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Verwaltung I

Für eine wirkungsvolle und reibungslose Verwaltung ernennt Gouverneur Albert Hahl, der von 1902 bis 1914 das Amt führt, auf Neuguinea und dem Bismarck-Archipel »farbige Ortsvorsteher«, die Luluais, die die Brücke zwischen der deutschen Verwaltung und den Einheimischen bilden. Meist ist der Luluai ein früherer Arbeiter der Neuguinea Kompagnie und spricht Pidgin-Englisch. So kennt er die Verhältnisse bei Weiß und Schwarz und kann sich mit beiden verständigen. Durch seine ehemalige Anstellung bei den Weißen hat er automatisch einen höheren Rang bei der Bevölkerung.

Der Titel Luluai ist geschickt gewählt, bedeutet er doch in der Sprache der Tolai ›Kämpfer‹, ›Held‹. Um die Be-deutung der Luluais gegenüber der Bevölkerung weiter zu heben bekommen sie eine Dienstmütze, eine Art Marschallstab und einen Ausweis mit einem großen Amtsstempel.

Die kleineren Verwaltungsangelegenheiten und die nie-dere Rechtssprechung ist den Luluais übertragen. Sie regeln Rechtsstreitigkeiten in Übereinstimmung mit den traditionellen Gebräuchen. Das System eingebore-ner Mitverwaltung durch die Luluais erweist sich als sehr wirksam für die innere Sicherheit der Kolonie und die Erschließung des Hinterlandes.

Mit der Möglichkeit von freiwerdendem einheimischen Personal, das unter deutscher Führung stand und ent-sprechend gedrillt ist, gewöhnlich aus dem Polizeidienst in ihre Dörfer zurückkehrende Söldner, gibt Hahl diese Leute den Luluais als ›Tultuls‹, als einheimische Assis-tenten bei.

Das Luluai-System setzt die willkürliche Herrschaft der bisherigen Oberhäupter im Land außer Kraft und ersetzt sie durch ein für alle Einheimischen gleich geltendes Recht.

Bei der Einführung der Luluais sind auch die Missionen mit ihren Landes- und Sprachkenntnissen als Mittler zwischen den Farbigen und der deutschen Verwaltung wichtig. Ein Luluai wird für seine Tätigkeit bezahlt und hat als Leistung für die koloniale Gesellschaft von Weiß und Farbig unbezahlte Arbeit seiner Untergebenen, meistens für Wegebau, als Steuerleistung zu stellen und hat seit 1906 auch die Kopfsteuer einzusammeln. Von der Kopfsteuer können die Luluais 10 % für sich be-halten. Dieser Anreiz führt natürlich dazu, daß die Lulais von selbst alle Steuerpflichtigen erfassen und sie Be-steuern, um selbst höchstmögliche Einnahmen zu erzie-len. Das Luluai-System trägt auch zur Einfügung der einheimischen Bevölkerung in die deutsche Kolonial-wirtschaft bei. 

Das Luluai-System kann nur in den unmittelbar die wei-ßen Siedlungen umgebenden Bereichen verbreitet wer-den, da es sich schließlich auf die Macht der deutschen Verwaltung stützt, die soweit reicht, wie die Polizeisol-daten der Kolonialverwaltung wirken können. Mit der Erweiterung des deutschen Einflusses von den von Wei-ßen besiedelten Küstengebieten von Neuguinea und den Inseln des Bismarck-Archipels erweitert sich auch das Gebiet unter der Verwaltung von Luluais ins Inland der Inseln und von Neuguinea.


Gouverneur Hahls Strategie zur Entwicklung der Ko-lonie besteht in einem Stufenplan. Zunächst werden Regierungsstationen als sichtbares Zeichen deutscher Herrschaft gegründet. Dann folgt die Ernennung von Luluais für die verwaltungstechnische Durchdringung des Gebietes der Regierungsstation. Danach erfolgt die Einführung einer vierwöchigen Arbeitspflicht für alle Männer. Die Arbeitspflicht wird hauptsächlich im Stra-ßenbau abgeleistet. Anschließend erfolgt anstelle der Arbeitspflicht die Erhebung der Kopfsteuer durch den Luluai. Die Durchführung der einzelnen Schritte wird flexibel gehandhabt.

Zur Einschüchterung von Dörfern, die ihren Pflichten, wie zum Beispiel Wegebau, nicht gut genug nachkom-men, gibt es eine besondere Methode, wenn diese Dör-fer an der Küste liegen. Der örtliche Polizeimeister, im Wissen, daß in nächster Zeit ein Kriegsschiff vor Ort eintreffen wird, erklärt den Leuten in Pidgin-Englisch: „Ihr faul gewesen. Wenn Kriegsschiff kommt, dann wird Kapitän das Stück Sonne, das er vom großen Geist be-kommen hat, in den Busch und in eure Hütten hinein-leuchten lassen, und der große Geist wird sehen kön-nen, was ihr des nachts im Busche treibt.“

Kommt nun das Kriegsschiff vorbei, strahlt es nachts mit seinem Scheinwerfer in das Dorf und seine Um-gebung. Kaum ist der Scheinwerfer aufgeblitzt und sein Lichtkegel schweift herum, schreit es aus hundert angsterfüllten Kehlen im Busch und in den Palm-blatthütten, durch deren dünne Wände das starke Scheinwerferlicht hindurchdringt. Männer, Frauen und Kinder rennen in Todesangst durcheinander und das Ansehen des Polizeimeisters und die Disziplin der Einheimischen sind gewaltig gewachsen.


Aus einem Bericht des Vermessungsschiffes SMS Planet von seiner großen Forschungsfahrt von 1906:

»Die Beruhigung der eingeborenen Bevölkerung schrei-tet stets vorwärts; dort wo Regierungsstationen sind, ist der Friede gesichert, aber auch nur dort. Besonders Neuguinea ist in dieser Hinsicht unsicher. Selbst an der Küste, wo die beiden Regierungsstationen Friedrich-Wilhelms-Hafen und Eitape sowie die Missionssta-tionen die Küstenvölker in Ruhe halten, kann durch plötzlichen Einbruch eines Stammes der Bergvölker der Friede jederzeit gestört werden. Hie Bergstamm, hie Küstenstamm; beide bekriegen sich in grimmiger Fehde wie auf den Admiralitätsinseln die Manus mit den Usiai. Kannibalismus ist außerhalb der Machtsphäre der Re-gierung noch in vollem Gange; schon in der Sprache einzelner Stämme gibt sich dies kund; so findet man auf der Gazellehalbinsel für Gras den Ausdruck Kumba na virua = Lager für die Aufzuessenden oder auch poka na virua = wo man die Aufzuessenden zerwirkt

Das innere von Neuguinea ist ein völlig unsicheres Ge-biet, in das der Arm der Regierung noch nicht reicht. Gelegentliche Strafzüge der Polizeitruppe sind nahezu erfolglos, da sich die Eingeborenen sofort in das unweg-same Innere flüchten. Vermehrung der Polizeistationen und Wegebau werden hier erst Besserung schaffen. Vor-läufig wird mit stetem Grenzkrieg zu rechnen sein.

Irgendwelche Verbände unter den Eingeborenen – Sippen – fehlen. Es fehlt bei den Wilden der Begriff des einheitlichen Zusammenwirkens. … Allmählich kommt Ordnung in diese ungeordneten Zustände und bereits sind durch die Regierung Verbände eingeführt mit ei-nem Oberhaupt (luluai), der auch äußerlich durch Ver-leihung eines Stabes mit silbernem Kopf kenntlich ge-macht ist. Weiter geschieht die Erziehung der Eingebo-renen durch Frohne, Kopfsteuer, Schutzländereien, An-bauzwang unter Aufsicht, Pflege der Gesundheit und Errichtung von Handwerkerschulen neben den Missi-onsschulen.«


Zuweilen ergibt sich ein Problem bei der Anwerbung von Arbeitskräften von Küstenstämmen. Wenn die jun-gen kräftigen Männer auf Plantagenarbeit gehen sind ihre Dörfer den im Inland in den Bergen lebenden Stäm-men schutzlos ausgeliefert. Einige Bergstämme nutzen die Gelegenheit und überfallen diese Küstenstämme. Dann muß die deutsche Verwaltung mit Polizeistraf-aktionen gegen diese Bergstämme vorgehen.

Der Bezirksamtmann Full mit Sitz in Herbertshöhe er-zählt 1908: „Geges aus Buntur, der war kein Freund der Weißen. Er überfiel die Küstendörfer, die zu uns halten, und nahm stets reiche Beute an Menschenfleisch mit zurück in die Berge. Bei unserer Gegenaktion wurden er und acht seiner Leute erschossen. Wir selbst hatten keine Verluste. Wie wir dann hörten, hatte er die Leichen immer ausnehmen lassen und die Körperhöhle mit Bananen und Taro gefüllt, genauso wie bei uns zu Hause die Weihnachtsgänse gefüllt werden.“


Die Missionen sind Träger der Schulbildung als Teil ihrer selbstgestellten Aufgabe der Missionierung der Eingeborenen. Die Eingeborenen haben aber ihre eige-nen Vorstellungen über ihre Missionierung. Eine Ge-schichte besagt, daß in einer Missionskirche auf Neu-pommern die Kirchgänger nach jedem Gottesdienst ein Stück des vielbegehrten Stangentabaks erhielten. Der neu herausgekommene Bischof schafft diesen Brauch ab und muß sehr bald eine starke Abnahme des Kirchenbesuches erleben. Er reist deshalb auf die Dörfer und erkundigt sich nach dem Grund, worauf er prompt überall dieselbe Antwort erhält: „No more tobacco, no more hallelujah.“


1913 ist man in der topographischen Erforschung Deutsch Neuguineas so weit, daß die Schaffung einer 17 Blatt-Karte von Kaiserwilhelmsland und dem Bismarck-archipel im Maßstab 1 : 300.000 in Angriff genommen werden kann, aber weite Flächen werden auf den Karten noch leer bleiben. Deutsch Neuguinea ist von allen deut-schen Kolonien noch am wenigsten erforscht, auch we-gen seiner schwer zugänglichen Gebirgswelten. Desglei-chen zeigt auch ein Vergleich der Landverkehrswege und der wirtschaftlichen Entwicklung, daß es gegenüber den übrigen Kolonien entschieden zurückliegt, und das-selbe gilt von der politischen Befriedung der Eingebo-renenbevölkerung, die allerdings oft noch auf Steinzeit-niveau lebt und folglich unendlich fern einer europäi-schen Vorstellung von Gesellschaftsordnung ist, der sie sich nun einfügen soll. Deutsch Neuguinea hat eben mit seinen Steinzeitmenschen von allen deutschen Kolo-nien die zurückgebliebenste Bevölkerung.   

Der Ethnologe Karl Sapper schreibt 1913: »Wie wäre es, wenn man der Regierung des Schutzgebiets dauernd einen erfahrenen taktvollen Ethnologen, der volles Ver-ständnis für die Eingeborenen besäße, als Berater in allen Eingeborenen-Angelegenheiten beigäbe?«