In Rabaul, der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, ist im Juli/August 1914 natürlich auch das Geschehen in Euro-pa Gesprächsthema. Man hatte in Rabaul schon einmal im Juli 1911 Kriegszustand. Im Zuge der Zweiten Marok-kokrise befürchtete man in der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea es könne ein Krieg begonnen haben, ohne daß man davon wüßte. Zu der Zeit verfügte Rabaul noch über keine Funkstation und auch der im Hafen liegende Kreuzer Cormoran hatte keine Funkanlage. Deshalb rüstete man sich entsprechend und die Cormoran wurde unauffällig in Kriegszustand versetzt, um nicht durch offene Maßnahmen die Gerüchteküche in Rabaul noch weiter anzuheizen. Auf dem Vulkan Mutter wurde ein Beobachtungsposten eingerichtet mit einem Signal-masten, angeblich für Schießübungen des Kriegsschif-fes, aber tatsächlich um die Anfahrt feindlicher Kriegs-schiffe beobachten zu können. Der Posten gab über Flag-gensignale seine Meldungen weiter. Für den Telefonver-kehr Rabaul-Matupi wurde ein Nachtdienst eingerich-tet. Die Cormoran war wegen der unsicheren Lage von Rabaul zu ihrem Versorgungsstützpunkt Matupi verlegt worden. Tatsächlich wurden Schießübungen des Schif-fes angesetzt, um dadurch das Schiff in Gefechtsbereit-schaft zu versetzen. Schließlich meldete der Posten auf der Mutter »Kriegsschiff, Nationalität unbekannt, von Norden!« In Rabaul rasselten die Trommeln, Pflanzer und Kaufleute ergriffen die Gewehre und Flinten, Hör-ner schmetterten, die schwarzen Polizeisoldaten traten an. Doch dann erkannte man oben auf der Mutter die von den Marshallinseln kommende Germania der Jaluitgesellschaft. Alarm abgeblasen. An diesem 23. Juli traf der Dampfer Germania mit den neuesten Nach-richten in Rabaul ein und brachte eine Klärung der Lage. Der Kriegszustand konnte aufgehoben werden. Der Beobachtungsposten auf der Mutter, bestehend aus einem Offizier und zwei Signalgästen der SMS Cormo-ran und vier Polizeisoldaten packten Zelt und Signal-mast wieder ein, kletterten ins Tal und weiter gings nach Rabaul. Der Trupp war in trauriger Stimmung, denn die Aufregung des Krieges war vorbei. Trotzdem hatte die militärische Anspannung eine Nachwirkung. Die eigent-lich für einen späteren Zeitpunkt im Ausbildungs-programm der Besatzung vorgesehenen Schießübungen des Schiffes, die nun lagebedingt vorgezogen und vor-bereitet waren, wurden jetzt durchgeführt. Tag und Nacht war nun die sonst so stille Blanche-Bucht vom Donner der Geschütze der Cormoran erfüllt.
Am 28. Juli 1914 empfängt die Funkstation des vor Ra-baul liegenden Vermessungsschiffes Planet der Marine eine Pressemeldung über ein Ultimatum von Österreich an Serbien, das bei Nichteinhaltung zum Krieg führen werde und Meldungen über den Kriegsausbruch zwi-schen Österreich und Serbien folgen in den nächsten Tagen. Am 1. August trifft der Reichspostdampfer Coblenz in Rabaul ein auf seiner Fahrt von Sydney nach Kobe. Er hat, wie üblich, australische Zeitungen dabei, die auch die letzten Telegramme aus Europa bespre-chen. Die Kommentatoren in den Zeitungen aus Sydney hoffen, daß der Konflikt zwischen Österreich und Ser-bien sich nicht ausweitet, weil sonst desaströse Auswir-kungen auf die Wirtschaft von Australien zu erwarten seien.
Am 3. August verläßt die Coblenz Rabaul wieder und auch die Planet geht am selben Tag wieder auf Fahrt. Funkmeldungen über die Verschlechterung der politi-schen Lage in Europa über die Planet werden vom Gou-vernement nicht veröffentlicht, um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen. Am 5. August um 22 Uhr 15 trifft aber eine Funkmeldung aus Nauru in der Funkstation Bitakapa – der Regierungs-Funkstation für die Haupt-stadt Rabaul bei Herbertshöhe – ein, die den Kriegs-ausbruch zwischen Deutschland einerseits und England, Frankreich und Rußland andererseits meldet. So wird am 6. August der Kriegszustand für das Schutzgebiet verkündet und am Mittag des 6. wechselt die Regierung ihren Sitz von Rabaul ins Inland nach Toma, etwa 15 km landeinwärts von Herbertshöhe.
Am gleichen Tag wird auch der private Telefon- und Telegrammverkehr auf der Leitung Rabaul-Herberts-höhe-Funkstation Bitakapa gestoppt. Die Beendigung des privaten Telefonverkehrs wird entsprechend dem § 5 der Ausführungsbestimmungen für Telefongebühren vom 26. März 1900 und dem § 1 der Telegrammbe-stimmungen vom 16. Juni 1904 durchgeführt.
Aus waffenfähigen Deutschen wird eine Schutztruppe für die 8 Kilometer im Inland von Herbertshöhe ent-fernt liegende Funkstation gebildet, um auf jeden Fall die Funkverbindung für die Regierung von Deutsch Neuguinea aufrecht zu erhalten. Die etwa 50 eingezo-genen Deutschen werden mit einheimischen Polizeisol-daten auf sechs Stationen im Umkreis verteilt, zu denen auch Bitapaka gehört. Beobachtungsposten auf hoch ge-legenen Standorten zur Beobachtung der See vor feind-lichen Schiffsannäherungen werden eingerichtet.
Durch den Empfang von vorteilhaften Kriegsnachrich-ten geht man von einer kurzen Kriegsdauer aus. Im Falle einer Besetzung der militärisch völlig schutzlosen Kolo-nie durch Feindstreitkräfte glaubt man an eine schnelle Wiederherstellung der deutschen Verwaltung. Auch weiß man, daß das Ostasiatische Kreuzergeschwader voll einsatzbereit ist und erwartet sein Eingreifen bei einem feindlichen Angriff auf Rabaul und seine Um-gebung, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Kolonie.
Am 12. August erscheint ein australisches Kriegsschiff-geschwader vor Herbertshöhe und landet Trupps von Soldaten. Ein Trupp marschiert mittags zum Postamt und zerstört die Telefonanlage einschließlich der öffent-lichen Telefonzelle. Der kommandierende australische Offizier entschuldigt sich sehr höflich beim deutschen Leiter der Post für die Tat, zu der er eben Befehl habe. Alle gelandeten Trupps schiffen sich wieder ein und das australische Geschwader verläßt Herbertshöhe. Außer der Telefonanlage gibt es keine Zerstörungen, wenn auch der Kommandeur eines Trupps Fragen nach dem Standort der Funkanlage stellte, er suchte offensichtlich die Funkanlage in Bitapaka, aber er bekam keine Aus-kunft und marschierte mit seinem Trupp unverrichteter Dinge wieder ab.
Sofort beginnt die Wiederherstellung der Telefonanlage und eine Telefonleitung zum Gouvernement in Toma ist auch hergestellt. Die einzige ernsthafte Auswirkung des Krieges ist das Erliegen des internationalen Schiffsver-kehrs. Ansonsten gehen die Wochen friedlich dahin. Irgendwelche Geheimhaltungspflichten zur Sicherung gegen feindliche Agenten werden von der deutschen Bevölkerung nicht eingehalten. So ist etwa der Vertei-digungsplan für die Funkstation Bitapaka mit Schützen-gräben und Landminen in Rabaul gut bekannt, weil ein nach Kriegsbeginn eingezogener Soldat bei einem Be-säufnis in Rabaul ausgiebig davon erzählt hat.
Am 14. August kommt über die Komet, die Regierungs-yacht des Gouvernements von Deutsch Neuguinea, Post aus Wilhelmshafen nach Rabaul. Die Komet selbst liegt seit dem 14. August in Komethafen im Westen der Insel Neupommern. Am 20. August kommt die Siar, ein Dampfer der Neuguinea Kompagnie, nach Rabaul und hat ebenfalls Post aus Deutschland an Bord. Am 31. August läuft das Motorboot Samoa in Rabaul ein und bringt die Nachricht, daß das Gouvernement der Kolo-nie Samoa in Apia alle wichtigen Dokumente und Geld-bestände mit dem Dampfer Staatssekretär Solf nach Pago Pago, einem Hafen der neutralen USA in den Samoa-Inseln, verbracht hat. So erwartet man in Rabaul, daß die Regierung von Deutsch Neuguinea dasselbe mit wichtigen Dokumenten und Werten der Kolonie tun wird. Das Postamt von Rabaul hat bereits alles Wichtige in Säcken und Kisten verpackt für den Abtransport durch die Komet ins neutrale Niederländisch Indien. Die Komet liegt derzeit in Komethafen, ist kriegsbe-dingt mit einem Geschütz ausgerüstet worden und hat zusätzlich 40 schwarze Polizeisoldaten an Bord.
Es wird in Rabaul bekannt, daß die deutschen Kriegs-schiffe Cormoran und Geier der Australstation Anfang September Käwieng auf der Nachbarinsel Neumecklen-burg angelaufen haben und Wehrpflichtige zur Verstär-kung ihrer Besatzungen aufgenommen haben.
Am 10. September verläßt der Motorschoner Kalili Ra-baul, um mit Zwischenstop in Käwieng nach Niederlän-disch Indien zu gehen. Die Kalili hat Post für Deutsch-land an Bord und soll für deutsche Firmen im Schutz-gebiet in der neutralen holländischen Kolonie Einkäufe tätigen. Normalerweise würden die Reichspostdampfer diese Aufgaben erledigen, aber die großen deutsche Schiffe können nun nicht mehr im Krieg internationale Gewässer befahren und gehen in neutralen Staaten in Internierung, um nicht in Feindeshand zu fallen, und so schickt man die kleine Kalili, die sonst eigentlich nur im Küstendienst steht, auf die hohe See.
Das Marine-Post-Büro in Rabaul hat noch drei kleine Säcke mit Post liegen. Ein Schiff von Tsingtau, das Peil-boot III, ein Boot für Seevermessungen der Marine von der Australstation, soll die Militärpost abholen. Und so geht auch die Zeit um Ende August und Anfang Septem-ber 1914 in Rabaul, im Bismarck-Archipel und im Kaiser-Wilhelmsland friedlich dahin.