Die Blütezeit des deutschen Kolonialreiches beschreibt die Zeit von der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg in den Kolonien und koloniale Ereignisse in Deutschland. Zur Jahrhundertwende setzt auch verstärkt die wirtschaftliche Nutzung der Kolonien ein, durch die wissenschaftliche Herangehensweise an die Aufgabe durch das von Kreisen der deutschen Wirt-schaft und Wissenschaft 1896 gegründete Kolonialwirt-schaftliche Komitee. Ins Jahr 1900 fällt der Amtsantritt von Oscar Stübel als neuem Direktor der Kolonialabtei-lung, der höchsten Instanz in Deutschland für die Ver-waltung der »Schutzgebiete«, und seine Reformansätze in den Kolonien. Die Darstellungen der deutschen Kolonien führen bis in den August 1914, als nicht nur für das deutsche Kolonialreich, sondern auch für die Kolonialreiche der Deutschland angreifenden Länder, die große Zeit der imperialen Kolonialherrschaft und die Zeit der Belle Époque, der Schönen Epoche einer auf-strebenden Welt, mit dem Beginn des Ersten Welt-krieges zu Ende gehen.
Die Beschreibungen der Schutzgebiete gehen aber teil-weise auch noch in die ersten Kriegsmonate hinein, so-fern noch keine militärischen Ereignisse das zivile Le-ben in den Kolonien besonders beeinträchtigten.
Wegen der besonderen Umstände in Deutsch Ostafrika und Kamerun gehen wir in Ostafrika bis ins Jahr 1917 und die Kameruner Erzählung führt sogar bis ins Jahr 1919.
Nun besteht die Welt der Kolonien aus den Ländern mit ihrer Geographie und ihrem Klima, den einheimischen Völkern und als drittem Element der geringen Zahl an Weißen, die aber die Herrschaft inne haben und ihre Wirtschaft den Einheimischen aufzwingen. Werden die Landschaften und ihre Wetterverhältnisse im Überblick vorgestellt, so ist die Geschichte der Deutschen in den Kolonien das eigentliche Thema dieses Werkes, wäh-rend die einheimischen Völker nur als ›Statisten‹ er-scheinen. Das ist unumgänglich, obwohl im gesamten deutschen Kolonialreich bestenfalls ein Deutscher auf 500 Einheimische kommt, eine Verteilung Weiß-Farbig kaum anders als in den anderen Kolonialreichen. Die einheimischen Völker sind aber so zahlreich, kulturell vielfältig und verschieden, daß nur völkerkundliche Fachwerke sie eingehend darstellen können. Die Deut-schen und die Weißen in den deutschen Kolonien dagegen bilden demgegenüber eine sehr geschlossene Bevölkerung, auch wenn sie ihre Verschiedenheiten in katholischer und evangelischer Religion haben, unter-schiedlichen politischen Parteien anhängen, wirtschaft-lich andere Grundlagen haben, wie etwa Beamte und Soldaten gegenüber Pflanzern und Händlern oder Missi-onaren, so sind die Weißen im Ganzen auf jeden Fall ein geschlossener Block gegen die gewaltige Überzahl der schwarzen oder farbigen Bevölkerung.
Dieses Werk soll aber nicht eine klassische geschicht-liche Darstellung sein, sondern soweit wie möglich an-hand vieler persönlicher Erlebnisse der Beteiligten ei-nen lebendigen Eindruck der kolonialen deutschen Welt liefern.
Zum Verständnis sei erklärt: Die Weißen in den deut-schen Kolonien sind durchaus nicht alle Bürger des Deutschen Reiches, sondern Europäer als auch Weiße aus Südafrika, Nordamerika und Australien. Sinnvoller-weise sind alle Deutschsprachigen, seien es nun Bürger des Deutschen Reiches, Deutsch-Schweizer, Deutsch-Österreicher und andere Deutschsprachige als Deutsche zusammengefaßt. Dabei ergibt sich bei den Buren, was niederdeutsch ›Bauern‹ heißt, eine Überschneidung. Die Buren sind seit dem 17. Jahrhundert in Südafrika ansäs-sig und stammen aus dem niederdeutsch-holländischen Raum oder sind hugenottischen Ursprungs. Die Huge-notten waren zuvor als Glaubensflüchtlinge aus Frank-reich in die Niederlande und ins Reich geflohen. Die in Südafrika beheimateten Buren sind alle zusammen pro-testantische Glaubensflüchtlinge aus dem Reich und den Niederlanden und haben ihre eigene niederländi-sche Sprache. Die in die deutschen Kolonien eingewan-derten Buren nehmen teilweise die Reichsbürgerschaft an oder zählen sich selbst zu den Deutschen, andere behalten ihre südafrikanische Staatsbürgerschaft und verstehen sich nicht als Deutsche, sondern eben als südafrikanische Buren.
Sind die allgemeinen Ereignisse der deutschen Kolonial-zeit gut dokumentiert, ergibt sich eine besondere Schwierigkeit für das Erfassen des Erlebens der Zeit von der einheimischen Bevölkerung in den deutschen Kolo-nien. Eine beinahe unüberwindliche Barriere ergibt sich zu der Erfahrung der Menschen und Völker unter deutscher Kolonialherrschaft, schon alleine wegen des weitgehenden Fehlens von schriftlichen oder münd-lichen Zeugnissen der einheimischen Menschen in den Kolonien. Mögen mir die einheimischen Menschen in den deutschen Kolonien – nun alle nicht mehr auf dieser Welt – meine möglichen Fehleinschätzungen ihres Erlebens der deutschen Kolonialzeit von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg, die ich als die Blütezeit des deutschen Kolonialreiches beschreibe, verzeihen.
Für die Vielzahl an Menschen, Völkern, Orten, Flüssen, Seen, Bergen in den Kolonien gibt es zuweilen ver-schiedene Schreibweisen und es ist unmöglich zu sagen welche denn nun die richtige sei. Also ist die jeweils in Dokumenten und Schriftquellen aller Art dort verwen-dete Schreibweise so stehengelassen und keine verein-heitlichte Schreibweise eingeführt. Zum Beispiel wird sowohl Kilimanjaro, Kilimandjaro als auch Kilimand-scharo verwendet und Daressalam, Dar-es-Salam als auch Dar es Salam. Wenn deutlich unterschiedliche Namen für denselben Ort, Fluß und dergleichen ge-schrieben wurden gibt es natürlich einen entspre-chenden Hinweis. So schreibe ich, der Verfasser, alle zusammengesetzten Bezeichnungen wie Neu Moschi, Deutsch Ostafrika und so weiter immer ohne Binde-strich, lasse aber alle anderen Schreibweisen wie Neu-moschi und Neu-Moschi in Dokumenten und sonstigen Schriftstücken auch immer so stehen.
Angemerkt sei noch, daß Kriegsschiffe damals von der Marine als männlich angesehen wurden und nicht als zum Beispiel die Cormoran, sondern der Cormoran angesprochen wurden. In Originaltexten lasse ich selbst-verständlich die männliche Weise stehen, schreibe aber ansonsten die übliche weibliche Anrede für Schiffe.