Im Bismarck-Archipel ist der Kannibalismus sehr stark verbreitet und es werden regelrechte Fleischversor-gungsfahrten von den einheimischen Handelsfahrern unternommen. Bei oft monatelangen Fahrten mit ihren Auslegerbooten wird auch geraubt und Menschenver-pflegung wird tot oder lebendig ins Boot geladen und dient als willkommene Marschverpflegung.
Heinrich Schnee, von 1898 bis 1900 Richter und stell-vertretender Gouverneur in Deutsch Neuguinea, wird Zeuge des kannibalischen Treibens der Eingeborenen. An der Ostseite der Gazelle-Halbinsel war ein Kanu mit 13 Mann gestrandet. Die Bewohner der umliegenden Dörfer nahmen die günstige Gelegenheit sofort wahr und schlugen elf der Schiffbrüchigen tot. Zwei ent-kamen. Die Toten wurden am Strand wie üblich mit Sand abgerieben, gewaschen und ausgestellt, bis alle Freunde und Interessenten durch die Trommel herbeigerufen und versammelt waren. Die Leichen wurden zum Teil an andere Dörfer weiter im Inland verkauft. Beim Verkauf gilt, daß eine Leiche nur dann gekauft wird, wenn nach-gewiesen werden kann, daß das Opfer gehetzt und waid-gerecht mit dem Speer getötet worden ist. Die Zuberei-tung erfolgt in der bei Schweinen angewandten Weise. Der Körper wird in Stücke geschnitten, die einzelnen Stücke werden in Blätter gewickelt und dann auf heißen Steinen geröstet.
Die beiden entkommenen Gestrandeten berichten in Herbertshöhe von der Ermordung ihrer Kameraden. Sofort bricht die Polizeitruppe auf, zusammen mit Dr. Schnee und Regierungssekretär Warnecke, um die Dör-fer zu bestrafen. Es gelingt, sie zu überraschen.
Schnee: »Mehrere Eingeborene wurden … getötet, an-dere gefangengenommen. – Unsere Polizeijungen blick-ten auf die Virua [Leichname, die gegessen werden/ Menschenfleisch] als auf etwas ihnen durchaus Ge-wohntes. Auf Befragen gaben die … von den Salomon-inseln stammenden Polizeijungen an, daß in ihrer Hei-mat Menschenfleisch genau auf die gleiche Art zuberei-tet werde.
Die Angelegenheit fand … ihren Abschluß darin, daß den Dörfern die Zahlung größerer Muschelgeldbeträge und die Anlage eines breiten Weges auferlegt wurde.«
In dem 1912 erschienenen Werk Unsere Kolonien ist vermerkt: »Vor allem die Bewohner der Nordküste der Gazelle-Halbinsel frönten früher dem Kannibalismus in furchtbarer Weise.« Es wird aber auch festgestellt, daß »diese scheußliche Gewohnheit schon etwas nachge-lassen hat.«