Karl Viehweg besitzt keine zehn Kilometer von der Bahnstation Pugu entfernt, die gut 20 Kilometer west-lich von Daressalam liegt, eine Plantage. Er kann auch auf der Straße nach Daressalam – die seiner Plantage noch näher als die Tanganjikabahn liegt – mit seinem Fahrrad in die Hauptstadt fahren und spart damit die Kosten für die Zugfahrkarten. Als der Krieg ausbricht wird Pugu Hauptquartier des Oberkommandos der Schutztruppe und Truppensammelplatz. Durch den nun enormen Verkehr auf der Eisenbahnlinie kann Viehweg viel Holz von den Rodungsarbeiten auf seinem Land zum Befeuern der Lokomotiven an die Bahn verkaufen und an die Truppen in Pugu seine gerade eingebrachte Buschbohnenernte liefern, statt sie, wie geplant, nach Daressalam zum Verkauf zu bringen. Viehweg kann auch Reis, Cassava, Hirse und Mais an die Truppe lie-fern. Die Lasten werden von Trägern von seiner Plantage nach Pugu transportiert.
Er will in Daressalam Einkäufe tätigen, bevor sie viel-leicht durch den Krieg unmöglich werden, fährt aber nicht mit dem Fahrrad, da die Schutztruppe gelegentlich schon Fahrräder requiriert, sondern nimmt den Zug. Die Züge aus Daressalam sind überfüllt mit Zivilisten, Uni-formierten, Waffen, Maschinen, Ersatzteilen, Lebens-mitteln, Hühnern und vor allem Akten, Büroschränken und sonstigem unersetzlichem Mobiliar der Gouverne-mentsverwaltung, die sich ins Landesinnere verlagert. Karl Viehweg gelingt es noch in einem Güterwagen bis Pugu mitzufahren, wo sich auch alle Reservisten aus Daressalam versammeln. Für den 8. August 1914 hält Viehweg in seinem Tagebuch fest:
»Ich melde mich auf Station Pugu bei Major Kepler, dem Stellvertretenden Kommandeur der Schutztruppe, wer-de aber noch nicht angenommen, da ich in der Nähe wohne und jederzeit zu haben bin.
…
Gegen ½ 11 fahre ich mit Frau Lössners Rade weiter bis Mbaruku, wo mehrere Kompanien liegen. Zwischen Pugu und Mbaruku starker Automobilverkehr (requi-rierte, teils für die Landesausstellung bestimmte); Geschütze werden von Schwarzen gezogen, von Pugu nach Mbaruku geschafft, teils sehr sandiger Weg.
Bei Giese Rast gemacht, der Grunds Pflanzung bei Pugu gekauft hat; er hat ein Mischlingsweib, eine von der Missionsstation Entlaufene. Brauerei Schultz/Daressa-lam schafft Bier und Soda in 4spännigen Wagen nach Pugu ins Lager und verkauft die Flasche Bier für 50 Heller.«
Im Lager Pugu sieht Viehweg eine überbreite Straße, an der noch planiert wird. Vor einer Woche war hier noch Buschwerk gewesen. Er fragt einen Unteroffizier, der dort Aufsicht führt:
„Was macht Ihr denn hier? Das sieht ja fast wie ein Exerzierplatz aus?“
„Ein Exerzierplatz? Ha! Dafür ist jetzt keine Zeit.“
„Wofür denn?“
„Das ist ein Flugplatz!“
„Lassen Sie diese Witze.“
„Im Ernst, es ist ein Flugplatz.“
„Wirklich? Kaum zu glauben. Was sind denn das für Flugmaschinen?“
„Es ist eine Flugmaschine! Die Feldmarschall hat sie für die Landesausstellung mitgebracht.“
Tatsächlich kam das Flugzeug nicht mit der Feldmar-schall aus Deutschland, sondern mit dem deutschen Dampfer Khalif aus Südwestafrika von der dortigen Landesausstellung. Der Doppeldecker ist zur Zeit auf dem Flugplatz auf der Halbinsel Kurasini am Stadtrand von Daressalam stationiert.
Weitere Flugzeuge für Deutsch Ostafrika stehen bei der Rumpler Luftfahrzeugbau GmbH in Berlin-Johannisthal vor dem Transport nach Ostafrika und Dr. Kurt Wege-ner, der am 22. Juni 1914 das Flugzeugführerzeugnis Nr. 796 erwarb, sollte zum Studium der meteorologischen Verhältnisse für das Fliegen in Deutsch Ostafrika in die Kolonie gehen, aber durch den Kriegsausbruch ist dies nun nicht möglich.
Von Kurasini aus fliegt Bruno Büchner mit seinem Pfalz-Doppeldecker Aufklärung bis zur britischen Insel Sansi-bar. Büchner über einen dieser Flüge: „…ich startete der Küste entlang nach Sansibar. Ich mochte etwa zwei Stunden unterwegs gewesen sein, als ich plötzlich unter mir zwei Kanonenboote gewahrte, die sofort auf mich zu schießen begannen, leider mit recht gutem Erfolg. Ich bekam eine schmerzhafte Armverletzung…“. Er setzt daraufhin mit dem beschädigten Flugzeug zur Landung am Strand an. Der weiche Sand läßt das Fahrwerk einsinken, worauf sich das Flugzeug überschlägt und zu Bruch geht. Büchner schleppt sich zu Fuß nach Dares-salam und wird dort in ein Lazarett eingeliefert. Die Flugzeugteile holt man in den folgenden Tagen nach Daressalam, wo in der Schmiede Haller der Wieder-aufbau beginnt.
Während Büchner noch im Lazarett liegt übernimmt der Oberleutnant Ernst Ludwig Henneberger von der Schutztruppe, der 1912 bei der Bayerischen Flieger-truppe seine Feldfliegerprüfung absolvierte, die Maschi-ne. Am 24. Oktober beginnt er mit Probeflügen und soll schließlich am Kilimandscharo als Luftaufklärer ins englische Gebiet hinein stationiert werden.
Am 15. November wird Henneberger bei einem Probe-flug Opfer der afrikanischen Flugbedingungen. Das Flugzeug sackt plötzlich ab, berührt die Palmwipfel und stürzt ab. Henneberger ist sofort tot. Sein Beobachter Leutnant der Reserve Wilhelm Gutzmer von Gussmann wird schwerverletzt aus den Trümmern geborgen, kann aber schließlich seinen Dienst bei der Schutztruppe wieder aufnehmen.
Der genesene Bruno Büchner bekommt nun den Auf-trag das Flugzeug als Wasserflugzeug wieder aufzu-bauen, um es als Luftschutz für den jetzt südlich von Daressalam im Rufiji-Delta liegenden Kreuzer Königs-berg zu nutzen. Büchner kommen dabei seine Erfah-rungen mit einem Wasserflugzeug aus dem ersten deutschen Wasserflugzeugwettbewerb in Heiligen-damm 1912 zugute. Wieder in der Werkstatt von Haller wird die Maschine neu aufgebaut und mit Schwimmern ausgerüstet. Büchner macht mit dem Flugzeug Probe- und Aufklärungsflüge. Versuche mit selbstgefertigten Bomben schließen sich an. Büchner:
„Zuerst übten wir mit Kokosnüssen das Abwerfen, dann nahmen wir 15 cm-Granaten [Es sind wohl 10,5 cm-Granaten der Königsberg gemeint] mit in die Luft, die wir einfach über Bord schmissen. Verstaut wurden sie mit aufgesteckten Zündern, indem wir sie irgendwo auf den Boden des Führersitzes warfen.“
Der Mangel an Flugbenzin beendet die Flüge und Bruno Büchner wird zur Kraftfahrabteilung der Schutztruppe versetzt.
Natürlich zeitigen Kriege auch immer unerwartete Er-gebnisse. Ein deutscher Soldat, der früh im Krieg in bri-tische Gefangenschaft gerät, kommt in ein Kriegsgefan-genenlager nach Ägypten. Der Mann war im Frieden Farmer in Ostafrika gewesen und nun, im Krieg, führt seine Frau die Farm. Dem Farmer kommt die Zeit im Kriegsgefangenenlager als die schönste Zeit seines Le-bens vor, denn er ist einmal all die ewigen Pflanzungs- und Arbeitersorgen los und kann Fußball spielen und lesen. Ein interessanter Einblick in die Schwierigkeiten des Lebens der Farmer in Deutsch Ostafrika.
Zum Geburtstag des Kaisers wird auch im zweiten Kriegsjahr am 27. Januar 1916 in Daressalam eine Parade abgehalten.
Der Kaiserliche Gouverneur von Deutsch Ostafrika, Heinrich Schnee, hält im Juli 1916 bei einem großen Bierabend für die deutsche Bevölkerung eine öffent-liche Ansprache, in der er auch ausführt:
„Der Feind hat die Hoffnung, daß wir hier auch wirt-schaftlich vernichtet werden. Im bisherigen Verlaufe des Krieges haben wir bereits gesehen, daß diese Hoff-nung unbegründet ist. Wirtschaftlich kann der Feind uns hier nicht niederringen. Alles Notwendige gewin-nen wir aus dem Lande, ob es Nahrungsmittel, Materia-lien oder Hilfsmittel aller Art sind, wir finden es in un-serem Deutsch Ostafrika. Und da tritt der Wert unserer Kolonie gerade in diesem Kriege glänzend hervor. Ich glaube, selbst mancher alte Kenner des Landes hat be-zweifelt, ob es gelingen würde, den Bedürfnissen der Bevölkerung, der weißen wie der farbigen, gerecht zu werden. Aber es findet sich solcher, ich möchte sagen, unerwarteter Reichtum im Lande, daß wir kaum in Ver-legenheit geraten können und wir uns ausreichend Er-satz auch für solche Gegenstände, die wir früher von au-ßen bezogen haben, hier beschaffen können. – Es eröff-net uns aber auch den Ausblick in die Zukunft, daß nach einem ehrenvollen und günstigen Frieden für das Deut-sche Reich in der Kolonie noch Entwicklungsmöglich-keiten stecken, die wir bisher noch nicht in dem Maße erkannt hatten.“
Auch im Krieg geht die verwaltungstechnische Durch-dringung der Kolonie weiter und so werden im noch nicht so weit entwickelten Süden neue Nebenstellen der Bezirke geschaffen und im August 1916 wird der Bezirk Tabora in die Bezirke Tabora-Nord und Süd-Tabora ge-teilt.
Durch die Fluchtbewegung der deutschen Zivilbevölke-rung nach Süden mit den feindlichen Offensiven im Norden seit März 1916 werden für die Frauen und Kin-der in Tabora, aber auch an anderen Orten, von der Ver-waltung solide Häuser gebaut, solange Zement vorhan-den ist. Dann werden kleine primitive Lehmhäuser er-richtet, die aber, als schließlich kein Moskitonetz zur Sicherung der Bauten gegen die Stechmücken mehr vorhanden ist, besonders im moskitoverseuchten Tabo-ra keine gesundheitlich zuträgliche Unterkunft bieten.
Mit Rücksicht auf die ungünstigen Lebensverhältnisse im Süden des Schutzgebietes hat Gouverneur Schnee deutschen Frauen und Kindern den Zug in das Rück-zugsgebiet im Süden verboten. Dort selbst leben nur we-nige weiße Frauen und Kinder, da der Süden noch weit-gehend unerschlossen ist.