Um 1910 bietet Apia folgendes Bild: Sie besteht aus fünf Stadtteilen, die jeweils nach Samoadörfern benannt sind. Den westlichsten Teil der Stadt bildet die lang-gestreckte Halbinsel Mulinuu. Die Halbinsel ist etwa einen Kilometer lang und 50 bis 200 Meter breit. Auf der äußersten Spitze der Halbinsel liegt das von der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen unter-haltene Samoa-Observatorium. Unter den Samoahäu-sern auf der Halbinsel fällt besonders das Fale tele, das Beratungshaus, auf. Auf Mulinuu, dem alten Königssitz, wohnt auch Mataafa, der Vertreter des samoanischen Volkes bei der deutschen Verwaltung. Mataafa hat sich bereits nahe seiner Wohnstätte aus weißem Stein mit runder Kuppel ein Mausoleum errichtet, in dem er zu seiner letzten Ruhe gebettet werden will.
Der seeseitige Teil der Halbinsel wird vom Stadtteil Mulinuu eingenommen. Auf dem Weg von Mulinuu nach dem landseitig auf der Halbinsel liegenden Stadt-teil Songi steht auch das Denkmal der in den Kämpfen mit Samoanern auf der Insel gefallenen Marineange-hörigen der deutschen Kriegsschiffe Olga und Eber und nicht weit davon das Denkmal für die gefallenen engli-schen und amerikanischen Seeleute.
Am Strand von Mulinuu ist auch ein stattliches Kriegs-doppelkanu als Sehenswürdigkeit unter einem Schutz-dach aufgestellt. Diese Kanus sind bei den Samoanern längst aus der Mode gekommen. Nur zum Fischen benutzen sie noch Kanus. Ihre Verkehrsboote sind nun auch in europäischer Weise gebaut, aber nach Kanu-Art häufig übermäßig lang, sodaß es vorkommen soll, daß solche Boote im Seegang in der Mitte durchbrechen.
Im Stadtteil Songi stehen an der Hauptstraße eine Reihe idyllisch gelegene Wohnhäuser weißer Ansiedler mit freiem Blick auf die Bucht von Apia. Auf dem Festland folgt dann der Stadtteil Savalalo mit der Hauptnieder-lassung der Deutschen Handels- und Plantagengesell-schaft der Südsee. Zur Anlage der D.H.P.G. gehört auch ein Kasino, daß hauptsächlich von den jüngeren Herren der Gesellschaft besucht wird.
An Savalalo schließt sich nach Osten der Stadtteil Mata-fele an, die Geschäftsstadt von Apia, die ›City‹, sofern man von einem für europäische Verhältnisse kleinen Ort wie Apia von einer solchen reden kann. Die Haupt-straße von Apia ist in Matafele auf beiden Straßenseiten bebaut. Das »Centralhotel« bietet hier den ›durstigen Seelen‹ einen Anziehungspunkt, da recht gutes Bier zum Preise von einer Mark das Seidel, also einem halben Liter, ausgeschenkt wird. Auch das deutsche Postamt hat seinen Sitz in Matafele.
Im anschließenden Stadtteil Apia ist die Hauptstraße in Richtung Seeseite wieder unbebaut. Hier steht die statt-liche katholische Kathedrale mit ihren zwei Türmen. Dieser gegenüber etwa 200 Meter vom Strand entfernt liegt das Wrack des Kanonenbootes Adler, welches dort bei dem mehrtägigen Zyklon vom März 1889 auf den Strand getrieben wurde. Nur noch der Rumpf des in zwei Teile zerbrochenen Schiffes ist zu sehen, dessen Ober-deck dem Land zugewendet ist.
An dem mit einem Turm gekrönten »Tivoli-Hotel« liegt im innersten Winkel der Bucht auch die Anlegebrücke. Dicht neben der Brücke liegen die letzten Reste des Kanonenbootes Eber, ein Trümmerstück des Bugs. Die Eber war bei dem Wirbelsturm im März 1889 völlig zerschlagen worden und alle 73 an Bord befindlichen Besatzungsmitglieder kamen um. Von der Adler waren bei dem Sturm 20 Besatzungsmitglieder ums Leben ge-kommen.
Einen imposanten Eindruck macht die Markthalle in Apia. Ihre Hallen dienen allerdings weniger ihrem ei-gentlichen Zweck als gelegentlichen Festen und Bällen. Die deutsche Verwaltung stellt die Markthalle als Ver-anstaltungssaal zur Verfügung. So etwa sind die Hallen am 4. November 1911 für ein Mannschaftsfest der SMS Cormoran in Beschlag genommen. An dem Fest neh-men auch fast alle Ansiedler teil und Aufführungen und Tanz werden den Gästen geboten.
Die Markthalle wird auch häufiger von der tanzlustigen Jugend von Apia zu Veranstaltungen genutzt, wozu die jungen Samoanerinnen in europäischen Ballkleidern und Schuhen erscheinen. Nach dem Ende der Festlich-keit ziehen die Mädchen aber sofort die unbequemen Schuhe aus und gehen vergnügt barfuß nach Hause.
Vom Stadtteil Apia aus führen zwei breite, von üppigem Grün eingefaßte Straßen langsam bergan ins Landesin-nere. Hier liegen verstreut in idyllischen Gärten eine Reihe hübscher Wohnhäuser der Ansiedler. Auch das Regierungshospital befindet sich hier. Noch weiter land-einwärts, am Fuße des Vaea-Berges, in einem grünen Talgrund, steht die Villa Vailima, die Residenz des Gou-verneurs.
Am Ufer anschließend an Apia kommt der Fluß Vaisin-gano, der Apia von Matautu trennt. An der Mündung des Flüßchens entwickelt sich häufig ein fröhlicher Badebe-trieb der Samoaner. An der äußersten Spitze der Mata-utu-Halbinsel liegt die Lotsenstation und an der Ostseite der Halbinsel befinden sich das amerikanische und bri-tische Konsulat von Deutsch Samoa.
Ein Matrose der SMS Cormoran schreibt im September 1911 in sein Tagebuch: »Im Hafen von Apia gingen wir vor Anker. Von Bord aus gesehen, bildete die Stadt und das sich dahinter erstreckende Bergland einen reizvol-len Anblick.«
Kommt ein Kriegsschiff nach Samoa so ist es gleich nach dem Ankern umringt von Kanus, deren Insassen Früchte verkaufen und ihre Dienste anbieten.
Der Hafen von Apia wird auch von den Einheimischen genutzt. Die häufigen gegenseitigen Besuche der Samoa-ner untereinander werden an der Küste, wo die meisten Siedlungen der Samoaner liegen, mit Booten betrieben. Solche Reisegesellschaften kommen im vollbesetzten Boot, den taktmäßigen Ruderschlag mit melodischem Gesang begleitend und blumenbekränzt, im Hafen an.
Östlich von Apia liegt die Pflanzung Vailele. Der Weg nach Vailele führt durch saubere, parkartige Anlagen und bildet einen besonders beliebten Spaziergang der Bewohner Apias.
Ein lohnendes Ziel für Wanderfreunde ist der Lanotov-Kratersee in den Bergen bei Apia. Von Apia aus geht man ins Land zunächst an der Villa Vailima vorbei, dem Sitz des Gouverneurs. Dann geht es auf einem bequemen Fahrweg aufwärts durch dichten tropischen Wald. Nach zwei bis drei Stunden erreicht man die Gaststätte »Kaiserhöhe« und weiter des Wegs die Erholungsstation »Afiamalu«. Nach Afiamalu zeigt ein Wegweiser in einen Fußpfad zum Lanotov, während der Hauptweg weiter über die ganze Insel zur Siumu-Bucht führt. Dieser vielfach gewundene Fußpfad ist recht beschwer-lich und naß, aber eben. Durch üppigsten Tropenwald führt er zum Krater. Nach gut drei Kilometern über den Pfad folgt in das nasse Dickicht hinein eine teilweise mit Knüppeln befestigte Steige, die nach etwa 20 bis 30 Minuten zum Kraterrand führt. Dort sieht man durch das Grün den See. Sechshundert Meter über dem Meer, auf steiler Bergkuppe, ein tiefes und fast einen Kilo-meter weites Wasserbecken, in dessen unbewegter Fläche die Bäume des Urwaldes sich spiegeln, ein Bild paradiesischer Schönheit. Schaut man zurück sieht man den Hafen von Apia, in dem wie Kinderspielzeuge die Schiffe liegen und in der Ferne am Horizont die un-endliche Weite des Stillen Ozeans. Oben am Kraterrand hat die Regierung einige bescheidene Holzhäuschen gebaut, die malerisch zwischen dem wuchernden Grün versteckt sind. Diese Rasthäuschen bieten gerade ein Dach über dem Kopf. An einfachen Holztischen kann man picknicken. Wer einige Tage hier Oben verweilen will, muß sich alles zum Leben nötige mit Lasttieren herauf schaffen lassen.
In die gleiche Richtung wie der Lanotov-Kratersee liegt von Apia aus auch der Wasserfall Papaseea, einem be-liebten Badeplatz, der wunderbare Gelegenheit bietet, sich im rauschenden Strudel einen glatten Felsen hinab-gleiten zu lassen.
Frieda Zieschank schreibt im April 1907 über das gesell-schaftliche Leben der Weißen in Samoa:
»Als ich hier ankam [Frühjahr 1906], fand ich in Apia nur eine einzige verheiratete deutsche Frau vor, aber jetzt ist das schon besser geworden, auch der Geschäftsleiter der Firma und der Bezirksrichter haben liebenswürdige deutsche Gattinnen.
Weitaus die meisten Männer sind mit Halb- oder Voll-blutsamoanerinnen verheiratet, die Beamten der Regie-rung und der Firma [Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft] vielmehr noch als die Pflanzer. Die übrigen leben zum größten Teil fa’a samoa, das heißt in wilder Ehe mit Samoanerinnen.
Ich habe viele liebenswürdige farbige Frauen weißer Männer kennen gelernt, aber leider sprechen nur die wenigsten deutsch. Dies erscheint mir als der größte Mangel dieser Frauen deutscher Männer und Mütter ihrer Kinder. Daß ich, besonders im Anfang, ihnen ge-genüber ein starkes Gefühl der Fremdheit zu über-winden hatte, ist wohl natürlich. Vermutlich bin ich ihnen noch viel fremder erschienen als sie mir!
Die farbigen Frauen gelten hier im Gegensatz zu den herrschenden Ansichten in englischen Kolonien als gesellschaftlich vollberechtigt. Das ist auch notwendig, wenn nicht überhaupt auf das weibliche Element im gesellschaftlichen Leben fast ganz verzichtet werden soll. Sie haben fast alle tadellose Manieren und das Auftreten wirklicher Damen.
Allmählich habe ich den Eindruck gewonnen, daß diese Mischehen von den obern Stellen sehr gern gesehen werden, wohl in der richtigen Erwägung, daß dadurch die Beamten stärker an das Land gefesselt werden, was ja sicher vorteilhafter ist als häufiger Wechsel.
Das gesellschaftliche Leben hat zum Teil einen sehr feierlichen Anstrich!
Als erstes gilt es für jeden Neuankömmling, in dem Kreise, in dem er verkehren wird, offizielle Besuche zu machen. Wehe, wenn er da den einen oder andern ver-gißt oder nicht die richtige Reihenfolge einhält! Schwe-rer Zorn des gekränkten Teiles würde ihn treffen. (Mir scheint, daß das samoanische Zeremoniell abgefärbt hat.) Und dreimal wehe, wenn vergessen wird, die Besuchskarten zurückzulassen!
Selbst wenn man, wie das meist der Fall, von den Herrschaften auf der Veranda empfangen wird und mit ihnen die Viertel- oder Halbestunde, die der Besuch dauert, abgesessen hat, hat man ihnen doch beim Abschied seine Namenskarten in die Hand zu drücken.
Noch komischer ist das auf den Pflanzungen. Dort wird jeder Besucher, auch wenn er zum erstenmal kommt, gewöhnlich gleich den ganzen Tag bis zum Abend gastlich festgehalten, aber auch dann sind die Karten unweigerlich fällig!
Die gutmütigsten, vernünftigsten Menschen können wild werden, wenn man sie in der Beziehung kränkt.
Ein besonders großes Haus macht die Firma. Meist sind es über dreißig Personen, die zu den Diners dort geladen sind. Die Herren erscheinen dann im Frack, seltener im weißen Dinerjacket, die Damen in großer Abendtoilette.
Besonderer „Betrieb“ herrscht beim Besuche unseres Kriegsschiffes. Ein bis zweimal im Jahre kommt der Condor für ein paar Wochen her, macht gewöhnlich mit dem Gouverneur eine Rundreise um die Inseln, liegt aber die längste Zeit hier im Hafen.
Dann jagt eine Einladung die andere. Picknicks werden veranstaltet, jeden Abend findet bei irgend jemand ein „Diner“ zu Ehren der Offiziere statt, und auch die An-siedler werden öfters an Bord eingeladen. Vom Verein „Concordia“ und vom „Militärverein“, den mein Mann gegründet, werden der Besatzung große Feste gegeben.
Außer den feierlichen Gesellschaften ist aber der Ver-kehr unter den Ansiedlern hier wundervoll ungezwun-gen.
Ebenso wie die Eingeborenen üben auch die „papalagi“ (Weißen) eine unbegrenzte Gastfreundschaft. Zu jeder Tages- und, ich möchte fast sagen, auch Nachtzeit kann man den Bekannten ins Haus schneien. Immer herrscht herzliche Freude über einen Besuch, er wird fröhlich aufgenommen und ungezwungen bewirtet.«