Am 21. Juni 1914 fordert der Reichsverband der deut-schen Presse auf seiner Delegiertenversammlung in Leipzig: »Der Reichsverband der deutschen Presse er-achtet den Ausbau des ausländischen Nachrichten-dienstes durch eine selbständige, rein deutsche Orga-nisation für eine dringende Notwendigkeit.«
Es gilt gegen die antideutsche britische Presseagentur Reuter eine eigene weltweite Nachrichtenagentur auf-zubauen. Das einzige deutsche Nachrichtenbüro ist Wolffs Telegraphenbureau, das am 27. November 1849 gegründet wurde. Wolffs Büro hat zwar auch eigene Vertreter in der Welt, bezieht aber eine Vielzahl von Nachrichten von ausländischen Nachrichtenagenturen, mit denen das Büro Verträge hat. Somit ist Wolffs Nach-richtenagentur nicht unabhängig in seiner Nachrichten-berichterstattung.
Die Londoner Times, das bestorientierte und mächtigste Blatt der Weltpolitik, bringt gleich nach Kriegsausbruch am 4. August 1914 Tag für Tag und Woche für Woche in Riesenlettern eine Artikelserie »The War on German Trade« / »Der Krieg gegen den deutschen Handel.«
Unter der Leitung der britischen Regierung wird eine Kommission von Industrie- und Handelsbaronen nach Deutschlands überseeischen Märkten gesandt, um die-se für England zu sichern, und es wird eine Sammlung deutscher Waren zur Ausstellung als Muster für engli-sche Fabrikate veranstaltet. Im März 1915 erklärt Pre-mierminister Asquith, “es sei eine Hauptaufgabe der britischen Politik gewesen, Deutschlands Handel zu ver-nichten.”
Eine äußerst erlogene und erstunkene Gräuelpropagan-da wird nun von England aus in der Welt über Deutsch-land verbreitet. Die Australier Richard Guillatt und Peter Hohnen schreiben in ihrem 2009 erschienenem Buch The Wolf:
»Das geheime Kriegspropagandabüro der englischen Regierung beschäftigte volkstümliche Schriftsteller wie John Buchan und Arthur Conan Doyle, um einen Strom von probritischen Geschichten und Artikeln herzustel-len, welche von Zeitungen veröffentlicht wurden… Die-se Geschichten von tapferem britischen Heroismus und unbeschreiblichen deutschen Ausschreitungen, oft geschmückt mit Karikaturen von monströsen deut-schen Soldaten, die geraubte Mädchen und tote Kinder über ihren Schultern tragen, bestritten viel von dem was als Kriegsreportagen durchging…
Im Jahre 1915 griffen in London, Liverpool und Man-chester randalierende Menschenmengen deutsche Ein-wanderer an, nachdem die Lusitania versenkt worden war und nach der Veröffentlichung eines Reports über vorgebliche deutsche Gräueltaten in Belgien, geschrie-ben vom ehemaligen britischen Diplomaten Viscount James Bryce. Die schockierenden Berichte im Report von Bryce über vergewaltigte Nonnen und gefolterte Kinder wurde später als von zweifelhafter Herkunft an-gesehen, aber der Haß den sie erzeugten dauerte Jahre an und inspirierte Herausgeber von Zeitungen anti-deutsche Kampagnen mit zügellosem Fremdenhaß zu führen. Ausgemachte Erfindungen – Geschichten von gekreuzigten alliierten Soldaten und von für Schmier-fett für Waffen ausgekochten Menschenkörpern – bekamen ebensoviele Zeitungsspalten wie tatsächliche deutsche Exzesse wie die Hinrichtung der britischen Krankenschwester Edith Cavell wegen Spionage.«
Soweit die Australier Richard Guillatt und Peter Hohnen.
In England tun sich besonders die schon vor dem Krieg deutschfeindlichen Blätter Times und Daily Mail mit Berichten über Kriegsgräuel hervor. Im London wird unter der Leitung des britischen Ex-Botschafters in den USA, Lord Bryce, eine sogenannte Untersuchungskom-mission gebildet, die die schlimmsten Verbrechen deut-scher Soldaten in Belgien erfindet. Der Bryce-Bericht er-scheint 1915 und hat eine ungeheuere Wirkung auf die Öffentlichkeit, nicht zuletzt in den USA. Als die belgische Regierung 1922 die Vorwürfe noch einmal untersuchen läßt, stellt sich heraus, daß keine der von der Bryce-Kommission genannten Fakten einer Überprüfung standhält. Auch die Gräuelpropaganda über eine deut-sche »Kadaververwertungsanstalt«, in der angeblich menschliche Leichen verwertet wurden, platzt nach dem Krieg. 1925 enthüllt die New York Times, daß ein hochrangiges Mitglied des britischen Geheimdienstes, Brigadegeneral John Charteris, für diese Desinformation verantwortlich war. Als Anfang 1917 William Shepard, ein Korrespondent der amerikanischen Agentur United Press, das ganze Lügengebäude zum Einsturz bringt, ist die erwünschte Wirkung längst eingetreten. Shepard reiste als neutraler Berichterstatter in den Kriegsjahren durch Belgien und konnte nicht den geringsten Hinweis auf deutsche Verbrechen finden – selbst gegen hohe Geldangebote für entsprechende Fotos nicht.
Der weltberühmte Asienforscher Sven Hedin schreibt in der schwedischen Tageszeitung Svenska Dagbladet vom 7. August 1926:
»Die Anklagen gegen die deutsche Kolonisation waren größtenteils erdichtet. Die Propaganda betrieb ihr Hand-werk ohne Rast und Ruhe.«
Der amerikanische Historiker William Roger Louis schreibt in seinem 1967 erschienenen Werk Great Britain and Germany’s Lost Colonies 1914-1919:
»Die Doktrin, der zufolge Deutschland eine schuldbela-dene, beispiellos brutale und grausame Kolonialmacht war, entstand erst während des Ersten Weltkriegs.«