Das Deutsche Kolonial-Lexikon 1914:
Die Tatsache, daß die Ausfuhr im wesentlichen auf Kau-tschuk, Öl, Palmfrüchten und Kakao beruht, verbürgt eine weiter aufsteigende und stetige Entwicklung der Ausfuhr und, da von der Ausfuhr die Kaufkraft der Eingeborenen und von dieser hauptsächlich die Einfuhr abhängt, auch die entsprechende Entwicklung des Ge-samthandels. Bei allen diesen Produkten mit Ausnahme des Kautschuks sind die Aussichten für die nächste Zeit günstig. Durch die Mittellandbahn werden in den nächs-ten Jahren bisher nicht zu verwertende, reiche Ölpalm-bestände erschlossen werden, und die Marktverhält-nisse für Ölfrüchte versprechen für die nächste Zeit die gleich günstige Entwicklung wie in den letzten Jahren. Die Kakaoausfuhr läßt eine weitere Steigerung erwar-ten, da bisher noch nicht alle Pflanzungen erntereif sind und weitere Pflanzungen, besonders auch durch Einge-borene, angelegt werden. Schlecht dagegen sind die Aussichten für den Kautschuk, der in der letzten Zeit infolge des gesteigerten Ertrages der ostasiatischen Kautschukpflanzungen einen derartigen Tiefstand im Preise erreicht hat, daß der wilde Kautschuk aus Kamerun zurzeit nur mit Verlust ausgeführt werden kann. Immerhin liegt in der Zusammensetzung der Ausfuhr aus mehreren Produkten, die für ihr Gedeihen und ihren Absatz ganz verschiedene Vorbedingungen haben, eine starke Gewähr dafür, daß auch bei zeit-weiligem Versagen eines Produktes die Entwicklung des Gesamthandels nicht dauernd aus ihrer steigenden Richtung gebracht wird.
Max Kirsch arbeitet an Barre-Dampfern, die wegen ihrem geringen Tiefgang die nur wenig unterwasser liegenden Sandbarrieren vor der Küste von Westafrika überfahren können. Kirsch, der für seinen Auslands-einsatz einen ›Auslandsschein‹ bekommen hat ist mit der Bescheinigung bis 1916 vom Militärdienst befreit und arbeitet zur Zeit in Duala an der Marina, einem 600-t-Barre-Dampfer. Der Dampfer ist wie eine Reihe weiterer deutscher Barre-Dampfer in Lagos in der bri-tischen Kolonie Nigeria tätig. Seine Besatzung besteht aus dem Kapitän Freiherr von Geyer, dem Ersten Offi-zier und zwei Maschinisten. Die übrige Besatzung be-steht aus Negern, Leute, zu denen man großes Ver-trauen hat und die im Dienst schon viel geleistet haben. Ihre Kenntnisse als Matrosen und Heizer sind erstaun-lich gut. Max Kirsch, der einen schwarzen Diener na-mens Freitag hat, beschreibt das Leben im Hafen von Duala Anfang August 1914:
»Auf dem breiten Strome des Kamerunflusses schwimmt unterhalb der Joßplatte das große Dock der Wörmannlinie. Die Landungsbrücken am Ufer von Duala sind voller Menschen. Freundliche Häuser liegen versteckt in dem dunklen Grün der Mangobäume. Auf der andern Seite des Stromes leuchten aus dem Ufer-walde die Häuser von Bonaberi hervor. Weiter nach dem Meere hin ragt der Rücken des Kamerunberges empor. Weiße Nebelstreifen bedecken seinen Fuß.
Auf dem Strome liegen zwei große Dampfer. Ihre Rie-sengestalten und das Dock sind auffallende Erschei-nungen in der weiten, wilden Natur.
Das Dock trägt einen Dampfer, an dem bis heute lebhaft gearbeitet wurde. Schwarz Hände nieteten an den Kiel-platten vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Heute aber hat der Lärm der Arbeit aufgehört, und nur von Land her, aus der Regierungswerkstätte, tönt ein geschäftiges Klopfen, Schlagen und Hämmern, wie das, seit die Europäer ins Land kamen, an so vielen Stellen der afrikanischen Küste zu hören ist, wo früher nur das tiefe Brüllen der Flußpferde und der Schrei der Ufer-vögel die Ruhe unterbrachen.
Auf dem Dock ist reges Leben. Neger stehen an den Ventilen, der Dockmeister pfeift, die Neger drehen die Gestänge und langsam sinken die Kasten in das Wasser, bis der Körper des gedockten Schiffes selbst zum Tragen kommt und die Balken aufschwimmen, die die Bord-wand gegen die Wände des Docks gestützt hatten. Der Kapitän des Schiffes steht auf der Kommandobrücke und wartet auf den Augenblick, wo er den Maschinen-telegraphen nach langen Tagen zum erstenmal wieder bewegen kann.
Endlich schwimmt die Marina. Der Telegraph schnarrt und klingelt, die Maschine springt an, das Schiff steuert im großen Bogen flußaufwärts und fährt sicher durch die Fischerboote der Eingeborenen hindurch, bis auf einen Ankerplatz gegenüber dem Wörmannhause und dem Strandhotel. Der Anker fällt. Der Dampf wird abge-stellt.
Jetzt konnte auch ich an Deck kommen und mich mit meinen Kameraden freuen, daß die Arbeit beendet war. Das Schiff war wieder wie neu. Der Kapitän war froh über das gute Manöver des Schiffes, das so lange ruhig hatte im Dock liegen müssen, und spendete seinen weißen Mitarbeitern einen gemeinsamen Trunk.
Meine Tätigkeit an Bord der Marina war heute beendet. Ich mußte den nächsten Barr-Dampfer erwarten, der hier gedockt werden sollte, und freute mich auf einige Tage der Erholung. Mein eigentlicher Wohnsitz war Lagos. Da war ich bei der Werft angestellt, auf der die Barr-Dampfer ausgebessert werden, wenn sie bei ihrem schweren Dienst zu Schaden kommen. In Lagos selbst aber können nur kleine Arbeiten ausgeführt werden; alle Arbeiten, zu denen ein Dock notwendig ist, müssen in Kamerun gemacht werden. Zu solchen Arbeiten war ich im Mai 1914 nach Kamerun gesandt worden.
Der Kapitän gab auch unseren schwarzen Arbeitern, die uns bei der Arbeit treu unterstützt hatten, Urlaub, damit sie zu ihren Landsleuten gehen und sich einige Tage ausruhen konnten. Er versprach außerdem, daß der Lohn auch für die Tage der Ruhe gezahlt werde, zur Belohnung für die gute Arbeit. Die Neger verließen das Schiff in froher Stimmung, und nun herrschte an Bord eine Stille, die nach dem Lärm der letzten Wochen sehr wohltuend war.
Der Kapitän ließ sich ein Beiboot klarmachen und fuhr an Land, um die Geschäftsstelle der Dampferlinie aufzu-suchen. Wir anderen, die Maschinisten und ich, lagen in den Korbstühlen an Deck, gedachten zu baden und uns auszuschlafen und durchblätterten die letzten Zei-tungen, die schon ziemlich alt waren.«
Im November 1914 ergibt eine englische Einschätzung von Duala: »Der Wert der … Maschinen, Gebäude, Vor-räte und Hafenanlagen ist sehr hoch zu veranschlagen. Viele der Eingeborenen sprechen Englisch und sind den Franzosen feindlich gesonnen.«
Der gegebene Ausgangspunkt für die Erschließung Kameruns durch die Eisenbahnen ist der sehr gute, natürliche Hafen Duala, im Innern der geräumigen gleichnamigen Bucht gelegen. Nach Durchbaggerung der sogenannten Innenbarre werden künftig die großen Seedampfer nach Duala heraufgehen und an den dort geplanten Kais anlegen können, so daß sich dann der Umschlag zwischen Schiff und Bahn – anstatt des gegenwärtigen Leichterverkehrs – auf einfachste Weise vollziehen wird. Die Erschließung des Hinterlandes von Kamerun ist durch ein Netz von Duala ausgehenden Bahnlinien als eine Notwendigkeit gegeben.
Eine ursprünglich vorgesehene Verlängerung der Manenguba- oder Kameruner Nordeisenbahn bis zum Tschadsee muß 1914 vorläufig als undurchführbar gel-ten, wegen der Baukosten durch die hohen Gebirge auf der geplanten Strecke. Die Möglichkeit dieser Bahnver-längerung wird von der wirtschaftlichen Entwicklung von Kamerun abhängen. Die Verlängerung in nordöst-licher Richtung in die Landschaft Bamum bis Fumban wird erwogen und erscheint aussichtsreich.
Die Mittellandbahn Duala – Edea – Njong ist bis zum Kilometer 153 für den Verkehr freigegeben als man am 17. Juni 1914 die Bahnstrecke bis nach Eseka am Bahn-kilometer 173 für den Verkehr öffnen kann. Am 1. Au-gust 1914 kann dann die Linie mit einer Gesamtlänge von insgesamt 181 km bis zur Bahnstation Njock fertig-gestellt und freigegeben werden. Bis zum 24. Juli 1916 soll Mbalmajo am Njong, km 293, erreicht und damit die Mittellandbahn Duala – Edea – Njong vollendet sein.
Erkundungen für die Verlängerung der Bahn von Mbal-majo aus sind schon durchgeführt. Von Mbalmajo ist die Weiterführung der Strecke nach Batua im mittleren Kamerun geplant. In Batua würde eine Strecke durch Adamaua in die Deutschen Tschadseeländer führen und von dieser Linie sind Zweigstrecken ins Land hinein vorgesehen. Eine andere Strecke soll vom Njong zum schiffbaren Sanga in Neukamerun führen. Der Sanga fließt zum deutschen Teil des Kongoflusses und ver-bindet so das südliche Neukamerun mit dem Atlantik. Wenn diese Bahn ausgebaut wird, wird bis zur Fertig-stellung mindestens das Jahr 1922 herankommen. Der Bahnbau in Kamerun – besonders im Urwaldgebiet – ist eben schwieriger als der Bahnbau in Deutsch Ostafrika.
Auch in Neukamerun geht es voran. So im Bezirk Ober-Ssanga-Uham mit Carnot als Hauptstadt, weit im Osten der Kolonie. Nicht nur verwaltungsmäßig ist Neukame-run seit Juni 1913 vollständig eingegliedert in Kamerun, auch verkehrsmäßig, wirtschaftlich und medizinisch wird das ehemals französische Gebiet erschlossen, wel-ches wirtschaftlich noch weitgehend von französischen Faktoreien und Plantagenbetrieben bestimmt wird. Die berittene Flaggenpost erreicht schon in unglaublich kurzer Zeit selbst diese von der Küste weit entfernten Gebiete.
In Carnot hat sich die 5. Kompanie der Schutztruppe eingerichtet und die vormalige französische Truppe er-setzt. Die Schutztruppe versieht auch die Verwaltung, bis diese in die Zivilverwaltung überführt werden kann. Für die Versorgung der Schutztruppe in Carnot sind aus-gedehnte Gemüsegärten angelegt.
Für den Verkehr im Grasland des Bezirks Ober-Ssanga-Uham, der Einfachheit halber Bezirk Carnot genannt, ist in den Monaten der deutschen Herrschaft viel getan worden. Brücken sind gebaut, Wege verbessert, Rast-häuser und Schutzdächer fast überall bereit, die Rei-senden aufzunehmen. Hier und da sind Dörfer entstan-den, besiedelt mit Kakas, die auch Farmen angelegt haben, sodaß die Verpflegungsschwierigkeiten nicht mehr bestehen wie noch 1913.
Das noch vier Tagesmärsche östlich von Carnot gele-gene Schlafkrankenlager Kumbe ist fertiggestellt mit allen Anlagen wie Gemüsegärten, Poliklinik, Apotheke, Laboratorium und neuen Häusern für die deutschen Krankenschwestern und Ärzte und ist in vollem Betrieb. Es ist aber beabsichtigt, das Schlafkrankenlager Kumbe in eine gesündere Gegend zu verlegen, die auch die Europäer weniger gefährdet.
Weitere Bezirke in den ehemals französischen Gebieten sollen in die Schlafkranheitsbekämpfung einbezogen werden. Wissenschaftliche Expeditionen bereisen die verseuchten und gefährdeten Gebiete, um die Bekämp-fung einheitlich und auf breitere Basis zu stellen.