In ihrer Ausgabe vom 11. Januar 1913 schreibt die Kilimandscharo- und Meru-Zeitung:
»Deutsche Jagdfilmgesellschaft. Die von der deutschen Jagdfilmgesellschaft ausgesandte Expedition hat in ei-nem Zeitraum von anderthalb Jahren unter den grössten Anstrengungen und Gefahren fast sämtliche Wildarten auf die Films gebracht und dabei Jagdszenen bildlich festgehalten, die alles bisher Veröffentlichte in den Schatten stellen und gegen die die Bilder aus „Blitzlicht und Büchse“ des Wildschutzprofessors [Karl Georg Schillings] nur eine Bagatelle sind. Bis spätestens Ende dieses Jahres werden Landsleute in Deutschland die Gelegenheit haben, die aufregendsten Jagden auf Nas-hörner, Elefanten, Löwen, Flusspferde und vieles andere Wild in den Kinematographentheatern naturgetreu vor-geführt zu erhalten. Die Films, die hier in den ostafri-kanischen Steppen und Wilddistrikten von der Jagdex-pedition der Deutschen Jagdfilmgesellschaft angefertigt wurden, werden noch berechtigtes Aufsehen in Deutschland erregen. In spätestens zwei Monaten wird die Jagdexpedition am Kilimanjaro eintreffen, um die Besteigung dieses Bergriesen vorzunehmen und den ganzen Werdegang dieser Besteigung auf die Kientopp-Films zu bringen. Nach Vollendung dieser anstrengen-den Arbeit wird die Expedition nach Deutschland zu-rückkehren, um dort ihre Erfolge kommerziell auszu-beuten.«
Auch im Hinblick auf eine Eisenbahnverbindung vom Kilimandscharo zum Viktoriasee – zum Speke-Golf am Viktoriasee – wird der Bodenkundler Paul Vageler Mitte 1913 vom Gouvernement beauftragt, eine genaue Er-kundung der mittleren Serengeti vorzunehmen. Diese Gegend ist kartographisch noch nicht erfaßt. 1913 liegt die Endhaltestelle der von Tanga am Indischen Ozean kommenden Usambarabahn in Neu Moschi – 352 Kilo-meter – am Kilimandscharo und soll ab 1914 um weitere 86 Kilometer bis Aruscha in Richtung der Serengeti verlängert werden.
Vageler will von Muansa am Viktoriasee aus zum Natronsee in der Serengeti marschieren. Von Dares-salam fährt Vageler mit der Bahn bis Tabora. Da es noch keinen Speisewagen gibt, hält der Zugführer gelegent- lich bei der Sicht von jagdbarem Wild an, für eine Jagd-pause. Von Tabora heißt es in etwa 14tägigem Marsch zu Fuß ins 300 Kilometer entfernte Muansa zu wandern. Reittiere gibt es wegen der Tsetsefliege im Gebiet nicht. Die wildreiche Wembäresteppe auf der Strecke bietet Nahrung genug.
In Muansa befragt Vageler zufällig anwesende Wan-derobbo, ein steppenbewohnendes Jägervolk, über die Serengeti und bekommt unter anderem heraus, daß er mit Löwen und Nashörnern in großer Zahl zu rechnen habe und von Oktober bis Dezember auf mindestens 200 Kilometer vom Fluß Mbalageti bis zum Natronsee kein Tropfen Wasser in der Steppe zu finden sei. Das bedeu-tet die Anwerbung von etwa 300 Trägern, um zehn Tage wasserlosen Marsches unter allen Umständen aus den mitgenommenen Wasservorräten risikolos durchhal-ten zu können. Da die Erntezeit ihrem Ende zugeht, ist die Anwerbung der Leute mit Hilfe des Bezirksamtes keine größere Schwierigkeit. Um Zeit zu sparen werden die ersten 150 Kilometer von Muansa nicht auf dem Landweg, sondern mit einem Schlepper und drei großen Leichtern bis zum Ende des Speke-Golfs zurückgelegt. Dort findet sich die Mündung des Mbalageti in den Speke-Golf und damit in den Viktoriasee. Hier soll die Bahn von Aruscha aus vorbei am Südende des Natron-sees schließlich am Viktoriasee ankommen und alle Anlieger am See über Tanga mit dem Weltmeer ver-binden und so auch eine Konkurrenz zur Ugandabahn auf britischer Seite bilden.
Jetzt, in der Trockenzeit, ist das Mbalagetital mit seinem Fluß bis in die Serengeti hinein bis zum kleinen Magad-see, der Quelle des Mbalageti, von unfaßbarem Wild-reichtum, Antilopen, Gnus, Zebras, Löwenrudel.
Paul Vageler: »An der süßen Quelle des Magad füllten wir die Wasserlasten erneut auf, die nunmehr für neun Tage Sicherheit gaben, und begannen die West-Ost-Durchquerung der unabsehbar wie das Meer in sanften Wellen vor uns liegenden Serengeti.
Der Marsch der nächsten Tage gehört mit zu den schön-sten Erinnerungen meines an Eindrücken gewißlich nicht armen Lebens, wobei die phantastischen Sonnen-auf- und untergänge die Farbensymphonie zum Land-schafts- und Tierbilde lieferten. Alles ging gut in einer zwar wirklich, wie die Wanderobbo berichtet hatten, völlig wasserlosen aber sonst paradiesischen Land-schaft, die bei Wassererschließung ein Idealgelände für Viehzüchter vorstellt, bis am Horizont der unverkenn-bare schlanke rauchende Vulkankegel des Oldonjo Lengai auftauchte.
Und dann begann, zunächst in sehr netter Form, das Unglück! Meine Leute hatten gewiß keinen Mangel an frischem Fleisch gehabt, da die Antilopen, die wohl nie einen Menschen gesehen hatten, im Lager so ungefähr von selbst in die Kochtöpfe liefen. Aber die große Sehn-sucht jedes Mnyamwezi ist ein Nashornbraten, der für ihn der Genuß aller Genüsse ist, was für die Nashorn-leber übrigens auch für den Europäer zutrifft.
Als der Oldonjo Lengai, wo nach der Karte der wasser-reiche Mitomiwili floß, aus etwa 25 km Entfernung herüberwinkte, also nur noch einen guten Tagesmarsch entfernt und am Nachmittag anscheinend bequem zu erreichen war, kreuzte ein kolossaler Nashornbulle unseren Weg«. Vageler schießt die Trophäe: »Und da ich nun einmal A gesagt hatte, sagte ich auch B und gab im Angesicht des nahen Endes der wasserlosen Strecke, wie es der nahe Lengai-Vulkan greifbar verkörperte, auch den noch für zwei Tage ausreichenden Rest Was-ser zu einem solennen Freßfest frei! Um die Wasser-lasten erleichtert, waren wir ja sicher abends am Fluß!
Wir waren auch da! Das heißt wir lagen abends auf dem Hochplateau der Ost-Serengeti, das mit einem Steilrand von 200 bis 300 m Höhe zum Natronsee abbrach. In der Tiefe, vielleicht nur 100 m in Luftlinie entfernt, aber für uns völlig unerreichbar, flossen die beiden Quellflüsse des Mitomiwili ( = zwei Flüsse) in einen Cañon zusam-men. Da wir am Tage gut gegessen und getrunken hatten, tat es der Freude keinen Abbruch, daß im Lager das Wasser fehlte. Morgen würden wir gemütlich he- runterklettern.
Der nächste Tag mit Mittagstemperaturen von 40° im Schatten verging, ohne daß wir einen Abstieg oder einen Tropfen Wasser fanden. Meine des Bergkletterns gänz-lich ungewohnten Wanyamwezi trauten sich schon frei nicht herunter, geschweige denn mit Lasten. Es verging der zweite und dritte Tag, mit der Abwechslung, daß ein Träger, der dem Locken des brausenden Wassers in der Tiefe nicht widerstehen konnte, beim Versuch hinun-terzuklettern, abstürzte, was für den Rest natürlich entscheidend war. Dann ließen wir alle Lasten, bis auf meine Gewehre und Munition und die der Askaris, zurück, gaben die am Ort hoffnungslose Suche nach einem Abstieg auf und marschierten nach Norden.
Gegen 10 Uhr vormittags fanden wir ein Flußbett, das im tiefen Cañon anscheinend zum nahen Natronsee herun-terführte. Wir folgten ihm und standen nach 1½ Stun-den über einer immer noch etwa 100 m hohen senk-rechten Wand, wo zur Regenzeit offenbar ein Fall zum See herabstürzte.
Und dann begann unter den vor Durst wahnsinnigen Trägern die Panik. Jeder wollte jetzt auf eigene Faust die Wassersuche beginnen, was nur zum allgemeinen Un-tergang führen konnte. Obwohl ich selbst schon anfing, vor Durst Gespenster zu sehen, war mir noch klar, daß wir zusammenbleiben mußten, wenn überhaupt eine Rettung möglich sein sollte. So setzte ich jedem, der zu fliehen versuchte, eine warnende Kugel vor die Füße und drückte so die Leute langsam zusammen den Fluß wieder in die Höhe, um an anderer Stelle einen neuen Abstiegsversuch gemeinsam machen zu können. Ent-weder holte uns der Teufel alle zusammen, oder, soweit ich es verhindern konnte, keinen! Daß der Einbruch der Nacht die endgültige Katastrophe bedeuten würde, konnte allerdings keinem Zweifel unterliegen! Wer das Jammergeschrei: Madji! Madji! Wasser, Wasser! Jemals gehört und, was noch schlimmer ist, die stumpfe Resi-gnation vieler Leute gesehen hat, weiß Bescheid. Der Schwarze stirbt leicht wie eine Fliege!
Gegen 2½ Uhr machten wir im Schatten des hohen Ufers eine große Marschpause, sehnsüchtig nach den dunk-len Wolken am westlichen Horizont starrend, die den schroffen Bergklotz des Mosonik umzogen. Sie wurden dunkler und dunkler, kamen näher! Um 5 Uhr, kurz vor Sonnenuntergang, fielen die ersten Tropfen des nahen-den Gewitters, die wir alle ohne Unterschied von den Felsen ableckten. Und dann hatten wir Mühe, uns vor den Fluten des abkommenden Flusses im schmalen Tal zu retten!
Nach weiteren sechs Tagen Suche, jetzt wieder mit vol-len Wasserlasten, fanden wir fast 100 km weiter nach Norden am Oldonjo Sambu den erhofften bequemen Abstieg zum Natronsee!«
Anfang 1914 ist Paul Vageler zurück in Daressalam.