In Daressalam laufen die Vorbereitungen für die »II. Allgemeine Deutsch-Ostafrikanische Landes-Ausstel-lung« im August, für die auch viele hochrangige und prominente Besucher aus Deutschland erwartet werden. Die Ausstellung soll die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutsch Ostafrikas im besten Licht dar-stellen. In Daressalam und anderen Orten der Kolonie sind Veranstaltungen im Rahmen der II. Landesaus-stellung vorgesehen. Die Vorbereitungen für die Aus-stellung laufen bereits seit 1913. Dazu gehört natürlich auch die Ankunft des modernen Kreuzers Königsberg mit seiner über 300 Mann starken Besatzung in Daressalam. Dafür hatte der Kaiser am 17. März 1914 eine entsprechende Order erlassen:
»Mein Kleiner Kreuzer Königsberg soll nach Herstel-lung der Seebereitschaft die Ausreise auf die afrikani-sche Station durch den Suezkanal antreten.«
Bisher waren nur kleine und veraltete Kolonialkreuzer an der ostafrikanischen Station zu sehen gewesen und schon seit längerem hatte das Reichskolonialamt, Sied-ler, Kommandanten von Stationskreuzern und zuletzt das Organisationskomitee der Landesausstellung um Entsendung eines ansehnlichen Schiffes gebeten. Auf Anordnung des Kaisers wird nun dieser moderne Kreuzer zum Repräsentieren nach Ostafrika geschickt.
Im Morgengrauen des 6. Juni weist der Leuchtturm von Makatumbe der Königsberg den Weg in die Einfahrt nach Daressalam. Um 8 Uhr morgens rundet das Kriegs-schiff die scharf gekrümmte enge Hafeneinfahrt von Daressalam und macht an der bereitgehaltenen Boje am Eingang zum Creek fest. Donnernd hallt der Gouver-neurssalut des Kreuzers, vielfach zurückgeworfen vom Strand der inneren Bucht, von Kirchen und Gebäuden über den Hafen. Hunderte von Europäern und tausende von Eingeborenen versammeln sich am Strand. In weni-gen Minuten ist das Schiff von zahllosen Booten umge-ben.
Die Königsberg kann sich sehen lassen, sie hat mehr Schornsteine als die meisten fremden Kriegsschiffe an der ostafrikanischen Küste. Der deutsche Kaiser hat ein „Manowari ya bomba tuta“, ein Kriegsschiff mit drei großen Feuerrohren, entsandt. Die Zahl und Größe der Schornsteine gilt als Symbol für die Stärke eines Kriegs-schiffes.
Nun läuft das offizielle Empfangsprogramm ab. Gouver-neur, Behördenvertreter, Marine- und Schutztruppenof-fiziere begrüßen das Schiff. Für die bevorstehende Feier des 25jährigen Bestehens der Schutztruppe, die wäh-rend der Landesausstellung stattfindet, hat die Königs-berg ein Ehrengeschenk der Marine mitgebracht, große Schiffsmodelle, die auch auf der Landesausstellung ge-zeigt werden sollen. Vom Kommandanten des Stations-schiffs Geier übernimmt Fregattenkapitän Max Looff die Geschäfte des Ältesten Offiziers der Ostafrikani-schen Station und Looff stattet auch allen Landbehör-den entsprechende Antrittsbesuche ab.
Am Nachmittag des 12. Juni läuft das bisherige Stations-schiff Geier aus Daressalam aus und wird dabei von der Königsberg und der Schutztruppe verabschiedet. Dazu ist die Daressalamer Kompanie der Schutztruppe mit ihrer Musikkappelle an der Ausfahrt angetreten. Mit ihr, wie mit der Königs-berg, wechselt der alte Kreuzer drei Hurras. Die Geier ist 1894 in Dienst gestellt worden und trotz Modernisierung 1908/09 nun doch veraltet, wes-halb sie im Mai 1914 vom Kleinen Kreuzer zum Kano-nenboot umklassifiziert wurde. Für eine Stationierung in der Südsee reicht sie aber noch allemale aus und so geht sie nach Deutsch Neuguinea. Nach verschiedenen Besuchsaufenthalten auf der Fahrt soll sie am 1. Okto-ber 1914 in Rabaul eintreffen.
Die Königsberg wird noch Übungsfahrten an der Küste, zur bisher aus Zeitmangel vernachlässigten Ausbildung der Besatzung, unternehmen und dabei auch Küsten-städte der Kolonie anlaufen, um schließlich im August während der Eröffnungsfeierlichkeiten für die Landes-ausstellung in Daressalam zu liegen, zusammen mit dem zweiten Schiff auf der Ostafrikanischen Station, dem modernen Vermessungsschiff Möwe mit seiner gut hundert Mann starken Besatzung. Die Möwe führt Vermessungsarbeiten in den Küstengewässern von Deutsch Ostafrika durch und wird auch rechtzeitig zur Eröffnung der Landesausstellung in Daressalam sein.
Die Hauptveranstaltungen der Landesausstellung wer-den natürlich in der Hauptstadt der Kolonie mit ihrer großzügigen Architektur in tropischer Kulisse stattfin-den. Der Brite Charles Miller beschreibt den Anblick von Daressalam bei der Einfahrt von See in die Stadt: »Als ihre Dampfschiffe die enge Hafeneinfahrt durch-querten, sahen die Touristen entlang dem breiten mit Palmen bestandenen Strand ein Panorama moderner Bürogebäude und Kirchtürme. An Land erblickten sie den Gouverneurspalast mit seiner beeindruckenden weißen Säulengalerie und den orientalischen Rund-bögen.«
Der Fertigstellung der Mittellandbahn, deren Bau 1905 begonnen hatte, auf ihrer ganzen Länge von Daressa-lam bis Kigoma am Tanganjikasee soll nun die offizielle Einweihung der Bahn bis Kigoma erfolgen, wofür die II. Landesausstellung den feierlichen Rahmen abgibt. Be-fahren wird aber auch das letzte Teilstück Tabora-Kigoma der Bahn schon seit Februar 1914. Insbesondere werden über die Mittellandbahn kommend zahlreich schwarze Besucher der Ausstellung erwartet. Sehr schnell hat die Bahn seit der Inbetriebnahme des ersten großen Streckenabschnitts 1907 mit den 200 Kilometern von Daressalam nach Morogoro die Schwarzen als Fahr-gäste gewonnen, die gewohnt waren mit ihren Lasten zu Fuß unterwegs zu sein. Nun können die Bewohner ent-lang der 1252 Kilometer langen Bahnlinie mit ihren marktfähigen Waren schnell auch entfernte Plätze für ihren Verkauf erreichen und die einheimische Bevöl-kerung an der Mittellandbahn nutzt das revolutionäre Verkehrsmittel ausgiebig.
Durch die Bahneröffnung bis zum Tanganjikasee, dem zweitgrößten See Afrikas, und die anschließenden Schiffsverbindungen über den See, hat das gesellschaft-liche Leben der Weißen in Daressalam schon eine er-hebliche Anregung und Steigerung erfahren und durch die Vorbereitungen für die Landesausstellung noch zu-sätzlich. Zudem tagt vor der Eröffnung der Ausstellung noch der Gouvernementsrat der Kolonie in Daressalam, ein Gremium von Sachverständigen aus allen Wirt-schaftskreisen des Schutzgebietes, das die Regierung von Deutsch Ostafrika in allen Wirtschaftsfragen berät.
Auch der Gouverneur Heinrich Schnee und seine Frau Ada haben nun vor der Ausstellung in ihrem gastfreien Haus um so mehr Besuch aus allen Kreisen der Euro-päer bei Tee und Tanz und sonstigen Veranstaltungen. Wenn die Königsberg zwischen ihren Ausfahrten zur Ausbildung der Mannschaft und zum Besuch von Orten entlang der Küste der Kolonie wieder in Daressalam liegt ist sie ebenfalls für die staunenden Besucher zu besichtigen und auch Ort für Veranstaltungen des Kommandanten des Kriegsschiffes für geladene Gäste aus der Kolonie.
Die Landesausstellung soll auch für die europäischen Besucher aus den Nachbarkolonien, den Besuchern aus Deutschland und selbstverständlich für Schwarz und Weiß aus der Kolonie selbst eine Schau der wirtschaft-lichen Leistung an Exportprodukten der weißen und einheimischen Wirtschaft des Landes sein. Die Aus-stellung soll ja überhaupt den Handel der Kolonie för-dern. Für die Besucher aus der Kolonie ist eine Ausstel-lung von deutschen Gütern in Vorbereitung, die für die Wirtschaft des Schutzgebietes besonders interessant sind. Viele dieser Ausstellungsstücke sind schon in Da-ressalam angekommen, während andere noch auf der Seereise in die riesige ostafrikanische Kolonie Deutsch-lands sind. Der Regierungskommissar für die Ausstel-lung, Gouvernementssekretär Bleich, hat gute Arbeit geleistet für das Gelingen der großen Ausstellung und der erfolgreichen Darstellung der größten Kolonie des Deutschen Reiches.
Auf dem fertig abgegrenzten und in seine Ausstellungs-bereiche gegliederten Gelände ist der Aufbau der Aus-stellung im Gange. Die Firma Krupp hat einen großen Pavillon erbauen lassen, in dem landwirtschaftliche Maschinen gezeigt werden. Auch andere Ausstellungs-hallen gehen ihrer Fertigstellung entgegen. Die beiden Pavillons der Kolonie Belgisch Kongo und der Engländer aus Kenia und Sansibar mit den Produkten ihrer Kolo-nialgebiete sind bereits fertiggestellt.
Eine besondere Attraktion bietet ein Eingeborenendorf auf dem Ausstellungsgelände, das mit Hilfe der Schutz-truppenabteilung in Daressalam von den in die Haupt-stadt gereisten Mitgliedern der verschiedenen Stämme, die auch gleich im Dorf leben, aufgebaut wurde und die Hüttentypen – runde und viereckige Hütten, Temben und Kraale – der Ackerbau treibenden und nomadisie-renden Stämme im weiten Bereich der Kolonie zeigt. Die Temben sind eine ostafrikanische Besonderheit, es sind viereckige Hütten mit einem Flachdach, das mit Erde bedeckt ist, und mit Wänden, die mit Lehm verputzt sind. Für das Dorf sind schon Familien mit ihrem Vieh, ihren Geräten und Werkzeugen aus den entferntesten Gegenden der Kolonie in Daressalam eingetroffen oder sie sind auf Weg in die Hauptstadt. Die weit entfernt im Landesinneren Viehzucht und Ackerbau treibenden Stämme werden normalerweise nur nach monatelan-gen Märschen und Safaris von wenigen Angehörigen der Schutztruppe auf Erkundung, von Wissenschaftlern und Großwildjägern besucht und so sollen nun einige dieser in fernen Gegenden der Kolonie lebenden Einhei-mischen auf dem Ausstellungsgelände sich selbst und ihre Lebensweise vorführen. Die Masse der weißen Be-wohner der Kolonie lebt in den Städten und auf Planta-gen und bekommt diese Menschen und ihr Leben nie zu Gesicht.
Während in Daressalam geschäftiges Leben in Vorberei-tung der Ausstellung herrscht, sind schon Gäste aus der Kolonie und aus Deutschland für die Feierlichkeiten in der Stadt eingetroffen. So Vertreter vom Reichskolonial-amt und Abgeordnete von kolonialfreundlichen Partei-en des Reichstages und des preußischen Landtages. En-de Juli/Anfang August sind weitere Gäste aus Deutsch-land mit Schiffen unterwegs. So befindet sich die Gene-ral der Deutsch-Ost-Afrika-Linie, ein Fracht- und Passa-gierschiff, das 300 Fahrgäste befördern kann, nach der Abfahrt aus Hamburg noch im Mittelmeer für die Durchfahrt durch den Suezkanal auf dem Weg nach Daressalam, wo das Schiff laut Fahrplan am 17. August eintreffen soll. Die General hat auch wesentliche Teile der für Deutsch Ostafrika bestimmten Großfunkanlage an Bord, die eine ständige Funkverbindung mit Deutsch-land schaffen soll.
Auch ausländische Gäste, etwa aus Belgisch Kongo, sind bereits in Daressalam eingetroffen. Andere prominente Gäste befinden sich unabhängig von der Landesaus-stellung in der Kolonie, aber werden sicher auch die Ausstellung besuchen, so Dr. Richard Hindorf, der den Sisal in Deutsch Ostafrika eingeführt hat und jetzt Zwecks Verbesserung der Sisalkultur im Lande weilt, und General Kurt Wahle, der seinen als Pflanzer in der Kolonie lebenden Sohn besucht.
Auch ein Flugzeug aus Deutschland ist für die Landes-ausstellung angekommen. Es soll für Schauflüge wäh-rend der Ausstellung eingesetzt werden. Das Flugzeug, ein Doppeldecker, war zunächst bei der alljährlich Ende Mai stattfindenden Südwestafrikanischen Landesaus-stellung in Windhuk geflogen und sollte nach weiteren Flügen in Südwestafrika über das britische Südafrika nach Deutsch Ostafrika fliegen. Da die Briten aber Luft-spionage mit dem Flugzeug befürchteten bekam der Pi-lot Bruno Büchner keine Überfluggenehmigung und mußte sein Flugzeug auseinandergebaut von Lüderitz-bucht aus nach Daressalam verschiffen. In Deutsch Ost-afrika ist angedacht, den Doppeldecker nach der Aus-stellung für Forschungsflüge über der Kolonie zu ver-wenden.
Die II. Landesausstellung von Deutsch Ostafrika wird am 17. August beginnen, mit offizieller Eröffnung am 18. August, und innerhalb der Wirtschafts- und Kulturaus-stellung in Daressalam wird auch das Fest für das 25jährige Bestehen der 1889 gegründeten Schutztruppe für Deutsch Ostafrika vom 17. bis 21. August stattfinden mit Gala-Essen, Militärkonzert und Feuerwerk am 19. August, einem Großen Bierabend am 20. August und der Abschlußparade der Schutztruppe am 21. August.
Die Schutztruppe hatte zwar schon im Februar ihren 25. Jahrestag, aber für die Landesausstellung wurden die Feierlichkeiten entsprechend verlegt.
Auch der deutsche Kaiser Wilhelm II wird erwartet und für ihn ist in Kigoma, der Endhaltestelle der Mittelland-bahn am Tanganjikasee, ein Jagdschloß erbaut worden.