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Leben und Ereignisse IV

Der Händler Albert Stehr auf den Admiralitätsinseln macht 1912 eine Fahrt mit der Dampfpinasse des Kriegs-schiffes Cormoran durch den weiten Seeadlerhafen mit. Seeadlerhafen liegt zwischen der großen Insel Manaus und einer Kette kleinerer Inseln. Das Fahrwasser ist durch viele Korallenriffe eingeengt und führt an vielen der kleinen Inseln vorbei. Jedesmal, wenn sich das Boot einer der Inselchen nähert, spielt sich das Gleiche ab: Man sieht niemanden am Strand und auch nicht in und bei den braunen Hütten der Eingeborenen oder im Pal-menwald. Dann kommt hinter der Insel langsam, vor-sichtig paddelnd, ein Kanu auf die Dampfpinasse zu.

Albert Stehr: „Aha, da kommt der Späher, diese Dampf-pinasse ist den Leuten unheimlich: sie wissen, daß sie vom Kriegsschiff kommt, und da denken sie an Straf-expeditionen. Denn ein schlechtes Gewissen haben die hier,  – im vergangenen Jahr haben sie auf dieser Insel vierzig Menschen gefressen. Hier weiß ich’s bestimmt; wie es auf den anderen Inseln gewesen ist, kann ich nicht genau sagen, aber gefressen haben sie sicher auch!“

Nun kommt der Späher nahe heran, und da stellt die Pinassenbesatzung jedesmal fest, daß dieser Späher ein Krüppel ist.

Stehr: „Der arme Kerl wird vorgeschickt, er muß seine Haut riskieren, er kann sich gegen seine Stammesge-nossen nicht wehren und wird dazu eben gezwungen. Im Kampfe nützt er ihnen sowieso nichts.“

Albert Stehr stellt sich nun aufrecht hin und winkt dem Mann im Kanu zu. Da erkennt der Braune den Händler, der schon sooft schöne Tücher und blitzende Spiegel und Messer hierher gebracht hat, und in freudiger Erre-gung ruft der Kanufahrer: „Master Aliber, Master Aliber – Aliber!“ und winkt mit seinem Paddel den im Wald versteckten Dorfbewohnern zu.

Die rennen nun zu ihren Kanus, packen ihre Handels-artikel in Eile ein und kommen heran, weit und kräftig mit den Paddeln ausholend. Im Nu ist die Pinasse von einigen Dutzend Kanus umgeben.

Hocherfreut begrüßen sie ihren wohlbekannten Aliber. Die Besatzung tauscht gegen Tabak Speere, Pfeile, Bo-gen, Gefäße, Schildpatt und Perlmuttermuscheln ein, und nun kommen die Braunen auch ohne Scheu auf die Dampfpinasse geklettert, sie von allen Seiten durchsu-chend und durchstöbernd. Alles ist ihnen interessant, Papier, Proviant, einer macht einen anderen auf die tik-kende Uhr aufmerksam. Albert Stehr mahnt: „Aufpas-sen, daß nichts verschwindet!“ und führt sie in den Ma-schinenraum, wo sie kopfschüttelnd das blanke Durch-einander der Dampfmaschine besehen. Die Pinasse muß weiter und Master Aliber scheucht die braune Gesell-schaft in ihre Kanus. Stehr kennt die Sprache der Einge-borenen und diese wollen noch wissen, wer das Boot der Weißen paddelt, daß es die sonderbare Maschine in der Pinasse sein könnte ist außerhalb ihres Verständnisses. Als Stehr ihnen sagt unter das Heck der Pinasse zu schauen, gibt der Bootssteurer das Kommando: „Lang-same Fahrt voraus!“ Da setzt sich die Schiffsschraube in Bewegung und ist deutlich im klaren Wasser zu sehen. „Mule-Mule, Mule-Mule!“ rufen die Eingeborene la-chend, „Schwindel, Schwindel!“ und sie sind überzeugt, daß man ihnen die Menschen, die unten im Boot sitzen und die Schiffsschraube drehen, nicht gezeigt hat.