Vergleicht man die sozialen Einrichtungen für das Volk in den wirtschaftlich und politisch mächtigsten Staaten um die Jahrhundertwende – England, Frankreich die Vereinigten Staaten und Deutschland – die auch gleich-zeitig alle vier Kolonialmächte sind, und England, Frank-reich und Deutschland die drei größten überhaupt, so hat von diesen vier großen, mächtigen Staaten über-haupt nur Deutschland eine wirkliche Sozialfürsorge für sein Volk. So seit 1883 eine Krankenversicherung, seit 1884 eine Unfallversicherung und seit 1889 eine Invali-ditätsversicherung. Reichskanzler Bismarck hatte diese Sozialversicherungen für das deutsche Volk geschaffen.
Doch mit Bismarcks Sozialgesetzgebungen in den 1880er Jahren endet die Entwicklung des Sozialstaates in Deutschland nicht. 1897 wird Arthur Graf von Posa-dowsky Staatssekretär des Reichsamts des Innern und Vizekanzler und die »Ära Posadowsky« beginnt. So wer-den um die Jahrhundertwende sowohl die Renten- wie auch die Unfallversicherung umfassend novelliert. 1903 wird das »Kinderschutzgesetz« geschaffen. Die Weiter-entwicklung des Sozialstaates in Deutschland läuft un-ablässig und wird auch von der oppositionellen SPD im Reichstag unterstützt. Als 1907 Querelen der Parteien im Reichstag aufgrund von Meinungsverschiedenheiten in der Kolonialpolitik Posadowsky die notwendige Mehr-heit für seine Sozialpolitik entziehen, tritt er zurück. Doch Bismarck und Posadowsky haben einen Sozialstaat geschaffen wie er einmalig auf der Welt ist. Abzulesen ist ihr Werk an den jährlichen Sozialausgaben der gro-ßen Staaten. Die Sozialausgaben aus dem Staatshaushalt für 1908 sind in Deutschland 1,69 Mark je Einwohner, in Frankreich 0,27 Mark, in England 0,07 Mark und in den USA gibt es überhaupt keine Sozialausgaben des Staates für das Volk, das doch die Steuern für den Staat und seine Machthaber aufbringt.
Während in Deutschland die Armut beseitigt ist gibt es in England fürchterliche Slums und unsoziale Verhält-nisse. Im Jahre 1900 muß die Mindestgröße von Rekru-ten in England auf fünf Fuß herabgesetzt werden, weil die mangelhafte Ernährung auch das Größenwachstum des Volkes verringert.
Bei den Wahlen von 1906 in England kann erstmals die Labour Party, die Arbeiterpartei, ins englische Parla-ment einziehen und eine Sozialgesetzgebung wird nun begonnen. 1908 erklärt Winston Churchill, Unterstaats-sekretär im Kolonialministerium, dem neuen britischen PremierministerHerbert Henry Asquith: „I say – thrust a big slice of Bismarckianism over the whole underside of our industrial system, and await the consequences, whatever they may be, with a good conscience.” / „Ich sage, werfen Sie ein ordentliches Stück bismarckscher Sozialpolitik unter unsere ganze Industrie und erwarten Sie die Ergebnisse, welche auch immer sie sein mögen, mit gutem Gewissen.“
Asquiths Minister David Lloyd George hatte sich schon selbst das deutsche Gesundheitssystem angesehen und schickt Fachleute nach Deutschland, für ein genaues Studium des deutschen Gesundheitswesen, als er zu-sammen mit seinem Premierminister ab 1908, nach deutschem Vorbild, in England, der Weltmacht, soziale Absicherungen für das Volk anfängt einzuführen. 25 Jahre nachdem Deutschland eine Sozialgesetzgebung für seine Bevölkerung geschaffen hat.
Bismarck sagte einmal zu einem US-Amerikaner: „Das Hauptziel der Staatsführung besteht darin, oder sollte darin bestehen, das Volk glücklich und wohlhabend zu machen und ihm Frieden und Reichtum zu geben. Mö-gen die verschiedenen Regierungsformen miteinander wetteifern, um dieses große Ziel zu erreichen. Wir fürchten uns nicht vor Vergleichen.“
In den USA gibt es überhaupt keine soziale Absicherung der Bevölkerung. Bei der Weltausstellung in den Verei-nigten Staaten in Sankt Louis 1904 wird eine Sonder-ausstellung über die Arbeiterversicherungen in Deutschland gezeigt, mit fast 1000 Fotos zu den neue-sten Unfallverhütungseinrichtungen in Deutschland. Deutschland will auf der Weltausstellung auch seine staatlichen Versicherungen und Arbeiterschutzbestim-mungen vorstellen. Von den USA wird dagegen den deutschen Vertretern gegenüber die Auffassung ver-treten, daß die finanzielle Unterstützung von Kranken, Krüppeln, Siechen und Schwachen den natürlichen Ausleseprozeß hindere und nur durch Ausscheidung alles Minderwertigen könne eine Nation groß und stark werden. Diese Ansicht wird von der deutschen Vertre-tung als verfehlt zurückgewiesen.
Die Fotosammlung zu den Unfallverhütungseinrichtun-gen in Deutschland wird der Harvard-Universität über-lassen.
In Frankreich tritt schließlich 1911 das Gesetz über die Altersversorgung in Kraft. Es gibt noch nach den Ge-setzen von 1893 und 1905 eine Fürsorge für ganz Arme, aber in allen anderen Bereichen ist die arbeitsfähige Be-völkerung Frankreichs indes weiterhin zur Absicherung von Risiken auf Selbsthilfe angewiesen.
Arbeitslosigkeit ist ein weiteres Feld der Sozialpolitik, spielt aber in Deutschland kaum eine Rolle und wird deshalb auch nicht als gesetzgeberisch zu behandelndes Thema betrachtet, da die jährliche Arbeitslosigkeit zwi-schen 1895 und 1913 lediglich in den Jahren 1901 und 1902 die Grenze von 3 % übersteigt und liegt in den übri-gen Jahren bei etwa 1 %. Von erheblich höherer Arbeits-losigkeit sind England und Frankreich betroffen wo die Arbeitslosenrate ständig bei 5 bis 10 % liegt und auch keine Absicherung gegen Arbeitslosigkeit existiert.
Auch die Organisation der Arbeiterschaft ist in Deutsch-land am höchsten. Mit der Zahl von rund 3½ Millionen gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern steht Deutschland 1910 an der Spitze aller Länder, in Groß-britannien sind es 3 Millionen und in den USA 2¼ Millionen. Von den über 14 Millionen deutschen Arbei-tern ist somit rund ein Viertel in Gewerkschaften zusammengefaßt. Mit der Drohung von Streiks oder Streiks selbst kann die deutsche Arbeiterschaft also ei-nen starken Druck auf die Arbeitgeber ausüben. Streiks sind in Deutschland aber wesentlich seltener und längst nicht so gewalttätig wie in England und Frankreich, wo Unruhen aufgebrachter Arbeiter von der Staatsgewalt unterdrückt werden.
Dazu kommt die vorbildliche deutsche Kolonialarbeit. Mit Schulen, Krankenhäusern, der Seuchenbekämp-fung und tropische Medizin für die farbige Bevölkerung in den deutschen Kolonien steht Deutschland von allen Kolonialmächten an erster Stelle.