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Das Ostasiatische Kreuzergeschwader

Seit 1869 ist die Ostasiatische Station der deutschen Kriegsmarine dauernd mit Kriegsschiffen besetzt – es waren aber auch schon seit 1860 deutsche Kriegsschiffe in Ostasien stationiert – , um in Ostasien Flagge zu zei-gen und somit politische und wirtschaftliche Interessen Deutschlands vor Ort zu fördern und, wenn als notwen-dig erachtet, auch mit militärischen Mitteln durchzu-setzen.

Das riesige China wird als ein zukünftig wichtiger wirt-schaftlicher Markt angesehen, der eine entsprechende militärpolitische Beachtung erfordert.

Für den weltweiten Einsatz der deutschen Kriegsmarine sind sogenannte Stationen eingerichtet, in deren Raum sie operieren und wo ihnen Versorgungsstützpunkte zur Verfügung stehen. Die Ostasiatische Station ist aber im Gegensatz zu allen anderen Stationen nicht mit norma-lerweise zwei Kriegsschiffen besetzt, sondern mit einem ganzen Geschwader, dem Ostasiatischen Kreuzerge-schwader. Als weitere Besonderheit ist das Geschwader unmittelbar dem Kaiser unterstellt und handelt unab-hängig und selbständig vom deutschen Gesandten in China und den weiteren deutschen Konsuln im Land und auch unabhängig vom Gouverneur der Kolonie Kiautschou, der ebenfalls der Marine untersteht.

Das Ostasiatische Kreuzergeschwader ist also auch poli-tisch ein eigenständiges Gebilde, mit einem Admiral als Kommandeur, hinter dem wiederum der Kaiser mit seiner Politik steht, zuweilen im Gegensatz zum Kanzler, dem die Diplomaten unterstehen, was zu Reibereien zwischen den deutschen Dienststellen in Asien führt.

Insbesondere sind Unstimmigkeiten zwischen den auch politisch selbständig handelnden Kommandanten der Kriegsschiffe, mit ihrem Admiral als Deckung, und den deutschen Konsuln vor Ort möglich, was bei den ein-heimischen Funktionsträgern in Asien, die sowohl mit deutschen Konsuln als auch mit deutschen Kriegs-schiffkommandanten zu tun haben, wohl einen merk-würdigen Eindruck hinterläßt.

Die politisch eigenständig handelnden Vertreter des Kreuzergeschwaders und die diplomatischen Vertreter des Reiches haben zudem verschiedene Informations-kanäle, die Schiffskommandanten über die Marine, die Diplomaten über das Auswärtige Amt. Und die Kom-mandanten und Diplomaten schicken ihre Berichte an ihre jeweilige zuständige Dienststelle der Marine oder des Auswärtigen Amtes, aber Auswärtiges Amt und Kriegsmarine führen keinen geregelten Austausch ihrer Informationen.

Die politischen Aufgabenbereiche zwischen dem Kreu-zergeschwader und den Diplomaten werden nie abge-grenzt und insbesondere die unabgestimmte Besuchs-praxis bei chinesischen Mächtigen mit den deutschen Marineoffizieren wird von den Vertretern des Auswär-tigen Amtes kritisiert. Im Allgemeinen aber arbeiten die Konsuln und die Marineoffiziere gut miteinander zu-sammen und nur die höheren Chargen pflegen ihre Kompetenzstreitigkeiten.

Die Schiffe des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders wer-den auch weit weg von ihrem eigentlichen Seegebiet eingesetzt. So erhält der Kleine Kreuzer Nürnberg am 16. Oktober 1913 den Befehl, wegen der Unruhen in Mexiko sofort an die Westküste des Landes zu gehen. Am 8. November trifft der Kreuzer in der mexikanischen Hafenstadt La Paz ein, von wo aus in der Folgezeit, zum Teil gemeinsam mit Kriegsschiffen aus den USA, Groß-britannien und Japan, zahlreiche Häfen besucht werden. Ein Eingreifen der Nürnberg zum Schutze deutscher, österreichisch-ungarischer oder schweizer Bürger wird jedoch nicht notwendig. Im Juni 1914 läuft der Kreuzer nach Panama, für einen Besatzungswechsel und die Nachschubübernahme. Am 7. Juli erfolgt in Mazatlán ein Treffen mit dem Kleinen Kreuzer Leipzig, der zur Ab-lösung aus Deutschland gekommen ist. Wegen des schlechten Kesselzustandes läuft die Nürnberg zu-nächst San Francisco an, wo sie vom 14. bis 18. Juli zur Kesselreparatur eingedockt liegt. Am 18. Juli läuft sie von San Francisco über Honolulu nach Apia aus, um sich in Samoa mit den Großen Kreuzern Scharnhorst und Gneisenau zur Südseereise des Ostasiatischen Ge-schwaders zu treffen.