Zur Erkundung der Bucht von Kiautschou verläßt im Juli 1896 das Kanonenboot Iltis die Reede von Tschi-fu und nimmt Kurs auf die Bucht von Kiautschou. Kapitän-leutnant Braun, ein enger Vertrauter des Chefs des Ostasiengeschwaders Konteradmiral Alfred von Tirpitz, soll in dessen Auftrag die Bucht auf ihre Eignung als Stützpunkt untersuchen. Ab Kap Schantung verschlech-tert sich das Wetter. Ostwind der Stärke 7-8 drückt das Boot gegen Land. Am 23. Juli nachts wird die SMS Iltis auf die Klippen geworfen und zerbricht in zwei Teile. Nur 11 Matrosen können gerettet werden. 79 Mann, darunter der Kapitän und alle Offiziere sterben den Seemannstod. Als am 28. Juli 1896 die Trauerbotschaft beim Geschwader in Tschi-fu eintrifft, schickt der Admi-ral die Kreuzer Arcona und Cormoran zur Unglücks-stelle um die Leichen zu bestatten. Sie können jedoch nur noch 27 tote Kameraden bergen, denen ein eigener Friedhof errichtet wird. Ein Denkmal wird gestiftet und am 21. November 1898 in Schanghai aufgestellt.
Auf einem ummauerten Friedhof unfern der Stran-dungsstelle, in der Nähe eines Leuchtturms liegen von den Toten der Iltis die, die die See wieder heraus-gegeben hat. Der Leuchtturmwärter, ein Deutscher, hält den von den deutschen Kriegsschiffen alljährlich be-suchten Friedhof instand. Auf dem Friedhof kündet ein schlichter, weißer Obelisk von den Namen und dem Geschick der Seeleute.
Marinepfarrer Weicker: »Tsingtau ist die Erholungssta-tion für das Ostasiatische Kreuzergeschwader. Früher gingen die Schiffe, um den Besatzungen eine Erholung zu schaffen, fast jedes Jahr mehrere Wochen nach Japan. Jetzt geben die Schiffe in Tsingtau ihre Kranken an das Lazarett ab. Die durch Dysenterie geschwächten Leute werden ein paar Wochen hinauf in den Lauschan ins Genesungsheim geschickt und kehren neu gekräf-tigt an Bord ihrer Schiffe zurück. Schon mancher hat es Tsingtau zu verdanken, daß er gesund die Heimat wie-dergesehen hat. Besonders dankbar werden militärische Spaziergänge begrüßt. Dann geht es ohne Gewehr, aber mit allem, was zum Abkochen nötig ist in die Prinz-Heinrich-Berge oder nach dem romantischen Taoisten-kloster Tai tsching kung oder sonst einem schönen Punkte der Umgebung. Gelegentlich werden wohl auch einmal die Kantinenersparnisse dazu verwendet, mit der Eisenbahn gemeinsam nach der Stadt Kiautschou zu fahren, damit sich keiner zu Hause vorwerfen zu lassen braucht: Du warst in Kiautschou — und bist nicht in Kiautschou gewesen?
Auch der Ausbildung der Mannschaften kommt Tsing-tau zugute. Schießübungen, Landungsmanöver und der-gleichen können jetzt hier viel planmäßiger betrieben werden als früher, wo erst von Fall zu Fall China um seine Erlaubnis gebeten werden mußte.«
Am 9. Juni 1912 trifft hoher Besuch in Tsingtau ein. Prinz Waldemar von Preußen, Sohn des Großadmirals Prinz Heinrich von Preußen, stattet auf seiner Ostasienfahrt der Kolonie einen Besuch ab. Zum militärischen Emp-fang versammeln sich an diesem Sonntage früh die Offizierskorps der Kriegsschiffe und der Garnison in blendend weißer Tropenuniform an der Mole 2 des Hafens und nehmen Aufstellung. Um Punkt zehn Uhr legt der Kleine Kreuzer Leipzig, der den Prinzen abge-holt hat, an der Mole an, und die Vorstellung der ein-zelnen Offizierskorps beginnt. Einige Tage später findet dann beim Gouverneur, Kapitän zur See Meyer-Wal-deck, wo der Prinz wohnt, ein Abendempfang statt, an dem alles was Rang und Namen hat in Tsingtau teil-nimmt.
In dieser Zeit findet auch die alljährliche Ablösung einer jeweiligen Hälfte der in Ostasien stationierten Besatzun-gen der Kriegsschiffe statt und ein großer Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie, die Patricia, bringt die Abge-lösten zurück in die Heimat. Seit 1910 wird die Patricia der HAPAG für Ablösungstransporte der Garnison in Kiautschou und des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders eingesetzt. Sie ist das größte Handelsschiff, das die Route Europa-Ostasien befährt. Das 178 m lange 14.500 BRT große Passagierschiff befördert auch Fracht und ist normalerweise als Auswandererschiff nach New York unterwegs. Zwischendurch wird die Patricia als Ablöse-transporter nach Tsingtau gechartert.
So verläßt die Patricia auch am 9. Juni 1914 Tsingtau wieder, nachdem sie 800 Ablösesoldaten aus Deutsch-land für das Ostasiatische Geschwader herangebracht hat, zu ihrer sechswöchigen Rückreise. Ein deutscher Marineoffizier schreibt: »Unendlich lange Heimatwim-pel flatterten in den verschiedensten Farben von den vier Masten, bis in die blaue Flut hinab. Brausende Hurras dröhnten als Abschiedsgruß von den Kriegs-schiffen zu den an Deck des Ablösungsdampfers ste-henden Kameraden hinüber, und nicht minder frisch ward uns ihre Antwort zuteil, während die Musik Abschiedslieder und -märsche spielte. Die Entfernung wurde größer, das Schiff entschwand hinter Ju=nui=san, und wir blieben allein da draußen im fernen Osten.«
Am 20. Juli 1914 kommt der Ablösetransporter wieder in Wilhelmshaven an.
Am 12. Juni 1914 kommt das Flaggschiff des britischen Ostasiengeschwaders, der Panzerkreuzer Minotaur, zu Besuch nach Tsingtau. Zum Jahreswechsel 1913/1914 hatte das Flaggschiff des deutschen Ostasiengeschwa-ders, der Panzerkreuzer Scharnhorst, Hongkong, die Hauptmarinebasis der Briten in Ostasien, besucht.
Für die Besatzung des Royal Navy-Schiffes und der im Hafen liegenden deutschen Kriegsschiffe werden ver-schiedene Veranstaltungen wie Sportwettkämpfe und abendliche Festivitäten ausgerichtet. Auch die in Kiau-tschou liegende Marineinfanterie, das III. Seebataillon, ist am Besuch der Minotaur beteiligt und die Bevöl-kerung der Stadt kann an einigen Veranstaltungen und Festlichkeiten teilnehmen. Alle erfreuen sich an der abendlichen Hafenillumination und den Feuerwerken. Am 16. Juni verläßt die Minotaur Tsingtau wieder.
Kurz nach der Abreise des britischen Flaggschiffs gehen Scharnhorst und Gneisenau auf ihre Südseereisen. Diese beiden Großen Kreuzer sind im Gegensatz zu den wesentlich kleineren Kleinen Kreuzern gepanzert und werden deshalb auch Panzerkreuzer genannt. Im Sep-tember sollen die Schiffe wieder in Tsingtau sein.
Der Kleine Kreuzer Emden soll Mitte August für zwei Monate ins heiße Schanghai und ins noch heißere Hankau gehen, aber vorerst ist man in diesem beson-ders heißen Sommer glücklich bei diesem Klima noch in Kiautschou bleiben zu dürfen. Unterbrochen wird der Aufenthalt der Emden in Tsingtau nur von verschie-denen Manöverübungen wie Artillerieschießen und Landungen des Landungskorps des Schiffes. Für die Kriegsschiffe auf Auslandsstation sind Truppenlan-dungen eine selbstverständliche Übung, um jederzeit in den eigenen Kolonien, als auch weltweit, an Land militärisch eingreifen zu können. Besonders wird aber auch auf der Emden auf die Ausbildung der Besatzung im Schwimmen geachtet. Merkwürdigerweise sind viele Matrosen Nichtschwimmer und Schwimmen lernen gehört nicht zur Grundausbildung bei der deutschen Kriegsmarine.