Die einheimische Wirtschaft von Ruanda besteht haupt-sächlich aus Rinderzucht und Ackerbau. Die Watussi besitzen etwa eine Million Langhornrinder. Das Klein-vieh wird auf die gleiche Zahl geschätzt. Die Wahutu, über 95 Prozent der Bevölkerung, betreiben den Acker-bau. Auch die wenigen zwergwüchsigen Batwa betreiben Ackerbau und dazu Töpferei.
Nach der Gründung von Kigali als Hauptstadt von Ru-anda durch den Residenten Richard Kandt siedeln sich in der entstehenden Stadt schnell indische, arabische und griechische Kaufleute an und eröffnen ihre Ge-schäfte. Auch europäische Handelsfirmen siedeln sich an.
Werden 1910 von der deutschen Residentur 873 kleine Karawanen mit 13.519 Trägern in Kigali gezählt, so sind es 1912 bereits 1784 Karawanen mit 23.971 Trägern. 1912 gibt es bereits um die 40 selbständige Kaufleute und Firmen in Kigali mit 24 Filialen in Ruanda. Sechs der Firmen sind europäische Unternehmen. Außerdem be-suchen ruandische Händler der Hutu den Markt von Kigali mit Fellen und Häuten, die sie gegen Stoffe und Perlen für deren erneuten Eintausch gegen Felle und Häute der Landbewohner erwerben.
1912 errichten die europäischen Handelsgesellschaften East African Trading Company und Internationale Handelsgesellschaft gemeinsam eine Wäscherei für Felle in Kigali.
Im Land verbreiten sich Wanderhändler und der Wege- und Hausbau lebt auf. Tierfelle, Rinder und Ziegen sind die Hauptausfuhrgüter. Ferner gibt es die Organisation von Handelskarawanen.
Die Einführung von ‚cash crops’, landwirtschaftlichen Pflanzungen für den Export, wird angegangen. Versuche mit Baumwolle, Tabak, Erdnüssen und Reis sind von zweifelhaftem Erfolg, wohl auch wegen der Hochlage von Ruanda. Kandt erhofft sich vom Kaffee mehr Erfolg. Seit 1913 hat man in der deutschen Verwaltung in Kigali Interesse am Kaffeeanbau, denn Kaffee paßt als Kultur hervorragend in das dafür bestens geeignete Ruanda.
Schon 1905 begannen die Missionare der Weißen Väter in Mibirizi Kaffee bei der Bevölkerung als Anbaukultur einzuführen. Jetzt wird der Kaffeeanbau als sehr zu-kunftsweisend angesehen. Kaffee braucht viel weniger Anbaufläche als andere Kulturen wie Erdnüsse und Baumwolle und kann auf ungenutzte Bananenhaine ge-setzt werden. In seiner Denkschrift vom 8. September 1913 an das Kaiserliche Gouvernement in Daressalam schreibt Resident Kandt:
»Das einzuführende Produkt muss auf dem Weltmarkt stets Aufnahme finden. Eine Kultur, die allen diesen Anforderungen entspricht, ist vorhanden: wir müssen Ruanda und Urundi zu Kaffeeländern machen.«
Am 7. Juli 1914 bittet die Residentur in Kigali die Resi-dentur von Urundi um einen Zentner Kaffeesaat. Es sol-len Millionen von Setzlingen an die Bevölkerung verteilt werden. Die erste Kaffeeernte wird vom Residenten Kandt für 1917 erwartet. Die Afrikaner sollen als Anreiz für den Kaffeeanbau einen Garantiepreis von fünf Hel-lern pro Pfund Kaffee erhalten und von den exportie-renden Firmen soll eine Abgabe von zehn Hellern pro Pfund Kaffee gefordert werden. Die gerade im Lande beginnende Einziehung der Kopfsteuer soll wieder abge-schafft werden, deren Einziehung auch viele Beamte erfordert, und die Steuer soll vollständig über den Kaf-fee eingezogen werden. Die Kosten für die Steuerer-hebung würden gesenkt und Unruhe bei der Bevölke-rung durch die Steuererhebung vermieden.