Ein Buschmann berichtet: „Nun kam die Zeit, da wir unsere Heimat verlassen mußten. Es hieß, die Busch-leute hätten auf Ovambo geschossen, die durch ihr Land reisten, ja sie hätten sogar Weiße umgebracht. So brach-te man uns alle nach Tsumeb. Da wohnten wir unter fremden Völkern, aber wir sehnten uns zurück nach unserem eigenen Lande. Bei der Polizei erhielten wir Essen und Trinken, aber jeder erhielt auch eine Marke, auf der seine Nummer stand und die er um den Hals tragen mußte. Von Tsumeb zog mein Vater nach Süden, denn er hatte Befehl erhalten, eine Arbeit anzunehmen. Wir sahen die großen Steinhäuser der Weißen, die viele Augen hatten, und wir wunderten uns, wenn aus dem Loch, vor dem ein dünnes Holz sich bewegte, weiße Menschen herauskamen. – Vor den Augen hatten die meisten etwas, das in der Sonne glitzerte und uns Schrecken einjagte [Brillen]. – Mein Vater mußte Arbeit annehmen, die ihm gesetzte Zeit zum Arbeitsuchen war vorbei. Man trug ihm auf, den Bauch des schnaubenden Tieres [Lokomotive] mit Holz zu füllen, so daß es immer ein großes Feuer gab. Ich selber wurde von einem Farmer mitgenommen und mußte seine Kälber hüten. Ich sah viele neue Dinge und hörte Laute, die ich nicht verstehen konnte. [Die Buschleute haben eine sonder-bare Klicklautsprache, die für sich einzigartig ist.] Wenn einer so mit mir redete, mußte ich immer lachen, aber das war nicht gut für mich, denn jedesmal bekam ich dann Schläge mit dem Stock oder Riemen. Beim Vieh-hüten mußte ich immer an all das Neue denken, aber noch mehr an unseren Busch in Namutoni. Ich vergaß darum oft meine Kälber und bekam wieder Schläge mit dem Riemen. So mußte ich mir das Denken und Nach- sinnen über die Heimat abgewöhnen und das lernen, was man von mir verlangte; als ich das verstand, bekam ich nicht mehr so viele Schläge. Das Geld, das der Far-mer mir gab, brachte ich meinem Vater. Der Weiße gab mir auch ein Hemd und eine Hose, bisher hatte ich nur einen Lendenschurz getragen.“
Der Buschmann bemerkt auch: „Wir wurden von un-seren Eltern nicht geschlagen; wenn wir heute unsere Kinder schlagen, so haben wir das von den Weißen gelernt, die sogar erwachsene Buschleute prügeln.“
Nach der Rückkehr des Kolonialministers Bernhard Dernburg und seines Begleiters Walther Rathenau von ihrer Südwestafrikareise 1908 schreibt Rathenau eine Denkschrift über die Lage der Eingeborenen: »In Werf- ten – so werden die Ansammlungen bienenkorbartiger Hütten genannt – sind die überlebenden Reste der beiden großen eingeborenen Nationen [Herero und Hottentotten] kampiert; die Schätzung ihrer Zahl va-riiert zwischen 20.000 und 40.000, wobei naturgemäß die Weiber weitaus prävalieren. Die Privatwerften liegen zerstreut auf den Ländereien der Farmer, die staatlichen Werften befinden sich außerhalb der sogenannten Städte und übertreffen der Zahl der Insassen nach viel-fach die weiße Bevölkerung um ein beträchtliches. Aus diesen Arbeitsreservoiren, die einigermaßen an antike Staatssklavenlager erinnern, versehen sich die Weißen nach Bedarf und gegen ortsüblichen Lohn mit Dienst-personal. Der Ladenbesitzer entnimmt Diener, Arbeiter, Wäscherinnen, der Soldat Bambusen [Handlanger], die Verwaltung Straßenarbeiter. Vielfach, und trotz Vorbeu-gungsmaßregeln der Verwaltung, erhalten diese Kaser-nements nächtliche Besuche der Weißen, die zu uner-freulichen Szenen führen … Die bedrückte Lage der Eingeborenen spiegelt sich in ihrem äußeren Auftreten. Es ist für den Fremden unerfreulich und demütigend, zu beobachten, wie diese Menschen beim Herannahen eines Europäers sich scheu und mit der Miene armer Sünder zur Seite drücken und vor jedem Weißen unter-würfig den Hut ziehen. Nirgends sieht man die harmlose Heiterkeit und die Zuversichtlichkeit, die in den engli-schen Kolonien die Eingeborenen kennzeichnet. Es ist das äußere Bild eines Sklaventums, wie es den Bier-träumen der kleinen Philister entsprechen mag.«
Um 1910 beschreibt Clara Brockmann die offensichtlich als Konkurrenz empfundenen und abschätzig beschrie-benen schwarzen Frauen in Windhuk und Lüderitz-bucht:
»Viele dieser Kapweiber, deren Negerblut sich seit eini-gen Generationen mit der weißen Rasse vermischt hat und die sich von den kurzen krausen Haaren die mo-dernen Frisuren der Europäerinnen aufbauen und de-ren Kleidung tragen, fühlen sich fast wie ›Damen‹. Ich habe hier überhaupt zum erstenmal mit ziemlich ge-mischten Gefühlen diese schwarzen Weiber in unseren Trachten gesehen. In Windhuk schenkt man seinen farbigen Dienstboten auch zuweilen abgelegte Kleider, die sie dann, ohne sie zu raffen, durch den Straßen-schmutz schleppen und binnen kurzer Zeit unglaublich zerrissen haben; aber bei ihnen bleibt das Charakteris-tische der eingeborenen Rasse, ohne daß es noch von dem bunten Kopftuch und den Glasperlenketten betont zu werden braucht. Hier dagegen erblickt man Damen in weißen Hemdblusen, Ledergürteln und fußfreien Leinenröcken; auf der Frisur einen nicht einmal ge-schmacklosen Rosenhut mit einem langen Chiffon-schleier unter dem Kinn zusammengebunden…«