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Allgemeines Leben III


Ist die Tierwelt und die Landschaft Ostafrikas für die Stadtbewohner etwas unbekanntes und eine Safari außerhalb ihrer Möglichkeiten, ist eine Safari für die Farmbesitzer im Landesinnern oft Teil ihrer Freizeit oder gar ihrer Tätigkeit. So ist Werner Schönfeld, wie einige Pflanzer in Deutsch Ostafrika ein ehemaliger Marineoffizier, im Juli 1914 auf Safari in der Steppe zwischen dem Kilimandscharo und dem Meru und Anfang August reitet er von der Farm Krantz zur Farm Weber, um dort von ihm eingestelltes Vieh zu besich-tigen. Ein Ritt durch die Hitze der Buschsteppe ist wiederum auch nicht der Traum vieler Büroangestellter in Daressalam. Dafür bezahlen aber einige vermögende Deutsche und Ausländer viel Geld für die Anreise und die Safari in Afrika. So kommt auch der frühere lang-jährige Bezirksamtmann des Bezirks Kilwa, Hauptmann a. D. Richter, im Juli 1914 für die Jagd zurück nach Deutsch Ostafrika.


Der 5. August 1914 ist ein typischer Tag während der Ernte auf einer Baumwollplantage im Lukuledital im Südosten der Kolonie. Am frühen Morgen, noch im Dunkeln, werden wie üblich durch die Ngoma, die große Wecktrommel, die Leute aus den Hütten zur Arbeit gerufen und auch Otto Pentzel, der Plantagenbesitzer, wird von der Trommel geweckt. Als Pentzel auf den Hofplatz hinaustritt beginnt die aufgehende Sonne die Spitzen der Palmen zu bescheinen und nach dem Abzäh-len der in langen Reihen angetretenen Arbeiter ist es heller Tag, wie eben in den Tropen sich der Übergang von der Nacht zum Tag schnell vollzieht. Eine dichte Menschenmenge schiebt sich nun zu den Feldern. Vo-ran die Arbeiter von der Küste in vielfachen Schattie-rungen von hellem Braun zu tiefem Schwarz und dahin-ter der Zug der stämmigen Wangoni aus dem tiefen Hinterland, die Kerntruppe der Arbeiter. Die aus dem entlegenen Südwesten des Schutzgebietes angeworbe-nen Wangoni sind rauhe Gesellen, die sich gerne mit dem einheimischen Hirsebier betrinken und dann be-geistert Schlägereien mit den Leuten anderer Stämme suchen, wobei sie auch ihre dünnen, aber am Ende mit einem rund geschnitzten Keulenkopf geschmückten Stöcke einsetzen. Schlägereien, die Pentzel genug Gele-genheit bieten, sich als Sanitäter zu betätigen. Jetzt zie-hen die Wangoni mit umgehängten Säcken an die fried-liche Tätigkeit des Baumwollpflückens, die zu den bä-renstarken Gestalten wenig zu passen scheint. Sie sind beim Buschroden besser am Platz, wenn es gilt, mit Axt und Haumesser unter taktmäßigen, sehr melodischen Gesängen auf zähe Baumstämme einzuschlagen. Jetzt lösen sie aus den vertrockneten Kapseln jede Flocke sorgfältig aus. Auch darin sind sie die Zuverlässigsten. Die von ihnen gezupfte Wolle ist die sauberste, während man bei den Küstenleuten scharf aufpassen muß, daß sie nicht von Mäusefraß verdorbene Flocken und dürre Blätter unter das Erntegut mischen.

Die Felder sehen von der aufgegangenen Wolle wie beschneit aus. Teilweise schaukeln die Flocken schon bedenklich lang im steifen Südwind. Es ist höchste Zeit, sie einzubringen, und Otto Pentzel ist froh, dieses Jahr so viele Pflücker zusammenbekommen zu haben. Nicht Mangel an Arbeit, sondern Knappheit an Arbeitern macht den Pflanzern zu schaffen.

In langer Kette ziehen die Sammler die Staudenreihen entlang und legen die vollgestopften Säcke am Feldrand ab, von wo ein besonderer Trägertrupp sie aufnimmt und an große, aus Bambusstangen gebundene Trocken-tische bringt. Hier breitet man die Wolle aus und gibt sie der prallen Sonne preis, um Rotwanzen und andere lästige Insekten zu vertreiben. Sack um Sack wird dann wiederum gefüllt und im Speicher aufgestapelt. Bis an die Decke häuft sich der Erntesegen. Wohlgefällig be-trachtet Pentzel die Ernte und wagt schon heimlich zu überschlagen, welchen Gewinn diese Fülle einbringen wird. Der Baumwollpreis steht 1914 erfreulich hoch.

Während des Arbeitsgetriebes holt Cheramanda, der Boy von Pentzel, ihn aus dem Betrieb heraus. Zu Chera-mandas Pflichten gehört neben dem Wäsche waschen, putzen und dergleichen häuslichen Verrichtungen auch die allmorgendliche Kontrolle der Raubtierfalle. Chera-manda hat auch gleich das Jagdgewehr dabei. Die Falle ist am Ende des Kulturlandes an einem schmalen Pfad ins Schilf des Lukulediflusses aufgestellt. Mindestens einmal die Woche hält das schwere Bogeneisen einen unfreiwilligen Insassen fest, meist nur ein harmloses Stachelschwein oder eine ruppig aussehende Hyäne. Zweimal hat Pentzel mit dem Fangeisen auch schon prächtige Leopardenfelle auf diese Weise erbeutet, aber Löwen sind bisher der Falle immer aus dem Weg gegangen. Diesmal ist ein ungewöhnlicher Fang im Eisen: Ein Krokodil. An Land flieht ein Krokodil ins Wasser, aber im Wasser hat man keine Chance gegen die Echse, da ist sie in ihrem Element. Aber auch am Ufer ist es sehr gefährlich, wenn man sich dort achtlos aufhält. Viele Frauen werden beim Wasserholen von den aus dem Wasser schnellenden Panzerechsen ge-packt und gefressen.

Pentzel und sein Boy nähern sich dem Fangeisen. Pent-zel berichtet: »Ich konnte noch nicht erkennen, ob sich im dichten Schilf ein Krokodilleib vom Boden abhob, sind doch auch die freiliegenden, oft riesenhaften Ech-sen kaum von angeschwemmten Baumstämmen zu unterscheiden, wenn sie zu Dutzenden nebeneinander hingereiht auf einer Sandbank Mittagsruh halten.

Cheramanda wurde mutiger und warf einen Lehm-brocken ins Gebüsch, und da bewegte sich etwas, was ich eben noch für eine Schlammaufhäufung gehalten hatte. Es war ein ganz achtbares Krokodil von vielleicht vier Meter Länge, aber völlig verängstigt suchte es sich im Grase zu verstecken, die linke Hintertatze saß im Eisen. Ich sagte Cheramanda, er solle das Tier zurück-treiben, damit ich einen guten Schuß anbringen könne. Cheramanda holte wieder mit Lehmbrocken aus, um es zum Wenden zu veranlassen. Da schwoll der Echsenleib auf, noch mehr und noch riesiger, und das Krokodil hob an zu brüllen, hob ein tiefes, rollendes Löwenbrüllen an. Das wirkte so seltsam, daß ich ein zweites Mal ansetzen mußte, ehe dieses drachenhafte Fabeltieres Ende ge-kommen war.

Krokodile haben also eine Stimme! Das hatte ich nun heute gelernt. Es verging doch kein Tag in diesem Affen-land, wo man nicht Gelegenheit hatte, irgend etwas Unbekanntes zu entdecken, sei es aus der Pflanzen- oder Tierwelt, auf völkerkundlichem oder sprachlichem Ge-biet. Nach Hause mochte ich diese kleine Neuheit nicht mitteilen, denn da lachte man mich vielleicht aus, so wie es auch die Daressalamer Städter zu tun pflegten, die wohl in Afrika wohnten, aber von Afrikas Leben nicht allzuviel zu sehen bekamen. Vor ihnen hielten wir Pflan-zer und andere Hinterwäldler uns mit unseren Erfah-rungen, namentlich wenn sie Raubzeug betrafen, lieber zurück. Löwen sollten in der Kolonie jährlich Hunderte von Schwarzen aus den Hütten holen? Lächerlich! In der unter elektrischem Licht strahlenden Wißmann-straße in der Haupt- und Gouverneurstadt war derglei-chen nie passiert!

Ich beauftragte Cheramanda, einige Wangoni zu holen und der Jagdbeute den Kopf abschneiden und im Sand vergraben zu lassen, damit ich ihn in einigen Wochen als einen von Insekten blitzblank gefressenen und damit tadellos hergerichteten Schädel herausholen könne. Diesen mit einem unheimlichen Durcheinander von großen und kleinen Zähnen bewaffneten Rachen aufzu-bewahren, lohnte sich. Mit der Haut war nichts anzu-fangen, weil die so wehrhaft aussehende Panzerrüstung nur aus dünnen, zu Buckeln übereinandergeschichteten Plättchen besteht, die beim Trocknen zu losen Horn-splittern zerblättern.

Ich ging zur Erntearbeit zurück und fand mich dabei vollauf beschäftigt, bis nachmittags nach drei Uhr die Ngoma wieder schlug und Feierabend verkündete. Ent-gegen der in Europa herrschenden Ansicht, als ob um die Mittagszeit ganz Afrika in gliederlösenden Schlaf versunken sei, wurde nämlich von morgens ab ununter-brochen durchgearbeitet, die ›desturi‹, die allgewaltige Sitte wollte es so, weil die Neger gewöhnt sind, meist nur einmal des tags zu essen, was gegen Abend, dann aber ausgiebig geschieht. Für mich war die Arbeit noch nicht zu Ende, von den heimkehrenden Leuten sammelte sich wie üblich auch heute wieder ein Trupp vor meiner Veranda zum Shauri.

›Shauri‹ ist das große Wort im Lande und bedeutet die bei den Negern so beliebte ›Unterhaltung‹ und ›Ver-handlung‹. Sie verstehen, alles Erdenkliche zum Gegen-stand eines Shauris zu machen, für sie eine Liebhaberei, für den Bwana oft eine Plage. Aber der Europäer muß mithalten, will er nicht die Fühlung mit den Leuten verlieren, und er lernt auch bald, daß diese tägliche Beanspruchung doch den Gewinn einer Vervollkomm-nung in der Landessprache bietet. Erst der in Kiswaheli wirklich Fortgeschrittene merkt, wieviel weiter er mit den Eingeborenen kommt als ein Sprachfauler, der zwar auch verstanden, aber sehr zu seinem Schaden ausge-nutzt wird. Was die Shauribedürftigen diesmal vor-brachten, war das Übliche. Die meisten wollten Vor-schuß erlisten, teils mit Grund, teils ohne Grund. Den allzeit verläßlichen Wangoni konnte ich das Verlangte geben, bei ihnen war ich sicher, daß sich kein Mann vor Ablauf seiner Verpflichtung mit Hinterlassung von Schulden davonmachen würde, sie waren eben Rasse, diese rauf- und sauflustigen Kerle. Das gemischte Küs-tenvolk wollte mit mehr Vorsicht genossen sein, und dessen Vertreter wußten auch zur Genüge, daß ich nicht mehr auf jeden gestorbenen Großvater hereinfiel, dem zu Ehren die ›Sadaka‹, die Leichenschmauskosten ge-pumpt werden sollten. Wenn alle als plötzlich tot ge-meldeten Großväter, Großmütter, Brüder, Weiber und Kinder, wie angegeben wirklich zu begraben waren, so hätte das Land in Jahresfrist eine Wüste sein müssen. Aber ohne Shauri konnte ich auch die klarste Ableh-nung nicht durchführen und mußte diese Fälle ebenso gewissenhaft durchschwatzen, wie ich die anderen dörf-lichen Schwierigkeiten unter den schwarzen Mitmen-schen zu bereinigen suchte. Da klagte Abderachman bin Hamis, der Omari bin Mohamadi sei ihm schon lange eine Viertelrupie (dreiunddreißig Pfennig) schuldig, und ich möge doch dem bösen Zahler aufs Gewissen drük-ken. Der Toapembe bin Salim behauptete, der Saidi Nungu, zu deutsch: das ›Stachelschwein‹, habe ihm ein Huhn gestohlen (Barwert in unserm Geld zwanzig Pfen-nig), und der Mpalapalingwa vom Stamm der Wayao wies einen handlichen Riß unterm wolligen Kraushaar mit der nicht unwahrscheinlichen Klage vor, da habe ihm der Wangonimann Kwamkope mit dem Keulen-stock eins übergezogen.«