Die Gazellehalbinsel ist das wirtschaftliche Zentrum des Bismarck-Archipels. Um 1900 liegen die Verhältnisse dort wie folgt: Die erste Plantage im Bismarck-Archipel, die 1883 von dem Engländer Farrel angelegte Baumwoll- und Kokosnußpflanzung Ralum auf der Gazellehalbinsel umfaßte 1890 erst etwa 150 bepflanzte Hektar. In diesem Jahr begann die Neu-Guinea-Kompagnie mit der An-legung der Pflanzung Herbertshöhe. 1895 hatte die Gesamtfläche des auf der Gazellehalbinsel bepflanzten Areals noch nicht 1000 ha erreicht. Seitdem ging es in schnellerem Tempo vorwärts. 1898 waren bereits gegen 2000 ha, 1900 gegen 3000 ha, 1902 4626 ha, Anfang 1903 6645 ha bepflanzt. Von diesen waren 6463 ha mit Kokosnüssen bestanden, einige hundert Hektar gleich-zeitig mit Baumwolle, der Rest mit Kaffee, Kapok und einige Hektar mit Kakao. Die früher in größerem Um-fange betriebene Baumwollkultur ist planmäßig einge-schränkt worden, da die Ernte häufig durch Unbe-ständigkeit der Witterung beeinträchtigt wurde. Die größten Pflanzungen sind 1903 die der Neu-Guinea-Kompagnie mit ca. 2000 ha und die der Frau Kolbe mit ca. 1500 ha.
In der nahegelegenen Neulauenburggruppe hat auf der Hauptinsel die Mission vom heiligsten Herzen Jesu mit Anlegung einer Pflanzung begonnen, auf der Insel Ulu die australisch-wesleyanische Mission. Die kleine Insel Kabakon in derselben Gruppe ist von der Firma Forsayth bepflanzt. Auf Neumecklenburg ist in Kaewieng (bei Nusa) eine Gouvernementsplantage angelegt; ferner sind auf einigen Inseln des Nusafahrwassers Pflanzun-gen in der Anlage begriffen. Endlich ist auf einer Reihe entfernterer kleinerer Inselgruppen mit der Anlegung von Plantagen begonnen worden.
Zur Ausnutzung der vorhandenen Holzbestände sind zwei Sägewerke begründet worden, eins von der Neu-Guinea-Kompagnie am Warangoi (Ostküste der Gazelle-halbinsel), das andere von der Mission vom heiligsten Herzen Jesu am Toriu an der Westküste der Gazelle-halbinsel.
Die mögliche Zahl der Handelsstationen für das Tausch-warengeschäft mit den Eingeborenen ist um die Jahr-hundertwende schon weitgehend erreicht. In einzelnen Gebieten sind bereits die Handelsstationen so nahe aneinander gerückt, daß die Grenze der Existenzmög-lichkeit durch den Ertrag des Eingeborenenhandels für weiße Händler erreicht ist.
Ungleich bessere Aussichten auf eine bedeutende Ent-wicklung hat jedoch der Plantagenbau. Für Pflanzungs-zwecke geeignetes, fruchtbares Land ist auf allen grö-ßeren Inseln in Menge vorhanden.
An Arbeitern sind 1898 über 1500 auf den Plantagen beschäftigt. Seither ist die Zahl der Arbeiter beständig gestiegen. Anfang 1901 sind etwa 2500, am 1. Januar 1902 3323 und am 1. Januar 1903 3435 farbige, im Bismarck-Archipel selbst angeworbene Arbeiter auf den Unter-nehmungen im Archipel tätig. Dazu kommen noch die jährlich etwa 250 Arbeiter, welche nach Samoa expor-tiert werden, und die gegen 150 Arbeiter, welche jährlich für die Pflanzungen der Neu-Guinea-Kompagnie in Kaiser-Wilhelmsland angeworben werden. Die Gesamt-zahl der im Archipel angeworbenen, im Dienst europä-ischer Unternehmungen stehenden Arbeiter ist dem-nach für Anfang 1903 auf über 4500 zu schätzen.
Die bereits in den letzten Jahren hervorgetretene Schwierigkeit ausreichender Arbeiterbeschaffung hat sich so weit vergrößert, daß Anfang 1903 die wenigen größeren, sich beständig ausdehnenden Pflanzungen im Bismarck-Archipel hunderte von Arbeitern fehlen.
Ernst von Hesse-Wartegg besichtigt im Mai 1900 Händ-lerstationen am Nordende der Insel Neumecklenburg und im anliegenden Nusa-Archipel:
»Einen Steinwurf weit vom Meeresstrande erhebt sich inmitten eines kleinen umfriedeten Gärtchens das Haus des „Traders“, auf Pfählen etwa anderthalb Meter über dem Erdboden stehend und aus leichten vertikalen Dielen erbaut, deren Zwischenräume den Luftzutritt gestatten. Das Dach, etwas über die Seitenwände erhöht, ist mit Wellblech gedeckt und überschattet auch die breite Veranda, welche das Haus auf allen Seiten um-giebt. Auf einer Holztreppe zu diesem emporsteigend, befindet man sich dem kleinen Wohnzimmer gegen-über, das gleichzeitig als Speisezimmer dient und mit allerhand Lanzen, Keulen und Holzschnitzereien der Eingeborenen geschmückt ist. Rechts daran schließt sich das Schlafzimmer mit einem einfachen Feldbett, in dessen Nähe ein paar Gewehre und Revolver bereit liegen, denn in einem Lande mit so heimtückischer Bevölkerung kann man nie wissen, was der nächste Augenblick mit sich bringt. Hinter dem Wohnhause und mit diesem durch einen gedeckten Gang verbun-den, liegen die Küchenräume und die leichten Wohn-häuser der eingeborenen Diener. Rings um diese Neben-bauten tummeln sich Gänse, Enten und Hühner mit ihrer jungen Brut. Glücklicherweise gedeihen diese Haustiere in den letzten Jahren nach vielen Mißerfolgen im ganzen Archipel recht gut, und die Händler sind wenigstens, was Geflügel betrifft, nicht mehr auf Kon-serven angewiesen.
Auf der einen Seite des Gärtchens mit seinen stets blühenden Hibiscussträuchern und buntfarbigen Kro-tonpflanzen liegt das Warenhaus mit allerhand Tausch-artikeln für die Eingeborenen, wenn sie mit ihren Perl-muscheln, Kopra- und Trepangsäcken nach der Station kommen. Die Muscheln werden unter Flugdächern aufgehäuft, die zu visitkartengroßen Stücken zerteilte Kopra der Kokosnüsse in leichten, luftigen Häusern zu kleinen Bergen zusammengeworfen oder auf langen Gestellen zum Trocknen ausgebreitet und die von den Chinesen so gern gegessenen Seewalzen (Trepang) in einem Räucherhause nahebei geräuchert. Nahe dem Meeresstrande steht noch ein Flugdach mit den Segel- und Ruderbooten des Händlers.
Wie diese eine Station, so sind auch die Stationen auf Neupommern eingerichtet, und so zeigten sich mir auch die vielen anderen Stationen, die ich auf der Wei-terreise durch den Archipel zu sehen bekam. Manche mögen wohl größer, anspruchsvoller und netter einge-richtet sein, andere sind dagegen wieder bescheidener; aber im ganzen ist die Einteilung und Anordnung der Gebäude dieselbe, denn überall sind auch die Produkte dieselben. Die Händler sind der Mehrzahl nach Deut-sche, aber es giebt auch Engländer, Australier und Norweger unter ihnen. In den wenigsten Stationen wohnen zwei Weiße; gewöhnlich lebt der Händler allein auf dem Posten, der nur alle zwei oder drei Monate von den Segelschiffen oder kleinen Dampfern angelaufen wird. Dann nimmt der Händler seine Briefe und Zei-tungen, neue Tauschwaren und Ergänzungen seiner Lebensmittelvorräte entgegen, liefert dafür die seit dem letzten Besuche eingegangenen Kopra-, Muschel- und Trepangschätze an das Schiff ab, und nach kurzem Aufenthalte zieht dieses weiter zur nächsten Station.
…
Glücklicherweise ersetzt die Natur zum Teile das, was diese fernen Landsleute an Segnungen der Kultur ent-behren müssen; ihre einfachen, aber behaglichen Häus-chen liegen auf geradezu paradiesischen Inseln, inmit-ten herrlicher Palmenhaine; rings von dem blauen Meere umgeben, dessen Brandung sich an vielgestal-tigen, bunten Korallenriffen bricht, sind sie kleine Kö-nige auf ihren Eilanden und können dort nach Belieben schalten und walten… Es steht in ihrer Macht, den Urwald stehen zu lassen, um dort auf Papageien oder Tauben zu jagen, oder an seiner Stelle ertragreiche Plantagen von Kokospalmen anzulegen, in deren Schat-ten auf dem üppigen Rasen selbstgezüchtete Kühe wei-den; sie können die herrlichste Tropennatur aus vollen Zügen genießen, baden, fischen, rudern, schießen, sich vergnügen, wie sie wollen, es steht kein Polizeigesetz über ihnen, und wünschen sie Verkehr mit ihresglei-chen, dann brauchen sie sich nur nach der einen oder anderen Station rudern zu lassen. So einsam und traurig das Los dieser Händler den in Städten des Heimatlandes Wohnenden auch dünken mag, es ist doch reizvoll und reich an Genüssen, wie sie nur die Freiheit bieten kann.
Das konnte ich deutlich erkennen, als ich der Reihe nach die einzelnen Stationen besuchte und mit deren Inhabern sprach. Da ist nichts von Unzufriedenheit wahrzunehmen; die Einsamkeit ruht keineswegs drük-kend auf ihnen, ja es geht mitunter recht toll und ausgelassen her, wenn die Nachbarn aus irgendeinem Anlaß zu einem Trinkgelage geladen werden. Das Ein-treffen der Handelsschiffe der verschiedenen Firmen oder eines Kriegsdampfers wird gewöhnlich auf solche Art gefeiert…
Auf jeder Insel fand ich kleine Dörfer, und auch in den Festlandsstationen waren zahlreiche Schwarze, mit de-nen die Händler auf recht vertraulichem Fuße leben. Jeder Händler hat seine Arbeiter und für die Besorgung seines Hauswesens eine Anzahl Mädchen, darunter recht hübsche Erscheinungen, die mit Stolz bunte Klei-der und Kopftücher tragen, der Lohn für ihre Dienst-leistungen. Auch hier werden die Waren mit Tausch-artikeln bezahlt, und gemünztes Geld ist vollständig unbekannt.«
Die Witu-Inseln – auch Französische Inseln genannt – gehören zum Bismarck-Archipel. Diese kleine Insel-gruppe ist trotz ihrer geringen Größe von gerade 96 qkm Landfläche wirtschaftlich ungewöhnlich bedeutend. Die größte der Inseln mit 53 qkm ist Witu, auch Garowe genannt. An den Seiten dieser Vulkaninsel liegen zwei kleine natürliche Häfen, Wituhafen und Peterhafen, wovon Peterhafen an der Ostküste der eigentliche Hafen der Insel ist. Peterhafen hat eine enge Einfahrt durch das vorgelagerte Riff und dann eine noch engere Einfahrt durch die tiefste Stelle der Kraterwand des schief eingesunkenen Kraters, der den kleinen Hafen bildet, der gerade genug Platz für ein Schiff und dessen An- und Ablegemanöver bietet. Der kreisrunde Krater-hafen ist traumhaft schön, mit seinem glasklaren, stillen Wasser und steilen bewaldeten Berghängen.
Der Reichspostdampfer Manila fährt Peterhafen regel-mäßig an und hat als schwerfälliges Einschraubenschiff beim Manövrieren im Hafen vorsichtig genug zu sein. Eine alte morsche Landungsbrücke, nicht für ein großes Schiff wie die Manila gedacht, wird zunächst von dem Postdampfer benutzt, bis diese Landungsbrücke schon beim zweiten Besuch des Schiffes in Peterhafen bei einem leichten Seebeben, das auch das Schiff erbeben läßt, unheimlich lautlos in den Fluten versinkt. Von da ab ankert die Manila im Hafen und Kopra und Kakao werden im Fährbetrieb mit Booten umgeladen. Große Trupps von Plantagenarbeitern helfen beim Festmachen und Be- und Entladen des Schiffes, welches von der fruchtbaren Insel auch große Mengen von frischem Proviant, auch sehr viele Tropenfrüchte, besonders alle Sorten von Bananen, übernimmt.
Auch viel frischer Fisch kommt in den Kühlraum des Schiffes, der während des Aufenthaltes der Manila im Hafen von einem Boot aus von den Einheimischen zwischen Riff und Hafeneinfahrt mit Dynamit gefischt wird. Ein Schwarzer im Bootsbug dirigiert die Ruderer zu einem Fischschwarm in der Lagune und setzt dann den Zün-der der Dynamitpatrone mit seiner Pfeife in Brand. Mit dumpfen Knall explodiert die Bombe im Wasser und nach kurzer Zeit schwimmt eine Unmenge betäub-ter und toter Fische an der Wasseroberfläche. Sämtliche Jungs springen vom Boot ins Wasser und werfen die Fische ins Boot.
Witu ist von dichtem fast undurchdringlichem Urwald mit mächtigen Baumriesen bestanden, hat aber auch bedeutende Kokosplantagen, wahrscheinlich die besten in ganz Deutsch Neuguinea. Sie gehören der Neuguinea-Kompagnie. Die Neuguinea-Kompagnie legt auch auf zwei Nachbarinseln Kokosplantagen an und kauft Han-delskopra von den Einheimischen. Um 1905 kommen 30 % der Kopraexporte der Neuguinea-Kompagnie von die-ser kleinen Inselgruppe. 1908 exportiert die Firma 340 t Kopra von den Inseln und um 1912 um die 450 t. Auf Witu besteht auch die größte Kakaoplantage der Neu-guinea-Kompagnie. 1908 werden 1,9 t Kakao von Peter-hafen, der auch Sitz der Kompagnie auf Witu ist, ver-laden und um 1912 bereits 7 t.
Für die Arbeitskolonnen auf den Plantagen werden im-mer Chinesen und Malaien als Aufseher eingesetzt. Sie waren in den Anfangsjahren der Kolonialzeit geholt wor-den, als unter der einheimischen Bevölkerung kaum brauchbare Kräfte zu finden waren, diese aber in fast unbeschränkter Zahl in China und Niederländisch Indien zu finden waren. Sie waren den Einheimischen in handwerklichem Können, Auffassungsgabe und Ar-beitsmoral weit überlegen.
Bei der Volkszählung von 1913 auf den Witu-Inseln er-gibt sich eine Gesamtbevölkerung von 2194 Seelen. Die Volkszählung fand für die Besteuerung der Bevölkerung statt, von der nun jährlich eine Kopfsteuer von je 10 Mark erhoben wird.