Eine besondere Stellung im Herrschaftsgefüge der Re-sidentur bekommt Francis X. Lwamgira. Er ist Mitglied der Familie der Herrscher über das kleine Haya-Reich Kiziba. Dank seine Vielsprachigkeit ist er seit 1901 Regie-rungsübersetzer und seit 1903 auch noch Ausbilder und Kommandant der Rugaruga, der einheimischen Krie-gerstreitmacht im Dienste der deutschen Verwaltung. 1904 begleitet er die Schaustellung des Bezirks Bukoba für die erste landwirtschaftliche Ausstellung der Kolo-nie in Daressalam.
Lwamgira wirkt als politischer Verbindungsmann zwi-schen der deutschen Verwaltung und den einheimi-schen Herrschern. Er ist aber auch aktiv an der Umge-staltung der einheimischen Herrschaften zu modernen Verwaltungen beteiligt und ist selbst ein Vorbild für die einheimischen Gewaltigen für modernes Verwaltungs-management. Er genießt das volle Vertrauen der deut-schen Regierung in Bukoba. Deshalb hat er auch die Rugaruga-Streitmacht unter seinem Kommando. Ge-stellt sind die Rugaruga-Krieger von den einheimischen Herrschern. Die Rugaruga werden von der deutschen Verwaltung mit Uniformen und Hinterladergewehren ausgerüstet und bekommen regelmäßig militärisches Training. Ansonsten sind sie ihren einheimischen Herr-schern unterstellt und für die Durchsetzung von Recht, Besteuerung und wirtschaftlicher Maßnahmen einge-setzt.
Wie schon 1904 begleitet Francis X. Lwamgira auch 1914 die Schaustellung der Residentur Bukoba für die II. Lan-desausstellung in Daressalam im August des Jahres. Im Jahr zuvor ist er von seiner Pflicht als Regierungsüber-setzer entbunden worden und ist nun neben seiner Tä-tigkeit als Ausbilder und Kommandeur der Rugaruga-Krieger Sekretär der Boma von Bukoba, also die rechte Hand des deutschen Residenten.
Die Sultane schicken ihre ältesten Söhne auf die deut-sche Regierungsschule in Bukoba. Da sie als Moslems mehrere, wenn nicht dutzende Frauen haben, haben sie auch entsprechend viele Söhne. Den Thronfolger wählt der Vater nicht nach dem Alter, sondern wenn er und seine Katikiros, seine Minister und Ortsvorsteher, für den Fähigsten halten. Das Einkommen der Sultane beruht auf den Einnahmen ihrer Kaffee-, Erdnuß und Bananenpflanzungen und dem ihrer Viehherden. Dazu kommt der Prozentsatz der Steuern, der ihnen von der Residentur in Bukoba bewilligt wird. Jeder Mann zahlt jährlich drei Rupie Steuern, wovon eine Rupie an den Sultan fällt. Die Eintreibung der Steuern und sonstiger Abgaben an den Sultan obliegt den Katikiros, die ihrer-seits einen Teil der Abgaben für sich beanspruchen dürfen.
Die Untertanen der Sultane dürfen stets nur in gebück-ter Haltung nahen und dürfen nur kniend mit einem Sultan verhandeln. Für die Europäer ist das ein wahrhaft ›hündischer‹ Anblick.
An Kaisers Geburtstag, dem 27. Januar, dem höchsten und fröhlichsten deutschen Feiertag, versammeln sich die Europäer und die Sultane mit ihrem Anhang auf dem großen Paradeplatz vor der Residentur in Bukoba. Zu-nächst wird die Truppenschau der Askaris vom Resi-denten abgenommen, sodann ziehen die Sultane in langer Reihe vorüber. Vor jedem Zug der Hofnarr des Herrschers, ein phantastisch aufgeputzter Neger mit möglichst furchterregenden Gesichtszügen. Er trägt ei-ne große Trommel, die er mit seinen Fäusten bearbeitet, wobei er die wahnsinnigsten Sprünge und Gliederver-renkungen zum besten gibt. Der Resident tauscht mit jedem Sultan beim Vorbeizug einen kräftigen Hände-druck.
Nach dem amtlichen Teil beginnen die Volksbelusti-gungen mit Sportwettkämpfen der Schüler. Besonderes Vergnügen bereitet den Zuschauern, wenn die Jungen mit ihrem Munde Hellerstücke aus einem Teller mit Mehl heraussuchen. Die schwarzen Gesichter erschei-nen dann immer ganz hanswurstmäßig in Weiß ge-taucht. Am Abend herrscht in den Dörfern unter den Eingeborenen ausgelassene Fröhlichkeit, hauptsächlich hervorgerufen durch die kreisenden Pombebecher, dem afrikanischen Hirsebier.