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Allgemeine Ereignisse II




Auf der Gazelle-Halbinsel, dem östlichen Teil der gro-ßen Insel Neupommern – ein Zentrum der deutschen Wirtschaft in der Kolonie Neuguinea – leben an der Küste eingewanderte Melanesier, die Tolai, und im Landesinneren die papuanische Urbevölkerung der Baininger. Die Melanesier unternehmen Beutezüge ins bergige Innere der Gazelle-Halbinsel, um sich bei den Bainingern mit Sklaven und Menschenfleisch zu ver-sorgen. Die Opfer müssen zunächst Feldarbeit leisten. Bei den zahlreichen Festen der Tolai werden sie dann geschlachtet und anschließend neue Menschen im In-land geraubt. Wenn man bei den Missionaren hört, daß wieder ein Zug mit gefangenen Baininger-Leuten unter-wegs ist, versucht man zumindest die gefangenen Kin-der zu retten und freizukaufen. Diese gelten wie Span-ferkel als zarte Leckerbissen.

Als die Tolai von der kleinen Insel Massawa wieder Baininger auf ihre Insel verschleppt haben, schickt die Missionsstation Wunamarita am Weberhafen, ganz im Westen der Gazelle-Halbinsel, ein Boot, um die Kinder freizukaufen. Die Missionare der Herz-Jesu-Mission aus Hiltrup in Westfalen können nur ein etwa vierjähriges Kind kaufen. Die Massawa-Insulaner bedauern, daß die Missionare nicht früher gekommen seien. Vor einem Monat hätten sie noch viele Kinder zu verkaufen gehabt. Da sie aber wegen der häufigen Stürme nicht fischen konnten, hätten sie die Kleinen aufgegessen. Für das nächste Mal wollen sie aber einige aufbewahren, ver-sichern sie den Missionaren.

Gouverneur Albert Hahl will der Sache ein Ende ma-chen und fordert die Massawa-Insulaner auf, ihre Skla-ven freizulassen. Als diese nicht nachgeben und gar mit Gewalt drohen läßt Hahl die Baininger-Sklaven befreien und nimmt den Insulanern ein beträchtliches Stück Land weg. Für die befreiten Sklaven baut die Herz-Jesu-Mission mitten im Urwald die Missionsstation und das Dorf Sankt Paul. Zwei der befreiten Sklaven führen nun aber eine Gruppe an, die am 13. August 1904 die Missi-onsstation angreifen und zehn Patres und Schwestern ermorden, einschließlich einer unbekannten Zahl von christlichen Bainingern. Zur Strafe werden mit Tolai-Polizisten Feldzüge gegen die Baininger geführt und erst nach Monaten kehrt wieder Ruhe in der Gegend ein.

Die Missionsstation Sankt Paul wird noch 1904 wieder-eröffnet und Gouverneur Hahl nimmt nun auch den Bainingern Land weg und siedelt dort im Urwald mit bis zu 80 m hohen Baumriesen im Hochland auf 600 m Höhe deutsche Bauernfamilien an. Im Schutze einer Polizeistation roden die Deutschen den Urwald und bauen bei guten klimatischen Bedingungen in der Höhenlage eine Siedlung auf. 1908 wird auch die Straße von der Siedlung zur Küste fertiggestellt.


Zu den Witu-Inseln gehört auch die fruchtbare, bergige und zum Teil wild zerklüftete Vulkaninsel Witu, die größte Insel der Gruppe. In der Mitte der Insel liegt der riesige Krater Johann Albrecht-Hafen mit einem Durch-messer von fünf Kilometern. Johann Albrecht-Hafen ist aber kein Hafen, weil der tiefe Krater kein ankern zuläßt und durch die mehrere hundert Meter hohen steilen Kraterwände kein Bau einer Landungsbrücke möglich ist. Benannt ist der Kratersee nach dem kleinen deut-schen Dampfer Johann Albrecht, der 1898 als erstes Schiff in das ungewöhnliche Gewässer eingefahren ist. Die Johann Albrecht ist wiederum benannt nach Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, der seit 1895 Präsi-dent der Deutschen Kolonialgesellschaft ist. 

Als die Yacht Delphin, ein Schiff der Kolonialverwaltung von Deutsch Neuguinea, einmal in den Krater einfährt empfinden die Teilnehmer der Fahrt den Kratersee als unheimlich und die Stille bedrückend. Alle sind froh als sie wieder auf dem freien blauen Ozean sind.

Anders erleben Passagiere des Reichspostdampfers Ma-nila bei einem Landgang den Krater. Haben die Wande-rer eine für Besucher als Ausblick vom Buschwerk frei-geschlagene Stelle am Rand des Kraters erreicht schau-en sie in eine azurblaue Flut tief unten inmitten des grünen Kessels in seiner überwältigenden Größe. In der lautlosen Stille des Naturschauspiel dämpfen auch die Besucher ihre Stimmen.    

Im November 1903 kommt es zu einem Überfall eines Witu-Dorfes auf die Weißen und ihre chinesischen und schwarzen Arbeiter. Die alteingesessenen Händler Han-sen und Rauer können fliehen, während Döll und Rein-hard am Strand gespeert werden. Einige Chinesen und Schwarze werden ebenfalls ermordet. Rauer kann sich mit einer schweren Speerwunde im Arm mit seiner ein-heimischen Frau Maluke in einem Kanu auf die offene See retten und erreicht schließlich in entbehrungs-reicher und riskanter zehntägiger Fahrt mit dem Kanu das 350 km entfernte Herbertshöhe, um Hilfe zu holen. Das Gouvernement schickt sofort eine Strafexpedition mit dem Regierungsdampfer Seestern. Die beiden toten Deutschen werden unter einem Gedenkstein am Strand beerdigt, während die eigentliche Arbeit der Strafexpe-dition bereits weitgehend auf landesübliche Art erledigt worden ist. Die Täter waren noch vor Eintreffen der Strafexpedition auf die Halbinsel Villaumez vom Kaiser Wilhelmsland auf Neuguinea geflohen und sind dort fast alle von ihren Landsleuten verspeist worden. Nur wenige entkamen, darunter die beiden Rädelsführer Gegilo und Baleki. Beide werden später gefaßt und öffentlich gehenkt.

Peter Hansen, ein Berliner, kann sich bei dem Überfall im November 1903 mit Hilfe einer schwarzen Mary, wie die Deutschen ihre einheimischen Freundinnen nen-nen, retten und harrt Wochen aus, bis die Seestern ihn abholt. Hansen bleibt aber schließlich als Plantagenver-walter der Neuguinea-Kompagnie auf Witu, wo er meh-rere einheimische Frauen besitzt. Er hat sie teils gekauft, teils von Dörfern für seine tatkräftige Unterstützung bei kriegerischen Auseinandersetzung mit anderen Dörfern geschenkt bekommen.

Einmal hatte er die Balangori-Leute bei einem Kriegszug gegen die Lama-Leute unterstützt. Dabei gelang es ihm, einen weithin bekannten Speerwerfer der Lama zu tö-ten. Als der Kampf vorüber war, schnitt er dem toten Krieger nach alter Tradition den Wurfarm ab und gab ihn den Balangori-Leuten, sodaß sie ihn braten und seine Wurfkraft in sich aufnehmen konnten.

Schon am nächsten Tag nach dem Kampf war wieder tiefster Frieden zwischen beiden Dörfern eingekehrt und Hansen bekam von den Lama-Leuten als Freund-schafts- und Friedensgeschenk Maluke, die Witwe des tags zuvor von ihm getöteten Speerwerfers. Er gab Malu-ke an den Händler Rauer weiter, der sie zur Frau nahm.

Verheiratet ist Hansen mit einer Polynesierin. 1908 hat er einen Frauenbestand aus insgesamt neun Damen mit einer nicht genau zu ermittelnden Kinderzahl von etwa einem Dutzend.

Nach Peter Hansen ist auch Peterhafen auf Witu be-nannt.


In einer Missionsschule gleich bei Herbertshöhe, bis 1909 die Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, entsteht um die Jahrhundertwende eine Mischsprache, die schließlich von den Sprechern Unserdeutsch genannt wird. Unserdeutsch ist eine Sprache aus Pidgin-Englisch und Deutsch und hat ihren Anfang um das Jahr 1900 in der katholische Herz-Jesu-Mission Vunapopenahe Her-bertshöhe. Die Missionare aus Hiltrup in Westfalen füh-ren in Vunapope auch eine Schule für Mischlingskin-der europäisch-melanesischer Herkunft. Diese Kinder werden von den Missionaren aus der näheren und fer-neren Umgebung angenommen oder aufgekauft, weil sie als Halbwaisen oder Waisen aufwachsen und als Mischlinge in der Eingeborenenwelt aus der Sicht der Missionare besonders benachteiligt sind und kommen in das Waisenhaus in Vunapope.

Die Mütter der Kinder sind meist einheimische Frauen, während die Väter aus Asien oder Europa stammen, meist aus Deutschland. Die Väter sind Beamte, Händler und Abenteurer.

Die meist noch sehr jungen Kinder sprechen bei ihrer Ankunft in der Missionsstation die Einheimischen-sprache und Pidgin-Englisch und werden nun in Hoch-deutsch unterrichtet. Außerhalb des Unterrichts vermi-schen die Kinder das in der Schule gelernte Deutsch mit dem sonst verbreiteten Pidgin-Englisch, was als Schul-sprache selbst untersagt ist. So entsteht eine Mischspra-che, deren Wortschatz im Wesentlichen auf das Deut-sche, deren Grammatik aber auf Pidgin-Englisch basiert.

Weil die Kinder weder von den Weißen, noch von den Schwarzen als vollwertig und dazugehörig anerkannt werden, bleiben sie unter sich und ihre Sprache wird ein wichtiges verbindendes Merkmal für sie. Dazu sind sie meistenteils nicht nur in der Schule, sondern auch in der Freizeit zusammen und lernen landwirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeiten in der Missionsstation, bei der sie auch auf deren Plantagen und Handwerks-betrieben arbeiten. So ist Unserdeutsch eine ausschließ-lich von den Mischlingen der Gazelle-Halbinsel gespro-chene Sprache.


1908 beginnt in Herbertshöhe, der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, die Zukunft des Landverkehrs, das erste Automobil trifft ein! Es ist der Wagen des Gou-verneurs Albert Hahl. Für die 30 km von Herbertshöhe in die baldige neue Hauptstadt Rabaul benötigt der Gouverneur mit seinem Motorfahrzeug nun nur noch eine Stunde. Die Schwarzen nennen das Gefährt Busch-dampfer.

1909 wird Rabaul Hauptstadt von Deutsch Neuguinea und auch der Gouverneur zieht nach Rabaul um. 1905 war noch der Umzug der Regierung nach Rabaul schon für 1907 geplant.

Am 3. November 1909 findet aus Anlaß der 25. Wieder-kehr der deutschen Flaggenhissung an der Blanche-Bucht, an der Rabaul liegt, zum Zeichen der Besitzer-greifung der Insel Neu Pommern in Anwesenheit des Kleinen Kreuzers Cormoran eine Feier statt. Am 6. November ist ein Teil der Besatzung des Kriegsschiffes bei der Grundsteinlegung für einen Turm zu Ehren von Bismarck in Toma südwestlich von Herbertshöhe zuge-gen.


Eine Freizeitbeschäftigung der Deutschen an der Blanche-Bucht sind Segelboottouren am Wochenende zu den umliegenden Inseln bis zur Insel Neulauenburg und den umliegenden kleineren Inseln bei Neulauen-burg, wie etwa Mioko, die 30-40 km entfernt liegen.

Wind und Wetter sind aber nicht immer so, wie man es sich vorher vorgestellt hat, und dann kommen die Herren statt am Sonntagabend erst am Montag zurück.

Eine Dreiergruppe kommt überhaupt nicht mehr zu-rück. Man hat sie nie wiedergesehen. Verschollen auf See oder irgendwo gestrandet und gefressen von den Einheimischen.


1911 kommt die norwegische Kohlenbark Fram vor der Südspitze des Inselchens Matupi fest und der Kapitän bittet den Kommandanten der SMS Cormoran, die im nur wenige Kilometer entfernten Rabaul liegt, um Hilfe. Der Klüverbaum des festgekommenen Segelschiffes ragt fast bis in das Wohnhaus des Leiters der Firma Hernsheim & Co. Ein Schlepper kommt, um den Segler freizuschleppen, aber natürlich für eine entsprechende Gebühr.

Der norwegische Kapitän zum Schlepperkapitän: „Nee, nee, der deutsche Kreuzer Cormoran wird mich gleich abschleppen, der macht’s umsonst. Um vier Uhr hat der Kommandant von Cormoran mir versprochen hier zu sein.“

„Ach was – Bluff – der kommt doch nicht!“ schreit der Schlepperkapitän, der natürlich sein Geschäft machen will.

„Nee, der kommt.“

Um vier kommt die Cormoran angedampft und ankert bei dem verunglückten Segler. Leutnant Witschetzky und ein paar Matrosen der Cormoran rudern zur Bark, um die Abschleppleine an Deck zu geben, doch von deren Besatzung ist keiner auf Deck. Schließlich klet-tern ein paar Matrosen auf die Fram und finden die Besatzung schwer vom Genever angeschlagen unter Deck. Doch sie schaffen es die Leine festzumachen und der vom Genever nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stehende Kapitän des Seglers schüttelt dem Leutnant des deutschen Kriegsschiffes mit tränenden Augen dankbar die Hand.

Die Dampfventile, der Cormoran fauchen und die Hei-zer arbeiten vor den Kesseln, was sie können. Langsam kommt Bewegung in die Bark und schnell ist das Segel-schiff wieder flott.

Auch der Navigationsoffizier der Cormoran kommt an Bord des Seglers und nach einer Besichtigung sagt er zum Leutnant Witschetzky: „Ein unerhörter Leicht-sinn, ein unerhörter Leichtsinn! Die haben nur eine einzige Übersichtskarte von der ganzen Südsee und einen Atlas an Bord, sonst nichts, nicht eine einzige Spezialkarte. Auf ihrer Karte ist die ganze Bucht von Matupi so groß wie ein Fingernagel! So fahren diese Leute zur See! Und dann wundern sie sich, wenn sie den Weg nicht finden und festkommen.“