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Allgemeine Ereignisse I

1904 haben die Häuptlinge und Zauberer der Umgebung von Friedrich-Wilhelmshafen, die über das weitreichen-de Netzwerk der Seeverbindungen der Leute auf der Insel Bilibili in der Astrolabe-Bai gut miteinander ver-bunden sind, beschlossen, die Herrschaft in Friedrich-Wilhelmshafen an sich zu reißen. Ihr Unmut besteht unter anderem in der Pflichtarbeit von vier Wochen jedes Jahr. So mußten die Tamul, wie die Einheimischen an der Astrolabe-Bai genannt werden, den Sumpf rings um Friedrich-Wilhelmshafen zuschütten, zur Beseiti-gung der Malariagefahr durch diese Moskito-Brutstätte. Ob die Tamul aber den Sinn dieser Maßnahme ver-standen haben, der selbst den Deutschen erst seit kurzem klar ist, ist stark zu bezweifeln. Und wenn die Arbeiter dann nach Ansicht des Aufsehers nicht hart genug gearbeitet hatten, wurden bei Feierabend im Auftrag des Bezirksamtmanns auch noch ›Liebesgaben‹ verteilt: Zehn Hiebe auf die blanke Rückseite mit dem daumendicken Stock der Rotangpalme.

So war in Monaten ein gut durchdachter Plan für die Ermordung der Deutschen mit allen zur Verfügung stehenden waffenfähigen Männern, die mit ihren Kanus schnell beweglich sind, entstanden. Jedem Stamm wer-den seine Angriffsziele zugeteilt. Der Zeitpunkt soll nach der Abfahrt eines regulären Dampfers sein, denn die Weißen würden nach dem üblichen Besäufnis an Bord gefechtsunfähig in den Betten liegen.

Als erstes soll die Schutztruppe in Friedrich-Wilhelms-hafen massakriert und dann die Europäer ausgeschaltet werden. Der 26. Juli 1904 ist als Tag des Aufstandes gewählt. Schon früh am Morgen sind Hunderte von Tamul überall in Friedrich-Wilhelmshafen unauffällig verteilt. Auch ihre Bewaffnung aus Speeren, Pfeil und Bogen und Keulen fällt den Weißen nicht weiter auf, da sie die Waffen normalerweise gegen Tabak und anderes eintauschen. Weil aber soviele Eingeborene in den Plan eingeweiht sind, eingeweiht werden mußten, ist der Verrat beinahe abzusehen. Stunden vor der Ausführung bekommt der Hausjunge des Regierungsarztes Dr. Hoff-mann Gewissensbisse – sein geliebter Master Hoffmann soll natürlich auch erschlagen werden – und er gesteht alle Einzelheiten des Überfalls und die Namen der Rädelsführer seinem Herrn. Hoffmann läßt sich sofort von seiner Hospitalinsel Beliao nach Friedrich-Wil-helmshafen rudern und eilt zur Kaserne. Auf dem Weg dahin trifft er mehrere Deutsche, die von einer Gruppe von Schwarzen in ein Gespräch verwickelt sind. Hoff-mann warnt sie, doch die meisten glauben ihm nicht und einer sagt im Spott zu ihm: „Vergiß nur nicht, die Brille abzunehmen, bevor dich die Tamul in den Koch-topf stecken; die armen Kerle könnten sich sonst an den Glassplittern den Magen verderben.“ 

Der Aufstandsbeginn verzögert sich, weil die Tamul auf die Verstärkung durch die Bilibili-Leute warten, die nach ihrem Eintreffen mit einem üblicherweise als Signalhorn benutzten riesigen Schneckenhaus den Angriffsbefehl geben sollen. Die Bilibili-Leute sind we-gen eines ungewöhnlich starken Gegenwindes noch auf See vor der Küste. So werden die Tamul in Friedrich-Wilhelmshafen ungeduldig und eine Gruppe beschließt nicht mehr länger zu warten und mit der Ermordung des Kiabs den Anfang zu machen. Das Wort Kiab ist abgeleitet vom Wort Kapitän. In Friedrich-Wilhelms-hafen ist der Kiab der Bezirksamtmann Wilhelm Stuck-hardt. Sechs Tamul treten bei dem etwas abseits liegenden Haus von Stuckhardt auf die Veranda und bieten scheinbar ihre Speere und anderes zum Tausch an. Einer stellt sich wie zufällig hinter den Amtmann und hebt seine Steinkeule zum tödlichen Schlag. Da springt ihn die Dogge Stuckhardts wütend an. Gleich-zeitig erscheint auch die von Hoffmann alarmierte Polizeitruppe und sofort nehmen die Verschwörer Reißaus. Das ist auch für die anderen das Signal zum Rückzug und jeder sucht so schnell wie möglich in seinem Dorf unterzutauchen.

Am nächsten Tag erscheint in dieser angespannten Lage rein zufällig das Kanonenboot Möwe in Friedrich-Wil-helmshafen. Der Bezirksamtmann läßt sofort unter den Schwarzen verbreiten, daß er das Kriegsschiff wegen des gestrigen Vorfalls herbeigezaubert habe. Gegen solche Zauberei kann man wohl keinen Kampf gewinnen!  

Noch einen Tag später erscheint der Reichspostdampfer Manila fahrplanmäßig. Das Schiff wäre nach der Pla-nung für den Aufstand bereits in der Dallmannpassage, der Zufahrt nach Friedrich-Wilhelmshafen, von den Aufständischen abgefangen und erobert worden.

Die Hauptschuldigen werden teils in ihren Dörfern gefangen, teils stellen sie sich freiwillig auf Auffor-derung des Kiabs. Sechs Hauptverschwörer werden nach einem kriegsgerichtlichen Urteil öffentlich er-schossen, die anderen deportiert oder gehen ins Ge-fängnis. Die Bilibili-Leute müssen ihre Insel verlassen und werden auf dem der Insel gegenüberliegenden Fest-land angesiedelt, wo man sie besser kontrollieren kann.  

Empfinden viele der Deutschen und anderen Europäer in Friedrich-Wilhelmshafen das Ereignis als eine ange-nehme Unterbrechung ihres nicht selten eintönigen ko-lonialen Daseins, so ist doch auf Jahre noch das Sicher-heitsgefühl und Vertrauen in den als selbstverständlich angenommenen Frieden erschüttert. Andererseits hat das für die Einheimischen ganz unerwartete Zuschlagen der Weißen und die Verurteilung der Führer des Auf-standes eine starke Wirkung nicht noch einen Versuch zu wagen.

Über ihre Signaltrommeln hatten die Eingeborenen das Scheitern des Aufstandes in kürzestes Zeit bis in das 150 km entfernte Finschhafen gemeldet, lange bevor durch die Ankunft eines Schiffes von Friedrich-Wilhelms-hafen die Weißen in Finschhafen von dem Aufstands-versuch erfahren haben, und so ist wohl auch ein Aus-greifen des Aufstandes verhindert worden.


Paradiesvögel kommen nur in Neuguinea und in Nord-australien vor. Von den 43 Arten kommen aber 39 wie-derum nur in Neuguinea vor. Da bei den europäischen Damen Hüte mit Paradiesvogelfedern in Mode sind, ist die Paradiesvogeljagd ein einträgliches Geschäft. Doch die Jagd ist eine entbehrungsreiche Angelegenheit. Wochenlang im feuchten Urwald herumzustreifen, fern jeglicher Zivilisation und umgeben von Steinzeitmen-schen, ist nur etwas für hartgesottene Abenteurer. So kommt der Paradiesvogeljäger Felix Umlauft, ein Öster-reicher, alle paar Wochen nach Friedrich-Wilhelmsha-fen, um die Bälge der erlegten Vögel mit dem nächsten Schiff nach Deutschland zu versenden oder sie auch schon gleich vor Ort zu verkaufen. Doch einmal kommt es zwischen dem Hund von Umlauft und den Kötern in einem Eingeborenendorf zu einer Balgerei, die schließ-lich in einer Auseinandersetzung zwischen den Dörflern und Umlauft endet, weil Umlaufts Hund einen Dorf-bewohner ins Bein gebissen hat und der den Hund dafür mit seinem Speer einen Hieb versetzt, auf daß der Hund jaulend davonzieht. Darauf schießt Umlauft den Gebisse-nen nieder und verwundet auch noch zwei weitere Dorf-bewohner schwer. Die Dörfler flüchten in den nahen Busch und schießen dem sich ebenfalls zurückziehen-den Umlauft noch ein paar Pfeile hinterher. Über den Vorfall ist ein Gerichtstermin anberaumt.

Umlauft treibt inzwischen der Plan um Neuguinea zu durchqueren, was bis dahin noch niemandem gelungen ist. Bei einem solchen Versuch sind die Deutschen Ehlers und Piering 1896 nach unsäglichen Strapazen kurz vor Erreichen des Zieles von zwei ihrer schwarzen Begleiter ermordet worden. Von den 43 Expeditionsteil-nehmern konnten nur 13 mehr verhungert als lebend die Südküste erreichen. Doch zunächst steht der Prozeß an, der denn aber ohne Umlauft stattfindet. Umlauft stirbt vorher an Lungenentzündung. Der Hergang der Ereignisse in dem Dorf bleibt dem Gericht verborgen, nur ein Missionar kann vom Diener von Umlauft, der schon sterbenskrank beim Missionar eingeliefert wor-den war, den wirklichen Hergang erfahren, als der Diener aus Angst bei seiner Aussage vor der hohen Gerichtsbarkeit nur wirre Angaben gemacht hat und das Urteil schon längst ausgeführt ist. Bei den ewigen Zwis-tigkeiten der Eingeborenen untereinander hatten sich die Nachbardörfer des Dorfes mit dem Umlauft-Zwi-schenfall schon lange bei der deutschen Verwaltung beklagt und ohne eine andere Aussage als den Unsinn von Umlaufts Diener wurde eine Strafexpedition losge-schickt und das Dorf abgebrannt.

In der »Denkschrift über die Entwicklung der Schutzge-biete Afrikas und der Südsee im Jahre 1908/1909« für die Reichstagsabgeordneten heißt es: »Auf den Paradiesvo-geljäger Umlauft und seinen eingeborenen Diener, die in den Bergen der Ray-Küste ihrer Beschäftigung nach-gingen, wurden hinterrücks Pfeilschüsse abgegeben, die glücklicherweise ihr Ziel nicht erreichten.«


Rudolf Karlowa ist von 1906 bis 1908 Bezirksamtmann vom Kaiser-Wilhelmsland und sitzt in Friedrich-Wil-helmshafen. Er ist gleich mit Befriedungsaktionen ge-gen die Fehden zwischen den Küstenbewohnern, welche Melanesier sind, und den Inlandbewohnern, die Papua sind, beschäftigt. Da die Deutschen die Melanesier ge-gen die Papua unterstützen, stehen die Melanesier auf deutscher Seite.

Nach einem Strafzug gegen die kriegerischen Orokosa, einem Papua-Stamm nordwestlich von Friedrich-Wil-helmshafen, erzählt Karlowa abends in einem Restau-rant der Stadt den gespannt lauschenden Europäern davon. Die Papua sind bei ihren Kriegszügen gegen die Melanesier auf Menschenfleisch aus. Gefangene oder Tote werden im Triumph in die Heimatdörfer ge-schleppt. Gefangene, die schwer verwundet sind, wer-den genauso wie Schweine mit zusammengebundenen Händen und Füssen ungeachtet der Schmerzen stun-denlang an einer Stange getragen, bis ihr Brüllen schließlich beim Absengen über dem Feuer erstirbt.

„Solche scheußlichen Abschlachtereien konnten wir natürlich nicht dulden. Nach ergebnislosen Friedens-bemühungen blieb mir mit meinen zwanzig braven Polizeijungen also nichts weiter übrig, als mit Waffen-gewalt gegen die Orokosa vorzugehen. Die Annäherung meiner kleinen Truppe war natürlich längst durch Trommelsignale angekündigt worden. Es kam zu einem blutigen Gefecht, bei dem wir uns ganz überraschend hart verteidigen mußten. Die Übermacht war einfach zu groß. Die Jungen schossen wie die Teufel! Es gab kriti-sche Augenblicke, als bei dem Geheul und der Masse der Angreifer meinen Leuten die Knie weich wurden. Da half nur eiserne Disziplin – und dann natürlich unsere Gewehre! Der Gegner hatte die Wirkung der Feuerwaf-fen unterschätzt und zog sich schließlich an den Wald-rand zurück. Auf dem Kampfplatz blieben zahlreiche Tote und Verletzte.

Nun erschien, viel zu spät, der melanesische Kriegs-haufen, unsere lieben Verbündeten. Sie brachen in ein Freudengeheul aus. Nicht nur wegen des Sieges, son-dern vor allem wegen des verlockenden Fleisches, das ja auf dem Kampfplatz herumlag. Schon machten einige Anstalten, sich der Toten und Verwundeten zu bemäch-tigen. Das gab es natürlich nicht. Ich mußte auch hier einschreiten.

Die geschlagenen Orokosa hatten unsere Macht zu spü-ren bekommen und wußten, was sie künftig davon zu halten hatten. Zum Zeichen des Friedens übersandten sie ein Schwein. Sie erklärten sich zu einer Bußezahlung bereit und versprachen Frieden halten zu wollen.“

Nicht immer gelingt ein militärisches Eingreifen so gut. Schon bald muß Karlowa mit seinen zwanzig Polizeisol-daten nach Osten in die Gegend von Finschhafen zum Markham-Fluß aufbrechen. Dort siedelt nördlich des Flusses der berüchtigte Stamm der Lae Womba, der stets an seinen eßbaren Nachbarn interessiert ist. Die Lae Womba haben nun das vor kurzem zum Christen-tum missionierte Dorf Lakamo überfallen, in dem sich die Bewohner zur Morgenandacht in der Kirche ver-sammelt hatten, und nahmen alles, tot oder lebendig, zum großen Festschmaus mit.

Die Strafexpedition von Karlowa gegen die Lae Womba endet erfolglos, da sie sich tief in den Urwald zurückge-zogen haben.


Über die Verhältnisse von Kaiser-Wilhelms-Land im Jahr 1909 schreibt ein Offizier des Kolonialkriegsschiffes Cormoran:

»Zunächst kamen wir aus dem Staunen nicht heraus. Denn so über alle Begriffe gewaltig und doch primitiv hatten wir trotz aller Vorbereitungen durch Erzählungen und Lektüre uns die Natur und das Leben in der Südsee, speziell auf Neuguinea, das wir zuerst bereisten, nicht vorgestellt. Vergebens suchten wir in den Buchten und Häfen, die wir zuerst anliefen, nach einer Spur von Zivilisation, obwohl die Plätze hochtrabende Namen tru-gen wie „Berlin-Hafen“, „Potsdam-Hafen“ oder „Hansa-Bucht“ und doch kein Adreßbuch brauchten, weil nur e i n Pflanzer oder e i n Missionar als einziger Europäer in hundert Kilometer Umkreis in ihnen wohnte. Diese tap-feren Pioniere, die zwei- bis dreimal im Jahr ein weißes Gesicht zu sehen bekamen, wenn draußen in der Bucht der Postdampfer für eine Stunde ankerte, erwarben sich unsere ganze Hochachtung, selbst wenn sie manchmal durch den ständigen Umgang mit den auf tiefster Kul-turstufe stehenden Papuanegern, wie man da draußen sagte, etwas „verkanakert“ waren. Äußerlichkeiten fie-len nicht ins Gewicht gegenüber der Freude, die wir machten und empfingen, und gegenüber dem Gefühl des Nützlichseins und der Hilfe, die unsere bloße Anwe-senheit bei dem einsamen Landsmann erzeugte. Denn abgesehen von den unvorstellbaren Entbehrungen und klimatischen Gefahren lebten diese Pioniere ständig unter direkter Bedrohung ihres Lebens durch die wil-den Kannibalenstämme im Inneren des Landes. Manch einer von ihnen ist da auf der Strecke geblieben, und wir selbst haben während unserer Südseezeit mehrfach ret-tend oder, wo es leider zu spät war, rächend und Exem-pel statuierend eingreifen müssen…

Nirgendwo in der Welt paßte wohl der Ausdruck „Schutzkreuzer“ für unser Schiff so gut wie in Neugui-nea. Wir waren als die Greenhörner, als die wir kamen, zuerst erstaunt über die Wichtigkeit, die die Landsleute an der Küste unseren kurzen Besuchen beimaßen. Erst allmählich drangen wir in die Geheimnisse dieses merk-würdigen Landes ein. Der Schlüssel zu ihnen war die Geisterfurcht und der große Aberglaube der Eingebore-nen, die die Pflanzer und die Missionare sich zunutze machten, weil sie es ohne sie gar nicht hätten wagen können, sich allein unter den Kanaken anzusiedeln.

Was uns als Kinder der „Schwarze Mann“ war, das war für die Eingeborenen das „manowar“ (Pidgin-englisch von man of war = Kriegsschiff). Da der ungefähre Zeit-punkt unseres Kommens den Pflanzern bekannt war, konnten sie rechtzeitig Kapital daraus schlagen. Sie machten das geschickterweise so, daß sie nicht etwa diesen Zeitpunkt vorher ausposaunten, sondern indem sie – kurz bevor der erwarteten Ankunft eines Kriegs-schiffes – den Kanakern androhten, ein „manowar“ zur Bestrafung aller möglichen Sünden kommen zu lassen.

Sie taten so, als brauchten sie nur auf den Knopf zu drücken, und der Kreuzer war da, und benutzten diese vermeintliche Zauberkraft den harmlosen Naturkin-dern gegenüber (die sowieso schon in der Macht des Weißen etwas Geisterhaftes erblickten) zum Ausbau ihrer Stellung.

So kam es, daß wir fast überall, wohin wir fuhren, den Büttel spielen mußten, sei es, daß wir einen Demonstra-tionszug mit dem Landungscorps durch die landein-wärts gelegenen Dörfer machten und die Häuptlinge coram publico verwarnten, sei es, daß uns der ansässige Landsmann als Schiedsrichter bei Streitfragen heran-zog, oder sei es sogar, daß wir direkt eingreifen und die Übeltäter und Unruhestifter mit militärischer Gewalt festnehmen und an Bord unseres Schiffes zur nächsten Regierungsstation befördern mußten.

Ich kann nur wiederholen, wir kamen in eine neue Welt, in die wir uns erst ganz allmählich hineinge-wöhnen mußten. Tag für Tag, Woche für Woche lernten wir zu. So klug und überlegen der Weiße gegenüber den Eingeborenen war – die Überlegenheit hörte wenige hundert Meter landeinwärts von der Küste auf. Da näm-lich begann der Urwald…«


Im Juli 1912 sind an der Hansa-Bucht, etwa 200 km westlich von Friedrich-Wilhelmshafen, drei Chinesen und zehn eingeborene Paradiesvogeljäger im Dienste eines deutschen Ansiedlers von Einheimischen ver-speist worden. Der Bezirksamtmann von Kaiser Wil-helmsland hat deshalb von Rabaul Polizeitruppen kom-men lassen und das Kriegsschiff SMS Cormoran übernimmt am 8. August 1912 in Friedrich-Wilhelms-hafen diese einheimische Polizeitruppe aus zwei deut-schen Polizeimeistern, sechzig farbigen Soldaten und sechzig Trägern mit mehrmonatiger Verpflegung. Die Polizeisoldaten sind mit einem Lendentuch und einer khakifarbenen Militärmütze bekleidet, mit Rucksack, Seitengewehr und Gewehr Modell 71 ausgerüstet und bereit für einen langen Einsatz im Busch.

Die Cormoran landet die Truppe an einer Europäer-siedlung in der Hansa-Bucht, zur Bestrafung der Kan-nibalen. Die bereits dort befindliche Polizeitruppe von zwanzig Mann unter dem Regierungsbeamten Assistent Beyer schifft sich gleichzeitig wieder ein. Beyer hat die Schuldigen ohne Mühe gefunden und, sich keiner Schuld bewußt, erzählt einer der Menschenfresser Beyer über das Festmahl „es sei endlich mal wieder ein wirklich schönes Fest gewesen“.

Die Steinzeitmenschen sehen im Gegenteil die Vogel-jagd der Fremden als einen Eingriff in die Rechte in ih-rem Jagdrevier und die Fremden selbst als gute Fleisch-mahlzeit.


1912 kommt es in Friedrich-Wilhelmshafen zu einem weiteren Aufstandsversuch der Einheimischen gegen die deutsche Herrschaft. Der Grund liegt in einer ge-planten Landnahme der Deutschen. Durch den zwangs-weisen Ankauf eines Teils ihres Landbesitzes bei Frie-drich-Wilhelmshafen von der deutschen Verwaltung, die das Land für die weitere Entwicklung der Stadt und ihres Umlandes braucht, ist der Landbesitz der Einhei-mischen auf die für sie vorgesehenen Reservate be-schränkt.

Der Aufstand soll mit der Übernahme des Gewehrdepots der Polizeitruppe beginnen. Enden soll der Aufstand mit der Verteilung der weißen Frauen an die Häuptlinge. Wieder wird als Zeitpunkt des Losschlagens der Morgen nach der Abfahrt des Postdampfers gewählt, weil dann die Weißen nach dem Besäufnis auf dem Schiff ihren Rausch ausschlafen.

Paul Ebert, Kommandant des in der Südsee stationierten Kriegsschiffes Cormoran, zur Wahl des Zeitpunktes für den Beginn des Aufstandes: »Eine Begründung, die tief Blicken ließ, einer gewissen Komik nicht entbehrte und der Beobachtungsgabe der Schwarzen alle Ehre mach-te.«

Aber auch diese »sehr gefährliche Verschwörung der benachbarten Eingeborenendörfer« wird aus den eige-nen Reihen verraten. Die Haupträdelsführer werden festgenommen und auf das Bismarck-Archipel ver-bannt. Die beteiligten Dörfer Siar, Ragetta, Panutibun, Beliao und Jakob werden an der Rai-Küste und bei Kap Croisilles angesiedelt und ihr Landbesitz bei Friedrich-Wilhelmshafen wird eingezogen.


Mit der Entdeckung von Gold am Wariafluß ganz im Osten von Kaiser-Wilhelms-Land, im Grenzgebiet zu Britisch Neuguinea, wird die Gegend, die sonst besten-falls Paradiesvogeljäger aufsuchen, ein Tummelplatz für Abenteurer und um die Verhältnisse vor Ort unter Kon-trolle zu bekommen wird dort 1908 am Adolfhafen, in den der Morobe mündet, eine Station eingerichtet. Wie üblich heißt auch hier eine Bucht Hafen, weil sie als Hafen nutzbar ist.

Im November 1908 geht der Dampfer Manila auf seine reguläre Fahrt von Rabaul nach Singapur. An Bord hat er auch einen Polizeimeister, 30 eingeborene Polizisten und 50 angeworbene Arbeiter für die neue Station, wo der Stationsleiter bereits seit Monaten mit einer kleinen Truppe Vorarbeiten geleistet hat. Dieses Vorauskom-mando war mit dem notwendigen Material vom Regie-rungsdampfer Seestern angelandet worden. Zum weite-ren Aufbau der Station hat die Manila nun zwei große Boote, Baumaterial, allerhand Werkzeug zum Abholzen der bewaldeten Höhen und auf dem Vordeck zwölfhun-dert Planken für den Bau von Häusern und Schuppen dabei. Die neue Station wird auch gleich in den regel-mäßigen Fahrplan der Manila aufgenommen.

Die Station wird ständig ausgebaut. Ein hölzerner Leuchtturm wird errichtet, Kokospflänzlinge werden gesetzt, ein breiter Reit- und Fahrweg zum Waria in Richtung Britisch Neuguinea wird gebaut, ein Kranken-haus für die Eingeborenen eingerichtet und die ersten Händler siedeln sich am Schiffsanlegeplatz an neben dem Gouvernementsschuppen für Vorräte und Boote. Die Station selbst liegt auf den Hügeln ringsherum.

Vom Ufer zu den Stationsgebäuden auf den Hügeln ist eine breite Straße angelegt und mit bunten Kroton- und Zitronellagräsern eingefaßt. In Serpentinen geht die Straße nach oben. Für Bequeme ist ein Rikschafahr-dienst eingerichtet. Dafür wurde eine alte chinesische Rikscha importiert und ein paar einheimische Jungens ziehen und schieben das Gefährt in einer Viertelstunde hügelhoch. Bezahlung: Eine Stange Tradetabak und die Jungs antworten: „Dankesöön!“

Die Station wird am 1. April 1910 zum dritten Stations-bezirk mit Namen Morobe des Kaiser-Wilhelms-Landes erhoben. Am Sitz der Station wird  auch eine Postagen-tur eingerichtet und die Neuendettelsauer Missionsge-sellschaft betreibt eine Missionsstation. Der Stations-leiter arbeitet mit seinem englischen Pendant auf der anderen Seite der Grenze zusammen, das auch deshalb, weil die Goldsucher am Warifluß hauptsächlich Austra-lier sind, eine wilde, verwegene Gesellschaft, und vom britischen Teil Neuguineas herüberkommen.


Bei einem Landgang 1909 im neu in den Fahrplan des Reichspostdampfers Manila aufgenommenen Adolf-hafen ist der Kapitän des Dampfers, Hans Minssen, selbst auf Entdeckungstour im Gebiet. Er rudert mit einem Boot des Dampfers und mit vier bewaffneten Polizeisoldaten der Station zur Sicherheit und auch als Ruderer mit zwei abenteuerlustigen Passagieren mit Tauschartikeln wie Streichhölzern, Tabak, bunten Glas-perlen, Angelhaken, Armreifen aus Porzellan und roten Lavatops – Lendentüchern – in den Morobe hinein, in ein zwei Stunden entferntes Papuadorf. Auf dem Weg dahin kommt ihnen ein seefähiges Kanu mit einem Dutzend Steinzeitmenschen darin entgegen. Sie sind mit der Landestracht, einem Bastschurz, bekleidet und ihre Ohren und Nasen sind durchbohrt und darin sind Muschelschalen und Bastringe eingehängt. Das Boot wird herangewunken für einen Tauschhandel.

Die Wilden haben Speere, Bogen und Pfeile, einige Kokosnüsse, Jams und andere Feldfrüchte dabei für einen Handel in der Station und mit dem eingetroffenen Schiff. Minssen ist an einer großen wunderschönen Schildplattschale interessiert, in der Gemüse liegt, aber die Eingeborenen wollen sie nicht tauschen. Als Min-ssen mitgebrachtes Butterbrot aus Pergamentpapier und einer alten Zeitung auspackt kommt Bewegung in die Verhandlungen. Jetzt nimmt sich der Älteste der Kanuleute die alte Zeitung und mit einem fragend Blick, ob Minssen mit dem Tausch einverstanden ist, reicht er ihm die Schale. Der verdutzte Kapitän ist natürlich sofort einverstanden und bekommt so doch noch die Schild-plattschale. Der Älteste schaut zufrieden und sogleich verschwindet das Kanu.

Da die Steinzeitmenschen wohl kaum Lesen können bleiben die Weißen staunend zurück. Einer der Einge-borenen-Polizisten erklärt die Sachlage. Die Einheimi-schen sind leidenschaftliche Raucher und ziehen selbst Tabak. Die leichtgetrockneten Blätter rollen sie zusam-men und nehmen als Deckblatt dünne Maishülsen oder Baumblätter. Papier aber ist für sie das idealste Deck-blatt, weil es nicht den Beigeschmack der Maishülsen oder Blätter hat.

Paradiesvögel gibt es am Fluß, wie Minssen seinen Passagieren versprach, keine zu sehen. Wahrscheinlich sind schon alle von Paradiesvogeljägern abgeschossen. Nur Papageien sind zu sehen, diese aber in allen mög-lichen Größen und Farben. Obwohl Minssen den beiden Passagieren abrät werden einige geschossen. In den meisten Fällen werden dann diese Bälge doch wieder weggeworfen.

Das eigentliche Ziel, das Dorf von dreißig Hütten auf starken Pfählen rund um den Marktplatz, wird noch besucht und die mitgebrachten Handelswaren gegen Schmuck und Waffen getauscht.

Als die Tauschhandelsgesellschaft auf die Manila zu-rückkehrt, setzt dort eine wilde Jagd nach Papier aller Art ein. Jeder versucht, soviel wie möglich davon zu sammeln und rudert an Land, um damit die Eingebo-renen zu beglücken und dafür allerhand begehrte Dinge einzutauschen. Selbst die Rollen aus den WCs ver-schwinden spurlos und werden von den Wilden beson-ders begehrt.

Der chinesische Oberkoch der Manila macht das beste Geschäft. Für zwei Rollen Klopapier tauscht er eine fette Sau mit ihrem Ferkel ein. Doch schon ein halbes Jahr später sind die Wilden nicht mehr so wild auf Papier, sondern auf Geld. Schon eine normale Schildplattschale kostet nun 30 Mark.

Auf einer anderen Tour im Urwald beim Adolfhafen ist Minssen mit seinem Obermaschinisten und dem Schießjungen des Stationsleiters als Lotsen und Fach-mann mit einem kleinen Boot auf Paradiesvogeljagd in den Sümpfen des Waria. Statt eines Paradiesvogels schießen sie einen Nashornvogel. Der erschossene Vo-gel stürzt, sich in der Luft überschlagend, ins Dickicht und die Suche nach ihm geht los. Auf der Erde krie-chend, über gefallene, morsche Stämme hinwegklet-ternd, festgehalten durch nadelscharfe Dornen von Ro-tang und anderen Schlingpflanzen, deren Berührung Gesicht und Hände aufreißen und schmerzende Wun-den verursachen, arbeiten sich die drei Vogeljäger lang-sam vorwärts. Kein Schritt ist zu gewinnen ohne den steten Gebrauch des Buschmessers. Meter für Meter muß mit Gewalt dem Dickicht abgerungen werden. Der Nachttau im dicken Untergestrüpp ist noch nicht von der Sonne aufgesogen, sondern rieselt in Tropfen an Zweigen und Schlinggewächsen herab, stärker nässend als Regen. Zu all dieser Plage kommt noch der Schweiß, der infolge der ungewohnten Arbeit in erstickender schwüler Luft aus allen Poren dringt. Endlich meldet der Zuruf des Schießjungen, daß er den Vogel geborgen habe. Er hat ihn in einer Baumkrone entdeckt, während die beiden deutschen Schiffsoffiziere nur am Boden suchten.

Und To Kaur, der Schießjunge, hilft den beiden Jägern noch einmal. Sie haben jetzt fürchterlichen Durst, aber das Boot mit den Getränken darin ist für die Jagd nach dem Vogel schon lange zurückgelassen. To Kaur schlägt mit dem Buschmesser eine Liane durch und zeigt grinsend auf das in schneller Folge aus der Schnittfläche heraustropfende klare Wasser. Der Not gehorchend, versuchen die beiden Weißen die Flüssigkeit und es schmeckt herrlich. Minssen: »Die Europäer hatten wie-der etwas vom Wilden gelernt.«


Die Goldfunde am Waria ziehen hauptsächlich Aus-tralier, Deutsche aber auch andere Nationalitäten an und der Postdampfer Manila bringt die Erfolgreichen aus dem Dschungel weg, während die Glücklosen der Urwald verschluckt. Die Goldsucher sind gestählte Naturen aus Muskeln und Knochen. Nur mit einem leichten Zelt und dem notwendigsten Gerät ausgerüstet, als Proviant höchstens dreißig Pfund Reis und ein paar Konserven, sind diese wagemutigen Abenteurer oft monatelang unterwegs. Strapazen und Krankheiten schrecken sie nicht. Ständig in Gefahr von Eingebo-renen erschlagen zu werden, sind sie allein auf sich selbst, auf ihre Ausdauer und ihre Geistesgegenwart angewiesen. Sie durchstreifen Wildnisse, die noch nie ein Weißer betreten hat, nur die Sonne als Kompaß. Bald wird in Quarzgängen gesprengt, bald versuchen sie ihr Glück mit der mühseligen Arbeit des Goldwaschens. Immer getrieben von ihrem Traum vom schnellen Reichtum. Wer es nach Morobe zurück schafft, unter-scheidet sich wenig von einer wandelnden Leiche. Mit langem Bart, abgerissen und verwildert, bedeckt mit Wunden und Schwären aller Art und halb verhungert kommen sie an. Kapitän Minssen von der Manila möchte so einen Goldfund einmal mit eigenen Augen sehen und fragt einen Goldgräberpassagier, ob er das Ergebnis seiner Suche sehen dürfe. Der Goldgräber ge-leitet Minssen in seine Kabine, die er mit drei anderen Reisenden teilt. Gleichmütig zeigt er auf eine alte schadhafte Ledertasche, die unverschlossen auf dem Sofa liegt. Mehr als zwanzig Kilo Gold befinden sich darin. Erst durch längeres Zureden kann der Kapitän den Goldsucher/Goldfinder dazu veranlassen, die Tasche versiegeln zu lassen und dem Zahlmeister des Schiffes zur Aufbewahrung in seinem Geldschrank zu übergeben.


Im August 1911 spazieren zwei deutsche Marineoffiziere in der Nähe der Polizeistation Morobe am Adolfhafen herum. Die beiden kommen an den höchst primitiv gebauten Bretterbuden zweier deutscher Goldsucher vorbei. Die Offiziere werden verlegen gegrüßt und mit lauernden Blicken gemustert. „Tag – Wohl vom Kriegs-schiff?“

„Ja, wir sind vom Cormoran, was machen Sie denn hier?“

„Gold suchen.“

„Gibt’s denn hier Gold?“

„Gold – massenhaft. Wir haben neulich da an der Mün-dung des Morobéflusses Sand gewaschen, hier, in eini-gen Stunden hatten wir das gefunden – hier.“

Der Ältere zieht einen Lederbeutel heraus und schüttet von dem Inhalt einige Goldkörner in seine Hand, reines schweres Gold. Zwei Körner sind groß wie Haselnuß-kerne.

„Aber länger konnten wir da nicht waschen, dann muß-ten wir weg. Im Busch wurde es lebhaft. Die Schwarzen kamen!“

„Sind sie denn da so gefährlich?“

„Wir haben’s nicht gewagt, länger dort zu bleiben, wir sind davongerudert. Zwei Speere mit der Obsidianspitze – Sie kennen ja die freundlichen Mordinstrumente – flogen uns nach – damned! – Aber sie trafen nicht.“

Die Obsidiansteinspitzen der Speere sind furchtbare Waffen. Sie zersplittern in der Wunde in eine Menge kleiner Teilchen wie sprödes Glas und rufen kaum zu heilende Eiterungen hervor.    

„Viele von uns sind schon den Fluß hinaufgegangen, aber keiner ist zurückgekommen.“

Auch diese beiden Goldsucher werden eines Tages nicht zurückkommen.


Ein Goldgräber, der nur unter dem Namen Fred bekannt ist und gleich gut Deutsch, Englisch, Französisch und Holländisch spricht, dessen Herkunft aber unbekannt ist, hat seinen Stützpunkt in Morobe. Er ist ein finsterer, verschlossener, gefährlicher Bursche über den die dun-kelsten Gerüchte umlaufen.

Eingeborene entfernter Stämme schicken Ankläger zum Stationsleiter von Morobe und daraus ergibt sich das Bild, daß Fred ein Tyrann im Dschungel ist der mit dem Revolver regiert, die Eingeborenen zu Lastenträ-gerdiensten zwingt, sie mißhandelt und dann ohne Be-zahlung fortjagt und sie ihrem Schicksal zwischen feind-lichen Kannibalenstämmen überläßt. Mehrere Schwar-ze hat er erschossen, weil sie ihre Frauen vor ihm schüt-zen wollten. Zeugen und sichere Beweise liegen schließ-lich für eine Verhaftung von Fred vor.

Für die Beamten in der Kolonie ist es von besonderer Wichtigkeit das Vertrauen der Eingeborenen zu gewin-nen, was besonders erfolgreich ist, wenn die Schwarzen sehen, das Weiße für Verbrechen gegen Schwarze be-straft werden. Der Polizeimeister von Morobe zieht mit mehreren schwarzen Soldaten los Fred zu verhaften. Doch Fred zieht seinen Revolver. Der Polizeimeister hat den großen Aufstand in Deutsch Südwestafrika 1904/05 mitgemacht und ist ein erfahrener Soldat. Er zieht schneller und schießt Fred ins Herz.


Im August 1911 ankert das Kriegsschiff Cormoran in Adolfhafen und sein Kommandant Paul Ebert erkundet die Gegend. Er sieht im innersten Winkel der Bucht ein außerordentliches Naturschauspiel. Ein ganz schmaler, etwa acht Meter breiter Durchstich führt zu einem schätzungsweise 15 Quadratkilometer großen Wasser-becken, Martha Müller-See genannt. Bei Ebbe und Flut strömt das Wasser mit großer Gewalt durch den schma-len Durchstich. Eine vorzügliche, natürliche Gelegen-heit für die Anlage eines Sägewerkes, das die großen Holzbestände im umliegenden Urwald nutzen kann.    

Bei einer Wanderung in der Gegend zu einem Einge-borenendorf ist der Weg mühsam. Ebert:

»Mit Freuden begrüßte ich daher die Gelegenheit, eines des Weges kommenden Sohn des Landes mittels Zei-chensprache zu fragen, wie lange wir noch bis zum nächsten Dorfe gebrauchen würden. Daß der Zeiger meiner vorgehaltenen Taschenuhr ihm unverständlich bleiben würde, überraschte mich nicht weiter. Aber nun war er an der Reihe, mich in Verlegenheit zu setzen mit seiner Methode, die Uhrzeit anzugeben. Er stellte sich nämlich aufrecht hin und wies auf seinen eigenen Schatten, indem er mir klarmachte, daß wir am Ziele unserer Wanderung sein würden, wenn der Schatten sich um die von ihm bezeichnete Strecke verkürzt haben würde. Die Zeit, als ich die Helden meiner Lederstrumpfgeschichten auf dem Kriegspfade dem weißen Bruder in der bilderreichen Sprache des letzten Mohikaners in ähnlicher Weise Auskunft erteilten, lag zu weit zurück, als daß ich mit dem verkürzten Schatten etwas anzufangen gewußt hätte, aber ich muß gestehen, daß ich mich durch diesen Sohn der Wildnis etwas beschämt fühlte; wir sogenannten Kulturmenschen ha-ben infolge unserer bequemen technischen Hilfsmittel es leider verlernt, die einfachen und uns jederzeit vor Augen liegenden Zeichen der Natur richtig zu deuten.«

Angekommen in dem ziemlich primitiven Dorf handelt Ebert verschiedene, schmucklose aus schwerem, dunk-len Hartholz hergestellte Speere ein. Als Tauschmittel dient der deutschen Wandergruppe Stangentabak und Zeitungspapier, das die Eingeborenen zum drehen ihrer Glimmstengel benutzen. Nach dem Handel läßt die Wandergruppe als Abschiedsgeschenk einen nicht in Souvenirs umgesetzten Stoß Zeitungspapier auf dem Dorfplatz liegen, zur Freude der Dorfgemeinde. Ein nahegelegenes, aus Buschmaterial errichtetes Rasthaus der Regierung dient als Stätte für das mitgebrachte Mittagessen. Auf dem Rückweg kann Ebert noch eine originale winkelförmige Steinaxt wohl zum Aushöhlen von Baumstämmen für Kanus von einem zufällig daher-kommenden Eingeborenen erwerben. Wo die weißen Händler auftauchen, so rings um Adolfhafen, ver-schwinden solche selbstgefertigten Werkzeuge schnell und werden durch europäische Hobelmesser oder Stemmeisen ersetzt.