herero verlangt, aber diesem Ansinnen wird von den Briten in keinem Fall nachgegeben. Die Briten sind natürlich an den Viehherden und der Arbeitskraft der Herero interes-siert und geben ihnen schließlich Asyl in ihrem Protektorat Betschuanaland. Im Mai 1905 sind es an die 2000. Weitere Herero gehen in der Folgezeit nach Betschuanaland.
Gouverneur Leutwein setzt grundsätzlich auf eine Ver-handlungslösung des Konfliktes, denn, obwohl es zu vielen Kampfhandlungen und auch zu größeren Gefech-ten kommt, besteht tatsächlich kein Kriegszustand in der Kolonie. Am 14. April, nach einem schweren Gefecht am Vortag, schreibt Gouverneur Leutwein:
»Die öffentliche Meinung in Deutschland einschließlich zahlreicher Afrikakenner hat die Herero weit unter-schätzt. Auch wir hatten einen solchen Widerstand nicht erwartet. Die Hereros sagen sich anscheinend, daß sie doch keine Gnade zu erwarten hätten und sind zum äußersten entschlossen. Sie lassen sich mit Gleichmut totschießen. Der Krieg wird daher erst aufhören, wenn der Feind seine letzte Patrone verschossen hat.«
Bei dem Vordringen der deutschen Truppen von Süden nach Norden ist der Raum vor dem Waterberg für die Viehherden der Herero der letzte Weidegrund in ihrem normalen Wanderungsgebiet. Der Gebirgszug bildet den nördlichen Abschluß des Gebietes der Herero und zieht sich etwa 40 Kilometer lang in West-Ost-Aus-richtung. Der Waterberg ist ein Plateau, welches wegen seiner steilen Abbruchkante für Viehherden unpassier-bar ist.
So ist es der Plan vom Gouverneur Oberst Theodor Leutwein sie am Waterberg zu stellen. In Deutschland ist man aber unzufrieden über die sich hinziehenden Kampfhandlungen ohne einen durchschlagenden Erfolg und so ernennt der Kaiser Anfang Mai einen neuen Oberbefehlshaber der Truppen in Südwestafrika, Gene-ralleutnant Lothar von Trotha, und es werden weitere massive Truppenverstärkungen von Deutschland aus in Marsch gesetzt. Erst mit dem Eintreffen Trothas in Swakopmund am 10. Juni 1904 und seiner Proklamation vom gleichen Tage wird der Kriegszustand von ihm für das Schutzgebiet erklärt und am 13. Juni übernimmt Trotha den Oberbefehl über die Schutztruppe.
Trotha war 1894-97 Offizier der Schutztruppe in Ostaf-rika gewesen und war auch beim Boxeraufstand in China dabei. Er ist wissenschaftlich interessiert und hat schon während seiner Zeit in Ostafrika lange an den zentralafrikanischen Seen und im Norden Deutsch Ost-afrikas zoologische und botanische Studien betrieben und war dort auch geographisch und kartographisch tätig. Auch nach Südwestafrika nimmt er einen Foto-apparat und sein wissenschaftliches Instrumentarium mit. Exemplare und Proben seiner Sammlertätigkeit schickt er wieder an entsprechende Institute nach Berlin.
Trothas menschliche Eigenschaften sind umstritten. Dem Kaiser wurde geraten Trotha nicht zum Ober-kommandierenden der Truppen in Südwest zu ernen-nen, doch sein schneidiges Auftreten imponiert Wil-helm mehr als Anfechtungen von Trothas zweifelhaften Umgang mit Menschen. Er war Offizier im Boxerauf-stand gewesen und hatte des Kaisers Rede im Juli 1900 vor der Abfahrt des Ostasiatischen Expeditionskorps nach China gehört, in der der Kaiser auch sagte: „Gefangene werden nicht gemacht“. Nun ist Trotha vom Kaiser beauftragt den Hereroaufstand niederzuwerfen.
Als der neue Oberkommandierende der Schutztruppe von Südwestafrika im Juni 1904 in Südwest eintrifft übernimmt er den Plan von Leutwein, die Herero am Waterberg zu schlagen. Trotha ist nur an einer völligen Unterwerfung der Herero interessiert. Mit Gouverneur Leutwein hat er von Anfang an Auseinandersetzungen. Unter anderem will Trotha verhindern, daß »nach Gene-ral Lieberts Vorschlägen«, wie Trotha in sein Tagebuch schreibt, ein Waffenstillstand gesucht werden könnte. Eduard von Liebert war von 1897 bis 1901 Gouverneur von Deutsch Ostafrika gewesen und ist ein Freund von Leutwein. Offensichtlich hatte Liebert, der wieder in Deutschland lebt, Leutwein entsprechend geraten.
Mitte Juli 1904 ergibt sich die Möglichkeit von Ver-handlungen mit den Herero, weil sich Herero-Häupt-ling Salatiel bereitfindet zwischen den kriegführenden Herero und den Deutschen einen Frieden zu vermitteln. Trotha verbietet daraufhin am 16. Juli Verhandlungen. Er will die militärische Entscheidung gegen die Herero und des Sieges gewiß schreibt er über die zu erwar-tenden Menschenverluste in sein Tagebuch, er wolle »das vergossene schwarze Blut auf seinem Sterbebette verantworten«.
Die Kriegführung Trothas stößt bei Beamten in der Kolonie, und auch bei Offizieren der ansässigen Schutz-truppe, auf Widerwillen, da sie ausschließlich nach rein militärischen Gesichtspunkten geschieht. Von Wirt-schaft versteht Trotha nichts, deshalb auch seine völlige Ignoranz in Bezug auf Einwände seiner Offiziere in Be-zug auf Erhalt von Vieh und Menschen; und Mensch-lichkeit hat ihm nie jemand nachgesagt. Der Schutz-truppenoffizier Victor Franke schreibt über Trotha: »Meine Verachtung für diesen edlen General steigt von Tag zu Tag.« Der für die Kolonie wirtschaftlich wichtige geistige und materielle Besitz der Herero an Wissen, Können und Vieh zum Nutzen des Schutzgebietes wird von Trotha vollkommen mißachtet.
Aus Deutschland trifft als weitere Verstärkung ein Regiment aus freiwilligen Soldaten in Swakopmund ein und wird als 2. Feldregiment im Juli an die Front in Marsch gesetzt, während die bereits im Lande stehen-den Truppen zum 1. Feldregiment zusammengefaßt wer-den. Hinter den zum Waterberg abziehenden Herero sind die deutschen Truppen auf dem Vormarsch. Auf deutscher Seite stehen schließlich im Raum vor dem Waterberg 1600 Mann und die Zahl der Herero-Kämpfer wird von der deutschen Truppenführung auf 6000 Gewehrträger geschätzt, die Zahl aller Krieger der Herero liegt aber nur bei 3500-4000. Die Bewaffnung der Deutschen ist allerdings wesentlich besser. Sie ha-ben etwa 1500 Gewehre und auch zwölf Maschinen-gewehre und 30 Kanonen, Waffen, über die die Herero nicht Verfügung. Aber von einem Gefecht am Water-berg berichtet ein deutscher Unteroffizier über »soge-nannte Paviansbüchsen« der Herero: »Es waren Vorder-lader und wurden mit zerschlagenen Kochtopfteilen, Steinen usw. geladen. Diese Geschoßmassen wirkten moralisch viel schlimmer als jedes andere Geschoß.«
Waren bereits zu Kriegsanfang mehrere Gruppen von Herero in die freiwillige Gefangennahme gegangen, so ist im Mai/Juni ein riesiges Gefangenenlager für 8000 Kriegsgefangene auf Anordnung von Trotha in Oka-handja errichtet worden, für die Aufnahme der bei der am Waterberg erwarteten Schlacht geschlagenen Here-ro. In dieses Lager werden auch die bereits gefangen-genommenen Herero eingeliefert.
Ein großer Teil des Hererovolkes ist nun am Waterberg versammelt. Im Großraum am Waterberg gibt es am 11. August mehrere Gefechte zwischen Herero-Kriegern und der Schutztruppe. Das schwerste Gefecht wird um die Wasserlöcher von Hamakari geführt, die 15 Kilome-ter südlich vom Waterberg liegen. Morgens um 8 Uhr 45 beginnt im unübersichtlichen Buschgelände das Gefecht zwischen der über Nacht auf die Wasserstellen von Hamakari herangerückte Hauptabteilung der Schutztruppe, bei der sich auch Trotha und sein Stab befindet, und der Hauptmacht der Herero.
Die Lage ähnelt der am Little Big Horn 1876 zwischen den Indianern und General Custers 7. Kavallerie. Am Little Big Horn hatten sich um die 10.000 Indianer in einem riesigen Zeltlager kilometerweit entlang des Flus-ses versammelt, davon etwa 2000 Krieger. Am Water-berg sind 25.000 bis 30.000 Herero versammelt, davon einige tausend Krieger. Leben die Herero von ihrem Vieh, so leben auch die Prärie-Indianer von ihrem Vieh, den freilebenden Büffelherden, derem Zug auf der Suche nach Weideland sie folgen. Eine Krieger- und Menschenkonzentration wie am Little Big Horn läßt sich allenfalls über ein paar Tage durchhalten. Dann sind die Vorräte aufgebraucht, das in der näheren Umgebung lebende Wild weggeschossen und die Prärie von den Ponyherden der Indianer abgegrast. Dann müssen sie weiter ziehen, müssen sich auffächern und andere Jagd- und Weidegründe suchen. So ist auch die Lage der Herero am Waterberg. Sie können nur begrenzt lange die Weideflächen vor dem Gebirge nutzen, bis sie abgegrast sind und sie mit ihren Rinderherden weiter ziehen müssen.
Bemerkenswert ist die Tatsache, daß sich US-Militärs bei der deutschen Schutztruppe befinden und wohl auch ihr Wissen über die Indianerkämpfe an die deutschen Offiziere weitergeben. Bei den deutschen Truppen am Water-berg sind aber keine Amerikaner dabei. Doch wie Custer indianische Scouts in seiner Truppe hatte, so hat auch Trotha Eingeborene als Fährtenleser und Späher bei seiner Truppe. Trotha, ein ähnlich unangenehmer Charakter wie Custer, ist jetzt wie Custer 28 Jahre vorher von einer zahlenmäßig überwältigenden Übermacht eingeschlossen und kämpft nur noch ums nackte Überleben. Jeder Verwundete, jeder Arzt und Trotha selbst kämpft mit der Waffe in der Hand gegen den anstürmenden Gegner. Trotha hat 230 Mann und die Hilfstruppe aus Eingeborenen. Als Custer von den Indianern überrannt wurde lagen am Ende der General und über 270 seiner Soldaten tot auf dem Schlachtfeld. Trotha kann sich bis zum Sonnenuntergang halten, die Nacht beendet alle Kämpfe. Er erwartet für den näch-sten Tag das letzte Gefecht. Das deutsche Lager von Hamakari wird in der Nacht behelfsmäßig verschanzt und die Soldaten erwarten das Gewehr im Arm den nächsten Angriff der Herero. Hauptmann Victor Franke, der am Morgen des 12. August ins verschanzte Lager von Hamakari geritten kommt, schreibt in sein Tagebuch: »Schmach über Schmach!«
Die Herero bewerten die Kämpfe vom 11. August nicht zu Unrecht als Erfolg. Eine deutsche Aufklärungspatrouille meldet Siegestänze der Herero. Doch schon am Morgen des 11. August begannen die ersten Herero auch mit dem Abzug vom Waterberg. Dieser Abzug wird teilweise zur Flucht, wobei viel Vieh am Waterberg zurückge-lassen wird.
Erstaunt, keinem vernichtenden letzten Angriff der Herero ausgesetzt zu sein, wird von den Deutschen von Hamakari aus Erkundung betrieben. Als sich die Lage geklärt hat und man sieht, daß die Herero abgezogen sind, besichtigt der Chef des Generalstabs der Schutz-truppe, Oberstleutnant Martin Chales de Beaulieu, die Gegend:
»Mehrere Kilometer weit längs des Hamakari-Rivier befindet sich Werft an Werft, die vielen Tausenden von Menschen und zahllosem Vieh als Wohnstätte gedient hatten. Soweit unsere Geschosse gereicht hatten, waren sie in eine Trümmerstätte verwandelt und überall an-scheinend in wilder, kopfloser Flucht verlassen worden. In den Pontocks hockten alte Weiber, Männer und kleine Kinder, die man nicht hatte mitnehmen können. Verwundete, Kranke und Sterbende erwarteten irgend-wo in einer Ecke eines Kraals ihr Schicksal, überall stand zahlreiches in der Eile zurückgelassenes Vieh, das Heiligtum der Herero, als Wahrzeichen dafür, mit welch wahnsinniger, kopfloser Eile der Feind geflohen war. Ganze Ochsenwagen, gefüllt mit Stoffen, Pelzen und Hausrat, zur Flucht anscheinend schon vorbereitet, wa-ren in der Not stehengelassen, zahlreiche Felle, Decken, Weiberschmuck, ganze Kisten voll Straußenfedern sah ich herumliegen. Einen eigenen Anblick in dieser Wüstenei gewährte ein umhergestreuter Vorrat von Schreibheften, Schiefertafeln und Griffeln, wohl das Eigentum eines schwarzen Schulmeisters.«
Trotha hatte geplant, die Herero am 11. und 12. August mit seinen vier heranrückenden Abteilungen zu schla-gen, aber militärische Führungsfehler, auch durch die schlechten Nachrichtenverbindungen verursacht, läßt die Herero ohne Schwierigkeiten vom Waterberg ab-ziehen. Genau diesen Abzug vom Waterberg wollte Trotha unbedingt verhindern und hatte dafür eine Truppenverteilung um den Gebirgszug vorgesehen, die den Herero eben diesen Abzug unmöglich machen sollte. Nun ziehen die Herero seit dem Morgen des 11. August, und insbesondere in der Nacht vom 11. auf dem 12. August, mitsamt einem großen Teil ihrer Viehherden vom Waterberg ab, ohne daß die deutschen Truppen in dem weiten Land auch nur ihren Abzug in dem die Sicht schwer behindernden Buschland bemerkt haben.
Die geplante Operation zum entscheidenden Schlag gegen die Herero hatte am Morgen des 11. August begonnen. Um Punkt 6 Uhr morgens des 11. beginnt das Artilleriefeuer der Abteilung Deimling, mit 500 Mann die stärkste der vier deutschen Abteilungen am Water-berg. Oberst Berthold Deimling steht am Westrand des Waterberges am Eingang in die Omuwerume Pforte, durch die er angreift. Die Pforte trennt den Westrand des Waterberges, den Großen Waterberg, von dem südlich gelegenen Kleinen Waterberg, der sich südlich der Pforte in einer Länge von fünfzehn Kilometern hin-zieht.
Mit dem Artillerieangriff beginnt dort in der Omu-werume Pforte mit dem Abtreiben des Viehs, gedeckt von Nachhuten gegen die vorrückenden Deutschen, der Abzug der Herero vom Waterberg. Über das Vordringen der deutschen Soldaten in der gut zehn Kilometer langen Omuwerume Pforte schreibt ein Unteroffizier:
»Bald stießen wir auf große Werften, die augenschein-lich in wilder Flucht verlassen worden waren. An den Bäumen hing noch frischgeschlachtetes Vieh. Hausge-rät, Sattelzeuge und aller möglicher Kram lag wild durcheinander. Da und dort saßen teilnahmslos alte Männer und Frauen in den Pontocks. Sie konnten nicht mehr mit und sahen mit Ruhe ihrem Schicksal entge-gen.«
Als aber die Abteilung Deimling durch die Omuwerume Pforte durch ist und nach Osten vormarschiert, bleibt die Pforte einen Tag lang unbesetzt und eine der Herero-Gruppen kann durch die Pforte nach Westen abziehen.
Die Zahl der am Waterberg befindlichen Herero kann nur geschätzt werden. Im August ist in der Trockenzeit das Weideland trocken und die Milchleistung der Kühe entsprechend gering. Die Möglichkeiten Feldkost zu sammeln sind ebenfalls begrenzt. Aus den Ernährungs-möglichkeiten ergibt sich eine Höchstzahl von 30.000 Herero am Waterberg. Durch das Abgrasen der Weide-flächen vor dem Gebirgszug ist ihr Aufenthalt im Gebiet eben begrenzt und der Abzug der Herero wird be-schleunigt durch die Besetzung wichtiger Wasserstellen am Waterberg durch die deutschen Truppen am 11. August. Daß der Abzug der Herero vom Waterberg sowieso unmittelbar bevorstand sieht man nicht nur aus Beaulieus Beschreibung, daß Ochsenwagen anschei-nend schon vorbereitet waren, sondern viel aussage-kräftiger aus der Beobachtung des Hauptmanns Maximilian Bayer, der ebenfalls zu dem in Hamakari liegenden Stab der Schutztruppe gehört:
»Im weiten Umkreis war jeder Grashalm abgefressen, hier hatten die Rinder des Feindes lange geweidet… Das hungrige Vieh hatte sogar die dürftigen Blättchen und Zweigspitzen der stacheligen Hackiesbüsche sowie die trockene, spröde Rinde von den verkrüppelten Bäumen genagt. Unsere Pferde und Maultiere fanden nichts – buchstäblich nichts mehr vor.«
Ein Soldat, dessen Kriegserlebnisse Gustav Frenssen in seinem Buch Peter Moors Fahrt nach Südwest festhält: »So kam allmählich der Morgen. Da stießen einige Pa-trouillen vorsichtig vor. Und da erfuhren wir zu unserer großen Verwunderung, daß der Feind abgezogen war, und zwar in wilder Flucht. … Unsere Toten lagen im Schatten eines Baumes mitten unter uns.
Wir hatten viel Arbeit mit den Tieren, daß sie uns nicht umkamen. Wir konnten sie lange nicht satt tränken, und Weide konnten wir ihnen gar nicht geben; denn die ganze Gegend war vom Vieh der Feinde so kahl gefres-sen, als wenn Ratten und Mäuse alles rein abgenagt hätten. Noch in die Erde hinein hatten Mensch und Vieh nach Wurzeln gewühlt und gesucht.«
Im weiteren ist auch den Abzug der Herero beschrieben:
»Gegen Abend begruben wir unsere Toten unter dem Baum. Am andern Morgen wagten wir es, den Feind zu verfolgen. Wir ließen alle unsere Unberittenen bei un-sern Verwundeten und Kranken im Lager und machten uns ostwärts auf. Wir waren zweihundert Reiter. Aber unsere Pferde waren schlapp, ausgehungert oder krank; und die Gegend, in die wir vorstießen, war eine Durst-strecke und wenig erforscht.
In einer Breite von ungefähr hundert Metern war die Erde zur Diele zertreten. In solch breiter und solch dich-ter Schar war der Feind und seine Viehherden dahin gestürmt. Auf diesem Fluchtweg lagen Decken, Tier-felle, Straußenfedern, Geschirre, Weiberschmuck, ster-bendes und totes Vieh, vor sich hin stierende, sterbende und tote Menschen. Ein entsetzlicher Geruch von altem Mist und verwesenden Kadavern erfüllte drückend die heiße, stille Luft.
Je weiter wir in der brennenden Sonne zogen, desto jammervoller wurde der Weg. Wie tief hatte sich das stolze, wilde, höhnende Volk in seiner Todesangst ernie-drigt. Wohin ich von meinem müden Pferd herab die Augen wandte, da lag haufenweise all ihr Gut: Ochsen und Pferde, Ziegen und Hunde, Decken und Felle. Und da lagen Verwundete und Greise, Weiber und Kinder. Ein Haufe kleiner Kinder lag hilflos verschmachtend neben Weibern, deren Brüste lang und schlaff herab-hingen; andre lagen allein, die Augen und Nasen voll von Fliegen, noch lebend. Irgend jemand schickte un-sere schwarzen Treiber; ich denke, die haben ihnen zum Tode verholfen. So wie alles da lag, all dies Leben, so wunderlich verstreut, Tier und Mensch, wie ihm die Knie gebrochen waren, hilflos, schwer, sich noch quä-lend, oder schon unbeweglich, sah es aus, als wenn es aus der Luft herabgestürzt wäre.
Mittags machten wir an Wasserlöchern Halt, die bis an den Rand voll von Kadavern waren. Wir zogen sie mit den Gespannen der Geschütze heraus; aber es war nur ein wenig blutiges und stinkendes Wasser in der Tiefe. Wir versuchten die Löcher tiefer zu graben; aber es kam kein Wasser. Weide war auch nicht. Die Sonne glühte so heiß auf den Sand, daß wir uns nicht einmal hinlegen konnten. Auf durstenden und hungernden Pferden rit-ten wir weiter, wir Durstenden und Hungernden. In einiger Entfernung hockten Haufen alter Weiber, die stumpfsinnig vor sich hinstarrten. Hier und da standen Ochsen und brüllten.
…
Wir ritten vorwärts. Unsere Reihe lockerte sich. Wir ritten, so wie jeder vorwärts konnte. Vom Feinde war nichts zu sehen. Aber Wittboys, die voraus geritten waren, kamen zurück und meldeten, daß er nicht fern wäre.
…
Der heiße Tag senkte sich. Unsere Pferde wurden sehr müde. Wir hatten Mühe, die stolpernden Tiere wieder hoch zu kriegen; einige Reiter stiegen ab; gegen Abend führten schon viele ihre Pferde. Bald darauf stürzten einige. Die Reiter warfen die Sättel auf die Wagen und zogen zu Fuß weiter. Es wurde dunkel. Vom Feinde war nichts zu sehen. Da kamen wir endlich zu den heiß ersehnten Wasserlöchern.
Da waren sie bis an den Rand voll von toten Ochsen; und Wasser war nicht da. Und von Weide keine Spur.
Da bissen wir die Zähne zusammen und starrten vor uns hin; denn nun wußten wir, daß wir zurück mußten und daß viele Pferde zugrunde gehen würden. Wir mußten wohl froh sein, wenn wir alle Menschen lebendig zum Lager zurückbrachten.«
Die Abteilung Fiedler, die zuvor zur Abteilung Deimling gehört hatte und nun an der Owumerume Pforte lagert, sucht am 12. und 13. August die Gegend am Waterberg nach Herero ab und findet außer Verwundeten und Kranken etwa 18.000 vor Hunger und Durst brüllende Rinder und riesige Mengen Kleinvieh. Für das Vieh werden Wasserlöcher gegraben, um die Viehherden zu erhalten. Die anderen deutschen Abteilungen fangen in diesen Tagen über 3000 Rinder und zahlloses Kleinvieh.
Es gibt ein paar Schußwechsel mit kleinen Gruppen zurückgebliebener Herero, die dann die Flucht ergrei-fen, und auf dem Plateau des Waterbergs ein Gefecht mit mehreren hundert Herero, von denen sich etwa hundert ergeben. Am Abend des 15. August trifft die Abteilung Fiedler mit ihren Viehherden an der deut-schen Station Waterberg unmittelbar am Waterberg selbst ein, wo sich noch Weiden und Wasser finden. Die Station Waterberg war im Januar von den Herero geplündert und alle deutschen Männer mit dem Kirri erschlagen worden, bis auf den Missionar.
Eine Verfolgung der Herero wird versucht – wie in Frenssens Buch beschrieben – , ist aber im völlig unbe-kannten Gelände wegen Wassermangel und fehlendem Nachschub für die Truppe unmöglich und wird am 14. August aufgegeben.
Um die abziehenden Herero zur Aufgabe aufzufordern schickt Trotha ihnen Gefangene und Buschleute nach. Diese sollen an Wasserlöchern, die von den Herero auf ihrem Weg benutzt werden, Plakate mit der Auffor-derung zur Übergabe aufstellen. Dieser Versuch, die Herero zur Kapitulation zu bewegen, bleibt völlig wir-kungslos.
An den Kaiser schickt Trotha einen verschleiernden Bericht, der wie eine Siegesnachricht aussieht:
»Der Feind, der mit außerordentlicher Zähigkeit kämpf-te, erlitt, trotz sehr gewandter Aufstellung im dichtesten Dornbusch, schwere Verluste. Tausende Stück Vieh er-beutet. Zersprengt und im Rückmarsch nach allen Sei-ten begriffen, bewegt sich die Hauptmacht des Feindes nach Osten.«
Aus Gefangenenaussagen und Totenzählungen ergibt sich aber, daß die Verluste an Kämpfern der Herero mit 120 bis 150 Gefallenen verhältnismäßig gering sind.
Der Bericht Trothas an Generaloberst von Schlieffen nach Berlin vom 27. August endet mit: »Der große Erfolg, so wie ich ihn erhoffte, war ausgeblieben. … Es kann noch zu einer langatmigen Einzelkriegführung kom-men.« Dem schließt Trotha noch ein paar Punkte an. So auch: »3. Sie [Die Herero] sind ausgerissen ohne Vieh, wenigstens ohne einen großen Teil desselben und haben sich nicht davor totschlagen lassen. 4. Sie gehen in die Omaheke, wohin nach Aussage alter Afrikaner [Schon lange in Afrika lebende Deutsche] vor sechs Wochen ein Entweichen des Wassers wegen unmöglich ist. Nun ist plötzlich überall Wasser.«
Auch Major Ludwig von Estorff, der Truppen am Water-berg führt, schreibt: »Es war ein schwerer Fehlschlag, daß der Masse der Herero dieser Durchbruch gelang, wenn auch in der Flucht. Denn nun zog sich der Feldzug noch lange hin, und das große sichtbare Ergebnis, auf das alle gewartet hatten, blieb aus.«
Trotha schreibt in sein Tagebuch über den mißlungenen Schlachtplan am Waterberg: »Nun müssen wir von vor-ne anfangen, respektive es ist vorbei!«
Die Herero sind weder militärisch geschlagen noch sind sie übergabebereit. Die deutschen Truppen dagegen sind Mitte August völlig erschöpft und ihre Reit- und Zugtiere sterben in großer Zahl. Von Estorff schreibt über die »des Landes ungewohnten neuen Truppen. Diese hatten ihre äußersten Kräfte angespannt, aber die Natur des Landes stellt den Unerfahrenen zu schwere Aufgaben«. Und Estorff stellt fest: »Hunderte von guten edlen Truppenpferden sind zu Grunde gegangen, und mancher Truppenteil ward unbeweglich.«
Die Herero ziehen in verschiedene Richtungen ab. Es gibt keinen Befehl Samuel Mahareros, des Oberhäupt-lings, was zu tun sei. Jeder Häuptling entscheidet für sich selbst wohin. Eine Gruppe ist über die Owumerume Pforte nach Süden gegangen. Die Masse der Herero zieht mit dem Vieh vom Waterberg einen Tagestreck nach Süden zur Wasserstelle Erindi Endeka – die zu dieser Zeit der deutschen Militärführung unbekannt ist – zum Tränken des Viehs und teilt sich hinter Erindi Endeka in verschiedene Richtungen auf. Ein kleiner Teil der Herero bricht ins Amboland zu den Ovambos auf und geht schließlich in das noch weiter nördlich liegende portugiesische Angola, von wo sich die Herero auch mit Ochsenwagen mit Waffen- und Munitions-nachschub versorgt hatten. Ein anderer Teil der Herero will nach Betschuanaland und zieht auf verschiedenen Wegen durch die Kalahari in das britische Protektorat. Wege durch das Sandfeld nach Betschuanaland sind den Herero aufgrund ihres Viehhandels mit den Betschuanen (Tawana) im Norden des Betschuanalandes bekannt. Dahin führt ein Weg nordöstlich vom Water-berg und eine kleine Gruppe Herero nimmt diesen Weg durchs Sandfeld und das folgende wasserreiche Kau-kaufeld über die Grenze ins nördliche Betschuanaland. Im Kaukaufeld fallen allerdings viele den Giftpfeilen der Buschleute zum Opfer. Wieder andere ziehen vom Waterberg in ihre vorherigen Weidegründe weit süd-lich des Plateaugebirges.
Die Landschaft östlich des Waterberges, in welche die Masse der Herero mit ihren Viehherden abzieht, ist die Omaheke. Die Omaheke ist der westliche Ausläufer der Kalahari, die eine Dornstrauchsavanne ist. Das Sandfeld zieht sich vom Waterberg in Richtung Britisch Betschu-analand hin und ist weitgehend nur von den steinzeit-lichen Buschleuten besiedelt. Es gibt Gras und Wasser-stellen im Sandfeld und wie anderswo auch graben die Herero bei Aufenthalten in der Omaheke Wasserlöcher für ihre eigene Wasserversorgung und zur Tränkung des Viehs mit Eimern. Jedoch ist das Gras im Sandfeld außer-ordentlich mineralarm und enthält auch in der grünen und günstigen Regenzeit zu wenig Phosphate, um ein normales Wachstum und Milchleistung bei Rin-dern zu ermöglichen. Der Mineralmangel der Pflanzen führt auch zu einem unnatürlichen Freßverhalten der Tiere, welche dann selbst Giftpflanzen und Knochen fressen und sich dadurch eine tödliche Fleischver-giftung holen können, die Lahmkrankheit, die durch fortschreitende Lähmung binnen weniger Tage zum Tode der Rinder führt. Diese Vieherkrankung ist den Herero als ombindu aus Erfahrung bekannt, weshalb sie die Omaheke nur vorübergehend in der Regenzeit als Weidegrund nutzen, um dann in mineralreichere Wei-degründe zu wechseln.
Das Fressen von Giftpflanzen durch die Rinder ist ein Grund für das Verenden von Vieh im Sandfeld, was sie tun, um in ihrer Not den Mangel an Mineralien in den Gräsern der Omaheke auszugleichen. Hochgiftig für Mensch und Tier ist das im Sandfeld wachsende Gift-blatt, eine der giftigsten Pflanzen der Welt. Das Giftblatt ist ein bis zu 20 Meter tief in die Erde wachsender Baum, von dem an der Oberfläche nur gerade ein paar Blätter herausragen. Neue Blätter mit besonders hohem Gift-gehalt sprießen vor der Regenzeit, während der trocken-sten Jahreszeit im Land im Frühlingsmonat September. Ihre frischen Blätter enthalten hohe Mengen eines Herz- und Nervengiftes, welches ein ausgewachsenes Rind schnell verenden lassen kann.
Sind den Herero zwar die grundsätzlichen Verhältnisse im Sandfeld bekannt und ein Durchzug durch das Sandfeld möglich, begehen sie aber den folgenreichen Fehler mit einer riesigen Masse an Mensch und Vieh in die Omaheke zu ziehen. Das Sandfeld ist nur zeitweise in der Regenzeit für die Durchquerung von Viehherden geeignet. Offenes Wasser – unbedingt notwendig zum Tränken des Viehs – gibt es im August/September wenig. Dazu ist die gute Regensaison 1903/04 ausge-rechnet in der Omaheke schlecht ausgefallen und die den Herero bekannten Wasserstellen sind fast alle trocken. Die Herero sind als Nomaden in trockenem Land gute Wassersucher und geschickte Brunnengrä-ber, aber für das Graben von Wasserlöchern in den Trockenflüssen, die nur zur Regenzeit Wasser führen, aus denen das Wasser mit Gefäßen auf Trinkhöhe der Rinder gehoben werden muß, reicht für die riesigen Rinderherden die Zeit nicht. Ein Rind braucht das zehnfache an Wasser wie ein Mensch. Und während ein gegrabenes Wasserloch zehn Menschen versorgen kann, reicht es dann nicht mal mehr für eine einzige Kuh. Die ersten mit ihrem Vieh im Sandfeld ein-treffenden Herero finden noch genug Wasser, die nächsten nicht, weil das Nachsickern von Wasser in die Löcher in der Trockenzeit Wochen dauert. Solche Massen an Mensch und Vieh kann die Kalahari weder mit Wasser noch mit Nahrungsmitteln versorgen.
Die Herero splittern sich in immer kleinere Trupps auf, um noch Wasser und Pflanzennahrung im Sandfeld zu finden. Das Vieh verdurstet und verdurstendes Vieh liefert keine Milch mehr. Auch die Feldkost wird immer spärlicher, je weiter sie in Richtung Betschuanaland immer tiefer in die Kalahari kommen. Deshalb bleiben die Herero am Westrand und Südrand der Kalahari im deutschen Gebiet und sind damit auch in der Nähe zu ihrem Stammland. Das Verenden ihrer Viehherden in der Omaheke ist das entscheidende Ereignis des Krieges für die Herero. Ihr Vieh verdurstet in Massen und die Herero im Sandfeld müssen sich nun von den wenigen Feldfrüchten ernähren und sterben schließlich selbst zu tausenden an Hunger und Durst.
Und die Herero werden führerlos. Ihre Großleute ziehen ins Ovamboland und nach Betschuanaland ab und zwischen den zersplitterten Trupps in der Kalahari gibt es praktisch keine Verbindung und Nachrichtenver-breitung mehr. Samuel Maharero, der Anführer der Herero, hatte schon am Morgen des 11. August seinen Lagerplatz am Waterberg verlassen und ist mit seinem Sohn Friedrich im September in Britisch Betschuana-land. Bereits Wochen und Monate vorher haben sich Herero im Betschuanaland eingefunden. Boten berich-ten, daß bei dem Zug nach Betschuanaland im Au-gust/September „hunderte Herero, vor allem Frauen und Kinder auf dem Weg dahin verhungert und ver-durstet waren“.
Auch der Kapitän Michael von Omaruru ist im Septem-ber 1904 in Britisch Betschuanaland angekommen, kehrt aber wieder um und zieht mit seinen Leuten durch die deutsche Kolonie.
Nach dem Abzug der Herero vom Waterberg kann die Schutztruppe aufgrund ihrer Erschöpfung, Krankheiten und dem Verlust eines großen Teils ihrer Pferde die Herero weder verfolgen noch überhaupt finden oder gar zu einem Entscheidungskampf stellen. Die Verfolgungs-aktionen im August und September führen noch nicht einmal in das Sandfeld hinein. Abteilungen der Schutztruppe durchstreifen bis etwa 200 Kilometer weit das Gebiet südlich und südöstlich des Waterberges auf der Suche nach den Herero, aber ohne großen Erfolg. Am 19. September fragt sich Trotha in seinem Tagebuch: »Wo sind die Herero geblieben?«
Am 21. September erhält Trotha Nachrichten von Here-ros am Eiseb, einem Trockenfluß am südlichen Rand des Sandfeldes, und gibt Befehl an seine Truppen dort-hin vorzurücken. Ende September versucht er nun etwa 200 Kilometer südöstlich vom Waterberg die Herero im breiten Tal des Eiseb zu fassen, aber die dort befind-lichen Herero ziehen rechtzeitig mit ihrem Vieh nach Nordosten weiter ins Sandfeld ab. Wassermangel, Nach-schubprobleme und Krankheiten wie Typhus und Ruhr verbieten den weiteren Versuch einer Verfolgung der Herero. Auch steigt die Zahl der Todesfälle in Folge der Krankheiten bei der Truppe.
Ein deutscher Soldat erzählt von den Zuständen in ei-nem Feldlazarett zu der Zeit:
»Nun lagen da schon neben siebzehn Verwundeten vier-zehn Kranke. Die Kranken lagen teilnahmslos da, wie von einem Schlag vor den Kopf betäubt. Wenn man sie fragte, sagten sie, sie fühlten keinen Schmerz, sie wären aber so matt und so heiß.
In den folgenden Tagen wurden weitere zwölf krank. So ging es Tag für Tag.
Dann sagten sie es offen, daß es Typhus wäre. Es war durch die geringe und schlechte Nahrung und durch das verdorbene Wasser und den Schmutz und das Frieren in den dünnen, verlumpten Kleidern gekommen.
…
Die drückende Hitze des Tages und die schneidende Kälte der Nacht, die jämmerliche Nahrung, das erbärm-liche Wasser machten immer mehr Kameraden schlaff, träge und gleichgültig. … Wir wurden immer hungriger, schmutziger, kränker. Gleichmütig und still sahen wir an jeden Abend einen oder zwei von uns in ihre abge-rissenen, schmutzigen Lumpen und in ihre grauen Wolldecken gewickelt in der fremden, grauen Erde liegen, schwer und müde hoben die Befohlenen die Arme in die Luft zum Feuern, den Toten zur Ehre; müde und stumpfsinnig schaufelten sie Erde auf sie und legten Dornen darauf. Nachts erwachte ich von den müden, wirren Reden der Kranken und von dem Heulen der Schakale, welche die Gräber witterten.«
Ein anderer deutscher Soldat schreibt:
»Gegen 0400 Uhr erreichten wir endlich eine große Pfanne mit Wasser, Erindi-Endeka. Beim ersten hin-sehen dachten wir, daß die Termiten hier sogar im Wasser ihre Hügel gebaut hätten, es stellte sich aber heraus, daß es lauter aufgedunsenes Vieh war. Wir stürzten auf das Wasser zu, warfen uns auf den Bauch, bliesen ins Wasser, damit der Fettschaum, mit Haaren vermischt, einen kleinen Raum freigab, und tranken unaufhörlich. Der Magen nahm das Wasser gar nicht erst an, sondern stieß es in hohem Bogen wieder heraus, aber es war wenigstens eine Erfrischung. Die Offiziere waren machtlos bei dem Versuch, uns vom Trinken abzuhalten, sie hätten wohl die ganze Abteilung über den Haufen schießen müssen. Ihr Ruf, doch besser Filterlöcher zu graben, wurde nicht mehr beachtet – wir hatten den Typhus in uns aufgenommen. Täglich mel-deten sich jetzt fünf bis sechs Leute krank, sodaß die Ärzte zu ihrem Schrecken feststellen mußten, daß der Typhus in ganz erschreckender Weise um sich griff.«
Am 29. September wird Amanda Zeraua, die Tochter von Häuptling Zacharias Zeraua, gefangengenommen. Laut einem Bericht, den Hauptmann Maximilian Bayer erstellt, der dem Stabe Trothas zugeteilt ist, erzählte sie:
»Sie seien bettelarm geworden, Krankheiten, Hungers-not und Durst forderten zahlreiche Opfer. Verzweiflung habe die meisten gepackt, die Häuptlinge versuchten, sich allein zu retten, nur einzelne, wie ihr Vater, seien bei dem Rest des Stammes geblieben. Die Krieger könnten nicht mehr kämpfen, es fehle an jeder Leitung und keiner habe dazu noch den Mut. Jeder sei nur noch bestrebt, das nackte Leben zu retten. Das Volk sei in Auflösung begriffen und ginge nun dem Dursttod im Sandfeld entgegen. Der Krieg sei zuende.«
Der Zug der Herero immer weiter ins Sandfeld hinein kostet immer mehr Vieh. Der Durst treibt die Herero von einer Wasserstelle zur nächsten Wasserstelle. Die Schwachen bleiben zurück und sterben am Wegesrand. Wenige der Zurückbleibenden werden von deutschen Soldaten aufgesammelt. Doch trotz der Katastrophe in der Omaheke ergeben sich die Herero nicht.
Trotha zieht Ende September mit seinem Stab nach Osombo Windimbe 220 km südöstlich vom Waterberg. Am 30. September schreibt er in sein Tagebuch:
»Verfolgen tue ich nicht mehr. Basta! … Alle unsere Vorräte sind am Ende.«
Zudem werden mit Beginn der heißen Jahreszeit große militärische Aktionen befehlsmäßig im Oktober ein-gestellt. Erst mit dem Einsetzen der Regenzeit im Januar 1905 sind militärische Operationen wieder möglich.
Der ersehnte militärische Sieg über die Herero ist end-gültig ausgeträumt. Die Herero sind nicht zu fassen und die eigene Truppe ist am Ende ihrer Kräfte. Der Feldzug ist erfolglos beendet. Trotha ist im Begriff mit seinem Stab vom Sandfeldrand in die etwa 280 Kilometer entfernte Hauptstadt Windhuk abzurücken. Seine letzte Tat ist die Abfassung einer Proklamation am 1. Oktober mit Hilfe zweier Einheimischer an die Herero. Am 2. Oktober wird sie auf Deutsch den anwesenden deut-schen Truppen verlesen:
Ich der große General der deutschen Soldaten sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält 1000 Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muß jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr [Kanone] dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero. Der große General des mächtigen Deutschen Kaisers
Ergänzt wird diese Proklamation durch den nur der eigenen Truppe zu verlesenden Zusatz:
Dieser Erlaß ist bei den Appells den Truppen mitzuteilen mit dem Hinzufügen, daß auch der Truppe, die einen der Kapitäne fängt, die entsprechende Belohnung zuteil wird und daß Schießen auf Weiber und Kinder so zu verstehen ist, daß über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen. Ich nehme mit Bestimmtheit an, daß dieser Erlaß dazu führen wird keine männlichen Gefangenen zu machen, aber nicht zu Grausamkeit gegen Weiber und Kinder ausartet. Diese werden schon fortlaufen, wenn zweimal über sie hinweggeschossen wird. Die Truppe wird sich des guten Rufes des Deut-schen Soldaten bewußt bleiben.
Verstümmelungen deutscher Soldaten sind leider tat-sächlich vorgekommen. Gefangene, hauptsächlich ver-wundete deutsche Soldaten, werden von den Herero nicht gemacht, sondern sie werden entkleidet, ver-stümmelt und erschlagen. ›Mord und Diebstahl‹ bezie-hen sich hauptsächlich auf den Anfang des Aufstandes. Trothas Behauptung der »Feigheit« beweist seine Unfä-higkeit, die Herero zu stellen. Ansonsten bleibt ihm nur noch sie durch diese Proklamation nach Betschuana-land zu zwingen.
Am 3. Oktober morgens werden 30 Herero mit der Proklamation aus dem Lager entlassen und Trotha verläßt selbst mit seinem Stab das Lager auf dem Weg nach Windhuk. Der Herero-Feldzug des Generals Trotha hat sein ruhmloses Ende gefunden. Die den Boten ausgehändigte Version der Proklamation ist in schlechtem Herero geschrieben und hat auch noch Boten, die kein Herero-Kämpfer oder Häuptling ernst nehmen kann. 30 elende Gestalten – Kinder, Frauen und alte Männer – als Boten schon wegen ihrer geringen Bewegungsfähigkeit nicht zu gebrauchen, werden an diesem Morgen des 3. Oktober mit der Proklamation losgeschickt. Ihre eigene Mission ist aber nicht das Stück Papier der Deutschen zu ihren dutzenden und hunderten Kilometer entfernten Landsleuten zu brin-gen, sondern in der Wildnis zu überleben. Die Omaheke erstreckt sich über hunderte Kilometer. Das Papier ist für die 30 Boten beim Überlebenskampf nicht brauchbar und wohl bald weggeworfen. Ihr Ziel muß sein nicht in der Wildnis umzukommen. Neben der Wasser- und Nahrungssuche sind sie obendrein den tödlichen Gefah-ren durch Raubtiere – Löwen, Hyänen, Leoparden – und feindlichen Buschmännern ausgesetzt. Von den 30 Boten hat man nie wieder etwas gehört. Auch sprach nie je ein Herero-Zeitzeuge von der Proklamation, weil sie ihnen unbekannt geblieben ist: Die Proklamation, die sie nach Britisch Betschuanaland zwingen soll. Trotha hatte schon am 29. August in sein Tagebuch geschrieben:
»Ich bleibe bei meiner Idee, sie immer zu verfolgen und zu schlagen, wo ich kann, oder sie in englisches Gebiet zu drängen und dann dort eine starke Grenzbesetzung zu lassen.«
Schon die Proklamation von 30. Mai 1904 von Gouver-neur Leutwein an die Herero, in 100 Exemplaren mittels Boten an die Aufständischen weitergeleitet, und sie zur Aufgabe auffordernd, zu einer Zeit, als noch gute Ver-breitungsmöglichkeiten für solch eine Nachricht gege-ben waren, hatte keine nachweisbaren Leser bei den Herero gefunden.
Nicht einmal ein so entschiedener Gegner Trothas wie Ludwig von Estorff, Offizier vor Ort im Geschehen, erwähnt auch nur je in seiner Kritik an Trotha die Proklamation des Generals an die Herero.
Anfang Oktober 1904 telegraphiert Trotha nach Berlin:
»Alle Zusammenstöße mit dem Feinde seit dem Gefecht am Waterberg haben gezeigt, daß den Herero jede Einheit der Führung und der letzte Rest von Wider-standsfähigkeit abhanden gekommen ist. Diese halbver-hungerten und verdursteten Banden, die ich noch bei Osombo-Windimbe im Sandfelde traf und mit denen Oberst Deimling östlich Ganas zu tun hatte, sind die letzten Trümmer einer Nation, die aufgehört hat, auf eine Rettung und Wiederherstellung zu hoffen.«
Am 4. Oktober schickt Trotha ein Exemplar seiner Proklamation an Alfred von Schlieffen ab, dem Chef des Großen Generalstabes in Berlin, mit einem erläutern-den Bericht dazu. In diesem Bericht schreibt er:
»Es fragt sich nun für mich nur, wie ist der Krieg mit den Herero zu beendigen. Die Ansichten darüber bei dem Gouverneur und einigen ›alten Afrikanern‹ einerseits und mir andererseits gehen gänzlich auseinander. Erstere wollten schon lange verhandeln und bezeichnen die Nation der Herero als notwendiges Arbeitsmaterial für die zukünftige Verwendung des Landes. Ich bin gänzlich anderer Ansicht. … In das Sandfeld hinein die Hauptabteilungen der Nation mit den Kapitänen zu verfolgen, zu fassen und zu vernichten, ist im Augen-blick nicht möglich. … Inwieweit es der in Osomo-Ovondimbe zurückgebliebenen Abteilung von Estorff möglich sein wird, sie von immer wieder eventl. dort vorgefundenen Wasserstellen zu verjagen und in das Betschuanaland zu drängen muß die Zeit lehren. … Da ich mit den Leuten weder paktieren kann noch ohne ausdrückliche Weisung Seiner Majestät des Kaisers und Königs will, so ist eine gewisse rigorose Behandlung aller Teile der Nation unbedingt notwendig, eine Be-handlung, die ich zunächst auf meine eigene Verant-wortung übernommen und durchgeführt habe, von der ich auch, solange ich das Kommando habe, ohne direkte Weisung nicht abgehe. … Sie müssen jetzt im Sandfeld untergehen oder über die Betschuanagrenze zu gehen trachten.«
Trotha befiehlt zudem eine »eiserne Absperrung der Omaheke«. Mit seiner »eisernen Absperrung« will Trotha die Rückkehr der Herero in ihr Stammesland in Deutsch Südwestafrika verhindern und ihren Abzug nach Britisch Betschuanaland erzwingen. Eine Absper-rung über hunderte von Kilometern Länge mit den wenigen im Norden verbliebenen mit Krankheiten kämpfenden Soldaten, denn das 2. Feldregiment wird für die Niederschlagung des Hottentotten-Aufstandes in den Süden verlegt, ist völlig unmöglich. Schon der Abzug von vielen, vielen tausenden von Herero mit riesigen Rinderherden vom Waterberg war von der dort versammelten im Feld stehenden Schutztruppe nicht einmal bemerkt worden. So meldet Gouverneur Leut-wein Trotha auch »zahlreiche Durchbrüche nach Wes-ten« durch die »eiserne Absperrung«. Die meisten Herero kehren in ihr altes Siedlungsgebiet in den Weiten südlich des Waterberg-Gebirges zurück, aller-dings oft ohne Vieh und so eben völlig verarmt von Feldkost lebend.
Die bereits in deutscher Hand befindlichen Herero bleiben von Trothas Proklamation unberührt. Des Wei-teren protestieren Offiziere und Gouverneur Leutwein gegen Trothas eigenmächtige Entscheidung. Am 27. Oktober schreibt Trotha an Leutwein:
»Die Absperrung der Ostgrenze der Kolonie und die Ausübung des Terrorismus gegen jeden sich zeigenden Herero bleibt, solange ich im Lande bin, bestehen. Die Nation muß untergehen. Wenn es mir nicht gelang, sie durch die Geschütze zu vernichten, so muß es auf diese Weise geschehen.«
Am 28. Oktober telegraphiert Leutwein nach Berlin:
»Nach sicheren Nachrichten haben Hereros Unterwer-fungsanträge gemacht. Hierüber ist ohne Mitwirkung des Gouverneurs entschieden. Bitte daher um Feststel-lung, wieviel politische Macht und Verantwortlichkeit dem Gouverneur noch zusteht.«
Noch am 28. Oktober telegraphiert Trotha über Leut-weins Kabelnachricht an den Generalstab in Berlin:
»Leutwein kabelt an Auswärtiges: ›Nach sicheren Nach-richten haben Hereros Unterwerfungsanträge gemacht. Hierüber ist ohne Mitwirkung des Gouverneurs ent-schieden. Bitte daher um Feststellung, wieviel politi-sche Macht und Verantwortlichkeit dem Gouverneur noch zusteht.‹ Leutwein weicht meinem Befehl, die Quellen über Unterwerfungsanträge zu nennen, aus. Ich melde, daß außer einer Gefangenenaussage über Unter-werfungsabsichten Salatiels keinerlei Anträge zu irgendeiner Zeit an mich gekommen. Die Meldung Leutweins an Auswärtiges beruht auf unwahrer Basis. Ich halte ein Zusammenarbeiten mit Leutwein nicht mehr für möglich, bin aber bereit, wenn politische Lage und Personenfrage dies wünschenswert erscheinen lassen, selbst das Kommando abzugeben.«
Am 5. November telegraphiert Trotha nach Berlin:
»Ich kann unmöglich mit militärischen Mitteln eine Politik unterstützen, die ich perrhoresziere [verab-scheue], und ich kann auch keine Nebenregierung anerkennen, die über den Rahmen der reinen Verwal-tung hinausgeht. In solchen Situationen wie den jetzigen gibt es kein Parlamentieren [Verhandeln]. Ich will mich gern ihres Rates bedienen, aber eine Selbständigkeit in politischen Beschlüssen kann ich Ihnen, sofern mich seine Majestät der Kaiser und König in meiner Stellung beläßt, bei der grundsätzlichen Verschiedenheit unserer Ansichten nicht lassen.«
Die Militärbehörden in Deutschland stehen hinter Trotha und üben Druck auf das Auswärtige Amt aus, das Leutwein auf Heimaturlaub schickt. Am 30. November verläßt Gouverneur Leutwein das Land.
Die Proklamation Trothas an die Herero erreicht wegen der schlechten und langen Postbeförderungswege erst Wochen später Berlin. Der Postweg von der Omaheke nach Berlin dauert normalerweise sechs Wochen. Der für Trotha in Berlin zuständige Chef des Generalstabs, Alfred von Schlieffen, schreibt am 23. November an den Reichskanzler über die Proklamation und Trothas Ab-sichten:
»Er hat nur nicht die Macht, sie durchzuführen. Es wird daher kaum etwas anderes übrig bleiben, als zu ver-suchen, die Herero zur Übergabe zu veranlassen. Das wird erschwert durch die Proklamation des Generals von Trotha, der jeden Herero erschießen lassen will.«
Nach Absprache zwischen dem im Harz weilenden Kaiser und dem Reichskanzler in Berlin wird am 8. Dezember 1904 von Berlin ein Gegenbefehl vom Gene-ralstab nach Südwest telegraphiert und Trotha wird befohlen mit Hilfe der Mission Lager zur »einstweiligen Unterbringung und Versorgung« der Herero einzurich-ten. Gleichzeitig soll er aber die militärischen Opera-tionen gegen die Herero fortsetzen. Bei der nun sofort von Trotha eingeleiteten Benachrichtigung der Truppe fügt er aus gutem Grund hinzu: »aber nicht wie bei Ombakaha!«.
Ende Oktober, bald vier Wochen nachdem die erbärm-lichen Herero-Boten mit der Proklamation in die Wild-nis getrieben wurden, ist sie den Herero nicht einmal im nur 45 Kilometer südöstlich von Ozombo Windimbe gelegenen Ombakaha bekannt, wo eine größere Gruppe Herero-Großleute und Krieger sitzen und sich ahnungs-los mit einem deutschen Patrouillenführer auf Überga-beverhandlungen einlassen. Die deutsche Patrouille teilt den Herero mit, sie sollten einen ihrer Führer zum Oberleutnant von Beesten für Friedensverhandlungen schicken. Die Herero-Kapitäne schicken vorsichtshalber erst einmal den Schulmeister Traugott Tjongarero zu dem deutschen Offizier, um sicher zugehen. Von Bees-ten plant die Herero-Kapitäne lebend zu fangen, um dann die von Trotha versprochene Belohnung zu kas-sieren, und verspricht freies Geleit für die Herero für die Verhandlungen. Die Herero kommen mit neun Kapitänen und Großleuten und etwa 50 Kriegern. Als die Herero bemerken, daß sie in eine Falle geraten sind, schwärmen sie aus, um Gefechtsformation aufzuneh-men, worauf Beesten Feuerbefehl gibt. Alle neun Kapitänen und Großleuten kommen im Granaten- und Gewehrfeuer um, während den Kriegern die Flucht gelingt. Dieser hinterhältige Treuebruch wird Teil der mündlichen Überlieferung der Herero, während die Proklamation von Trotha nicht Eingang in das Gedäch-nis der Herero findet, weil sie nie von ihr hörten. Die dutzenden geflüchteten Krieger bei dem widerwärtigen Ereignis sind selbstverständlich, wohin sie kommen, Verbreiter der Hinterhältigkeit der Schutztruppe und bringen diese Botschaft auch zu den Hottentotten, denen sich eine Reihe von Herero-Kriegern anschlie-ßen bei derem Aufstand im Oktober 1904.
Der in Südwestafrika tätige Beamte Paul Rohrbach zum Treuebruch:
»Dieser Vorfall… hat die allerunglücklichsten und schwerwiegendsten Folgen für alle späteren Friedens-verhandlungen auch im Gebiet des Namaaufstands gehabt, denn jedesmal, wenn es sich um die Frage, ob die Aufständischen der Zusicherung, daß sie ihr Leben behalten würden, trauen dürften, kam von ihrer Seite der mißtrauische Einwand: ja aber Ombakaha!«
So hat die Trotha-Proklamation vom Oktober 1904 selbst keine Auswirkung, aber ihre mittelbare Wirkung durch den Verrat an den Herero durch den Oberleutnant von Beesten hat seine traurigen Wirkungen auch noch auf den Aufstand der Hottentotten, und der Schuldige daran ist eindeutig Trotha mit seiner Kopfgeldprämie, welche seinen militärischen Mißerfolg noch bestätigt, doch kein Herero-Kapitän wurde für die Prämie an die Deut-schen ausgeliefert, eben auch, weil sie, wie die ganze Proklamation, den Herero nie bekannt wurde.
Alle Versuche, Herero zur Aufgabe zu veranlassen, sind bei diesem stolzen Volk bisher gescheitert. In seinem Brief vom 23. November an Reichskanzler Bülow schreibt Generalstabschef Schlieffen:
»Gefangene, welche der Major von Estorff gemacht hatte und nach guter Behandlung mit dem Auftrag entließ, Landsleute zum Übertritt unter deutschen Schutz zu gewinnen, sind nicht zurückgekehrt. Wenn die Hereros nicht freiwillig kommen, so müssen sie zur Übergabe aufgefordert und ermutigt werden.«
Nach den Anweisungen aus Berlin über die neue Here-ropolitik beginnt man im Dezember 1904 Verbindung mit den frei lebenden Herero aufzunehmen. Ab Januar 1905 beginnen sich dann Herero zu ergeben.
Missionar Johann Jakob Irle schreibt:
»Ende des Jahres 1904 und in den ersten Monaten 1905 tauchten zahlreiche Herero mit einigem Vieh hinter dem Rücken der Truppe im Westen des Landes auf, teils Räuberbanden, die aus der Not eine Tugend machten, um ihren Hunger zu stillen, teils auch nur kleinere Werften von wehrlosen Frauen und Kindern, die von Milch und Feldfrüchten lebten. Es waren kriegsmüde Haufen, die von fast allem entblößt waren.«
Die meisten Herero kehren in ihr Siedlungsgebiet süd-lich des Waterberges zurück und/oder ergeben sich. Auch die deutschen Farmer kehren in das Hereroland zurück und sind mit Viehdiebstählen durch die Herero konfrontiert. Patrouillen der Schutztruppe durchstrei-fen deshalb das Hereroland, doch meistenteils ohne Erfolg. Schließlich wird im Sommer 1905 eine Groß-razzia durchgeführt, wegen der ständig steigenden Zahl an Viehdiebstählen. 40 Werften werden angegriffen, 260 Herero fallen und 860 werden gefangengenommen.
Der November und Dezember 1904 waren so trocken, daß keine Patrouillen der Schutztruppe in die Omaheke entsandt werden konnten. Im Januar 1905, mit dem Be-ginn der Regenzeit, lebt die Patrouillentätigkeit wieder auf, aber erst Ende Februar ist ausreichend Regen ge-fallen, daß man sich tiefer in das Sandfeld hinein wagen kann. So können deutsche Erkundungstrupps erst im März 1905 tiefer in die Omaheke vordringen.
Anfang März 1905 in der Regenzeit, in der Tränken und Grasen der Pferde wieder möglich ist, zieht eine be-rittene Patrouille der Schutztruppe einem Weg der Herero vom Waterberg nach Osten entlang. Über diese Patrouille des Grafen von Schweinitz wird im Militär-wochenblatt berichtet:
»Von der Wasserstelle Ondowuo (20 km nordöstlich Otjosondjou) an fand er auf der etwa 150 km langen Strecke, die er dem Otjosondjou-Omuramba [Omu-ramba = Trockenfluß] folgte, einem ausgetretenen Fußpfad, der offenbar den Weg bezeichnete, den große Scharen flüchtender Herero im August oder September vorigen Jahres genommen hatten. Tausende gefallenen Viehs, namentlich Großvieh, zahlreiche Gerippe von Menschen und Pferden bleichten an der Sonne und bezeichneten mit entsetzlicher Deutlichkeit, daß der Zug des Todes diesen Weg gegangen war.«
Im März 1905 hebt Trotha auch die wirkungslose Absperrung des Sandfeldes auf, aber der Kriegszustand bleibt bestehen, während der Krieg de facto mit dem Abzug der Herero vom Waterberg bereits endete. Dafür hat im Süden des Landes ein neuer Krieg begonnen.