Eine gründliche Vermessung schafft die Grundlage für die Anlage von Stadt und Hafen. Die Wohnsitze von Chinesen und Europäern werden örtlich getrennt. Erstere wohnen an der Tsingtau- und der östlich von dieser liegenden Auguste-Viktoria-Bucht. Das ehema-lige Dorf Tsingtau verschwindet dort, mit Ausnahme des ›Yamen‹, einst die Residenz des chinesischen Gouver-neurs, jetzt mit Drachenmauer und Tempelanlage ein reizvolles Denkmal chinesischer Baukunst. An der Nord-seite der Halbinsel, westlich vom Observatoriumsberg, liegt die Chinesenstadt Tapautau. Für die chinesischen Kulis werden besondere Siedlungen in Taisitschen, am Ende der Halbinsel und in Taitungtschen, nordöstlich von Tsingtau, angelegt. Hafenbauten werden an zwei Stellen geschaffen, von denen der große Hafen durch eine etwa fünf Kilometer lange Steinmole eingefaßt wird, der kleine Hafen bei Tapautau ist für den Dschunkenverkehr bestimmt.
Bald nach der Besetzung des Kiautschou-Gebietes lassen sich verschiedene in Ostasien tätige Firmen dort nieder und eine schnelle Entwicklung beginnt.
Aus dem Tagebuch des Hamburger Reeders Albert Ballin: »Am 13. März [1901] frühmorgens gingen wir vor Tsingtau zu Anker. Ich war freudig überrascht von dem, was ich vor mir sah. Eine Stadt ist hier in unglaublich kurzer Zeit unter den schwierigsten Verhältnissen aus der Erde emporgewachsen!
In dem hübschen aber sehr kalten Hotel ›Prinz Hein-rich‹ war Wohnung für uns belegt, und am Nachmittage wanderten wir schon durch die vorläufig noch recht staubigen und teils unfertigen Straßen hinauf auf die Anhöhe, wo der stellvertretende Gouverneur und die höheren Offiziere sich angesiedelt haben. Wenn man auch zugeben muß, daß bei dem bisher geschaffenem die militärischen Bedürfnisse weit in den Vordergrund geschoben sind und die Bedürfnisse von Handel und Verkehr noch zu kurz kommen, so bleibt die Leistung doch eine ganz außerordentliche, und jeder von uns, ganz besonders aber diejenigen, welche – wie der deutsche Generalkonsul Dr. Knappe aus Shanghai – den Ort vor zwei Jahren gekannt hatten, waren ebenso erstaunt wie erfreut über solchen Fortschritt.«
Am Diederichs-Berg – benannt nach dem Admiral Otto von Diederichs, der 1897 in Kiautschou die deutsche Flagge hißte – wird das Gouverneurswohnhaus erbaut und mit einer hübschen Gartenanlage umgeben. Von seinen Fenstern hat man einen prachtvollen Ausblick über Stadt und Bucht. Tsingtau ist eine Marinebasis und so ist auch der Gouverneur eine Marineoffizier. Die Offiziere treffen sich im Tsingtau-Klub in der Nähe der großen Tsingtau-Brücke an der Bucht oder im Hotel ›Fürstenhof‹. Das Hotel ›Prinz Heinrich‹ wird mehr von internationalen Gästen bevorzugt.
1908, aus dem Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Kolonie, steht in einer Denkschrift des Gouvernements Kiautschou zu lesen: »Anstelle des Dorfes Tsingtau und der chinesischen Truppenlager ist eine, nach einheit-lichem Plan gebaute, ausgedehnte Stadtanlage getre-ten… – Die Stadtanlage ist mit einem Netz chaussierter Straßen versehen, hat Regen- und Schmutzwasserkana-lisation, Wasserleitung und elektrische Beleuchtung, kirchliche Gebäude, Krankenhäuser und Schulen für Europäer und Chinesen, eine Postanstalt, Markthalle und einen allen Anforderungen der Hygiene genügen-den Schlachthof. – Die Hafenanlagen rechnen auch nach fremden Urteilen zu den besten Ostasiens.«
Mit den chinesischen Truppenlagern ist das von der chinesischen Regierung bei dem ehemaligen Dorf er-richtete Militärlager gemeint, das zur Abwehr einer Landung und Inbesitznahme der Bucht durch eine fremde Macht angelegt worden war. Mit dem Erschei-nen des deutschen Ostasiatischen Geschwaders und der Landung der deutschen Marineinfanterie von den schwer mit Artillerie bestückten Schiffen im November 1897 hielten es die chinesischen Truppen im Lager aber für besser kampflos abzuziehen als gegen die deutsche Übermacht unterzugehen.
Tsingtau wirkt nun mit seinen roten Ziegelsteinhäu-sern, spitzen Kirchtürmen und großen Gartenanlagen wie eine saubere deutsche Stadt. Diese schöne deutsche Stadt in China ist mit allen modernen Einrichtungen ausgestattet. Sie hat ein Geschäfts- und ein Hafenviertel und ein idyllisch gelegenes Villenviertel am Forstgarten, den Sport- und Rennplatz und natürlich den berühmten Strand.
Wenn ein Schiff nachts oder selbst in der frühen Däm-merung nach Tsingtau einläuft, strahlt ihm ein helles Lichtermeer entgegen.
Tsingtau ist im Sommer eine grüne Insel, im angeneh-men Gegensatz zu seiner sonst so kahlen Umgebung. Die Prinz-Heinrich-Berge und dahinter das hohe Lau-schan-Gebirge verleihen der Stadt einen wirkungsvol-len Hintergrund. Das Anziehendste von Tsingtau im Sommer ist sein ausgezeichneter Badestrand. Das Leben am Tsingtauer Strand gleicht genau dem Badeleben an den Nordseebädern. Strandkonzerte und Reunions im Strandhotel. Für Reiten, Polo, Golf und Tennis sind schöne Gelegenheiten. So zieht es ein internationales Publikum zur feuchtheißen Sommerzeit aus dem gan-zen Osten zur Erholung nach Tsingtau.
Im Laufe der Jahre wird auch die räumliche Trennung der Weißen in der den Europäern vorbehaltenen Stadt-teils in Tsingtau mehr und mehr zugunsten reicher Chinesinnen und Chinesen aufgegeben und 1914 schließlich ganz aufgehoben.
Der Marinepfarrer Hans Weicker kommt 1904 von Deutschland nach Kiautschou. Auf der Reede vor Schanghai ist er mit anderen Soldaten der deutschen Marine von einem Ozeandampfer auf den Küsten-dampfer Admiral v. Tirpitz der HAPAG umgestiegen, für die Weiterfahrt nach Tsingtau. Weicker:
»Unsere Fahrt von Schanghai nach Tsingtau geht zu Ende. … Wir sind vor der Kiautschoubucht angelangt. Wir fahren genau nach Westen. Von Norden und von Süden springt das Land vor und läßt eine 3 km breite Einfahrt frei. Hinter dieser holt dann die Bucht in weitem Bogen nach Norden hin aus. Kaum zu erkennen ist das Ufer im Norden und Nordwesten: ein wenig größer noch als der Bodensee ist die Kiautschoubucht. Auf dem Landzipfel, der von Norden her die Bucht von der See abgrenzt, liegt Tsingtau. Nach Nordwesten hin schaut es auf die Bucht, nach Süden hinaus in die freie See. Von See aus sehen wir, wie das Land von der Küste aus hüglig ansteigt und, wenigstens nach Osten und Nordosten, schon wenige Kilometer landeinwärts durch rasch aufstrebendes Gebirge wie von einem Kesselrand umschlossen wird. In flachem Bogen erkennen wir auf der Seeseite einen Badestrand mit einer großen Anzahl fahnengeschmückter, bunter Badebuden am Ufer. Wei-ße Prellsteine und eine Reihe Bogenlampen an hohen schlanken Masten kennzeichnen eine Straße, die hoch und dicht am felsigen Ufer hinläuft. Zahlreiche Villen heben sich malerisch von dem terrassenartig nach der See zu abfallenden grünen Gelände ab. Mehrere Häu-serblocks sind sofort als Kasernen kenntlich. Es werden zusammenhängende Häuserreihen sichtbar, mitten da-rin, alles andere überragend, mit breiter Front das Gouvernementsgebäude. Zwei feste Landungsbrücken führen vom ebbetrockenen, aufgemauerten Ufer hinaus ins tiefe Wasser. Hier legen die Boote der Dampfer und Kriegsschiffe an, die da auf der Außenreede ankern, unfern der kleinen Arkonainsel, deren rotes Leucht-feuer nachts die Boote vor den gefährlichen Untiefen in ihrer Nähe warnt. Wir bleiben aber nicht auf der Außenreede, wir wollen in den eigentlichen Hafen von Tsingtau hinein. … Noch eine halbe Stunde langsame Fahrt, und unser Dampfer macht an der Mole im Hafen von Tsingtau fest.
Auch Laienaugen sehen, daß mit diesem Hafenbau ein schönes Stück Arbeit geleistet worden ist und jetzt seiner Vollendung entgegengeht. Zwei über 100 m breite und 6—700 m lange Molen, Mole I und Mole II genannt, parallel zueinander und 150 m voneinander entfernt, ragen in das Hafenbecken hinein. Was ist da geschafft worden: viele hundert Pfähle in den Grund zu rammen, dann den Pfahlrost einzubetonieren, die gewaltigen Ufermauern aufzuführen, den Innenraum der Mole mit Tausenden von Wagenladungen Sand aufzufüllen! In weitem Bogen umschließt eine 5 km lange Umfassungs-mole das ganze, 293 Hektar große Hafenbecken. Diese Umfassungsmole wird an ihrem, der Mole II gegen-überliegenden Ende zu einem breiten Werftgebiet. Dort rauchen die Essen der Tsingtauer Werft. Dort liegt auch das gewaltige Schwimmdock verankert und hebt der gigantisch in die Luft ragende große Kran seine Riesenlasten bis zu 150 t = 150 000 kg.«
Der Handel im Hafen von Tsingtau ist der wirtschaft-liche Schwerpunkt der Kolonie und nimmt von Jahr zu Jahr zu. Große Ozeandampfer und die deutschen Kriegs-schiffe liegen an langen, fest gemauerten Kaianlagen nebeneinander. Auf der Werft mit ihrem großen Schwimmdock tönt der metallische Lärm eiserner Hämmer und im Hafen wimmelt es von Dschunken und Zampans, wie man die kleinen hölzernen Boote nennt. Die Zampans sind eine Art Ruderboote, sie werden aber nicht gerudert, sondern gewriggt. Das Ruder, oder wie es seemännisch richtig heißt: Der Riemen, ist am Heck angebracht und die beiden Hände des stehenden Ruderers liegen am Ende des Ruders auf und führen dort eine kreisende Bewegung aus durch welche das im Wasser liegenden Ruderblatt ein ›Quirlen‹ erzeugt, welches das Boot vorantreibt.
So ein Zampan wird auch zur Personenbeförderung im Hafen benutzt und für den Fahrgast gibt es ein sauberes, buntes Kattunkissen zum sitzen und der Fahrpreis be-trägt immer nur zwei Cent.
Der deutsche Marineoffizier Fritz Witschetzky: »Wenn man nun von Bord an Land gehen will und im Ausgeh-anzug am Fallreep erscheint, gleich schießen fünf, sechs Zampans auf dieses los.«
In ihrer R-losen Sprache rufen die in blauen Leinen-kitteln gekleideten chinesischen Zampankulis: „Offiffi, Offiffi, nimm mich! Ich schnelle, plenty mache, mache.“ Und dabei drängeln sie sich, bald rechts, bald links drehend, mit größtem seemännischen Geschick ans Fallreep heran, bald schnell, bald langsam wriggend.
„Offiffi, Offiffi,“ rufen die gelben Zampankulis, „nimm mich. Ich swei Maschinen, swei Maschinen! Plenty mache, mache!“
Unter einem Zampan mit „zwei Maschinen“ versteht man einen solchen, in dem zwei Kulis, jeder an einem Riemen, wriggen und so schneller sind als ein Zampan mit einem Kuli.
Man steigt in den ersten besten am Fallreep ange-kommenen Zampan ein. „Achtung!“ kommandiert der Kuliu, indem er den Bootsteurer in unsern Kriegsschiff-booten nachahmt. Und nun beginnt die Vorstellung. Der Kuli ist nämlich Bootsteurer, Bootsgast, Maschinisten-maat und Maschine – alles in einer Person.
Zum Zeichen, daß er einen Offizier im Boot hat, setzt er eine kleine gelbe, phantasievolle Flagge. Nun ruft er: „Wollaus gloße Faht!“ (Voraus große Fahrt). Nun ist der Kuli „Maschine“: „Fumm, fumm, fumm…“, er macht das Fauchen der Dampfzylinder nach und quirlt so schnell, daß hinten das Wasser zu kochen scheint. Es folgt das Kommando „Äußesse Klafft“ (Äußerste Kraft) und der Kuli bewegt seine Arme in so schnellen Achten, daß nur noch eine vibrierende, schwingende Bewegung an Stelle des langen schweren Riemens zu sehen ist. Und un-aufhörlich wackelt und pendelt ruckartig der lange schwarze Zopf. Im eleganten Bogen legt er an der Lan-dungsbrücke an, und unter Erweisung sämtlicher mili-tärischen Ehrenbezeigungen überwacht er das Ausstei-gen seines Gastes. Für die zwei Cent Fahrpreis bedankt er sich auch noch durch eine besonders stramme Hal-tung.
Kaum hat er seinen Fuß an Land gesetzt, da stürzen sich die Rikschakulis auf den Ankömmling: „Offiffi, Offiffi, mich, mich, mich, ich plenty laufe, laufe, hie look me stake Beine!“ Und dabei zeigt der Kuli auf seine gera-dezu erstaunlich dicken Wadenmuskeln. Andere drän-gen sich vor, weisen nach, daß der Umfang ihrer Waden weit stärker ist als der aller anderen, und alles wie-derholt: „Ich plenty laufe, laufe!“
Witschetsky erzählt auch den Ablauf seiner ersten Rickschafahrt: »Ich setze mich in eines der schönen, auf Pneumatikrädern laufenden Wägelchen. Der Kuli, ein stämmiger junger Bursche mit hochgestecktem Zopf, in leichtem blauem, sehr sauberem Leinenkittel, mit bloßen Armen und Beinen, erfaßt mit frohem Lachen die beiden Deichseln, und dann saust er mit mir los.
Man liegt mehr, als man sitzt in der kleinen feinen Kutsche, die bequemer als der schönste Klubsessel ist, und doch fühlt man sich anfangs nicht recht wohl darin. Es widerstrebt dem modernen Europäer zunächst doch, daß hier ein Mensch dieselbe Arbeit tut, die zuhause nur vom Tier verrichtet wird. Und nun erst, Wenn’s bergauf geht! Der Kuli vermindert das Tempo nicht, im schnel-len Laufschritt, schwitzend rennt er weiter. Ich rufe: „He – stopp – stopp!“
Endlich hält der Chinese und sieht mich fragend an. „Wir sind doch noch lange nicht am Ziel,“ sagt sein Blick. Ich steige voller Mitleid aus und sage, er solle weitergehen, oben auf dem Berge will ich wieder ein-steigen.
Da wird der Kuli traurig, bittere Enttäuschung zeigt sich auf seinem glatten, bartlosen Kindergesicht. Er schüttelt ablehnend den Kopf, geht nicht weiter, Tränen treten in seine Schlitzaugen.
Ich ahnte nicht – was mir später erklärt wurde – , daß ich des armen Rikschakulis Herz tödlich beleidigt hatte. Er glaubte, ich hielte ihn für zu schlapp, um mich den Berg hinaufzuziehen, und eine schlimmere Beleidigung kennt der Kuli nicht. Als ich nun notgedrungen wieder einstieg, erstrahlte sein Gesicht, wie man es bei uns nur an Kindern sieht. Er bekam zehn Cent für eine Fahrt von einer halben Stunde etwa.
Mit der Zeit gewöhnt man sich daran und findet nichts mehr dabei. Eines Tages fuhr ich zusammen mit einem europäischen Kaufmann, der mir aber doch etwas unbarmherzig vorkam. Als wir an einem der sauber gekleideten chinesischen Polizisten vorbei fuhren, ließ dieser seinen Kuli anhalten, ging zum Schutzmann und sagte, indem er die Nase furchtbar rümpfte: „Kuli Nummer zweihundertelf plenty stinke, stinke nach Knoblauch!“
Der Polizist beroch den armen Schlucker, der Kaufmann bezahlte nicht, und der Kuli mußte traurig auf die »Sympofangtse«, die Polizeiwache, marschieren. Daß er dort wirklich Schläge auf die Fußsohlen bekommen hat, wie mir erzählt wurde, möchte ich nicht glauben. Und dabei gibt es für den Kuli kein schöneres Gewürz als den Knoblauch! Man gehe nur einmal an einer chinesischen Garküche vorbei, wo die Kulis an langen großen Holztischen sitzen und mit Holzstäbchen ihren Reis – sprich „Leis“ – essen. Schon von weitem duftet’s scharf nach Knoblauch, und Europäernasen pflegen das eben leider nicht zu vertragen.
Wenn man in die Stadt fährt, so behält man meist denselben Kuli den ganzen Tag; geht man in ein Restaurant, so wartet die Droschke draußen – stunden-lang, bis man wieder heraustritt. Dann kommt der Kuli lachend und strahlend angesprungen, fast wie ein Hündchen, dessen Herr nach langer Abwesenheit zurückkehrt.«
Für Fahrten in Tsingtau stehen zwei Klassen von Rik-schas zur Verfügung. Die bessere ist mit Gummibe-reifung. Hat man Eile oder geht es in längeren Strecken bergauf, so mietet man zwei Fahrer, von denen der zweite schiebt. Kommt man vom Hafen, geht es die breite, vorzüglich gepflegte Rechtern-Straße entlang, die hinter der Eisenbahnüberführung in die Schantung-Straße, die Hauptstraße von Tapautau, einmündet. Stets trifft man auf dieser Strecke regen Lastenverkehr an. Ochsenbespannte, hochbeladene Karren oder einzelne Kulis, die auf dem typischen chinesischen Schubkarren mächtige Ballen befördern. Eine beliebte Tragart be-steht auch aus einer quer über die Schulter gelegten Stange, von der an beiden Enden Körbe herabhängen. Kurz vor der Eisenbahnüberführung liegt zur Rechten der sogenannte kleine Hafen, in dem zahlreiche Dschunken und Sampans ein und aus gehen. Hier haben auch die Torpedoboote des Kreuzergeschwaders ihren Liegeplatz.
Tapautau ist die eigentliche chinesische Geschäftsstadt, wo die chinesischen Handwerker, Seiden-, Silber-, Bron-ze- und Porzellanhändler ihre Werkstätten und Ver-kaufshäuser besitzen, darunter verschiedene sehr statt-liche Warenhäuser, besonders solche in Rohseide. Auch einige japanische und indische Läden befinden sich hier. Überall muß natürlich nach orientalischer Sitte vom Preis etwa abgehandelt werden, doch geht es in den größeren Seidengeschäften auch recht solide zu.
Bei den Markthallen geht der Stadtteil Tapautau in das eigentliche europäische Viertel, in den Stadtteil Tsing-tau über. Die Verlängerung der Schantung-Straße nennt sich von hier ab Friedrichstraße. Die Friedrichstraße trifft an der Tsingtau-Bucht auf die Tsingtau-Landungs-brücke. An der Friedrichstraße liegen zahlreiche deut-sche Geschäfte und Restaurants. Das eigentliche euro-päische Wohnviertel zieht sich um den Gouverne-mentshügel, an dessem Südfuß das imposanten Gouvernementsdienstgebäude steht, das im Frühjahr 1906 in Betrieb geht. In einem Seitenflügel dieses Gebäudes ist die Kiautschou-Bibliothek mit Lesezimmer untergebracht. Östlich neben dem Gouvernements-hügel liegt der Diederichs-Berg mit der Signalstation und einer in Stein gemeißelten, auf die Besitzergreifung durch Deutschland hinweisenden Inschrift. Zwischen Gouvernementshügel und Diederichs-Berg steht auf einer kleinen Erhöhung wirkungsvoll sich abhebend, die 1910 eingeweihte, im romanischen Stil errichtete evangelische Kirche. Den Hintergrund des Kirchplatzes nach Norden bildet der Wasserberg mit dem Wasser-turm und dem vom Flottenverein geschenkten Obser-vatorium.
Vom Gouvernementsdienstgebäude führt die Wilhelm-straße zum Kaiser-Wilhelm-Ufer, einer prächtigen Strandpromenade, wo das große Hotel ›Prinz Heinrich‹, die Deutsch-Asiatische Bank und die Schantung-Eisen-bahn- und Bergbaugesellschaft ihre stattlichen Gebäude haben.
Am östlichen Teil des Kaiser-Wilhelm-Ufers liegt als letzter Rest des alten chinesischen Dorfes Tsingtau der von hübschen Anlagen eingefaßte buddhistische Tem-pel und das ›Yamen‹, die frühere Dienstwohnung des Mandarinen, in dessen Hof herrliche Glyzinien blühen. Weiter östlich erhebt sich als weiteres Überbleibsel die sogenannte Heidenmauer, eine Drachengeschmückte Wand, bestimmt die bösen Geister abzuhalten.
Ungefähr beim Yamen biegt die bisher in etwa östlicher Richtung verlaufende Strandlinie nach Süden ab und bildet eine Halbinsel von der ungefähren Form eines gleichseitigen Dreiecks mit 300 m Seitenlänge. Diese Halbinsel trennt die Tsingtau-Bucht von der östlich da-von liegenden Auguste-Viktoria-Bucht, allgemein Clara-Bucht genannt. Auf der in die See vorspringenden Spitze dieses Halbinseldreiecks liegt die Offiziersspeiseanstalt.
Die Auguste-Viktoria-Bucht wird eingefaßt von dem in ganz Ostasien berühmten Badestrand, der von zahlrei-chen geschmackvollen Badehäuschen besetzt ist, und hinter dem sich das sehr komfortable ›Strandhotel‹ erhebt. Hier dehnt sich auch der als Renn- und Sport-platz vielbenutzte Iltis-Platz aus, wo im Frühjahr und Herbst regelmäßig Ponyrennen stattfinden. Nordwest-lich schließt sich an den Iltis-Platz ein reizendes Villen-viertel an, während sich nach Norden und Nordosten im bergigen Gelände die Forstanlagen mit wohlgepflegten, schattigen Wegen, Schonungen, Versuchsgärten, Forst-häusern und herrlichen Aussichtspunkten erstreckt. Mit unendlicher Mühe ist unter Leitung deutscher Forstbeamter hier und weiter im Hinterland die Auf-forstung der Berge im Gange, durch die eine Ver-besserung der Wasserverhältnisse der Stadt erreicht und der Versandung des Hafens durch Schwemmland vorgebeugt wird, zugleich aber eine Versorgung der Bergwerke mit Grubenholz, in diesem holzarmen Land ein äußerst geschätzte Material, ermöglicht werden soll. Unendlicher Geduld hat es bedurft in der Erziehung der chinesischen Bevölkerung, die gewohnt war, jeden heranwachsenden Strauch sofort zu Brennzwecken herauszureißen. Die Kasernen der Garnison liegen am Iltis-Platz (Iltis-Kasernen), westlich des Villenviertels am Bismarck-Berg (Bismarck-Kasernen) und weiter im Hinterland südlich der chinesischen Ansiedlung Tautungtschen (Moltke-Kasernen). In der Nähe der Moltke-Kasernen steht auch die Germaniabrauerei.