Zwar bekommt Bezirksamtschef Theodor Gunzert beim Besuch von Gouverneur Albrecht von Rechenberg und Kolonialminister Bernhard Dernburg 1907 in Muansa von Dernburg einen ernsthaften Verweis für seine Eigenmächtigkeiten, das ändert aber nichts an seinem weiteren Verhalten, zumal allein die Entfernung zur Hauptstadt Daressalam und die Besonderheiten des einheimischen traditionellen Häuptlingswesens und der einheimischen Wirtschaftsweise eine entsprechen-de Behandlung dieser Fragen braucht, unabhängig von Regelungen für die riesige Kolonie, deren Anwendung in seinem weit von der Hauptstadt entfernten Bezirk unsinnig wären. So ist Gunzert auch bei der Ansiedlung von Weißen in seinem Bezirk auf einem anderen Kurs als Rechenberg für die Kolonie. Er ist zwar wie Rechen-berg der Ansicht, daß weiße Landwirtschaftsunterneh-mungen wenig wirtschaftlichen Wert haben, setzt aber dennoch weiße Siedler mit ihren Kenntnissen europä-ischer Wirtschaftsweise an zur Unterstützung von wirt-schaftlichen Projekten in entfernten Gegenden seines Bezirks, wofür er die aus Daressalam vorgeschriebenen Pachtpreise für Land in seinem Bezirk doch auf einem verhältnismäßig niedrigem Niveau halten kann.
Gunzert kann Rechenberg auch dazu bringen, seinem Bezirk kommunale Selbstverwaltung zu geben. Er braucht weiße Siedler für den Aufbau und die Leitung seiner wirtschaftlichen Projekte und seiner Verwaltung.
Bezirksamtmann Gunzert baut Straßen, die auch Last-wagenverkehr aufnehmen können, auf Muansa zu, um die erzeugten landwirtschaftlichen Güter des Bezirks über den Hafen Muansa zur Ugandabahn zu transpor-tieren. Bis 1914 ist der Bezirk Muansa zum größten Exporteur von Reis, Erdnuß und Baumwolle in der ganzen Kolonie Deutsch Ostafrika geworden.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon berichtet über Stadt und Bezirk Muansa:
Muansa, wichtigster Ort an der deutschen Südhälfte des Victoriasees in Deutsch-Ostafrika, zugleich Name des großen Bezirks, der Ost- und Südufer des Sees um-spannt.
1. Der große Muansagolf erstreckt sich vom See mit durchschnittlich 5 km Breite 40 km südwärts, um sich dann noch in die 15—20 km langen Zipfel des Smith-sundes (nach SW) und des Stuhlmannsundes (nach SO) zu verzweigen. In einer kleinen, noch durch Inseln ge-schützten, östlichen Seitenbucht des Muansagolfes liegt der Ort Muansa im gleichnamigen Gau von Ussukuma. Die Bucht hat noch 11 m Tiefe; auch die großen briti-schen Dampfer legen seit 1906 am Pier von Muansa an.
Der große Ort Muansa ist nur wenige m über dem 1134 m hohen Seespiegel gelegen. Hochragende Felshügel bil-den einen auffallenden Zug des Landschaftsbildes. Der rosafarbene Granit verwittert, zumal unter dem Einfluß der tropischen Sonne, in Formen, die oft gewaltigen Rundhöckern bepackt mit Wollsäcken gleichen. An anderen Stellen wirrt ein Durcheinander von Blöcken, über das einzelne gewaltige Felsnadeln, Menhirs äh-nelnd, emporragen. Das Klima ist äquatorial. Die Regen-menge beträgt 1001 mm (10jähriges Mittel). Dank eifri-ger Sanierungsarbeiten ist der Ort jetzt ziemlich gesund. Seit die Ugandabahn 1903 vollendet war, ist Muansa aus kleinen Anfängen 1913 eine Stadt von etwa 6000 Ein-wohnern geworden. Es ist das Tor des zentralen Hoch-landes nach dem Indischen Ozean.
1913 hatte Muansa etwa 85 weiße Einwohner, 15 Goa-nesen, 300 andere Inder, 70 Araber. Es gab 12 (4 größere) europäische, etwa 50 indische und 20 andere farbige Firmen, durchweg Handelsunternehmungen. Im Au-ßenhandel stand Muansa bis 1911 in Deutsch-Ostafrika nur unter Daressalam und Tanga: 1912 wurde es von Bukoba überholt. Der Wert der Einfuhr war 1910 3,273, der der Ausfuhr 2,959 Millionen Mark; die Zahlen für 1912 sind 2,434 und 2,941. Bedeutend ist die Ausfuhr von Häuten (etwa 1 Mill. M). Erdnüssen (etwa 3000 Tonnen im Wert von 600.000 M. Baumwolle (370 t im Werte von 370.000 M), Gold von Sekenke (etwa 350.000 M), Reis (fast 200.000 M), Samli (etwa 175.000 M), Wachs. Sesam. Bei der Einfuhr waren Textilwaren mit 1,582, Metallfabrikate mit 0,382 Mill. M. Der Verkehr von und nach Sekenke geht seit Vollendung der Eisenbahn Daressalam—Tabora (Mitte 1912) nicht mehr über Mu-ansa. Muansa ist Sitz eines Bezirksamts, Bezirksgerichts, Zollamts, Post, Telegraphen (Draht über Tabora), draht-losen Verkehr mit Bukoba und Daressalam, Heliogra-phenverkehr mit Schirati und Ikoma. Zwei der drei Züge der 14. Kompagnie der Schutztruppe liegen hier in ei-nem Fort auf beherrschendem Hügel. Ferner hat Mu-ansa 85 Mann Polizeitruppe.
2. Der Bezirk Muansa ist mit 63.800 qkm, wozu ungefähr 30.000 qkm Seefläche kommen, einer der großen Be-zirke von Deutsch-Ostafrika, er umschließt den größten Teil von Ussukuma, die größere, östliche Hälfte von Usindscha. Uschaschi, den deutschen südlichen Teil von Ugaia, ferner die ganz dünn bewohnten Landschaften der Hochländer im Osten bis zu einer Linie etwa 70 km westlich von der Ostafrikanischen Bruchstufe; dazu kommen viele Inseln des Victoriasees: die größten sind Ukerewe, Luwondo, Korne, Meissome und Ukara. Die Zahl der Eingeborenen erreichte Anfang 1914 nach sorg-fältigen Schätzungen 625.000. Zwei Drittel davon ent-fallen auf die Wassukuma. Weitere hier zahlreich ver-tretene Stämme sind die Wassindja, Wakerewe, Wa-schaschi, Waruri, Bakulia; dazu kommen noch kleinere Gruppen der hauptsächlich in Tabora beheimateten Stämme, schließlich die Wandorobbo im Osten des Bezirks. Muansa hatte Anfang 1913 783 nicht einhei-mische Farbige und 231 Weiße. 1908 waren in Muansa 17,4 qkm an Plantagen- und Farmland vergeben, 1909/12 wurden 2,9 qkm vom Gouvernement verkauft, 29,6 qkm verpachtet. Der Viehbestand wurde 1913 zu 1.080.900 Rindern ermittelt, wozu 1.171.970 Stück Kleinvieh, 1520 Esel kommen. Im Besitz der Europäer waren 3441 Rinder, 907 Schafe, 591 Ziegen und einiges andere Vieh. Die 6 Farmbetriebe (1913) beschäftigten sich mit Vieh-zucht, etwas Sisal- mehr Baumwollbau. Viel wichtiger waren die Eingeborenenkulturen der Baumwolle, die vom Bezirksamt seit langem planmäßig gefördert wur-den: bei weitem der größte Teil der 650 t = 2600 Ballen, die 1913 aus dem Bezirk ausgeführt wurden, rührt hier-her. Auch die 5700 t Erdnüsse, 458 t Sesam und 995 t geschälter Reis der Ausfuhr des Jahres 1913 wurden in Eingeborenenkulturen erzeugt — Bezirksnebenstellen in Muansa sind Ikoma und Musoma, in einer Hinsicht auch Schirati. — Die menschenarmen, hochgelegenen, gesunden Gebiete im ferneren Osten von Muansa, ebenso die benachbarten Teile des Bezirks Aruscha, würden sich ausgezeichnet zur Besiedelung durch Europäer eignen, wenn diese Gegenden erst durch Fortführung der Nordbahn (Usambarabahn) an den Verkehr angeschlossen wären. Einschließlich einiger Gebiete im Bezirk Kondoa-Irangi handelt es sich um etwa 40.000 qkm besiedelbaren Landes. Hier könnten vermutlich 10.000 Europäer leben. Die mittleren und südlichen Teile des Bezirks Muansa werden von der kommenden Ruandabahn so, wie sie bisher geplant ist, überhaupt nicht berührt werden. So erscheint die Verlängerung der Nordbahn zum Victoriasee doppelt wünschenswert. Ohne sie bleibt Muansa doch beim Wirtschaftsgebiet der Ugandabahn. — Neuerdings hat sich die Zahl der Goldfunde in Muansa sehr gemehrt. Vielleicht werden sie noch einmal größeren Einfluß auf die Entwicklung des Bezirks gewinnen.