1937 erscheint das Buch Der Afrikaner heute und morgen von Diedrich Westermann. Darin beschreibt Westermann den Beginn der Dekolonisation durch die Bildung der Schwarzen durch die Weißen, auch wenn er selbst an die weitere Herrschaft der Weißen in Afrika glaubt:
»Auch solche Neger, die als gebildete und selbstbewußte Vertreter ihrer Rasse die europäische Herrschaft kri-tisch oder feindselig ansehen, beanspruchen für sich selber das Recht, die europäische Kultur sich voll anzu-eignen, denn sie sind sich darüber klar, daß sie nur dann mit dem Weißen in Wettbewerb treten und sich ihm gegenüber behaupten können, wenn sie seine Waffen gebrauchen. Afrikanische Führer erheben den schärf-sten Einspruch gegen jeden Versuch, den Schwarzen eine andere Erziehung und Ausbildung zu geben als den Weißen. Sie lehnen jede arteigene Behandlung ab…
Derartige Anfänge, die sich in vielen Teilen Afrikas fin-den, zeigen, wie neue Gemeinschaften entstehen, die zwar Elemente des Alten in sich tragen, aber doch den Erfordernissen einer neuen Zeit bewußt Rechnung tra-gen.
Der moderne Verkehr bringt auch die Bewohner einer Kolonie näher zusammen. Sie alle unterstehen der glei-chen Verwaltung und Rechtssprechung … eingeborene Angestellte und Arbeiter werden außerhalb ihrer Hei-mat beschäftigt; man lernt sich kennen, rückt einander näher … All dieses führt dahin, das Gewicht der Stam-mesunterschiede zu mindern und die frühere Abge-schlossenheit, die häufig zu Mißtrauen und feindseliger Haltung führte, als überlebt anzusehen. Mit anderen Worten, es entsteht etwas wie ein Staatsbewußtsein oder gar ein Nationalgefühl…«
Keine der afrikanischen Befreiungsbewegungen errang einen militärischen Sieg über eine Kolonialmacht. Die sowjetische Ausbildung war auf konventionelle Offensi-ven nach dem Muster des Zweiten Weltkrieges ausge-richtet, was ihren praktischen Wert unter völlig ande-ren landschaftlichen, klimatischen und völkischen Ge-gebenheiten sehr verringerte.
Von der DDR gelieferte Rezepte zur Herstellung opti-maler Sicherheit, das heißt die Sicherheit des Macht-monopols der jeweiligen Exil-Führung der afrikanischen Befreiungsbewegung, haben sich gut bewährt. Beson-ders ruchlos dabei war das Wirken der SWAPO-Sicher-heitsgruppe in Südwestafrika, die in den 80er Jahren mindestens tausend Aktivisten aus den eigenen Reihen als Spione Südafrikas verhaftet hat, ohne Gerichtsver-fahren einsperrte und folterte, auf daß sie weitere ›Spione‹ verrieten, bis die Vereinten Nationen 1989 im Zuge der von ihnen durchgeführten Repatriierung der Namibia-Flüchtlinge die Freilassung der Überlebenden durchsetzte.
Gesiegt haben am Ende alle afrikanischen Befreiungs-bewegungen, ob sie mit militärischen Mitteln oder nur politischen vorgegangen sind. Doch ihre Siege wurden nicht in den Kolonien errungen, sondern in der öffent-lichen Meinung des jeweiligen kolonialen Mutterlan-des. In West- und Ostafrika räumten England und Frankreich nach 1945 schrittweise, zum Ende der 50er Jahre zügig, das allgemeine und gleiche Wahlrecht ein. Nur Belgien und Portugal nicht, in deren Kolonien bluti-ge Kriege tobten, weil sie auf keinen Fall ihre überseei-schen Besitzungen aufgeben wollten.
Das Ergebnis der Endkolonisation faßt 1986 eine Gruppe aus afrikanischen Wissenschaftlern, Schriftstellern, Gewerkschaftern und ehemaligen Politikern unter der Ägide der International Foundation for Developement Alternatives zusammen. In ihrer Erklärung heißt es un-ter anderem:
»Nach der Unabhängigkeit wurden in den meisten afri-kanischen Staaten die Ziele der Befreiungskämpfe un-terschlagen und die Träume und Pläne der Menschen verraten. Demokratie blieb auf Erklärungen der Politi-ker und auf das vollmundige Formulieren von Verfas-sungen beschränkt, die selten respektiert wurden.
Demokratie findet im Alltagsleben noch nicht statt. Ele-mentare Freiheitsrechte werden oft verletzt. Willkürli-che Festnahmen, Verhaftungen, Folter und Mord haben viele tatsächliche oder vermutete politische Oppositio-nelle zum Schweigen gebracht…«
Die Wirklichkeit der afrikanischen Staaten nach der Un-abhängigkeit besteht aus wuchernder Verwaltung, die unfähig ist, Herrschaft auszuführen und ebensowenig ist sie »öffentlicher Dienst«, denn sie ist unfähig, einer gedeihlichen Entwicklung der Gesellschaft zu dienen. Sie ist ein Versorgungsnetz für Verwandte und Diener der wenigen wirklichen Machthaber, deren Macht nur darin besteht, sich Ressourcen aus dem Volk (Steuern) und aus internationaler »Hilfe«, wie Krediten, sich so-weit wie möglich anzueignen.