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Allgemeine Ereignisse

Eine besondere Sorte Mensch hat sich in Kiautschou unter den Chinesen entwickelt. Die für die Deutschen arbeitenden Lieferanten, Handwerker und dergleichen werden mit deutschen Namen belegt, die auch gleich ihre Geschäftstätigkeit anzeigen, wie Willi Schuster, Franz Schneider, Heini Wäscher. Auch diesen Tsingtau-Chinesen ist das angenehm, weil es ihren geschäftlichen Umgang mit den Weißen sehr erleichtert.

Eine weitere Besonderheit sind die als Diener für Deut-sche arbeitenden Chinesen. Praktisch alle Deutschen in der chinesischen Kolonie des Reiches haben einen Chi-nesen als Diener, und da über 2000 von den Deutschen im Schutzgebiet Marinesoldaten sind sind die meisten dieser Chinesen natürlich im Dienst von deutschen Soldaten.

Als Ende des 19. Jahrhunderts Kiautschou unter deut-sche Herrschaft kommt ist eine Verständigung zwi-schen Chinesen und Deutschen gleich Null, da keiner des anderen Sprache spricht. Nun ist chinesische Arbeitskraft sehr billig und jeder Chinese ist froh bei einem Deutschen Beschäftigung zu finden und die Chi-nesen lernen von ihren Herren deren Sprache. Da dieses Lernen der deutschen Sprache keinerlei Schule unter-worfen ist, lernen die Chinesen das Deutsch, das ihr je-weiliger Herr, meistenteils ein Gewerbetreibender oder eben ein Soldat, spricht: Bayerisch, Berlinisch, Ostpreu-ßisch, Sächsisch, Schwäbisch und so weiter. Und da die Deutschen ihre chinesischen Diener natürlich mit Du ansprechen tun die Chinesen natürlich das Gleiche. Den Unterschied von Du und Sie lernen sie nicht und wissen auch nicht, daß es mehr als unhöflich ist einen Fremden oder Höherrangigen mit Du anzusprechen. So bildet sich in Kiautschou die selbstverständliche Gewohnheit heraus, daß die Chinesen, ohne eine Unhöflichkeit begehen zu wollen, alle Deutschen mit Du anreden und jeder versteht und akzeptiert das. Man ist ja froh überhaupt deutschsprachiges Personal zu haben. Daraus ergeben sich denn natürlich auch für Deutsche, die neu nach China kommen, und diese Sitte nicht kennen, merkwürdige Begebenheiten. Als etwa in den 30er Jahren zwei deutsche Studenten der Sinologie in Peking sich so einen Tsingtau-Boy, wie sie ihr lebenlang heißen, auch wenn sie schon alte Leute sind, als Diener nehmen, benehmen sie sich völlig unpassend ihrem chinesischen Diener August gegenüber, weil sie so einen Chinesen doch für unter ihrer Würde halten. Sie beschimpfen August zuweilen und werfen gar mit ihren Pantoffeln nach ihm. August vergilt es ihnen mit mangelndem Pflichteifer. Ein erfahrener China-Deutscher bemerkt die Unsitten der beiden Studenten ihrem Diener gegenüber und mahnt sie des deutschen Ansehen willens und auf die Landessitten hinweisend August besser zu behandeln. Die deutschen Studenten erklären sich zu einer freundlicheren Behandlung ihres Dieners bereit und nun wird auch August geholt, ihm der Fall erklärt und er verspricht denn auch seine Pflichten getreulich zu erfüllen. Abschließend sagt August: „Wenn ihr mich nich mähr mit eiren dreggschen Pandoffeln schmeißen duht, dann werd ich euch auch gein Hühnerdregg mehr ins Gemüse duhn.“

Im Laufe der Jahre steigen einige dieser Diener mit ihren Deutschkenntnissen und ihrem Wissen über deutsche Haushaltsführung zu Nummer-Eins-Boys in größeren deutschen Haushalten auf und haben das Kommando über alles Hauspersonal, das in Fernost oft sehr umfangreich ist, weil jeder Diener meist nur eine bestimmte Arbeit verrichtet und Personal zudem billig ist. Diese Tsingtau-Boys sind in Ostasien bei deutschen Familien begehrt. Auch der Chef von Siemens in Japan hat einen Tsingtau-Boy als Nummer-Eins-Boy und erklärt einem deutschen Gast über die Tsingtau-Boys: „Ihre Originalität ist uns eine stete Quelle der Heiter-keit, während sie, sofern man sie richtig behandelt, ziemlich ehrlich, recht fleißig und vor allem treu wie Gold sind.“

Als der Japan-Chef von Siemens Ende der 30er Jahre in seinem Haus in Tokio einen Empfang gibt, zu dem auch der deutsche Botschafter in Japan geladen ist, gibt er Jupp, dem Nummer-Eins-Boy, den Auftrag, nach dem Essen den Gästen im Salon auf einem Silbertablett verschiedene Liköre und Schnäpse anzubieten, natür-lich dem Botschafter als erstem. Als es soweit ist tritt Jupp mit dem Likörtablett auf den Botschafter zu mit den Worten: “Na, altes Huhn, was säufst du denn am liebsten?“

Alles erstarrt, aber der Botschafter versteht, lacht und amüsiert sich königlich. Zum Abschied reicht der Botschafter Jupp sogar die Hand.


Ein Ausflug von Offizieren der SMS Cormoran im Juni 1912 von Tsingtau in das zur Kolonie Kiautschou gehö-rende Lauschan-Gebirge gibt ein anschauliches Bild der Landschaft. Die Firma J. Richardt, ein Speditionsge-schäft und Droschkenverleih, stellt den Ausflüglern zwei bespannte Wagen mit chinesischen Kutschern. Das Gebirge liegt an der östlichen Grenze des Schutzge-bietes. Der höchste Berg der Kette, der mit etwa 1130 m die Höhe des Brockens erreichende Lauting, liegt dicht jenseits der Mitte der Ostgrenze der Kolonie. Die ganze Bergkette ist rauh zerklüftet und zerrissen, mit Aus-nahme weniger Täler unbewaldet, mit scharfen Graten und bizarr verzackten Spitzen. Alles Gehölz ist von den Chinesen als Brennholz abgeschlagen. Infolgedessen kann die Verwitterungskruste keinen Halt gewinnen, sondern wird alljährlich zur Regenzeit in die Täler ge-spült, wo sich ungeheuere Schutthalden anhäufen.

Früh um sechs Uhr stehen die beiden bestellten Wagen am Hafen und die Fahrt beginnt. Eine breite, gut ange-legte Fahrstraße führt nach zwei Kilometern zu der chinesischen Arbeiterniederlassung Taitungtschen und weiter auf der Landstraße durch zahlreiche Chinesen-dörfer. Überall sind auf den Feldern die fleißigen Land-bewohner mit der Weizenernte beschäftigt. Nach 15 Kilometern ist Litsun erreicht, wo die Pferde gewechselt werden. Litsun liegt am gleichnamigen Fluß und genießt einen besonderen Ruf wegen seiner vielbesuchten Märkte. Die Offiziersgruppe wird in Litsun vom dort stationierten Marinestabsarzt empfangen. Sie besichti-gen das Marinelazarett, das Gefängnis mit in Ketten gelegten Verbrechern und das frühere Lager der deut-schen Truppen mit dessen ehemaligen Offiziershaus.

Weiter geht die Fahrt entlang des Litsun-Flusses, der vollkommen trocken liegt und nur zur Regenzeit Was-ser führt und dann ein reißender Strom werden kann. Vorbei am Jagdhaus des Jagdvereins von Tsingtau geht es in das Lauschantal. In vielfachen malerischen Win-dungen zieht sich die Straße durch die wilden Gesteins-massen dieses von grotesk verzackten Bergrücken ein-gefaßten Felsentals aufwärts durch das Dorf Tschui-tschui und am von einem Bambushain eingefaßten Tempel Tschuitschuian vorbei. Über die Cäcilienbrücke, benannt nach der Kronprinzessin, geht es weiter zum Ausspann Wangtsytschien. Die letzte Strecke geht es zu Fuß hinauf zu den Mecklenburg-Häusern, einem Gene-sungsheim.

Die Mecklenburg-Häuser führen ihren Namen nach dem Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, dem Präsidenten des Kolonialvereins, der sich um ihre Er-bauung große Verdienst erwarb. Die auf dem Tempelpaß in 450 Metern Höhe liegenden Häuser sind in den Jah-ren 1902 und 1903 erbaut worden und sind ein Gene-sungsheim für Unteroffiziere und Mannschaften sowie als für jedermann gegen Bezahlung offenstehendes Hotel unter der Leitung eines Sanitätsfeldwebels. Eine wundervolle Aussicht eröffnet sich von hier aus auf die Berge und das Lauschantal hinab zum Meer und nach Tsingtau.

Nach dem Mittagessen unternimmt die Gruppe eine Wanderung in die Umgebung zum taoistischen Tempel Peitschiuschiumiau, in dessen Nähe einige kleine Villen in der Bergwelt liegen. Von diesem Tempel weiter wan-dernd erreicht die Gruppe den Tempel ›Waldfrieden‹, ebenfalls ein Taoistentempel, aus mehreren kleinen Häuschen bestehend, die friedlich und idyllisch unter schattigen Bäumen versteckt zwischen grünem Ge-strüpp am wildromantischen Abhang gebettet sind. Hier lagern die Wanderer zur Rast und der Priester des Tempels macht gute Geschäfte mit dem Mineralwasser ›Iltisbrunnen‹. 

Marineoffizier Paul Ebert beschreibt die folgenden Wanderererlebnisse:

»Während wir uns so in angeregter Unterhaltung ver-gnügten, bog plötzlich um die nächste Ecke des viel-gewundenen Bergpfades, an des-sen Rande wir saßen, eine reizende Gruppe: Auf dem Rücken eines gewandt und zierlich zwischen den Steinen dahintrippelnden Esels saß ein junges Chinesenmädchen, angetan mit wundervollen Seidengewändern und im vollen Fest-schmuck, vermutlich eine Braut. Wir waren zunächst so überrascht und starr, daß die Reiterin bereits um die nächste Wegbiegung verschwunden war, als wir die Fassung wiedergewannen. Nun brach aber bei unseren Photographen die Begeisterung gewaltig aus und mit lautem Hallo ging es mit gezückter Kamera hinterher, so daß die junge Schöne nicht schlecht erschrak. Aber bald beruhigte sie sich, als ihr die harmlose kleine Huldigung klar wurde; der Versuch, sie auf die Platte zu bringen, mißlang bedauerlicherweise.

Am folgenden Morgen brachen wir schon um sechs Uhr auf, da eine Besteigung des Lauting beabsichtigt war. Ein paar muntere, halbwüchsige Chinesenjungen dienten uns als Führer und Träger. Über den Ostpaß führte der Weg zur Irenenbaude, einem Häuschen des Tsingtauer Bergvereins, dann weiter zum Lauting. Immer romanti-scher gestaltete sich die Szenerie. Wie von Zyklopen-händen aufgetürmt waren riesige Felsblöcke zu mächti-gen Burgen geschichtet. – Nach etwa drei Stunden hatten wir die Spitze des Lauting erreicht. Auf dem Felsen, der die äußerste Bergspitze bildete, ließen wir uns in Gruppen von vier Personen abwechselnd nieder, um von hier aus den prachtvollen Ausblick zu genießen und der unvermeidlichen photographischen Linse in mehr oder weniger malerischen Stellungen als Ziel-objekt zu dienen.«