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Allgemeines Leben

Den Aufbau einer Missionsstation im ostafrikanischen Hochland ganz im Süden der Kolonie beschreibt der evangelische Missionar Klamroth. Die Pangwa sind bis-her unberührt von europäischer Kultur und viele haben noch nie einen Weißen gesehen, von denen sie weitge-hend nur von durchreisenden schwarzen Händlern gehört haben. Die Pangwa leben in einem bergigen Land mit ausgedehnten Bambushainen in Walddörfern an von ihnen geschlagenen Lichtungen mit Ziegenherden und Maisfeldern. Vom Anzapfen des Bambus gewinnen sie Bambusbier, dem sie – Männer und Frauen – ausgie-big frönen. Die Gewinnung des Bambusbiers haben sie bis zur Vollendung entwickelt und nutzen die durch ihre Kunst um Monate verlängerte Zeit im Jahr, wo vom Bam-bus der Saft abgezapft werden kann, der durch schnelle Gärung zu einem starken Bier wird. Der Bambus wird in regelrechten Biergärten gehegt und gepflegt. Klamroth: »Vom Säugling, dem die Mutter den Trank gibt, bis zum ältesten Mann, der nur noch mit Mühe zum Gelage wanken kann, wird getrunken und wieder getrunken. – Verrufen sind die Pangwa natürlich auch wegen ihrer Trunksucht, und Schlägereien im Rausch sind nicht selten.«

Das  einzige wichtige Ereignis für die Pangwa durch die deutsche Herrschaft im Lande ist bis dahin das Ende der Überfälle der Nachbarstämme auf sie, weil diese durch die deutschen Kolonialtruppen besiegt und unterworfen wurden. Für die Pangwa sind die Weißen mit ihren schwarzen Soldaten aber auch nur ein weiterer feind-licher Stamm, von dem nichts Gutes zu erwarten ist. Daß die Weißen ihnen ein Ende der ewigen Kriege gegen die sie überfallenden Nachbarstämme gebracht haben ist ihnen nicht verständlich. Die Weißen tun schließlich auch bei den Nachbarstämmen dasselbe, was die ande-ren Feindstämme tun, Vieh und Lebensmittel gewalt-sam eintreiben, nur Frauen nehmen sie merkwürdiger-weise nicht mit. Die Deutschen verstehen diesen Raub als Steuer, ein Rechtsbegriff, der vollkommen außerhalb des Verständnisvermögens der Pangwa liegt.

Im Gegensatz zu einem Raubzug der Deutschen gegen einen der von ihnen unterworfenen Stämme sah ein Raubzug gegen die Pangwa von einem Nachbarstamm so aus: Ein Gruppe von Kriegern zog in den Nächten ins Pangwaland und versteckte sich bei Tage im Urwald. War ein für einen Angriff würdig erachtetes Dorf ge-funden, wurde es im ersten Morgengrauen überfallen, die Männer niedergemacht und Frauen, Ziegen und Kinder geraubt. Dann zog man im Eilmarsch ab, um nicht von verfolgenden Pangwa zum Gefecht gezwungen zu werden.

Im September 1901 reitet Klamroth mitten ins Pangwa-land, wohin er schon zwei Aufklärungsreisen unternom-men hatte und mit den Häuptlingen in Verbindung ge-treten war, um nun dort eine Missionsstation aufzu-bauen. Ein Pangwa hat diese Ankunft schon vor länge-rer Zeit geträumt, nur kannte der träumende Pangwa keine Esel und hat die Reittiere der Weißen für Kühe gehalten.

Am 1. Januar 1902 beginnt am gewählten Platz für die Missionsstation die Arbeit. Er liegt im Wald und hat Quellen, sodaß die Wasserversorgung gesichert ist. Nach einem Gebet mit drei schwarzen Christen vom Nachbarstamm der Konde, von der Missionsstation Wangemannshöhe im Kondeland, beginnt mit Hacke und Haumesser das Freischlagen des Geländes. Das Land liegt absichtlich genau auf der Grenze zwischen zwei Pangwadörfern. Einer der beiden Häuptlinge hat Klamroth vorsichtshalber gesagt: „Wenn meine Leute betrunken sind, dann kann ich für nichts stehen.“

Nach der Anfangsarbeit überläßt Klamroth den Schwar-zen die Siedlungsarbeiten und kehrt erst Monate später zur neuen Station zurück: »Schon Ostern 1902, als ich zum erstenmal mehrere Wochen im Lande war, konnte ich kaum ungestört einige Stunden bei einer Arbeit bleiben. Da kamen benachbarte Häuptlinge und Dorf-schulzen zur Begrüßung, und es galt, möglichst gleich von vornherein gute Beziehungen zu ihnen anzuknüp-fen. Da kamen Kranke mit Wunden, die davon gehört hatten, daß der fremde Mann neben anderen Eigentüm-lichkeiten auch die besitzt, andern Leuten Wunden zu waschen und zu verbinden, und wenn sie auch noch so schmutzig und vereitert sind. Da kommt ein Aussätziger, dem schon einige Zehen und Finger von der schreck-lichen Krankheit weggefressen sind. Traurig kehrt er heim, als er hört, daß auch im Lande der Weißen kein Kraut gegen dieses Leiden gewachsen ist. Da bringen sie einen Mann, der bei einer Schlägerei mit dem Hau-messer einen ganz gehörigen Hieb über den Schädel bekommen hat. Da bringt eine Mutter ihr Kind, daß ihr ins Feuer gefallen war.«

Die neue Missionsniederlassung bekommt den Namen Milow, nach einem Dorf im Havelland. Klamroth: »Und jetzt, wo wir in das Jahr des Heils 1904 eingetreten sind, ist daraus ein Ort geworden, bekannt weithin unter den Pangwa. Zwei Pfahlhäuser stehen dort, mit Lehm bewor-fen und weiß getüncht, ein großer Stall, eine Küche, selbst diese weit höher als je zuvor ein Pangwa baute. Und von drüben grüßt ein kleines Kirchlein, an dem auch der Turm nicht fehlt. Und dazwischen, wo sich das Gelände ein wenig senkt, da reiht sich Hütte an Hütte, in denen Bena und Pangwa hausen. Ringsherum aber liegen Ackerflächen, Kartoffeln, Weizen, Hafer, alle hei-mischen Feldfrüchte müssen sich den Versuch gefallen lassen, ob sie sich nicht mit uns auf dem fremden Boden heimisch fühlen wollen. Auf der anderen Seite sind Eselkoppeln und weiterhin eine Sägerei, in der die Bal-ken und Bretter für ein Steinhaus geschnitten werden.

Da ertönt auf dem breiten Wege auch schon der Gesang der Arbeiter, die die Stämme heranschaffen, und dazwi-schen ein Ächzen und Quietschen so schön, daß der Papagei, der sonst Menschen und Tiere durch seine Kunst zu schreien staunen macht, überrascht still schweigt, denn diese Töne kann er doch nicht nach-machen. Das ist der Wagen, wie wir das Gefährt stolz nennen, das Bruder Neuberg aus einem dicken Baum-stamm und Stangen hergestellt. Sieh nicht so verächt-lich auf die dicken Achsen und Räder. Haben wir den Stamm erst an den Weg gewälzt und auf dem Wagen, dann wirst du sehen, was für einen großen Kulturfort-schritt dieser unser Wagen hier bedeutet.

Etwas weiterhin sind unsere Ziegler bei der Arbeit. Sechs Mann stampfen mit Gefühl und Nachdruck in dem Lehm herum, den andere in Körben herbeischlep-pen und kleinklopfen, während wieder andere in leeren Petroleumblechen Wasser herbeiholen. Dort laufen die Handlanger um die Wette, die die fertigen Ziegel fort-tragen, damit sie an der Luft trocknen, um dann, wenn die gehörige Menge zusammen ist, gebrannt zu werden.

Aber am meisten von ihrer Würde durchdrungen sind die beiden Former dort. Sie wissen es genau, daß sie die Hauptpersonen bei der Sache sind.

Aber woher haben sie diese Wissenschaft? Vielleicht, denkst du, kann der Missionar von einer benachbarten Ziegelei die nötigen Leute bekommen. Ja, wenn nur eine solche da wäre. Besiedeln mit deutschen Kolonisten möchte man das Land dort im Inneren wohl ganz gern, aber bisher ist nur leider immer noch nichts daraus ge-worden. Bisher heißt es immer noch: willst du ein festes Haus haben, so sieh selber zu, wie du dazu kommst.«

»Schon stehen Tausende von Ziegeln bereit, schon ste-hen Fundamentsteine in Menge auf dem Hof. Schon sind Dachsparren und Deckbalken im Schuppen aufge-stapelt. Bald soll der Bau eines massiven Hauses in Angriff genommen werden. Was das alles aber für ein Stück Arbeit bedeutet, das weiß jeder, der mitten in Afrika weit ab von den nächsten Nachbarn sein Haus zu bauen begonnen hat.«

Missionar Klamroth über die Arbeit seiner Mission im Südosten des Schutzgebietes:  »Ist es nichts, wenn schon nach wenigen Jahren einige Dutzend schwarze Ziegler im Land wohnen, wenn man schon jetzt im Kondeland ein großes Steinhaus hochmauern lassen kann, ohne daß der Europäer eigentlich selbst zugreifen braucht? Wenn du mit leichter Mühe Leute bekommen kannst, die Bretter und Balken schneiden können oder die mit Tischlerhandwerkzeug umzugehen verstehen?«

Die evangelische Missionsarbeit im Südosten der Kolo-nie bricht aber durch den Ausfall von einem halben Dutzend Missionaren durch Krankheit und Tod schon 1904 wieder zusammen. Die meisten Missionsstationen müssen aufgegeben werden und die scheinbar bekehr-ten Schwarzen kehren dem unverständlichen Glauben der Christen schnell den Rücken zu.

Klamroth bekennt selbst von den Predigten der Mis-sionare und dem Verständnis der Schwarzen davon: »Was will dieser Weiße eigentlich? – Zeug oder Perlen kriegen wir nicht dafür, daß wir kommen. – Regen und Sonnenschein kommen allein von dem Gott, der Him-mel und Erde geschaffen. – Also der Häuptling dort drüben auf dem Berge sollte keinen Regen schaffen können? – Und vor dem Gott muß jeder erscheinen, der hier stirbt? – Und der Häuptlingssohn Jesus, was war’s doch mit dem? – Ja, und dann das andere alles, was keiner von uns verstanden hat!«



Der Großwildjäger Hans Schomburgk nutzt 1908 eine besondere Möglichkeit ums Leben zu kommen. Rund um die kleine Militärstation Kisaki mit ihrer Siedlung im östlichen Deutsch Ostafrika wächst in der Regenzeit hohes Gras, in dem Löwen eine hervorragende Deckung haben. Als eines späten Abends die Weißen in dem Straßendorf wie üblich dem Whisky ordentlich zuge-sprochen haben kommt Schomburgk auf eine Schnaps-idee. Er will den Ort etwas aufmischen und nimmt vom Grammophon, das zur musikalischen Unterhaltung der Zechkumpane spielt, den Trichter ab, um seine in Jah-ren im Busch erworbene Kunst der Tierstimmen-imitation wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Also geht er nach draußen und läßt in der Nacht Löwen-gebrüll durch den Trichter erschallen – bis ihm Gewehr-kugeln um die Ohren fliegen. Erst als Schomburgk alle ihm bekannten Kisuaheli-Flüche durch den Trichter jagt hört der wacheschiebende Askari der Station auf, seinen Befehl auszuführen, auf alle Löwen zu schießen.


Während des Baues der Mittellandbahn von Daressalam zum Tanganjikasee bekommt ein Hamburger Kauf-mann, Niederlassungsleiter eines großen Hamburger Handelsunternehmens im Inneren der Kolonie, den Auftrag sein Ortsgeschäft einem Nachfolger zu über-geben und selbst Richtung See aufzubrechen, um am See Vorbereitungen zu treffen für eine neue Handels-station des Hamburger Handelshauses an der zukünf-tigen Endhaltestelle der Bahn in Kigoma, so wie auch andere Handelshäuser in der Kolonie entsprechende Vorbereitungen treffen. Nach Jahren an seinem ange-stammten Handelsplatz hat sich der Kaufmann eng befreundet mit einem Oberleutnant, dem Postenführer der örtlichen Boma, und so wird jedem der Abschied schwer bei der abendlichen Abschiedsfeier. Aufgrund der großen Entfernungen und der schlechten Verkehrs-verbindungen wird man sich, wie meistens in den Kolo-nien, wahrscheinlich erst nach Monaten wiedersehen; zuweilen vergehen auch Jahre oder man sieht sich über-haupt nicht wieder.

Am nächsten Morgen bricht die Safari auf zum Tanga-njikasee. Der Safarimusikant bläst auf dem geschraub-ten Horn einer Antilope langgezogene Töne. Singend marschieren die Träger und klopfen mit den Stöcken im Takt auf ihre Lasten. An der Spitze des Zuges flattert die schwarz-weiß-rote Fahne des Reiches.

Nach zwei Monaten berichtet der Hamburger Kauf-mann in einem Brief aus Kigoma seinem Freunde, daß für die neue Niederlassung einfache Hütten, mit Gras gedeckt, errichtet sind und nun noch ein Warenlager gebaut werden muß. Verhandlungen mit Indern und Arabern vor Ort, für eine gute geschäftliche Zusam-menarbeit, laufen.

Nicht lange nachdem der Brief aus Kigoma angekom-men ist findet eine kleine Feier auf der Veranda des Hauses des Oberleutnants statt und man läßt nachts Gläser, Teller und leere Flaschen auf den Tischen ste-hen. Etwa gegen 3 Uhr nachts wacht der Oberleutnant auf von Geräuschen, als wenn auf der Veranda Stühle gerückt und auf den Tischen Teller verschoben würden und Weingläser aneinanderstießen. Sollte sich sein kleiner Affe von der Kette befreit haben und Unsinn treiben? Der Oberleutnant steht auf und geht auf die vom silbrigen Licht des Mondes beschienene Veranda. Dort sitzt sein Freund Werner, der Hamburger Kauf-mann, die linke Hand auf der Tischplatte und mit der rechten den Stil eines Weinglases umfassend und blickt mit traurigen Augen und einem milden schmerzlichen Lächeln den Oberleutnant an. „Werner, wo kommst du den her?“ Gleichzeitig geht der Oberleutnant auf seinen Freund zu. Da verschwindet der Freund wie in Luft auf-gelöst.

Fünf Wochen später trifft beim Oberleutnant die Nach-richt ein, daß sein Freund Werner bei einer Jagd im Busch verschollen ist, aber man später seine Leiche im Busch gefunden habe. Der Hamburger Kaufmann war verdurstet. In seinem Notizbuch steht noch: »Ich weiß, ich muß sterben; seit drei Tagen irre ich umher und finde mich nicht zurecht … Meine Gedanken verwirren sich … Mutter, bald werde ich bei dir sein … Lebt wohl ihr lieben, fernen Freunde … lebt alle wohl.«

Verdurstende werden geistig verwirrt und verlieren jede Vernunft.

Berichtet wird dieser Vorfall von Rudolf Sendke, einem erfahrenen Afrikaner und Regierungslehrer in Deutsch Ostafrika.


Im Ngorongoro-Krater mit seinem Durchmesser von 17 bis 19 Kilometern haben die beiden Brüder Adolf und Friedrich Wilhelm Siedentopf und ihr Freund Hartung ihre Farmen. Adolf Siedentopf hat 1904 beim Gouver-nement Land im Krater für Viehzucht und Landwirt-schaft beantragt und die Rechte bekommen. Adolfs Bruder Friedrich Wilhelm kommt nach und baut eine eigene Farm auf mit Weizenfeldern und Gemüsegarten über Bewässerungsgräben mit Wasser versorgt. Austra-lische Eukalyptusbäume pflanzt Friedrich Wilhelm als Schattenspender.

1908 halten die Siedentopfs etwa 1200 Rinder und ziehen Strauße. Sie haben zuvor immer wie-der versucht mit Hilfe der Massai in großen Treibjagden die Gnuherden aus dem Krater herauszutreiben, um die Weidegründe für ihre Rinderherden allein zu haben, aber es ist ihnen nicht gelungen.

Die Siedentopfs versuchen auch Zebras zu zähmen und als Zugtiere zu nutzen, da Pferde in Ostafrika an der dort grassierenden Nagana-Seuche zugrunde gehen. Die Ze-bras werden zu willigen Zugtieren, aber sie sind wesent-lich schneller erschöpft als europäische Pferde. In der trockenen Jahreszeit reicht das dürre Gras zudem gera-de zum Überleben der Tiere, aber nicht noch zum Ar-beiten, und Kraftfutter, wie für die Pferde in Deutsch-land, steht auch nicht zur Verfügung.   

Für die Verwaltung sind die drei Farmer im Krater die unbotmäßigsten Ansiedler in Deutsch Ostafrika. Har-tung wird einmal zur Zahlung von 200 Rupien verurteilt, weil er eingeborenen Arbeitern vor die Füße geschossen hat, wenn sie weglaufen wollten. Hartung wird schließ-lich von den Massai im Ngorongoro-Krater ermordet, und »leider mit ihm auch neunzehn Wambuluarbeiter«, wie der Bezirksamtmann von Aruscha schreibt.

Ein Verwalter der Siedentopfs, ein Finne mit dem deut-schen Tarnnamen Rothe, war bei der finnischen Revolu-tion von 1905 zeitweise Minister, bevor die Russen wie-der die Herrschaft übernahmen. Nach einer abenteuer-lichen Flucht bis nach Deutsch Ostafrika verbirgt er sich hier vor der russischen Geheimpolizei, die auch mit Agenten in der Heilsarmee und als Jagdgäste getarnten Spionen nach ihm suchen.

1913 kommt Dr. Hans Reck beim niedersächsischen Bauernhaus mit den zwei Pferdeköpfen am Dachfirst von Adolf Siedentopf und seiner Frau vorbei und ihm wird dampfender Napfkuchen auf dem blankgescheuer-ten Holztisch vorgesetzt. Reck ist mit seinen 50 Trägern und Arbeitern auf dem Durchzug durch den Krater zur Oldoway-Schlucht, wo zwei Jahre zuvor Professor Wil-helm Kattwinkel vorzeitliche Säugetiere gefunden hat.

Seit 1912 plant die deutsche Verwaltung das gewaltige Naturschauspiel des Ngorongoro-Kraters zu einem Wildreservat zu machen. Dafür sollen die Siedler durch den Kauf ihrer Farmen aus dem Krater entfernt werden. 1914 ist dann der Kauf der Farmen durch die Regierung von Deutsch Ostafrika fast abgeschlossen.


Mitte 1912 kommt Helene Grunicke in Tanga an, um weiter auf eine Plantage bei Aruscha zu reisen. Helene Grunicke:

»Nachdem noch verschiedene Einkäufe besorgt, geht es am andern Tage in der kurzen Dämmerung am frühen Morgen zur Eisenbahnstation um rechtzeitig mit Son-nenaufgang um sechs Uhr, zur Abgangszeit des Zuges, zur Stelle zu sein. Ein deutscher Schalterbeamte gibt uns die Fahrkarten und läßt unser Gepäck besorgen, wäh-rend die großen Frachtstücke von einer Speditionsfirma an den Ort ihrer Bestimmung gebracht werden. Es gibt vier Wagenklassen, die beiden ersten für die Europäer, die dritte für die Inder und Araber, die vierte für die Eingeborenen. Die erste Klasse ist sehr behaglich, mit Plüsch- beziehungsweise Ledersitzen ausgestattet, wie unsere erste und zweite Klassenwagen, die zweite ent-spricht unserer dritten Klasse mit Holzbänken, die drit-te Klasse, gleichfalls mit Holzbänken versehen, steht den Indern und Arabern, der Händlerklasse, zur Verfü-gung, und die vierte mit beiderseits längs des Wagens laufenden Bänken ist ausschließlich für die Eingebo-renen bestimmt. — Ein kurzer Pfiff, und hinein geht es in den strahlenden Morgen. Man macht es sich so be-quem wie möglich, denn die Fahrt dauert bis abends neun Uhr zum Endziel Moschi. 352 Kilometer ist die Nordbahn in Betrieb, sie soll vorläufig bis Aruscha am Meru weiter gebaut werden. Zunächst nimmt uns die Landschaft vollständig gefangen, die schlanke Kokos-palme wiegt sich leicht in den heißen Lüften, durch aus-gedehnte prächtige Kautschuk- und Agavenpflanzungen streben wir den fernen Bergen Usambaras zu, in wel-chen die ersten Kaffeeplantagen angelegt wurden, die sich jedoch als nicht so ertragsfähig erwiesen wie man annahm. Der Reichtum an edlen Hölzern, welche durch die Sigibahn, eine Abzweigung der Nordbahn, nach der nahen Küste geschafft werden, verspricht diesem Land-strich jedenfalls eine verheißungsvolle Zukunft. Sogar eine Automobilstraße führt ins Gebirge nach der Erho-lungsstation für Europäer „Wugiri“, der ersten Som-merfrische Deutsch-Ost-Afrikas. Verschiedene Statio-nen, deren nette schmucke Häuschen an unsere Klein-bahnstationen erinnern, bieten Haltepunkte, und sofort entwickelt sich ein reger Verkehr der Eingeborenen, die mit viel Beweglichkeit und lautem Geschrei ihre Waren, als Bananen, Melonen, Bataten (Süßkartoffeln), Zucker-rohr anbieten. Sie fahren selbst auch gern auf der Eisen-bahn, da es ihnen etwas Neues und Seltames ist, und die Schnelligkeit, mit der sie vorwärtskommen, ihre Bewun-derung erregt. Um die Mittagszeit ist ein etwa dreivier-telstündiger Aufenthalt vorgesehen, wo ein warmes Mittagessen eingenommen werden kann. Die Speisen-folge ist Suppe, Braten mit Gemüse, Kartoffeln, Kompot und Obst als Nachtisch. Als Getränk wird Wein oder Limonade bevorzugt, da das Bier der nötigen Frische entbehrt und obendrein sehr teuer ist (die Flasche 1,50 Mark).

Wir durcheilen jetzt Steppenland, weite unendliche Grassteppe, nur hier und da unterbrochen durch einen charakteristischen Baum, die Schirmakazie, die unter ihrem breitästigen, dichten Blätterdach — wie unter ei-nem Schirm — Menschen sowohl wie Tieren Schutz gibt vor den sengenden Sonnenstrahlen zu kürzerer oder längerer Rast. Auch den Affenbrotbaum mit seinem dicken ungefügen Stamm, aber ohne jeden Nutzwert, bringt etwas Abwechslung in die weite ausgedehnte Landschaft. Da die Bahn auf achtzig Kilometer Länge durch das Wildreservat fährt, wo jede Jagd verboten ist, kann man, wenn das Glück günstig ist, fast alle Vertreter afrikanischer Wildarten zu sehen bekommen. Die ver-schiedensten leichtfüßigen Antilopenarten, die äußerst flinken Strauße, die gestreiften Zebras, die Gnus und die langhalsigen Giraffen (um derentwillen die Telegra-phen- und Telefonstangen ganz besonders hoch sein müssen, weil sie sonst entweder die Drähte zerreißen oder selbst Schaden nehmen) tummeln sich hier in un-gebundener Freiheit. Die Löwen, Leoparden, Hyänen und Schakale liegen in träger Ruhe im Dickicht und gehen erst des Nachts auf Beute aus. Zuweilen bemerkt man auch einzeln oder in Gruppen nur mit einem Schurz bekleidete, oft am ganzen Körper tätowierte Massais, die in ihrer glänzend braunen Haut mit ihren Schildern und langen Speeren einen gar kriegerischen Eindruck machen. In der Nähe ihrer Niederlassungen hüten ihre kleinen vollständig nackten braunen Knaben die Rinder-, Ziegen- und Schaf-Herden. Der Massai ist der geborene Viehzüchter, und sein größter Reichtum ist sein Vieh, von dem er stattliche Herden von oft mehr als hundert Stück besitzt. Mit dem Viehverkauf decken sie alle ihre Bedürfnisse, sogar die Frauen sind nur um diesen Preis feil.

Gebirge tauchen auf, so daß Paregebirge und andere, und endlich ist das Ziel Neu-Moschi erreicht. Ein Euro-päer empfängt uns und bringt uns in das nahe der Bahn-station gelegene Gasthaus, ein stattlicher Bau, aus drei weiten Flügeln bestehend, mit einer an der inneren Seite zu gelegenen, ringsum laufenden Veranda. In dem rechten Flügel sind die Gesellschafts- und Gastwirt-schaftsräume, in dem mittleren die Wirtschafts-, Bade- und andere Räume und im linken Flügel endlich die Fremdenzimmer untergebracht. Diese sind hoch und luftig, einfach aber nett ausgestattet. Über den Betten fehlen natürlich die hohen Moskitonetze nicht, denn ein Stich dieses bösartigen Insektes (Anopheles) überträgt das Malariafieber. Seine Bedienung hat jeder Europäer bei sich, und schlafen die schwarzen oder braunen Gesellen vor der Tür ihres Herrn oder ihrer Herrin auf einer Strohmatte oder auch nur in eine Decke gewickelt auf der Veranda. — Neumoschi ist jetzt, bis die Nord-bahn weiter geführt wird, der Stapelplatz der ankom-menden und abgehenden Waren, die verschiedenen Speditionsfirmen fertigen hier ihre Transporte in das Innere des Landes ab. Hier ist auch der Ausgangspunkt für die Besteigung des Kilimandscharo, was aber noch vier bis acht Tage in Anspruch nimmt. Gegen Abend des ersten Tages unseres Aufenthaltes zeigte sich plötzlich hoch oben in den Wolken der schneebedeckte Gipfel des Bergriesen, der Kibo in 6100 Meter Höhe. Ein über-wältigender wunderbarer Anblick.

Die Warentransporte geschehen nun teils auf den Ochsenwagen, teils durch Träger. Da wir viele große Gepäckstücke mit uns führten und auch verschiedene Güter teils dort eingekauft wie Mehl, Zucker, Reis, Petroleum, Kerzen, Seife, Kaffeesäcke, teils aus Europa gekommen wie Drahtgeflecht, Stacheldraht, Maschinen und Maschinenersatzteile nach der Plantage befördert werden mußten, kam für uns nur der Ochsenwagen-transport in Betracht. Am zweiten Tage Mittags war endlich alles zum Aufbruch bereit, und die Safari (Land-reise) konnte ihren Anfang nehmen. Zwei schwere starke Wagen mit je sechzehn und achtzehn Ochsen bespannt, geleitet von nebenher gehenden Schwarzen, welche durch lebhaftes Geschrei und Namensruf wie Faru, Rechenberg [Die Zugochsen werden auch nach unbeliebten Beamten benannt] und andere und zeitwei-sen Gebrauch einer mehrere Meter langen Peitsche ihre Tiere fortwährend antrieben, wurden mit den Wa-ren beladen und mit starken Stricken gut befestigt. Auf einen der Wagen war für uns, so gut es eben ging auf Säcken und Decken zwischen Kisten und Kasten ein Sitzplatz hergestellt, welcher, wenn er auch nicht gerade bequem war, uns doch des anstrengenden Fußmarsches enthob.

Zunächst machte uns das ungewohnte Beförderungs-mittel Spaß, man sah hier und da verstreut liegende Ansiedlungen von Baumwolle, Kautschuk und Sisalaga-ven, fuhr auch einmal durch einen prächtigen Palmen-wald, in dessen Wipfeln sich neugierige Affen wiegten, die aber beim Fallen eines Gewehrschusses sich schleu-nigst mit großen Sprüngen von Baum zu Baum, einen andern minder gefährlichen Platz aussuchten. Nach und nach wird das Landschaftsbild einförmiger, und wir fin-den nur noch verstreut in der weiten Steppe die Raphia-palme (unserer Phönixpalme ähnlich), die Borassuspal-me (deren fünfzehn bis zwanzig Meter hoher kerzengra-der Stamm sich nach oben etwas verdickt und eine dichte Krone fächerförmiger Blätter trägt) und weiter-hin den Affenbrotbaum  und die Schirmakazie (den charakteristischen Baum der afrikanischen Steppe).

Der Spätnachmittag ist herangekommen, und der nie-dere Stand der Sonne läßt uns nach einem Lagerplatz Umschau halten, damit uns nicht die etwa zwanzig Minuten nach Sonnenuntergang eintretende vollstän-dige Dunkelheit überrascht. Da kein Flußlauf in der Nähe, wird ein Schwarzer ausgeschickt, um eine Was-serstelle ausfindig zu machen, damit das viele Vieh ge-tränkt werden kann. Bald kommt er mit guter Kunde zurück, und schnell müssen die Schwarzen mit ihren langen Buschmessern einen Platz säubern, wo das Zelt für die Europäer aufgeschlagen werden kann unter der Leitung eines geschickten Wanjamwesi. Die Wanjam-wesi sind ein zu den Bantunegern zu rechnender Volks-stamm und bewohnen eine Landschaft im zentralen Hochland Deutsch-Ost-Afrikas südlich vom Viktoriasee bis über Tabora hinaus. Sie sind sehr fleißig und betrieb-sam und als Eisenbahn- und Plantagenarbeiter sehr ge-schätzt. Als besonderes Stammeszeichen splittern Män-ner und Frauen eine dreieckige Lücke zwischen den zwei inneren Schneidezähnen der oberen Reihe aus. — Also unter der Leitung eines Wanjamwesi ist die Arbeit bald vollendet, die Feldbetten sind hergerichtet und vor dem Zelt unter dem Schutzdach sind Tische und Stühle aufgestellt, und wir können von den Anstrengungen des ersten Tages ausruhen. Inzwischen ist der Koch nicht müßig gewesen, er hat ein Feuer angefacht, Wasser her-beigeholt, Thee gekocht und läßt soeben in der Pfanne die Lende und Leber eines jungen Kongore [wohl Kon-goni = Kuhantilope], das unterwegs geschossen wurde, bruzzeln, um es bald auf sauberem Teller darzureichen. Kompot liefern die mitgebrachten Konservenbüchsen, ebenso Butter, Käse, Brot. Was fehlt uns da noch tief im Innern des schwarzen Erdteils! — doch auch die Zug-tiere dürfen nicht vergessen werden. Sie sind ausge-schirrt und von einigen Schwarzen nach der Wasser-stelle getrieben, von wo sie sich später zerstreuen, um sich ihr Futter selbst zu suchen.

Aber was ist das — plötzlich kommen atemlos und zit-ternd die Schwarzen angelaufen, mit ihnen ein Teil der Ochsen und berichten in ihrem lebhaften Wortreich-tum vom Simba (Suaheli: Löwe), dessen frische Spuren an der Wasserstelle gesehen und seine markerschüt-ternde Stimme gehört wurde, sodaß Mensch und Tier in wilder Flucht auseinanderstoben. So mußten nun zu-nächst sämtliche Ochsen wieder eingefangen werden. Dann wurde mit Hilfe der Wagen und eiligst herbei-geschafften Dorngestrüpps und Holz eine provisorische Boma, ein Schutzwall für die sehr unruhigen Tiere, her-gerichtet. Die Schwarzen mußten abwechselnd das La-ger aufmerksam umgehen, die Feuer anzünden und unterhalten, denn mittlerweile hatte sich die dunkle Tropennacht herniedergesenkt; jedoch unruhige Erwar-tung und aufregende Neugier ließ uns Neulinge keinen Schlaf finden. Die Europäer luden ihre Gewehre scharf und legten sie neben sich und hofften auf ein interes-santes Jagdabenteuer. Aber Simba hatte eine andere Beute gefunden, ein klägliches Wimmern ließ sich hö-ren, Simba hatte ein Zebra geschlagen. So konnten wir ohne weitere Störung froh den jungen Morgen begrü-ßen und den vom Koch bereiteten Kaffee mit Brot, Butter und Honig freudig genießen. Nachdem die ge-brauchten Gegenstände fein säuberlich wieder gerei-nigt, kamen sie mit den Überresten der Mahlzeit in die Proviantkiste; Betten, Tische, Stühle wurden zusam-mengeschlagen, das Zelt abgebrochen, alles wieder fest auf den Wagen verstaut, um möglichst früh weiter zu kommen. Früh heißt sieben und acht Uhr morgens, denn die lange Tropennacht dauert jahraus jahrein von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens mit nur ganz kurzer kaum halbstündiger Dämmerung.

Mühsam müssen sich die Zugtiere mit den schweren Lasten den Weg bahnen durch das hohe, harte Gras, da hier kein Wegaufseher mit seinen Arbeitern die Straße frei hält. Kleinere Flußläufe mit meist steilen An- und Abstiegen, die über und über mit kleineren und grö-ßeren Steinen besät sind, werden durchquert. Es gehört die außerordentliche Geschicklichkeit der Schwarzen und die strenge Oberaufsicht des weißen Mannes dazu, um die Wagen sicher und heil an das jenseitige Ufer zu bringen.

Hier wird wieder das Zelt aufgeschlagen, und der Koch sorgt für die leiblichen Bedürfnisse. Ohne jede Störung geht die Nacht vorüber und es ist gut, denn der nächste Tag sollte besonders beschwerlich werden. Verschiede-ne größere Flüsse, die ziemlich tief und von reißender Strömung sind, müssen passiert werden. Wir steigen vom Wagen herunter und lassen uns auf dem breiten Rücken eines kräftigen Schwarzen (welcher mit einem Stock als Stütze den Fluß durchwatet) hinübertragen. Besonders gefährlich werden diese Übergänge durch das in allen Flüssen Ostafrikas weit verbreitete, so sehr gefürchtete Krokodil, dessen gierige Gefräßigkeit all-jährlich viele Schwarze und auch manche Europäer zum Opfer fallen. Da auch die Post von den Schwarzen beför-dert wird, bleibt manche aus, namentlich zur Regenzeit, wo Bäche und Flüsse zu reißenden Strömen werden und mancher Stephansjünger [Heinrich von Stephan, 1870 bis 1897 Chef der deutschen Post] von den reißenden Fluten oder dem beutelüsternen Krokodil verschlungen wird.   

Nun galt es, die schweren Wagen mit ihren Lasten durch den Fluß zu bringen. Bald sahen die Führer die Unmöglichkeit ein und beschlossen, sämtliche Tiere, also vierunddreißig Ochsen, erst vor den ersten Wagen zu spannen und den anderen nachzuholen. Mit lautem Geschrei und viel Lärm zur äußersten Kraftanstrengung angetrieben ging es bis zur Mitte des Flusses, wo an ei-ner besonders tiefen Wasserstelle, auf die die Schwar-zen nicht geachtet, der Wagen fest saß und trotz aller Zurufe und Peitschenhiebe nicht weiter zu bringen war. So mußten alle verfügbaren Schwarzen ins Wasser wa-ten, die kleineren Gepäckstücke herunternehmen und an Land tragen. Da der Wagen nun etwas entlastet war, gelang schließlich unter Aufbietung aller Kräfte die Durchfahrt. Nach kurzer Ruhepause kam der zweite Wa-gen an die Reihe, welcher unter gleichen Anstrengun-gen und Mühsalen, doch ohne besondere Zwischenfälle, an das jenseitige Ufer gebracht wurde. Aber Zeit, sehr viel Zeit war hierüber vergangen, und in einiger Entfer-nung luden schöne, schattige Bäume an einem kleinen Flußlauf zum Lagern ein. Bald brodelte denn auch das Wasser im Kessel, und ein guter Kaffee nebst weiteren Speisevorräten mundete vortrefflich. In der Ferne erhob sich ein massiges Plateau mit einer kegelförmigen Er-hebung, dem sogenannten Domberge, dies war das Ziel des nächsten Tages. Im glühenden Sonnenbrande ging es zunächst langsam durch die heiße endlose Steppe; kein Baum spendete Schatten, keine Quelle und kein Bach bietet dem Wanderer einen Labetrunk; zuweilen bezeichnen Knochen und Gerippe von Zugtieren, die in der Tropensonne bleichen, den Weg. Sie waren unter der schweren Last, der glühenden Sonne und dem bren-nenden Durst zusammengebrochen und eine willkom-mene Beute für die gefräßigen Hyänen und Aasgeier geworden. Endlich am Fuße des Domberges angelangt, stehen wir bestürzt und entsetzt vor diesem Aufstieg. Schutt und Geröll, Fußhohe glatte Steine, tiefe Löcher, dabei steil bergauf; dies soll ein Weg für schwere Last-fuhrwerke sein. Es erscheint fast unmöglich, dort hinauf zu kommen. Alle Europäer, die afrikanische Wege ken-nen und daher rauh und hart geworden sind in ihren Ansprüchen an die Zugtiere, waren einstimmig der An-sicht, daß hier Abhilfe von der Regierung geschafft wer-den müßte, denn daß hieße geradezu viele wertvolle Tiere dem Untergange preisgeben. Die vielfachen Be-schwerden sind auch von Erfolg begleitet gewesen und man hat angefangen, einen andern Weg, weiter nörd-lich am Kilimandscharo-Plateau entlang, als Staats-straße auszubauen. Dieser sogenannte „obere Weg“ hat noch den Vorzug, tsetsefrei zu sein, während der untere durch ein Gebiet führt, in welchem stets eine Reihe von Zugtieren durch diese gefährliche Fliege infiziert wer-den. Die Tiere erkranken nach drei bis vier Wochen plötzlich und fallen nach wenigen Tagen tot um.

Doch zurück zu unserm Bergwege, der nach unsägli-chen Anstrengungen schließlich überwunden wurde. Ein idealer Lagerplatz am murmelnden Bach, im Schat-ten mächtiger wilder Oliven- und Mahagonibäume ent-schädigte bald für den heißen schweren Tag, denn das ist das Eigentümliche in Afrika, daß die schroffsten Gegensätze so dicht beieinander liegen. Da versucht werden sollte, die Plantage zu erreichen, waren wir so kühn zu glauben, im dieser Nacht wieder ein wirkliches Hausdach über uns haben zu können. Doch in Afrika kommt es ersten anders, und zweitens als man denkt, und da Mensch und Tier außerordentlich ermattet wa-ren, mußte am Assah noch einmal Halt gemacht wer-den. Da hier ein Europäer eine Wirtschaft mit einer Duka (kleiner Verkaufsladen) aufgemacht haben sollte, wäre möglicherweise ein Nachtquartier zu finden gewe-sen. Die Herberge bestand aber nur in einer Lehmhütte mit Bananenblättern gedeckt, deren einziger Raum Wirtschaft und Duka in sich vereinte, mit einem kleinen Abschlag zum Schlafen für den Besitzer und daran an-schließend, unter einem Zeltdach, ein langer, roh gezim-merter Tisch und einige Stühle für die Gäste. Etwa eine halbe Stunde von hier entfernt befindet sich eine An-siedlung von Palästinadeutschen und Deutsch-Russen, die vor mehreren Jahren hierher eingewandert sind und in der Niederung des Flusses sich mit Ackerbau und Viehzucht ganz gut nähren, auch versuchen sie, den Kaffeebaum zu kultivieren. Die Palästinenser haben sich tüchtiger erwiesen als die Deutsch-Russen aus dem Wolga-Gebiet, die trotz besonderer Vergünstigungen und Unterstützungen sich garnicht als Ansiedler be-währten.

So mußte also nochmals die Nacht im Zelte verbracht werden, bis am andern Morgen im strahlenden Sonnen-schein der Weg zunächst auf breiter Straße nach Aru-scha fortgesetzt wurde. Bald schlugen wir uns jedoch wieder seitwärts durch Sumpf und Bäche und erreichten auf ungebahntem Wege durch hohes Gras und Busch den letzten Wasserlauf, der auf schwankendem Brett überschritten, schon in den Bereich der Plantage gehört.

Gegen zwei Uhr nachmittags war unser Ziel erreicht, und im freundlichen Landhaus mit breiter Veranda, um-geben von einem Rosengarten und weiterhin schlanken Zedern, Orangen- und Granatbäumen konnten wir uns von den ungewohnten Anstrengungen der langen See- und Landreise, dem veränderten Klima und den ganz anderen Lebensgewohnheiten erholen.«


In ihrem Buch Nach Deutsch-Ost-Afrika beschreibt Helene Grunicke »nach eigenem Erlebten und Ge-schauten« im Kapitel »Skizzen aus dem Frauenleben in Deutsch-Ost-Afrika« das Stadtleben und den Beginn als »Kleinsiedler« tief im Landesinneren:

»Zunächst soll nicht unerwähnt bleiben, daß allerdings ein großer Unterschied besteht zwischen dem Leben in den Küstenstädten und demjenigen im Innern des dunklen Erdteils. Dort sind wohl fast alle Bequem-lichkeiten und Errungenschaften der Kultur zu finden. Es giebt Fleischer, Bäcker, Material- und Kleiderstoff-geschäfte und in der Markthalle bieten schwarze Händ-ler die Erzeugnisse ihrer Kulturen in Gemüse und Obst feil. Breite, hübsch angelegte Straßen, zu deren beiden Seiten aus dem Schatten der Mangobäume und unter dem Schutz der hochaufstrebenden Kokospalmen die freundlichen, luftigen, weiß gestrichenen Häuser her-vorlugen, durchziehen den Ort. Selbst bei der schnell hereinbrechenden Dunkelheit ist dafür gesorgt, daß der Fuß nicht an einen Stein stoße, denn Straßenlaternen sind aufgestellt, und die Hauptstadt Daressalam erfreut sich sogar des elektrischen Lichtes. Wer eine Spazier-fahrt, oder einen Besuch, oder auch Einkäufe machen will, beauftragt seinen Diener (boy) einen Wagen zu holen, (im Suaheli „lete gari“), und bald ist ein solcher zur Stelle. Ein zweiräderiger Wagen, eine sogenannte „Rickschah“ mit einer Plane zum Heraufziehen gegen die sengenden Strahlen der Tropensonne, flink und ge-wandt gezogen von einem Rickschahboy, einem schlan-ken, sehnigen Eingeborenen, fährt die Bibi (Frau) durch die Straßen der Stadt und des Eingeborenenviertels. Streng wird hier der Unterschied zwischen den Rassen gewahrt; kein Schwarzer darf es wagen, ein solches Ge-fährt zu benutzen. Die sofortige Entziehung des Fahr-rechtes und schwere Strafe würde für seinen Führer die Folge sein. Diese Wagenführer müssen die Berechti-gung dazu von der Stadt erwerben. In jedem Wagen ist eine Fahrtordnung angebracht, welche über den Preis und sonstige Bestimmungen Auskunft gibt.

Die Europäer besitzen ein Klubhaus, in welchem sie sich zu Spiel und Tanz zusammenfinden; sogar eine „schwar-ze Kapelle“, gebildet aus den Schülern der Eingebore-nenschule, bieten ganz ansehnliche Leistungen ernster und heiterer Musikstücke.

So ist das Leben der weißen Frau in den Küstenstädten meist ein sorgloses und behagliches, hauptsächlich der Aufsicht über den Haushalt, der Kindererziehung und der Geselligkeit gewidmet. Die wirkliche Arbeit wird von den verschiedenen schwarzen Dienern ausgeführt, denn das heiße, feuchte Seeklima wirkt erschlaffend auf die Europäerin.

Doch mit der Eisenbahn, diesem größten Kulturträger, dringt die Zivilisation auch immer weiter in das Innere vor. Die ungeheuer großen Werte der Kolonie können überhaupt erst durch den Schienenstrang zu ihrer vollen Entfaltung und Entwicklung kommen. …

Sobald man nun in das Innere des Landes vordringt, wird auch das Leben der Frau ein anderes. Sie ist jetzt im wahren Sinne des Wortes Kameradin und Gehilfin des Mannes und teilt mit ihm die Strapazen und Unbequem-lichkeiten des Lagerlebens auf der Safari, bis der Ort der Ansiedlung erreicht ist, welches oft Tage, zuweilen aber Wochen dauert. Hier sind nun aber keine Hotels oder Gasthäuser (im günstigsten Falle ist vielleicht im Um-kreis von einigen Stunden ein bereits Ansässiger so gastfrei, dem Neuling für die ersten Nächte ein Unter-kommen zu gewähren), sondern das Zelt muß wiederum aufgeschlagen werden, und die angeworbenen Eingebo-renen sowie die mitgebrachten Diener müssen sofort mit der Errichtung eines Lehmhauses beginnen. Daß man da auf parkettierte Fußböden, elegante Tapeten und elektrische Beleuchtung verzichten muß, ist wohl selbstverständlich. Doch frisch und mutig greift die Frau mit an, und bald ist aus Kisten, Kasten, zusammen-klappbaren Stühlen, Bettgestellen und vielleicht einigen Korbmöbeln, aus Decken, Schawls, verschiedenen Bil-dern und Photographien ein ganz anheimelndes Nest geschaffen, welches bis zum Bau des Steinhauses, Unterkunft und Schutz gewährt gegen die sengenden Strahlen der Tropensonne oder die wolkenbruchartigen Regengüsse der Regenzeit oder auch gegen die gefürch-teten Raubtiere der Wildnis, die Löwen und Leoparden, welche im Inneren Afrikas noch in großer Menge vor-handen sind.

Sobald das Lehmhaus, die vorläufige Wohnstätte der Ansiedler, fertig ist, besteht die nächste Sorge der Frau darin, ein Stück Land zum Gemüsegarten auszusuchen. Dieses muß möglichst in der Nähe des Flusses oder des Wassergrabens sich befinden, damit es jederzeit und ohne gar zu viele Hilfskräfte bewässert werden kann. Nachdem einige Riesenbäume des Urwaldes gefällt und das dichte Unterholz mit dem Buschmesser von den ein-geborenen Arbeitern abgehauen ist, müssen die Leute mit Hacken und Spaten das Land urbar machen. Dann werden mit Meßleine und Holzpfahl die Beete abge-steckt, welche nun fertig sind zur Aufnahme der Saat, die aus Europa mitgebracht wurde. Am besten ist es, jedes Jahr sich frische Saat schicken zu lassen, da die dort gezogene schnell degeneriert und man daher keine schönen vollen Gemüse erzielt. … Einen der intelligen-teren Eingeborenen betraut man nun mit der weiteren Sorge für den Garten, er nennt sich stolz fundi ya sham-bani (Meister vom Garten, Gartenaufseher) und gibt ihm einige kleine Boys zur Hilfe…  Bald kann die Haus-frau zu aller Freude selbstgezogene Gemüse auf den Tisch bringen, welche eine große Delikatesse und auch in gesundheitlicher Beziehung den Konservengemüsen vorzuziehen sind. Obendrein stellt es sich wesentlich billiger, da ein sehr hoher Zoll auf der Einfuhr aller Kon-serven in Deutsch-Ost-Afrika liegt. Bei einiger Anpas-sung an die örtlichen Verhältnisse und an die Regen-zeiten ist es möglich, das ganze Jahr hindurch frische Gemüse zu haben. Auch der König der Gemüse, der Spargel, gedeiht vortrefflich, und Erdbeeren gibt es fast das ganze Jahr; ebenso liefert die Ananas im dritten Jahre ihre prächtigen Früchte, sodaß auch die Freunde einer guten Bowle in Afrika auf ihre Rechnung kom-men.«


Über »Weihnachten in Afrika« schreibt Helene Gru-nicke:

»Die kurzen trüben Tage, die erstorbene Vegetation in Schnee und Eis gehüllt, die erzenen Glockentöne, die an den Adventssonntagen die Andächtigen in größeren Scharen in die Gotteshäuser ziehen, all dies zusammen gibt erst den richtigen Unterton für die Weihnachtsfeier mit Tannenbaum und Kerzenglanz.

Anders nun in Afrika; dort steht, nachdem die kleine Regenzeit vorüber, alles in herrlichster Pracht und Blü-te; man geht der heißesten Zeit im Jahre entgegen, welche auf der Plantage besonders viel Arbeit bringt. Keine Kirchenglocken ertönen; denn im weiten Gebiet des Kilimandscharo und Meru erhebt sich nur  e i n e  Kirche mit einem so winzig kleinen Glöckchen, daß ihr Ton kaum eine halbe Stunde im Umkreis zu hören ist. Sie wird auch nur alle vier Wochen einmal geläutet zum Gottesdienst, den ein Missionar von der Missionsstation Nkoaranga hält. Seit 1914 übt jedoch ein ständiger Pfar-rer die kirchlichen Funktionen in Leganga aus.

So erinnert nur der Kalender an die herrliche Weih-nachtszeit, und mit Sehnsucht wird dem Eintreffen der letzten Europapost entgegengesehen, welche all die Überraschungen, entweder selbst schon lange vorher bestellt, oder von lieben Angehörigen aus der fernen Heimat bringen soll. Doch, infolge stürmischer Über-fahrt oder eines kleinen Eisenbahnunfalls (Ausbrennen des Postwagens) bleiben die Sendungen aus und die Enttäuschung ist groß. So muß am vorletzten Tage noch in der mehrere Stunden entfernten Bezirksstadt [im Falle des Kilimandscharo- und Merugebietes Moschi/Neu Moschi oder Aruscha] besorgt werden, was unbe-dingt nötig zu einer heimatlichen deutschen Weih-nachtsfeier ist. Und siehe da! es gibt bunte Weihnachts-kerzen und Lichthalter, Engelshaar und unverbrennbare Watte, Konfekt, Honigkuchen und Nüsse, sogar einige Spielsachen für Kinder — nur die Püppchen für die klei-nen Mädchen sind leider ausgeblieben! — Der Christ-baum wird von den Missionaren aus dem Bestand ihrer angepflanzten Zedern den Ansiedlern gern zur Verfü-gung gestellt, welche dafür ihren Obolus der Missions-kasse entrichten. So sieht die schlanke Zeder mit ihrem zarten, frischen Grün ganz prächtig aus, und bei dem Gesang der Weihnachtslieder leuchten und glänzen die Augen der Kinder genau so glücklich, wie unter unserm nordischen Tannenbaum. Auch die schwarzen Haus-boys werden herbeigerufen und stehen lauschend und schauend vor dem Wunderbaume, vor dessen Lichter-glanz vielleicht auch ein Funke der großen Gottesliebe in ihre schlummernden Seelen fällt.

Was tut es, wenn am nächtlichen Firmament dunkle Wolken heraufziehen, Blitze zucken und Donner rollen, wir treten hinaus auf die breite Barazze [Veranda] und stehen bewundernd vor dem Schauspiel eines tropi-schen Gewitters. Bald aber, nachdem der Aufruhr der Elemente sich gelegt, ziehen die Sterne funkelnd wieder ihre Bahn und verkünden den stürmenden, unruhigen oder bedrängten Gemütern auch jenseits des Äquators ihr „Friede auf Erden“.«