Haben die Plantagengesellschaften Kapital im Hinter-grund für ihre Unternehmungen sieht die Lage für klei-ne Siedler gänzlich anders aus. Meist sind sie schon etwa als ehemalige Angestellte einer Pflanzungsgesellschaft mit den Verhältnissen vor Ort vertraut und haben kleine Ersparnisse und Zuschüsse von Verwandten im fernen Deutschland.
Ohne eine finanzielle Basis ist die Anlage einer Pflan-zung aussichtslos, da erst nach Jahren aus ihr erste Ein-nahmen zu erzielen sind. Es muß also zunächst Land, notwendige Ausrüstung und Werkzeug gekauft und schwarze Arbeiter angeworben werden. Meist ist ein Boot ebenso unbedingte Voraussetzung und mit dem Boot können auch Fahrten für zahlende Kunden ge-macht werden.
Um den Pionieren den Anfang zu erleichtern erhalten sie von der Regierung gegen Entrichtung einer jährli-chen Gebühr einen Paradiesvogeljagdschein und damit das Recht, zwei Schießjungen in den weiter einwärts lie-genden Urwald zu schicken. Die schwarzen Jungen ge-hen dann in den Dschungel zur Paradiesvogeljagd und bringen nach ein/zwei Wochen vielleicht nur Wildtau-ben und sonstige Beute für die Küche, vielleicht aber auch ein Dutzend oder mehr der wertvollen Bälge, die mit dem nächsten Dampfer nach Deutschland geschickt werden und deren Erlös die Pflanzung über Wasser hält.
Perlmutt, vom Strand gesammelt, kann auch zusätzli-ches Geld einbringen. Tauschgeschäfte mit den umlie-genden Dörfern liefert Handelskopra und entsprechen-den Verdienst beim Weiterverkauf an die Handelsge-sellschaften. Ist die Handelskopra auch nicht so wertvoll wie die in der Dörre verarbeitete Kokosnuß, so bringt sie doch schnell dringend benötigtes Bargeld.
Einfachste Hütten mit Attap gedeckt, den großen Blät-tern der Nipapalme, bieten wenig mehr als einen Regen-schutz für den Pflanzer und seine Arbeiter. Dann beginnt das Roden des Landes. Jeder Fuß breit Boden muß dem Urwald abgerungen werden. Mit Dynamit sprengt man Baumstümpfe und Wurzelwerk. Feuer vernichtet die vertrockneten Baumleichen und ihre Asche düngt den Boden – dann kann das Pflanzen beginnen. Mit den Jahren werden erste Holzbauten errichtet, die aber noch keineswegs europäischen Ansprüchen genü-gen.
Das Essen für Weiße und Eingeborene besteht aus Jams, Taro, Reis und Büchsenfleisch. Büchsenfleisch gibt es aber nur an Festtagen an denen eine »Tin geschlachtet« wird, wie man in der Kolonie das Öffnen einer Konser-vendose nennt.
Das ganze Unternehmen heißt für den Pionier Arbeit von früh bis spät, ein Kampf mit den Eingeborenen und dem Klima. Ob der Pflanzer gesund ist oder mit vierzig Grad Fieber unter schweren Malariaanfällen leidet, immer muß er auf dem Posten sein. Alles muß er selbst überwachen; denn wenig wird geschafft, wenn das Auge des Herrn nicht überall nach dem Rechten schaut und lobende und ermahnende Worte die Schwarzen an-treiben. Erholungsurlaub, auch wenn er noch so nötig wäre, fällt in dieser Aufbauzeit völlig aus. Jeder Pfennig muß gespart werden, kommt der Pflanzung zugute und der Reparatur und dem Ersatz von Gerät und Werkzeug. Nach etwa zehn Jahren, wenn der Pflanzer solange durchgehalten hat, trägt die Pflanzung sich selbst und beginnt Gewinn abzuwerfen.
Eine andere Sorte Weiße sind die Trader, die Händler, die mit Tauschhandel mit den Eingeborenen in wenigen Jahren das Vermögen machen wollen, welches ihnen ein angenehmes Leben für den Rest ihrer Tage ermöglichen soll. Tabak, Eisenwaren, Stoffe und was sonst noch und nicht zuletzt Alkohol sind ihre Waren gegen Handels-kopra, Schildpatt, Perlmutter, Muscheln und Trepang. Ein Trader in seinem Gebiet ist allein unter Eingebo-renen fern von allen Weißen und jeglicher Hilfe. Ganz auf sich allein gestellt, muß er immer bereit sein, Leben und Eigentum mit der Waffe in der Hand gegen Stein-zeitmenschen, wie gegen gewöhnliche Kriminelle unter den Eingeborenen, zu verteidigen.
Eine besonders schlafraubende Angelegenheit für die Weißen ist Vollmond, weil dann die Einheimischen überall die ganze Nacht auf der Garamut, einer großen Holztrommel mit dumpfem Klang, das Tum-Tum-Tum der Trommel erschallen lassen und dazu Tanzgesänge erklingen. Hat der Weiße dazu einen Malariaanfall liegt er schweißgebadet, mit schmerzendem Kopf und häm-merndem Puls auf seinem Lager und erlebt die Nacht-stunden als eine endlose Qual.
Die häufigen Erdbeben in Neuguinea, wie auch im deutschen Wirtschafts- und Verwaltungszentrum auf der Gazelle-Halbinsel im Bismarck-Archipel, zwingen zu einer angepaßten Bauweise. Um die 20 bis 40 Erdbeben erleben die Bewohner durchschnittlich im Jahr. Deshalb sind die Wohnbauten der Weißen nur leichte Holz-häuser, errichtet auf Tragpfeilern, auch deshalb auf Tragpfeilern, um Insekten wie den Sandfliegen sowohl das Eindringen in die Häuser zu verwehren als auch die Zerstörung der Bauten durch Termitenbefall zu er-schweren. Durch das Einstreichen der Pfosten und Fuß-böden mit Carbolineum kann man Ameisen und Termi-ten einigermaßen vom Zerstören des Holzes abhalten. Um Betten, Tische und Schränke ameisenfrei zu halten stellt man ihre Beine in alte Konservendosen, die mit Petroleum gefüllt sind.
Ein typisches koloniales Wohnhaus in der Südsee ist durchweg aus Holz gebaut und ruht auf Pfählen mit steinernen Füßen. Zwischen Erdboden und Fußboden des Hauses befindet sich aus genannten Gründen ein Freiraum von etwa ein 1-1½ m. Rings um das Haus, oder zumindest an den Längsseiten, läuft eine breite Veran-da, die in ausgiebiger Weise zu Wohnzwecken genutzt wird, und während des größten Teils des Tages den Bewohnern als Aufenthaltsraum dient.
Das Normalhaus besteht aus drei Räumen, einem mitt-leren Hauptwohnraum, und zwei zu beiden Seiten an-schließende Nebenwohnräume, von denen einer als Speisezimmer und der andere als Schlafzimmer ge-braucht wird. Vom großen Mittelraum führen zwei gegenüberliegende breite, meist offen gehaltene Türen ins Freie beziehungsweise auf die Veranda, sodaß ein ständiger erfrischender Luftzug ermöglicht ist. Ein grö-ßeres derartiges Tropenhaus ist mit mehr Zimmern ausgestattet oder auch zweistöckig.
Unentbehrlich ist der von jedem Tropenbewohner meist mehrere Male am Tag in Anspruch genommene Bade-raum. Wirtschafts- und Küchenräume sind meist in ei-nem besonderen Nebengebäude untergebracht, ebenso die Wohngelasse der schwarzen Dienerschaft.
Eine schwierige Aufgabe bildet die Wasserversorgung. Man ist auf Regenwasser angewiesen, das durch Rinnen vom Wellblechdach aus in große, bei jedem Hause ste-hende, blecherne, oben verdeckte Tanks geleitet wird, sofern nicht größere Zisternen im Gebrauch sind. Die ausschließliche Verwendung von Holz als Baumaterial ist durch die klimatischen Verhältnisse geboten. Jede steinerne Konstruktion verbietet sich durch die häufi-gen Erdbeben.
Sitzen die Deutschen beim Bier, wenn ein Erdbeben einsetzt, greifen sie zuerst zum Bier, um das Glas und seinen Inhalt zu retten. Wird das Beben stärker gehen sie mit ihren Biergläsern nach draußen, bis das Beben vorüber ist.
Grundproblem beim Biertrinken ist das Kühlen des kostbaren Getränkes. Bessere Örtlichkeiten wie gute Hotels benutzen eine 5%ige Salpeterlösung. Damit ge-lingt es, die Flaschen um 5 bis 6 Grad herunterzukühlen. Die sonst übliche Methode Bier zu kühlen besteht in Strohhülsen um die Flaschen, auf die ständig Wasser tropft. Ein Segen sind da die großen Schiffe. Wenn eines im Hafen anlegt kommen alle Deutschen in der Nähe an Bord und erfreuen sich am Bier, welches von der bord-eigenen Eismaschine gekühlt wird.
Mit der Ankunft von mehr Auswanderern erfährt auch das soziale Leben der Weißen eine Verbesserung. Die Pflanzersgattin Emmy Müller schreibt 1910: »Wir haben jetzt schon unsere Teekränzchen, Tennisspiele, musika-lischen Aufführungen unter Musikfreunden, hin und wieder eine Reitpartie oder Picknicks und größere Fest-lichkeiten als willkommene Unterbrechung des hiesi-gen, sonst stillen und arbeitsreichen Daseins.«
Eine weitere Unterhaltung bietet das Grammophon mit seinen Schallplatten, das auch in den Kolonien Einzug hält. Paul Ebert, von 1911 bis 1913 Kommandant des in der Südsee stationierten Kreuzers Cormoran, berichtet über ein Erlebnis, als sein Schiff an seinem Liegeplatz bei Rabaul liegt: »Einmal stutzte ich: Klar und deutlich klangen Melodie und Text eines bei meiner Abfahrt aus Deutschland [März 1911] dort gerade hochmodernen Tingeltangelliedes an mein Ohr. Die schwarze Insassin eines der herumlungernden Kanus entpuppte sich als Sängerin, weiß der Teufel, wo und von wem sie das auf-geschnappt hatte; wahrscheinlich war eines der zahlrei-chen Grammophone, die den jungen und alten weißen Ansiedlern die langen Abendstunden der Tropen ver-treiben halfen, ihr Lehrmeister gewesen.«
Die deutsche männliche Bevölkerung ist üblicherweise in leichte schneeweiße Anzüge mit Tropenhelm beklei-det. Das unterscheidet sie auch deutlich im Aussehen von der Eingeborenenbevölkerung in Stadt und Land und etwa bei der Begrüßung eines anlegenden Schiffes, wenn die farbigen Arbeiter ebenfalls auf der Landungs-brücke stehen für die anfallenden Arbeiten zum Fest-machen des Schiffes mit Tauen und den folgenden Ent-ladungsarbeiten.
Das Ereignis für alle Deutschen ist das Eintreffen des Reichspostdampfers, sofern sie in der Nähe eines An-laufhafens des Dampfers wohnen. Es ist die einzige größere Abwechslung alle ein oder zwei Monate. Je nach Größe des Hafens mehr oder weniger laut und bunt. Die deutsche männliche Bevölkerung ist üblicherweise in leichte schneeweiße Anzüge mit Tropenhelm bekleidet. Das unterscheidet sie auch deutlich im Aussehen von der Eingeborenenbevölkerung in Stadt und Land und etwa bei der Begrüßung eines anlegenden Schiffes, wenn die farbigen Arbeiter ebenfalls auf der Landungs-brücke stehen für die anfallenden Arbeiten zum Fest-machen des Schiffes mit Tauen und den folgenden Entladungsarbeiten.
Besonders wichtig für die Kolonisten ist bei der Ankunft eines Dampfers die Post aus der Heimat. Freudige Rufe künden von guten Nachrichten von zu Hause, ein an-derer erbleicht ob des Unglücks oder Todes eines Fami-lienangehörigen und anstatt in fröhlicher Gesellschaft zu zechen, schleicht er still in eine einsame Ecke des Schiffes, um alleine zu sein in seinem Kummer. Ver-träumt durchfliegt ein anderer die eng beschriebenen Blätter. Reisende versuchen von den Alteingesessenen Auskunft über die Verhältnisse ihres Bestimmungsortes zu erlangen. Glücksstrahlende Urlauber verhandeln schon jetzt mit dem Obersteward über einen guten Kabi-nenplatz für die bevorstehende Heimreise und erkun-digen sich nach dem Namen des Anschlußdampfers und alle einschlägigen Einzelheiten, obwohl vielleicht noch Monate bis zum Urlaub vergehen. Laute Unterhaltun-gen, Lachen und Aufträge an die chinesischen Stewards, die immer neue Fuhren kühlen Bieres heranschleppen. Schwarze Jungs suchen ihre Herren, bringen Meldun-gen, verlangen Auskunft oder rufen zum Ladungsemp-fang, denn die Winden haben längst ihre Arbeit begon-nen und schwingen Lasten über die Seite in die Boote.