Kategorien
Die Menschen

Wenn an der Küste der Reis die Hauptnahrung der Eingeborenen bildet, so spielt am Viktoriasee die Bana-ne dieselbe Rolle. In verschiedenen Arten gedeiht sie prächtig in großen, schattigen Hainen. Die Eingebo-renen essen die Banane aber fast niemals als reife Frucht, sondern die grünen Bananen werden vielmehr mit einem scharfkantigen Hölzchen geschält und in einem irdenen Topf gekocht. Ausgereifte Früchte ver-wendet man nur zur Herstellung von Bananenwein. Außer der Banane werden noch Apfelsinen- und Zitro-nenbäume, Süßkartoffeln, Mais, verschiedene Hirse- und Bohnenarten, Erdnüsse und Tabak angebaut. Die Kokospalme gedeiht im Inneren von Ostafrika und in diesen Höhenlagen nicht. Man sagt, sie muß den salzigen Meereswind haben. Melonen und Tomaten wachsen wild und ohne Pflege. Für Kaffee ist der Boden besonders gut geeignet, doch müssen die Felder so an-gelegt werden, daß die Bäume nicht von starken Win-den getroffen werden, die ihrem Gedeihen hinderlich sind.

Von den Stämmen östlich des Viktoriasees werden die Kavirondo vom Regierungslehrer in Bukoba, Rudolf Sendke, beschrieben: »Selten habe ich Menschen von schönerem Wuchse gesehen. Ihren Leib schmücken beide Geschlechter mit erhabenen Narbenverzierun-gen. – Ihre Nachbarn im Süden sind die ebenfalls schönen Wakuyus.«

Von den Stämmen westlich des Sees schreibt Sendke: »Das Land Bukoba beherbergt die Wahaya, Waziba und einige Unterstämme … Die Kleidung besteht bei Männern und Frauen aus einem langfaserigen, butter-getränkten Grasschurz. Oft ist dieser mit blauen oder rosa Perlen durchflochten. Bei kühler Witterung tragen die Leute ein gegerbtes Kalbfell oder eine Rindenstoff-decke darüber. Diese Decken sind eine Eigentümlichkeit der Seebewohner. Sie werden aus der Rinde des wilden Feigenbaumes angefertigt. Die Meister dieser Kunst schlagen mit einem geriffelten Holzhammer die dicken, frischen Rindenstücke bis auf Papierdicke breit, wo-durch die Holzfaser zusammengearbeitet und fest und zäh wird. Die einzelnen Teile werden dann rechteckig geschnitten und so fein zusammengenäht, daß man die Naht kaum erkennen kann. Hierauf wird die braune Decke mit schwarzen Verzierungen bemalt.

Viele der Wahaya reiben ihren Körper mit Butter ein, was gleicherweise vor Hitze und Kälte schützen soll. Baden ist so gut wie unbekannt. Man reibt sich mit Bananenblättern ab, die allerdings ziemlich viel Wasser enthalten. Kleine Kinder gehen ganz nackt. Heute sieht man vielfach schon farbige Tücher und Hemden aus Baumwollstoff, die Indien in größter Auswahl herüber-schickt.

Die Wohnung der Wahaya ist eine Rundhütte aus Stangen, die mit Lehm verputzt und mit einer dicken Schicht Gras bedeckt wird. Unter diesen Hütten findet man oft wahre Kunstwerke der afrikanischen Bautech-nik. Ich habe Sultanshütten von sechs, acht Metern Höhe und dementsprechenden Umfang gefunden. Die starken Tragpfosten sind geschnitzt. Rindenstoffdecken teilen die Räume von einander ab. Fenster gibt es nicht. In der Mitte liegen die großen, glatten Herdsteine für das Feuer, das dauernd unterhalten wird. Den Fußboden deckt eine Schicht langen, feinen Grases. Es ist wunder-bar mollig in so einem Bau, und ich kann es wohl verstehen, daß der Neger unsere Steinhäuser kalt nennt.

Als Fischer und Schiffer sind die Wahaya Meister. Ihre Boote sind keine Einbäume, wie man sie an der Küste trifft, sondern sie bestehen aus einzelnen Brettern, die mit festen Bastfäden zusammengenäht sind. Die Fugen werden mit Baumwolle ausgestopft. Die Ruder sind me-terlange Paddelruder mit herzförmigen Blatt. Vielfach haben die Boote doppelseitige Ausleger, die das kiellose Fahrzeug im Gleichgewicht halten und auch teilweise als Wellenbrecher dienen. Segel habe ich bei unseren Wahaya nirgends gesehen. Die Sultane haben Staats-boote von 12-15 Meter Länge, die von 25-30 Leuten fortbewegt werden.

Als Jäger kennen und verwenden die Wahaya eine Men-ge scharf ausgesonnener Fallen, sowohl für Säugetiere als auch für Vögel. Hier konnte ich zum erstenmal in der Kolonie feststellen, daß der Mensch ein Tier zu Tode hetzen kann. Kleine struppige Hunde, denen man Glocken umbindet, sind die eifrigen Gehilfen des Jägers bei dieser Jagdart.« In einem der kleinen Haine, in der sonst baumlosen Weidefläche, ist ein Buschbock auf-gestöbert. »Sofort nehmen die Köter, die ich niemals bellen hörte, die Verfolgung auf; ihr Herr immer hin-terher. Der Klang der Hundeglocken weist ihm den Weg. Stunden-, ja tagelang dauert die Hatz. … Das Fleisch ist für den Europäer ungenießbar; infolge der langandauernden Flucht ist es fast schwarz geworden.

Nicht nur einen ganz vorzüglichen Bananenwein wissen sie [die Wahaya] zu bereiten, sondern auch ein stark berauschendes Hirsebier, und wenn nach einer guten Hirseernte das edle Naß in den langen Holztrögen schäumt, dann geht’s im Negerdorf hoch her, ähnlich wie bei uns auf der Kirmes.«